Nachhaltig Predigen – ein innovatives Projekt

Was hat das sonntägliche Evangelium mit dem Modewort „Nachhaltigkeit“ zu tun? Und wie verknüpft man in der Predigt ein aktuelles Thema mit biblischen Texten? Gedanken zur Initiative „Nachhaltig Predigen“ von Elisabeth Birnbaum.

„Nachhaltigkeit“ – zwischen Hype und Unwort des Jahres

„Nachhaltigkeit“ ist ein Begriff, der in den letzten Jahren einen Hype erlebt hat. Spätestens seit der Enzyklika „Laudato si‘“ von Papst Franziskus ist er auch in der katholischen Kirche angekommen. In der deutschen Fassung des Dokumentes kommt der Begriff „nachhaltig“ (im spanischen Original: sostenible) neunzehn Mal vor.1. Die genaue Definition des Wortes ist noch äußerst umstritten. Denn abseits des „guten Klangs“ des Wortes, den es für viele hat, ist die Verwendung sehr unterschiedlich. Ressourcenschonende Wirtschaft kann damit gemeint sein, aber auch Naturschutz, soziale Gleichberechtigung oder der Weltfriede.

Im Lexikon der Begriffe wird Nachhaltigkeit umschrieben als „eine Form des ökologischen und ökonomischen Handelns …, die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen vergleichbare oder bessere Lebensbedingungen sichern soll, indem das dazu notwendige Element sorgsame Anwendung findet und entsprechend geschützt wird.“2 Gerade die Offenheit des Begriffs irritiert mancherorts. Er sei zu floskelhaft und inhaltsleer. Erwarten manche Journalist/innen aber eine inhaltliche Füllung und Definition durch die Praxis selbst, warnen andere geradezu vor seiner Verwendung. Sie erachten den Begriff als schädlich oder möchten ihn gar zum Unwort des Jahres küren.3

Ob Bananen, Olympische Spiele, Hotels oder Konsumgüter – alles muss heute „nachhaltig“ sein. Doch der Begriff ist oft Etikettenschwindel. Wir sollten ihn meiden.

(Axel Bojanowski, Journalist)

Unwort oder nicht, die Sehnsucht vieler Menschen ihr Tun verantwortungsbewusster, „nachhaltiger“, zu gestalten, ist – ausgesprochen oder unausgesprochen so bezeichnet – allgegenwärtig. Letztlich scheint es für viele darum zu gehen, sich selbst bzw. die Menschheit als Teil eines Ganzen zu begreifen und für dieses Ganze auch eine Teilverantwortung zu übernehmen. Gegen Partikularisierungsbestrebungen mahnt „Nachhaltigkeit“, auch die Folgen des Tuns für andere (Menschen, Lebensformen, …) zu bedenken. Dabei gehören Friede, Gerechtigkeit und Umweltschutz offenbar zusammen.

Das Projekt „Nachhaltig Predigen“

Hier knüpft das Projekt „Nachhaltig Predigen“ an. Es wird von Michael Rentz, seines Zeichens Physiker, Philosoph und Klimaschutzberater, koordiniert und von zahlreichen kirchlichen Kooperationspartnern aus ganz Deutschland und der Schweiz (Österreich ist noch nicht dabei) unterstützt. In dem Projekt befragen Theologinnen und Theologen die sonntäglichen Lesungstexte der katholischen und evangelischen Leseordnung auf die Anliegen einer nachhaltigeren Einstellung zur Welt hin und entwickeln daraus Anregungen für Predigten.

Zunächst (seit 2005) geschah das in Buchform, seit 2011 wird die Internetplattform „nachhaltig predigen“ (http://nachhaltig-predigen.de) betrieben. Jedes Jahr ist einem Schwerpunktthema gewidmet, und schon die Themenauswahl macht deutlich, wie breit der Begriff „Nachhaltigkeit“ verstanden wird. Von eher ressourcenorientierten Motiven wie „Ernährung“ oder „Suffizienz“ über soziale Bereiche wie „Teilhabe“ oder „Strukturen der Schuld“ bis hin zu soziopolitischen Fragen nach „Heimat-los“-igkeit reicht die Palette. Damit wird mehr eingefordert als ein wenig „Umweltschutz“, da geht es ums Ganze: Um die Verantwortung des Menschen für die Welt, nicht nur für die Natur, sondern auch für das vom Menschen Hervorgebrachte und für den Mitmenschen und das weltweite Zusammenleben des Menschen mit seiner Umwelt, mit seinen Mitgeschöpfen und mit Gott.

Wenn vorher schon klar ist, was „herauskommen“ soll, wird dann Bibel nicht verzweckt?

