Performance-Theologie gegen Missbrauch

Prekäres Leben nicht nach außen abschieben in einen entkörperlichten Diskurs: Christian Kern zu Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal für das Design der Theologie und zur Möglichkeit, theologisch kritisch zu intervenieren.

  1. Sprachverlust und Körperverlust

Sexualisierte Gewalt zwingt vielen Betroffenen Sprachlosigkeit und Körperlosigkeit auf.1 Ein gewaltsamer Übergriff kommt als Einschlag von außen und sprengt eine klare sprachliche Erfassung. Menschliche Seelen können sich vor übermäßiger Gewalt retten, indem sie den Körper wie ein Gewand abstreifen – dissoziieren – und sich in eine Traumwelt zurückziehen, die einen unsicheren Frieden bringt. Traumatische Erfahrungen schreiben sich zugleich tief in Leib und Seele ein, so dass verschiedene Formen von Leben, von Körperlichkeit und Vitalität, nicht mehr möglich werden: vertraute Partnerschaften, intime anschmiegsame Formen körperlicher Nähe und Lust, die Wahl spezifischer Berufe. Sexualisierte Gewalt hat zur Folge, dass bestimmte Formen von Leben unlebbar werden. Sie erzeugt de-realisiertes, beschädigtes Leben. Verstetigt und vertieft wird die Erfahrung, wo Menschen, die davon erfahren, wegsehen und verdecken, statt zu helfen und aufzuklären.

  1. „Wachet auf“

Am 8. Dezember 2019 fand in Würzburg auf dem Platz vor dem Haupteingang des Domes, von 11 bis 11:30h, eine Mahnwache statt, durchgeführt von einer Gruppe von Betroffenen sexualisierter Gewalt im Bistum Würzburg (https://www.youtube.com/watch?v=avhN8PMH9ZQ). Die Mahnwache war gestaltet als Street-Performance, also als improvisierte Theaterszene im öffentlichen Raum, in Form einer Totengedenkfeier, unter dem Titel „Wachet auf!“. Eine irritierende Intervention: Eine Person liegt am Boden, ganz in schwarz gekleidet, mit einer weißen, unheimlichen Maske, vor ihr ein schwarzes Tuch mit einem Kranz zum Totengedenken und roten Friedhofskerzen. Eine zweite Person taucht auf, setzt sich ihr gegenüber in einen Klappstuhl, den Kopf völlig umwickelt mit Verbänden, verharrt regungslos. Abwarten, was kommt.

Eine irritierende Intervention

Die Performance stellt mit diesen Elementen nicht nur etwas dar, sie tut auch etwas mit dem Ort, an dem sie erscheint – sie ist performativ. Zunächst irritiert sie einfach: Mitten im üblichen quirligen Trubel hier auf dem Domplatz lässt sie ein stummes Schweigen und körperliche Starre auftauchen. Die PassantInnen überqueren den Platz, stolpern regelrecht über die fremden Erscheinungen, schauen irritiert hin. Ein Kontrast entsteht, zwischen den fließenden Bewegungen auf dem Platz und der Starre der Figuren.

Wie in einem Negativspiegel wird dadurch Bewusstheit geweckt, welches Leben hier üblicherweise wie selbstverständlich verläuft – und welches nicht. In der Performance wird dieses abwesende Leben nun näher qualifiziert. Am Gedenkkranz steht „In tiefer Verbundenheit, Jesus, Betroffener sexualisierter Gewalt“, auf dem Totengedenkzettel, der verteilt wird „In stillem Gedenken an die ungezählten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die von Angehörigen der Katholischen Kirche missbraucht wurden, deren Leben zerstört wurde, weil man ihnen kein Gehör schenkte“.

Viele der PassantInnen bleiben auch tatsächlich stehen, einige lesen den Spruch am Kranz. Für einige Momente taucht eine Form von Nachdenklichkeit auf, aus dem Hinschauen wird eine Frage: Wie sich dazu verhalten? Welche Formen von Solidarität oder Distanz sind hier möglich? Einige der UnterstützerInnen initiieren dann eine entsprechende Aktivität, sie treten bzw. rollen an einen der Protagonisten heran und legen ihm die Hände auf Schultern und Arme, endlich wird auch das Kopftuch von jemandem abgewickelt. Ein befremdliches Abschlussbild entsteht, eine Gruppe im freeze, immer noch starr, aber mit einer eigenartigen Art der Verbindung.

