Von vielfältigen Erzählungen zu einer gemeinsamen Geschichte

Nicht nur das „Ich“, sondern auch das „Wir“ entwickelt die eigene Identität im Gespräch mit Anderen und durch erzählte Geschichte. Welche Rolle spielt dabei die Religion? Wie war dies im Mittelalter? Und was kann eine heterogene und mulitkulturelle Gesellschaft heute daraus lernen? Religiöse Pluralität und die Aufgabe der Kirchengeschichte erläutert Angela Berlis.

Bei einer Stadtführung in Budapest darf der „Heldenplatz“ (Hösök tere) mit lauter Statuen aus der Zeit des habsburgischen Vielvölkerstaats nicht fehlen. Der Platz ist nicht nur für die Geschichte Ungarns bedeutsam. Je nach Herkunft werden dem Besucher oder der Besucherin mit ihren unterschiedlichen Perspektiven dort andere Geschichten einfallen: von Sieg oder Niederlage, von herrschenden oder beherrschten Völkern. Dies fiel mir auf, als ich vor ein paar Jahren mit einer national bunt gemischten Frauengruppe auf dem Heldenplatz stand. Mehr noch als ein solch zielbewusst angelegter Platz tragen auch Städte und andere Stätten als historische Erinnerungsorte vielfache Geschichten in sich, oft auch religiöser Art.

Dass es in multikulturellen, postkolonialen Migrationsgesellschaften viele und heterogene Geschichtserzählungen gibt, wird zunehmend als Herausforderung wahrgenommen. Wie kann eine heterogene Gesellschaft die getrennt erlebten Geschichten in einer nunmehr gemeinsamen Geschichte verbinden? Wie kann diese zur adäquaten historischen Orientierung werden, in der sich alle wiederfinden? Welche Rolle spielt in diesem Prozess die Religion? Im säkularen Deutungshorizont einer vielfältig religiös geprägten Vergangenheit wird diesem Faktor nicht immer die gebührende Beachtung geschenkt.

Wie kann eine heterogene Gesellschaft die getrennt erlebten Geschichten in einer nunmehr gemeinsamen Geschichte verbinden?

Ist die Situation heute aber tatsächlich ganz anders als früher? Früher schon gab es unterschiedliche Erinnerungskulturen, zum Beispiel in den sozialen Milieus, in die noch vor wenigen Jahrzehnten Katholiken, Protestantinnen, Sozialisten von der Wiege bis zur Bahre eingebunden waren. In Südbaden war es auf dem Land noch bis Mitte der 1960er Jahre undenkbar, dass ein Alt-Katholik (wie in Deutschland die Christkatholiken heissen) eine römische Katholikin heiraten würde. Die Auseinandersetzungen um die Papstdogmen des Ersten Vatikanums (1870) fanden so ihren Niederschlag in persönlichen Lebensgeschichten. Heute ist das Vergangenheit. Doch heiraten in der südbadischen Kleinstadt, in der ich aufwuchs, und in der seit einem halben Jahrhundert infolge der Wirtschaftsmigration eine türkische Gemeinschaft besteht, junge Türkinnen eher selten deutsche Männer.

 unterschiedliche Erinnerungskulturen

Gehen wir heute also selbstverständlich davon aus, dass es eine Vielfalt historischer Narrative gibt, so stellt sich die Frage, wie es um die Wahrnehmung dieser Vielfalt in der Erinnerung bestellt ist. Hinzu kommt die Frage, was die heutige Situation von früheren historischen Situationen unterscheidet. Können wir zum Beispiel für das Mittelalter von einer Pluralität der Religionen sprechen? Worin unterscheidet sich die Begegnung von Religionen im Mittelalter von der heute? Können historische Erfahrungen für den heutigen Dialog nutzbar gemacht werden? Ich plädiere für eine Relecture der Christentumsgeschichte im ökumenischen und interreligiösen Horizont, bei der Erinnerung von zentraler Bedeutung ist.

 1. Begegnung und Konfrontation zwischen Religionen im Mittelalter

Ist das mittelalterliche Spanien für viele ein Beispiel für ein friedliches Neben- und Miteinander der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, so gelten die Kreuzzüge in der Regel als Negativbeispiel. Die Rede Papst Urbans II. am 27. November 1095 bei Clermont auf freiem Feld gilt als Beginn der Kreuzzüge. Damals erschwerten die (muslimischen) Seldschuken Pilgerfahrten von Christen nach Jerusalem und bedrohten Byzanz. Auf den Hilferuf des byzantinischen Kaisers hin rief Papst Urban II. die Gläubigen auf, den bedrängten christlichen „Brüdern im Osten“ zu Hilfe zu kommen. Als Anreiz bot er einen Erlass der Sündenstrafen. Doch das ursprüngliche Ziel der Hilfe gegenüber den eigenen Glaubensgenossen verkehrte sich in sein Gegenteil. Die Geschichte der sieben Kreuzzüge, die vom 11. bis zum 13. Jahrhundert stattfanden, ist geprägt von Pogromen gegen Juden, vom Überrennen der orientalischen durch die abendländischen Christen (etwa durch die Eroberung Konstantinopels beim 4. Kreuzzug, 1202–1204) und vom Kampf gegen die Muslime. Die Folgen dieser „Begegnung“ zwischen Ost und West waren vor allem negativ: Zahlreiche Menschen wurden Opfer kriegerischer Gewalt, Landschaften verwüstet, das Verhältnis zwischen Ost- und Westkirche wurde hoffnungslos zerrüttet, das Misstrauen zwischen Islam und Christentum weiter angefacht. Positive Folgen: die Zivilisation des Orients wurde im Okzident bekannt und gewann Einfluss. Die innerchristlichen kritischen Stimmen gegen die Kreuzzüge mündeten in kirchliche Reform- und Erneuerungsbewegungen.

