Neuaufbruch und Normalität liegen nahe beieinander

Neuaufbruch und Normalität Angela Berlis bei der Priesterinnenweihe in Konstanz, 1996. Foto: Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland

Frauen im Priesteramt. Was in der römisch-katholischen Kirche noch immer aussteht, ist nach dem Neuaufbruch in der alt-katholischen Kirche seit 25 Jahren selbstverständlich.  Ein Blick zurück von Angela Berlis.

Am Pfingstmontag 1996 nahmen mehr als 1000 Personen an der Weihe der ersten Priesterinnen teil. Die Plätze in der alt-katholischen Christuskirche in Konstanz reichten nicht aus, der Gottesdienst musste in den Innenhof übertragen werden. Es feierten nicht nur alt-katholische Gläubige mit, sondern auch viele römisch-katholische und einige evangelische, wie Bischöfin Maria Jepsen. Im Gottesdienst spürten wir die Aufbruchstimmung. Dass die Weihe gerade an Pfingsten gefeiert wurde, deuteten viele als Zeichen der Erneuerung nicht nur der alt-katholischen Kirche.

Historische Rückschau

Als die Internationale Alt-katholische Bischofskonferenz (IBK) in den 1960er Jahren zum ersten Mal mit der Frage der Frauenordination konfrontiert wurde, reagierte man ablehnend: Die volle Gemeinschaft mit der Anglikanischen Kirche (1931) schloss eigentlich ein, dass anglikanische Priester in einer alt-katholischen Kirche der Eucharistie vorstehen konnten – doch geweihte anglikanische Frauen sollten dies nicht tun dürfen, da es in den alt-katholischen Kirchen keine geweihte Frauen gebe. Der Leitungsdienst von Frauen schien damals nicht vereinbar mit den Erwartungen an dienstbare Frauen. Was viele sich damals nicht vorstellen konnten, veränderte sich in den folgenden zwei Jahrzehnten.

Als die IBK 1976 eine relativ kurze Erklärung abgab, sie könne, «in Übereinstimmung mit der alten, ungeteilten Kirche, einer sakramentalen Ordination von Frauen zum katholisch-apostolischen Amt eines Diakons, Presbyters und Bischofs nicht zustimmen», regte sich in mehreren westeuropäischen alt-katholischen Kirchen Widerstand dagegen: Die Alte Kirche habe Diakoninnen gekannt. Dieses Amt wurde nie formell von einem Konzil oder einer Synode abgeschafft, sondern geriet zuerst in der West-, später auch in der Ostkirche außer Gebrauch.

Die Alte Kirche hat Diakoninnen gekannt.

1982 öffnete die IBK einen ständigen Diakonat für Frauen (und Männer); wenige Jahre später wurden die ersten Frauen zu Diakoninnen geweiht. Inzwischen hatte sich die Diskussion auf das Priesteramt verlagert. Sie wurde weitaus emotionaler geführt. Auffällig ist, dass sich die Gläubigen für diese Frage zuständig fühlten und die Argumentation nicht den Theologen (damals noch eine weitgehend aus Männern bestehende Gruppe) überliessen. Innerhalb weniger Jahrzehnte drehte sich die Argumentationslage völlig um: Mussten in den 1970er Jahren Befürworter/innen der Frauenordination ihren Standpunkt begründen, so waren es ab Mitte der 1990er Jahre die Gegner/innen. Die Argumente pro und contra lagen damals alle auf dem Tisch – zusammengetragen von Theologen und Theologinnen verschiedener Kirchen. Denn die Diskussion über die Frauenordination war inzwischen nicht nur in evangelischen, sondern auch in Kirchen katholischer Tradition entflammt. Die Standpunkte zur Frauenordination verliefen dabei nicht entlang konfessioneller Grenzen, sondern quer durch sie hindurch. Dies macht klar, dass hier nicht nur Argumente aus der Bibel und der Tradition, sondern auch Fragen der Geschlechteranthropologie und des Amtsverständnisses ebenso wie ökumenische Zuordnungen und Allianzen von Kirchen eine grundlegende Rolle spielen.

