Mensch ist viele Geschlechter*

Aufkleber auf Laternenmast: Es gibt einen Gott.

Eine Betrachtung von Gen 1 aus queerer Perspektive. Laura Meemann

Die sogenannte erste Schöpfungserzählung in Genesis 1,1-2,4 erzählt von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Am sechsten dieser sieben Tagen wird nach allen Tieren des Landes (Gen 1,24)1  der*die2  Mensch geschaffen. Diese*r wird folgend in Gen 1,27 als männlich und weiblich  definiert.

Mensch ist viele Geschlechter*.

Wie lässt sich die Schöpfung und die damit einhergehende Kategorisierung des*der Menschen in männlich und weiblich aus der Perspektive einer gendersensiblen und queeren Theologie denken? Im Folgenden werde ich herausstellen, welche Denkweisen und Vorstellungen in der Betrachtung von Gen 1 aus einer gendersensiblen Perspektive möglich sind. Dies geschieht anhand der inneren Textlogik der ersten Schöpfungserzählung und ist der Versuch, über klassische (feministische) Positionen hinaus eine Schöpfung aller Geschlechter* sowie einen nicht an das Geschlecht gebundenen Schöpfungsauftrag des Waltens zu denken.

Verschiedenen Überlegungen nach ist der*die Mensch ein nur in Beziehung vollkommenes Wesen, das erst durch seine*n Gegenüber und eine Beziehung mit dem*der – zumeist geschlechtlich –  Anderen ganz zum Menschen wird.3  Dies kann allerdings erst geschehen, so die Argumentation, wenn jede*r Mensch auch das andere Geschlecht in sich erkannt hat.4 Des Weiteren wird die Ähnlichkeit zwischen Gottheit und Menschheit als schöpfungsinhärent angesehen5  und somit sowohl den männlichen als auch den weiblichen Menschen zugesprochen.

Auch das andere Geschlecht in sich erkannt.

Damit wird Gen 1,27 aus der Perspektive einer geschlechteregalitären Theologie im Sinne der polaren Geschlechterzuordnung ausgelegt und es wird anhand der gleichen Nennung von männlich und weiblich die Egalität von Mann und Frau in der Schöpfung begründet. Diese die Egalität in den Vordergrund stellende Perspektive verfolgt ein wichtiges Anliegen in Bezug auf die (bipolar gedachte) Geschlechtergerechtigkeit, bringt allerdings auch Probleme mit sich.  Beim Benutzen der Begriffe männlich und weiblich handelt es sich um eine Manifestierung, mit der inhaltliche Zuordnungen und Vorstellungen zu den polaren Geschlechtern einhergehen, die keinen Spielraum für weitere andere Geschlechter* zulassen. Die Kategorisierung der*des Menschen in männlich und weiblich ist die einzige Kategorisierung der geschaffenen Spezies Mensch, denn dieser wird weder über Haut- noch über Haar- und Augenfarbe, über Größe, Sprache, Körperbau oder kognitive Fähigkeiten näher definiert oder klassifiziert. Wieso also diese Untergliederung in männlich und weiblich? Hier lohnt es sich, einen Schritt zurück zu gehen und Gen 1,26 mit in den Blick zu nehmen.

„Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen.“ (Gen 1,26)

Der hier ausgesprochene Schöpfungsauftrag des Waltens über Gottes Schöpfung steht bereits vor der Unterteilung des Menschen in die biologischen Geschlechter. Es scheint für den Auftrag, über die Erde zu walten, also schlichtweg egal zu sein, ob und wenn ja was für ein Geschlecht* ein*e Mensch hat. In Gen 1,27 kommt es dann zur konkreten Erschaffung der*des Menschen, welche in den Geschlechterkategorien geschieht. Im darauffolgenden Vers 28 heißt es:

„[…]. Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.“ (Gen 1,28)

Nach der Erschaffung der*des Menschen geschehen zwei Dinge: Zum einen wird der Schöpfungsauftrag aus Gen 1,26 wiederholt und zum anderen um den Auftrag, die Erde zu füllen, erweitert. Wie bereits in Vers 26 gesehen, braucht es für die Erfüllung des Auftrags, über die Erde zu walten, offensichtlich keine Klassifizierung oder nähere Bestimmung des*der Menschen außer, dass er*sie Abbild Gottes ist. Dies deckt sich damit, dass die Ähnlichkeit zwischen Gottheit und Mensch schöpfungsinhärent ist.6 Um sich auf der Erde zu vermehren, braucht es die in Vers 27 genannte Differenz der Geschlechter, da, ebenso wie bei den Tieren, nur so eine Reproduktion möglich ist.

Zwei Geschlechter nur für die Reproduktion.

In Anbetracht der Tatsache, dass ein Teil des Schöpfungsauftrages an den Menschen bereits vor seiner Erschaffung und Unterteilung fällt, schließe ich, dass es in der Schöpfung die Geschlechterdifferenz für die Fortpflanzung und nicht für das Walten auf der Erde braucht. Die Gottebenbildlichkeit eines*einer Menschen trifft damit in meinen Augen sowohl den noch geschlechtslos gedachten Menschen an sich, als auch beide geschaffenen Geschlechter. All das scheint unter die in Gen 1,26 genannte Ähnlichkeit zu fallen.