Bibel und „Nachhaltigkeit“

Die grundsätzliche Frage, ob Bibeltexte so direkt mit modernen Konzepten in Einklang gebracht werden können, ist nicht leicht zu beantworten und bleibt doch virulent. Sie drängt sich allen auf, die pastoral tätig sind. Was ist mit dem Eigenwert der Bibel, mit ihrer Vielstimmigkeit, auch Widerspenstigkeit gegen unsere heutigen Themen? Andererseits lebt die Bibel ja gerade davon, dass sie immer wieder aktualisiert wurde und wird. Das ist bereits ein innerbiblisches Rezeptionsphänomen. Die Spannung bleibt also immer dann bestehen, wenn das jahrtausendealte Buch mit der Gegenwart konfrontiert wird. Sie ist gleichermaßen herausfordernd und belebend. Verschärft wird die Frage aber dann, wenn die Wertung, das angezielte „Gute“, in diesem Fall die Bedeutung von „Nachhaltigkeit“ schon im Vorfeld feststeht. Provokant gefragt: Wenn vorher schon klar ist, was „herauskommen“ soll, wird dann Bibel nicht verzweckt?

Dazu lässt sich sagen: In der Verantwortung des Menschen für seine Umwelt trifft sich die jüdisch-christliche Weltanschauung mit der säkularen „Nachhaltigkeits“-Bewegung. Denn auch der Bibel ist der unauflösliche Zusammenhang von zwischenmenschlicher Harmonie, sozialer Gerechtigkeit und Wohlergehen der Schöpfung ein zentrales Thema, ergänzt und getragen selbstverständlich von einer intakten Gottesbeziehung. Gott hat die Welt gut geschaffen, er hat den Menschen Verantwortung für diese Schöpfung auferlegt und eine Ordnung entworfen, die den Fortbestand des guten Zusammenlebens von Schöpfung, Mensch und Gott gewährleisten soll. Von dieser Ordnung abzuweichen schadet nicht nur dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch, sondern auch der gesamten Schöpfung. Ob mit „Nachhaltigkeit“ also der Schutz von nicht erneuerbaren Ressourcen gemeint ist oder Initiativen zum besseren Zusammenleben von Menschen oder auch wirtschaftlich verantwortete Produktion: Gerade die Vielfalt der Bedeutungen erlaubt eine Anbindung an biblische Themen und Texte.

Nachhaltigkeit, das ist ein modernes Wort. Das Anliegen allerdings begegnet uns schon im Schöpfungsbericht.

(Georg Bätzing, Bischof von Limburg)

Freilich eignet sich nicht jeder Text der Bibel in gleicher Weise für Aussagen zur Nachhaltigkeit. Hier gilt es umsichtig zu sein, um die Texte nicht zu „pressen“. Das gelingt der Projektgruppe von „Nachhaltig Predigen“ meiner Meinung nach gut. Die (ehrenamtlich tätigen) Mitarbeitenden bemühen sich um einen zurückhaltenden Umgang mit dem Text. Kaum ein Predigtvorschlag, der den Bibeltext „mit dem Holzhammer“ für das Projektanliegen zurechtklopft. Manchmal gestehen die Autor/innen auch offen ein, dass sich ein Text nicht wirklich eignet. Dann behandeln sie ihn entweder nicht näher oder versehen ihn nur mit einem weiterführenden Gedanken. Insofern lässt sich das Unbehagen, dass moderne Fragen allzu geradlinig auf die Bibel gestülpt werden, leichter abschütteln.

Nützlich auch für den Begriff selbst

Das Anliegen des Projekts ist jedenfalls unterstützenswert und die Ausbeute an kreativen neuen Sichtweisen beachtlich. Das Angebot, dieses Thema anhand konkreter Bibeltexte durchzubuchstabieren eignet sich als Fundgrube von Ideen. Und dass die Ergebnisse variieren, je nachdem, wie viele Anknüpfungspunkte die Bibeltexte bieten und je nachdem, wie geschickt die Autor/innen Bibeltext und moderne Anliegen verbinden können, regt dazu an, selbst Bezüge zu entdecken und weiterzudenken.

Die Website ist aber nicht nur ein Service für Priester, Pfarrer/innen und Prediger/innen. Sie ist auch nicht nur eine Sammlung von wichtigen und weiterführenden Gedanken zu einer christlichen Sicht von „Nachhaltigkeit“. Sie nützt vielmehr auch dem Begriff „Nachhaltigkeit“ selbst. Denn die konkreten Textanbindungen definieren das angeblich so inhaltsleere Wort „Nachhaltigkeit“ näher und weisen damit auch seine weltumspannende Bedeutung auf.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.

Bildnachweis: Lena Svensson ©pixabay  

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