  1. Remarginalisierung von beschädigtem Leben?

Man könnte kritisch einwerfen, dass diese Aktion zu spät kommt. Das ist aber keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Im Kontext des beginnenden Synodalen Weges lassen sich derzeit einige Tendenzen ausmachen, in denen es zu einer Re-Marginalisierung von Erfahrungen sexualisierter Gewalt und ihres impacts als Sprach- und Körperverlust, als Vernichtung von Leben, kommt.

„Was brauchen Sie?“

Ein Beispiel ist die jüngste Debatte um Entschädigungszahlungen an Missbrauchsüberlebende, die von Norbert Lüdecke prägnant kommentiert wurde.2 Einige Bischöfe und Führungspersonen des ZdK weisen darauf hin, dass Entschädigungszahlungen an Betroffene von der Katholischen Kirche nicht im Alleingang festgelegt und gezahlt, sondern mit anderen Institutionen, die ähnliche Zahlungen zu leisten hätten, abgestimmt sein sollten, um nicht Opfer zweiter oder dritter Klasse, also Ungerechtigkeit, zu erzeugen.

Ausgeblendet wird hier, dass Betroffene sexualisierter Gewalt mitunter in prekären Lebensverhältnissen leben, dass es hier unlebbare Lebenssituationen gibt, zu deren Veränderung es zeitnah und gezielt entsprechender Maßnahmen bedarf, die nicht aufgeschoben werden können. Das Argument der Gerechtigkeit erweist sich als Scheinargument, weil angesichts prekärer Lebensmöglichkeiten eine Aufschiebung von Entschädigungen neue Ungerechtigkeit erzeugt.

Ein zweites Beispiel sind die Arbeitspapiere der vier thematischen Foren des Synodalen Weges.3 Zwar wird wiederholt auf Missbrauchsfälle und Vertuscherstrukturen als maßgebliches movens des Synodalen Weges hingewiesen, aber die thematische Arbeit wird dann von der einfachen, grundsätzlichen, an Betroffene gerichteten Frage abgekoppelt: „Was brauchen Sie? Was brauchen Sie, dass unlebbar gemachte Leben wenigstens in Teilen lebbar werden?“. Können die Arbeitsforen diese Frage wirklich an den Rand schieben, wo sich Volk Gottes und Evangelisierung im Sinne etwa von Gaudium et Spes doch gerade von Menschen in bedrängenden Ohnmachtssituationen her ergeben?

Versprachlichung und Verkörperlichung

Den Bogen hin zu einer Survivor-Perspektive schlägt das Papier zu Macht und Gewaltenteilung dann doch, in einem sekundären Schritt, über Fragen der Mitsprache.4 Besonders wem kirchlich, juristisch, theologisch relevantes Stimmrecht verweigert wurde, soll entsprechend zur Sprache kommen können bzw. in anderen SprecherInnen vertreten sein.

Mit diesem Aspekt der Versprachlichung ist schließlich eine grundsätzliche Ebene berührt, auf der es ebenfalls zu einer Auslagerung von Erfahrungen und Effekten sexualisierter Gewalt kommen kann: in Theologie selbst. Findet nicht auch in bestimmten Formen von Theologie, als institutionelles und intellektuelles Geschäft, eine wenigstens partielle Verdrängung von Erfahrungen sexualisierter Gewalt und der dadurch initiierten Beschädigung statt, und zwar, weil sie mit geordneter Sprache arbeitet?

Theologie ist in ihrer akademischen Form argumentierte, geordnete Rede, die darin möglichst präzise, ggfs. analytisch-eindeutig zum Punkt kommen will. Die sprachliche Ordnung ist ihr Erfolgs- und Präsenzprinzip. Theologie als intellektueller Diskurs verbindet Versprachlichung und Verkörperlichung. Wo immer eine solche Priorisierung auf Versprachlichung und Verkörperung stattfindet, entsteht eine Diskrepanz zur Erfahrung und zur Auswirkung sexueller Gewalt im Leben von Betroffenen, insofern diese mit einer bleibenden Sprachlosigkeit und Unsagbarkeit, Körperlosigkeit und Absenz verbunden ist.

