Missbrauch ist keine  „Performance“

Leserbrief

Ein Leserinbrief zum Artikel von Christian Kern.

Ich teile die Meinung des Autors nicht, dass diese Performance eine sinnstiftende Handlung war.

Als Betroffene des Bistums Würzburg kann ich mich damit nicht identifizieren und es ist mir ein großes Bedürfnis, mich von dieser Selbstdarstellungsaktion unter Einfluß der lokalen Presse zu distanzieren.

Der Abspann des Videos bindet Menschen ein, die damit nichts zu tun haben wollen. Die Ankündigung in der Presse besagt, dass der Bischof trotz Einladung ferngeblieben ist. Ich frage mich, welcher Informationszweck mit dieser Aktion bedient werden soll.

Wenige Zuschauer und Passanten haben verstanden, worum es ging und ich finde das Thema zu schmerzhaft, um es öffentlich zu „bespielen“. Das dargestellte Setting gleicht einer rituellen Sekteninszenierung und triggert diejenigen, die so etwas am eigenen Leib erleben mußten.

Hat der Autor bei seiner begeisterten Beschreibung über die neue Performance-Theologie auch an diese Menschen gedacht? Die Akteure jedenfalls nicht. Die Aktion wurde bereits im Vorfeld von anderen Betroffenen abgelehnt. Und sie fand dennoch gegen deren Willen statt. Auch so wird Ohnmacht reinszeniert.  Und zwar von jenen, die eigentlich wissen müßten, was das bedeutet.

Seit Bischof Franz Jung dieses Bistum übernommen hat, ist Aufklärung im Gange, seriöse Aufklärung, wie die Podiumsdiskussion vom 12.12.2018, gefolgt von Betroffenenaufrufen, Einzelgesprächen, Akteneinsicht, auch in Täterakten. Auf unseren Wunsch hin findet vieles davon unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zum Schutz unserer Privatsphäre.

Ich fühle mich gesehen, angehört und respektiert durch die Aufarbeitungsbestrebungen von Bischof Jung. Und ich bin sicher, dass es auch andere Betroffene gibt, die Ähnliches zu berichten haben. Darauf habe ich lange Jahre gewartet und ich persönlich möchte nicht, dass durch Performance-Provokationen zur Unzeit die Türen wieder zugehen.

Dass Bischof Jung nicht an einem Tag all den Schutt wegräumen kann, den seine Vorgänger ihm hinterlassen haben, versteht jeder, der sich mit dem schwierigen und hochsensiblen Thema befaßt.

Auch der Mensch Franz Jung muss die unfaßbaren Geschichten verkraften und verarbeiten, die so diametral von dem entfernt sind, was seine Kirche und sein Glauben lehrt.

Ich wünsche mir, dass ihm die Zeit gegeben wird, die er braucht, anstatt seine Arbeit mit öffentlicher Diskreditierung zu entwerten. Er ist gerade ein Jahr in diesem Amt und hat in meiner Wahrnehmung mehr bewegt als viele andere vor ihm. Jeder/jede Betroffene ist vom Bistum aufgerufen, sich zu melden.

Flora-Nike Göthin
Freischaffende Künstlerin und Autorin

Der Leserinbrief bezieht sich auf folgenden Beitrag:

Performance-Theologie gegen Missbrauch

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