Die Akzente, die in einzelnen alt-katholischen Kirchen in ihrer Argumentation gesetzt wurden, waren unterschiedlich: In Deutschland wurde hervorgehoben, dass Mann und Frau in gleicher Weise gottesebenbildlich seien; im Rahmen einer orthodox-altkatholischen Konsultation wurde der altkirchliche Grundsatz, Christus habe die ganze Menschheit angenommen und erlöst, als tragend angesehen. Beide Argumentationslinien betonen Gleichheit und Komplementarität von Mann und Frau und postulieren, dass so die Fülle des Amtes sichtbarer gemacht werde als wenn nur ein einziges Geschlecht im Amt der Kirche repräsentiert sei. Ähnlich wie schon in manchen mittelalterlichen Rechtstexten wurde zudem darauf hingewiesen, dass die Taufe die Voraussetzung für den Empfang weiterer Sakramente, also auch der Ordination sei. Wichtig war dabei, dass sich die grundlegende katholische Amtstheologie, wie sie die alt-katholische Kirche vertritt, durch die Einbeziehung von Frauen ins Amt nicht verändert.

Gleichheit und Komplementarität von Mann und Frau

Wenn Menschen und Kirchen sich verändern, haben sie dennoch das Gefühl, gleich geblieben zu sein, das heisst, das, was sie eigentlich ausmacht (= ihre Identität) ‘beibehalten’ zu haben. Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung, die diejenigen alt-katholischen Kirchen gemacht haben, die sich für die Ordination von Frauen (ins Diakonat und ins Priesteramt) geöffnet haben: Dass Frauen katholische Amtsträgerinnen sein können, ist heute ebenso Teil alt-katholischen Selbstverständnisses geworden wie die seit dem 19. Jahrhundert bestehende Gegebenheit, dass Geistliche verheiratet sein können. Die theologischen Begründungen wurden im Rahmen einer katholischen Theologie entwickelt, die alt-katholische Theologie als Angebot an andere katholische Theologien versteht.

Entwicklungen in den letzten 25 Jahren

Dass die Einführung der Frauenordination (Diakonat und Priesteramt, grundsätzlich auch das Bischofsamt, auch wenn es bisher keine Bischöfin gibt) in der alt-katholischen Kirche nach langen, synodal verantworteten Diskussionen innerhalb und ausserhalb der eigenen Kirche geschah, hat zur Folge, dass die Entscheidung sehr breit getragen wurde und wird. Es war die Entscheidung einer ganzen Ortskirche, etwa in Deutschland oder in der Schweiz, die sie diesen Weg einschlagen ließ. Frauen im Amt machen an ihrem Ort unterschiedliche Erfahrungen.

Neuaufbruch
Angela Berlis 2020; Foto: © Angela Berlis

Als langjährige Beobachterin und Betroffene habe ich die Diskussion seit Anfang der 1980er Jahre von Nahem mitverfolgt. Ich kann sagen, dass die alt-katholische Kirche hier eine Mentalitätsveränderung vollzogen hat. Diese geschah vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen, aber auch innerkirchlich etwa durch die Arbeit alt-katholischer Frauenverbände in einzelnen westeuropäischen Kirchen, die sich nicht nur für die Frauenordination, sondern für die Stärkung des (Selbst-)Bewusstseins weiblicher Laien tatkräftig eingesetzt haben. Denn dies ist grundlegend: dass Frauen ihre religiöse Mitverantwortung in der Kirche wahrnehmen. Die starke, rechtlich verankerte Rolle der Laien seit dem 19. Jahrhundert, das volle Stimmrecht der Frauen in kirchlichen Angelegenheiten, das sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, waren wichtige Bausteine: Als ich in den 1980er Jahren Theologie studierte, waren solche starke Laienfrauen, die nicht selbst das Amt anstrebten, es aber befürworteten, eine wichtige Stütze auf meinem Weg ins Amt.

Dass Frauen ihre religiöse Mitverantwortung in der Kirche wahrnehmen.

Sie sind es auch heute für Amtsträgerinnen in den Gemeinden. Solche Unterstützung von (männlichen und weiblichen) Laien brauchen Frauen und Männer im Amt auch, um ihre Berufung für diesen Dienst zu erkennen und getragen zu wissen, sowie um ihre Aufgaben als Priesterin auf Augenhöhe ausüben zu können. Als ich 1981 in Bonn mit dem Theologiestudium begann, studierte ich noch ins Blaue hinein (was ich übrigens gar nicht schlimm fand), da das Amt für Frauen noch nicht offen stand; heute ist der Weg von Frauen ins Amt viel klarer vorgezeichnet.