Nun stellt sich die Frage, ob die Schöpfung sich ausschließlich auf die Geschlechterdifferenz, welche in Gen 1,27 genannt ist, bezieht oder, ob sich im Benennen der beiden Geschlechter auch andere mögliche biologische, soziale und emotionale Geschlechter* denken lassen. Spannend ist hier der Begriff des „unendlichen Beziehungsreichtums Gottes“7, der zwar vermutlich rein im Sinne der polaren Geschlechter und der Beziehung zwischen den Polen männlich und weiblich gedacht ist, im Hinblick auf Transsexuelle und Menschen, die die Geschlechterkategorien ablehnen oder sich als nichtbinär, genderfluid oder genderqueer bezeichnen, durchaus weiteres Potential hat.

Um den Versuch zu wagen, die Schöpfung aller Geschlechter*, auch derer, die sich nicht als männlich und weiblich definieren, zu denken, lohnt es sich, einen Schritt weiter zu gehen und den Horizont auf den gesamten Schöpfungsbericht zu weiten. Am ersten Tag wird das Licht von der (offensichtlich bereits existenten) Finsternis geschieden (Gen 1,1-5). Es gibt bis dahin nichts, von dem dieses Licht ausgehen könnte, da Sonne, Mond und Sterne erst am vierten Tag geschaffen werden. (Vgl. Gen 1,14-18) Es muss also noch etwas anderes geben, das Licht in der Welt ist. Am Ende dieses ersten Tages heißt es: „Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag“ (Gen 1,5). Wenn Licht und Finsternis sich abwechseln und es Abend und Morgen werden kann, so kann es auch einen Zustand des Übergangs zwischen hell und dunkel geben, den wir heute „Morgengrauen“ und „Dämmerung“ nennen. Gott schafft also Licht in die Finsternis hinein und somit kann gesagt werden, dass er*sie ebenso alles „dazwischen“ erschafft. Alle Stufen von halbhell und halbdunkel, die wir uns vorstellen und die wir wahrnehmen können. Er*sie schafft hier zwei Pole, die ein Feld eröffnen, in dem sich scheinbar alles, was sich dazwischen einordnen kann, existieren darf. Diese Gedanken lassen sich auf die Schöpfung des*der Menschen übertragen. Es wird ein*e Mensch geschaffen, der*die zur Fortpflanzung, wie alle Tiere, bipolare Geschlechter braucht. Diese bilden zwei Pole, zwischen denen sich alles an Geschlechtlichkeit auf biologischer, sozialer und emotionaler Ebene befinden kann und darf.

Schöpfung aller Geschlechter*

Es zeigt sich, dass die Kategorisierung des Menschen in männlich und weiblich für einen Teil des Schöpfungsauftrags, die Fortpflanzung, relevant ist und als solche auch einen hohen Stellenwert hat. Der Schöpfungsauftrag des Waltens ist jedoch auch ohne die bipolare Geschlechterdifferenz ausführbar und macht den*die Menschen vor allem für die Erde und alles auf ihr verantwortlich. Diese Verantwortung für die Schöpfung steht somit vor jeglicher Kategorisierung und den daraus folgenden Hierarchisierungen und Diskriminierungen. Des Weiteren eröffnet der Text die Möglichkeit der Denkweise, dass eine Welt ohne Menschen „zwischen“ männlich und weiblich wie eine Schöpfung ohne Morgengrauen und Dämmerung wäre.

Text: Laura Meemann studiert in Münster katholische Theologie, ist Studentische Hilfskraft* am Institut für christliche Sozialwissenschaften und Spoken Word Künstlerin*.

Bild: Birgit Hoyer

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  1. Alle Stellen sind nach geltender Einheitsübersetzung zitiert.
  2. Ich werde in diesem Text den Begriff „Mensch“ gendern, um hervorzuheben, dass es sich bei dem Begriff Mensch, obgleich er einen maskulinen Artikel hat, um einen Oberbegriff für eine Spezies handelt, zu der verschiedene Geschlechter* gehören.
  3. Vgl. Els W. M. CORNILISSEN-HEIMING; Rob J. F. CORNELISSEN: MÄNNLICH, WEIBLICH, SCHUF ER SIE (1 MOSE 1,27). Der Mensch als Abbild des Beziehungsreichtums Gottes in der Schöpfung, in: JÄGER-SOMMER, Johanna (Hrsg.): Abschied vom Männergott. Schöpfungsverantwortung für Frauen und Männer. Luzern. 1995, S. 122. künftig: Männlich, weiblich.
  4. Vgl. Els W. M. CORNILISSEN-HEIMING; Rob J. F. CORNELISSEN:  Männlich, weiblich. S. 122.
  5. Vgl. Irmtraud FISCHER: Der Mensch lebt nicht als Mann allein… Kann eine biblische Anthropologie gender-fair sein?, in: FISCHER, Irmtraud; EDER, Sigrid; MARKO, Patrick (Hrsg.): „… männlich und weiblich schuf er sie …“. Innsbruck u.a. 2009, S. 16. künftig: Der Mensch lebt nicht als Mann allein.
  6. Vgl. Vgl. Irmtraud FISCHER: Der Mensch lebt nicht als Mann allein. S. 16.
  7. Vgl. Els W. M. CORNILISSEN-HEIMING; Rob J. F. CORNELISSEN:  Männlich, weiblich. S. 112.
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