  1. Provocative performance

Etwas Anderes passiert in Performances wie derjenigen in Würzburg. Sie wendet sich erstens gegen Ausschluss- und Remarginalisierungstendenzen, wie sie in den skizzierten Debatten sichtbar werden. Sie wendet die Aufmerksamkeit im Kontrast auf Beschädigung von Leben in Erfahrungen sexualisierter Gewalt in Kirchenkontexten. Sie tut dies zweitens in einer Weise, welche die Priorisierung und Verknüpfung von Verkörperung und Versprachlichung und einen darin wenigstens partiell angelegten theologischen Logozentrismus überschreitet: indem sie Sprache/Sprachverlust, Körperpräsenz/Körperabsenz wechselseitig miteinander verknüpft. Die beiden Körper der Protagonisten sind anwesend, aber sie schweigen und sitzen starr da, Sprache und Bewegung sind abwesend.

Mitten im Leben etwas bisher Ausgeschlossenes einspielen

Gerade diese Abwesenheit von Bewegung und Sprache stellt auf dem quirligen Domplatz am Sonntagvormittag die provokante, befremdliche Irritation dar, die Einsicht in das hier übliche Leben gibt und im Kontrast nach dem un-üblichen, abwesenden fragen lässt, welches dann durch die Insignien der Performance als in sexualisierter Gewalt und Vertuschung beschädigtes Leben im Kontext Kirche bestimmt wird. Die Abwesenheit von Sprache und Bewegung lässt diese anderen Körper und Leben anwesend werden.

Der Platz vor dem Dom wird so zum Ort, wo nahezu non-verbal Leben sichtbar wird und die Frage entsteht, ob und wie Menschen, die über die Performance stolpern, sich dazu verhalten und durch Formen der Solidarität Auf-Leben ermöglichen. Dieser Vorgang bleibt prekär, weil die Interpretationen uneindeutig und offen und die Begegnung flüchtig sind. Die Performance kann in diesem Sinne scheitern. Sie ist kein sicheres Rezept oder Heilmittel mit Garantie, sondern ein Risiko, in dem sich die Beteiligten etwas Unerwartetem, Kommendem aussetzen, auf dessen Güte sie vertrauen, vor dessen möglicher Gewalt sie aber auch erzittern.

In dieser Aktivität liegt eine neue Form von Theologie vor, die auch anderswo im Entstehen ist5: „provocative performance theology“. An Orten mitten im Leben spielen diese Performances etwas bisher ausgeschlossenes Anderes ein und fragen, ob es ans Licht und ins soziale Leben kommen kann. Von dort gehen Impulse aus für eine kritische Erinnerungs- und Gestaltspiritualität im Umgang mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt und ihren Dimensionen des Sprach- und Körperverlustes. Diese werden nicht nach außen geschoben im Diskurs, aber eingebettet in eine Performance. Prekäres Leben ist Teil einer Praxis, welche die Gegenwart verändert und Möglichkeiten bisher unlebbaren Lebens anberaumt.

Christian Kern ist Post-Doc an der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaft, Leuven/Belgien. Aktuelles Forschungsprojekt zu
Performances im öffentlichen Raum an der Schnittstelle von politischer
Theologie und performativer Ästhetik.

Bild: Christian Kern


  1. Vgl. die Betroffenenperspektiven in Remenyi, Matthias; Schärtl, Thomas (Hg.) (2019): Nicht ausweichen. Theologie angesichts der Missbrauchskrise. Regensburg: Pustet, F., sowie Müller, Wunibald (2010): Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern – Mit einem Vorwort von Anselm Grün. München: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH.
  2. https://www.fr.de/kultur/kirche-missbrauch-deutsche-bischoefe-katholische-laien-entschaedigung-opfern-hintertreiben-13284905.html.
  3. https://www.synodalerweg.de/dokumente-reden-und-beitraege/, Absatz “Arbeitspapiere der Vorbereitungsforen”.
  4. https://www.synodalerweg.de/fileadmin/redaktion/bildmaterial/themen/Synodaler_Weg/Arbeitspapier-Stand-10.-Sept.-2019_Forum-Macht.pdf, Seite 9.
  5. Vgl. auch Miller, Jordan E. (2019): Resisting theology, furious hope. Secular political theology and social movements. Cham, Switzerland: Palgrave Macmillan.
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