Vor 25 Jahren verkörperte eine Frau im Meßgewand und mit priesterlicher Stola am Altar noch etwas Ungewöhnliches und für ahnungslose Gottesdienstteilnehmende auch etwas Unerwartetes, an das Gemeinden sich allerdings recht schnell gewöhnten. So wurde auch das Wort «Priesterin», beim dem viele früher eher an römische Vestalinnen dachten, im ausgehenden 20. Jahrhundert zu einem alltäglichen Begriff, ähnlich wie es ein paar Jahrzehnte zuvor auch «Pfarrerin»  für evangelische Frauen im Amt geworden war. Insgesamt ist die Aufmerksamkeit gegenüber Sprache in den letzten Jahrzehnten gewachsen; so revidierte vor einigen Jahren in der deutschen alt-katholischen Kirche eine Arbeitsgruppe das Kirchenrecht im Hinblick auf geschlechtergerechte Sprache, was auch im Hinblick auf die Liturgie ein jedoch noch lange nicht zu Ende besprochenes Thema ist. Hier haben Frauen im Priesteramt sicher verdeutlicht, dass nicht mehr einfach alles sagbar ist wie bisher. So haben wir bei der Weiheliturgie an Pfingstmontag den Auftrag an Maria von Magdala «Geh’ zu Deinen Brüdern» in diesem speziellen Kontext bewusst so stehen gelassen – und es ist vielen aufgefallen!

Die Aufmerksamkeit gegenüber Sprache ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen.

Auch wenn sich die Amtstheologie als solche nicht ändert, so können Frauen im Amt nicht einfach «eingepasst» werden, ohne das System zu verändern. Dies geschieht nicht in Form eines Erdbebens, sondern subtiler. So ändert sich etwa die Dynamik in einer Pastoralkonferenz von einem reinen Männer- zu einem gemischten Kollegium. Auch Inhalte werden befragt: Als wir 1996 mit einer Arbeitsgruppe die Weihe in Konstanz vorbereiteten, wurde es schnell klar, dass eine Heiligenlitanei, in der fast ausschliesslich männliche Heilige genannt werden, nicht angemessen sei. So fanden darin verschiedene Frauen einen Platz, wie etwa Maria von Magdala als Erstzeugin der Auferstehung, die hl. Scholastika neben Benedikt von Nursia oder auch Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen und Teresa von Avila. Manches ändert sich nicht grundsätzlich, wird nur geschlechtergerechter verteilt: So gibt es viele Männer wie Frauen, die einfühlsam zuhören und Menschen begleiten können – und ihnen als Amtsträgerinnen oder Amtsträger die Vergebung oder den Segen Gottes zusprechen können.

Als ich meine Primiz feierte, tat ich dies im Gefühl, gleichzeitig etwas Neues zu tun und etwas völlig Normales. Das ist auch der Eindruck nach 25 Jahren Priesterinnen (und 34 Jahren Diakoninnen) in alt-katholischen Kirchen: Normalität und Neuaufbruch liegen nahe beieinander – und das soll auch so bleiben!

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Angela Berlis ist Ordentliche Professorin für Geschichte des Altkatholizismus und Allgemeine Kirchengeschichte, Co-Leitung Kompetenzzentrum Liturgik.  1996 wurde sie als eine der zwei ersten Frauen zur alt-katholischen Priesterin geweiht.

Literatur:

Angela Berlis, Einbruch in männliche Sphären? Der Aufbruch alt-katholischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Michaela Sohn-Kronthaler (Hg.), Feminisierung oder (Re-)Maskulinisierung der Religion im 19. und 20. Jahrhundert? Forschungsbeiträge aus Christentum, Judentum und Islam, Wien – Köln – Weimar (Böhlau) 2016, 179-198

Joachim Vobbe, Geh zu meinen Brüdern. Vom priesterlichen Auftrag und Amt der Frauen in der Kirche, Brief des Bischofs an die Gemeinden des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken, [Bonn 1996], 55 S., auch in: Ders., Brot aus dem Steintal. Bischofsbriefe, Bonn (Alt-Katholischer Bistumsverlag) 2005

Im Netz: http://frauenordination.de/bil-vorgaenge-welt/Frauenordination-Altkatholisch-1996.pdf

Bild Christi und Geschlecht. „Gemeinsame Überlegungen“ und Referate der Orthodox-Altkatholischen Konsultation zur Stellung der Frau in der Kirche und zur Frauenordination als ökumenischem Problem, hg. von Urs von Arx & Anastasios Kallis, Internationale Kirchliche Zeitschrift 88 (1998) Heft 2. https://www.ikz.unibe.ch/003_beiheft_bild_christi_und_geschlecht.html und https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=ikz-002%3A1998%3A88%3A%3A82#82

Von der Autorin auf feinschwarz.net zu lesen:

Von vielfältigen Erzählungen zu einer gemeinsamen Geschichte

Zum Thema auf feinschwarz.net:

Die Kirche ist ermächtigt, Frauen die Priesterweihe zu spenden.

Es ist angerichtet: Argumente für den Frauendiakonat

 

 

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