 die Kreuzzüge und ihre Folgen

Aus historischer Sicht ist es wichtig, die vorhandenen Quellen aller Seiten auszuwerten und nicht in Stereotype zu verfallen. So gab es Zeiten, in denen nicht Krieg geführt wurde und die Gruppen zu einem Nebeneinander fanden, in dem die Religion der anderen geduldet wurde. So durften Angehörige des muslimischen Glaubens während der christlichen Kreuzfahrerherrschaft zwar nicht in Jerusalem wohnen, dort aber ihre Heiligtümer besuchen. Koran-Inschriften wurden nicht entfernt – wahrscheinlich weniger aufgrund der Toleranz als eher der Ignoranz: Die Kreuzfahrer und Kreuzfahrerinnen (die Teilnahme adliger Frauen wurde erst Ende des 12. Jahrhunderts verboten, im Tross zogen – für verschiedene Dienstleistungen – immer Frauen mit) beherrschten lediglich die lingua franca, nicht aber Arabisch. Wir haben es hier nicht mit einer multikulturellen Gesellschaft zu tun, sondern eher mit einer pragmatischen Haltung des Miteinander-Auskommens.

 gelebte religiöse Vielfalt und Verschiedenheit

Können wir im Hinblick auf das Mittelalter von gelebter religiöser Vielfalt und Verschiedenheit sprechen? Pluralität heisst, dass mehrere Religionen am gleichen Ort und zur gleichen Zeit existieren, und dass sie sich miteinander auseinandersetzen. Dies geschah nicht nur in abgrenzender Weise, sondern auch durch interne und externe religiöse Pluralisierung jeder der beteiligten Religionen. So veränderten sich die europäischen Christen und Christinnen durch ihr Leben in einer Enklave im Outremer. Fulcher von Chartres hält im 12. Jahrhundert fest, sie seien von „Westlern“ zu „Orientalen“ geworden: „Wer Franke oder Römer war, ist in diesem Land zum Galiläer oder Palästiner geworden. Wer aus Reims oder Chartres kam, ist nun einer aus Tyrus oder Antiochien.“ [1] Die neuen „Galiläer“ veränderten ihre Identität: Archäologische Funde weisen aus, dass die Neuankömmlinge in der Nähe ihrer neuen  Nachbarinnen und Nachbarn wohnten und sich auch an Speiseregeln der einheimischen Kultur anpassten.

Das Christentum war auch im Innern plural, spätestens seit dem Zerfall des Imperium Romanum. Die verschiedenen Christenheiten fanden bei aller regionalen Vielfalt ihre Einheit in der Heiligen Schrift, im gemeinsamen Kalender, in Ritualen und Rechtssammlungen. Die Auffassung, das Mittelalter sei eine christliche Einheitskultur gewesen, ist ein Wunschdenken, das im 19. Jahrhundert gegen den religiösen Pluralismus der Moderne propagiert wurde. Damit versuchte nicht zuletzt die römische Kirche ihren Zentralisierungsanspruch historisch zu verwurzeln. Der Pluralisierung im Innern wurde durch Ausgrenzung Einhalt geboten, indem  Andersdenkende der Häresie beschuldigt wurden.

 Die Auseinandersetzung mit den Anderen führte aber auch zur Vertiefung der eigenen christlichen Identität.

„Der Weg zu sich selbst war ohne die Auseinandersetzung und den Diskurs mit dem ‚Anderen‘ nicht zu beschreiten.“ Dem Kieler Kirchenhistoriker Andreas Müller zufolge führte die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam zur „Weiterentwicklung christlicher Identität“. Die andere Religion wurde dabei nicht als Gegnerin, sondern als Gegenüber verstanden. Johannes von Damaskus, der den Islam aus nächster Nähe kannte, stufte ihn im 8. Jahrhundert als christliche Häresie ein. So konnte er seine eigene Rechtgläubigkeit als Christ hervorheben. Die Auseinandersetzung mit den Anderen führte aber auch zur Vertiefung der eigenen christlichen Identität. Das historische Interesse an den „Ketzern“ und „Ketzerinnen“ ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Mehr als früher wird heute ihr Beitrag zur Entwicklung kirchlicher Lehre gesehen. Hinzu tritt der ökumenische Aspekt: Kirchen- oder Christentumsgeschichte kann heute nicht mehr geschrieben werden, ohne den Anderen (den früheren Gegnern) gegenüber Rechenschaft abzulegen über konfessionell verschiedene Deutungen.

2. Das „Wir“ in heutigen pluralen Gesellschaften

Geschichte heute hat im Plural erzählt zu werden. Dem Soziologen Ulrich Beck zufolge leben wir in einer „kosmopolitischen Konstellation“, in der alle religiösen Glaubens- und Symbolsysteme in universeller Nachbarschaft und in gemeinsamer Gegenwart leben. Die Zeiten einer hegemonialen Nationalgeschichte, wie sie der Budapester Heldenplatz versinnbildlicht, sind vorbei. Heute bleiben nationale Geschichtskonstruktionen nicht mehr unbefragt stehen. Denn ein „Wir“ entsteht nicht mehr einfach durch Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, sondern durch eine Entscheidung zur Erinnerung; dadurch werden  bestimmte historische Ereignisse als relevant und als „zu mir“ bzw. „zu uns“ gehörend gedeutet und in die eigene (persönliche, gruppenspezifische oder nationale) Geschichte integriert. Trotzdem ist es auch heute möglich, sich aus vielen Geschichten auf eine Geschichte zu verständigen und sich diese zuzueignen. Dies gelingt in einer Migrationsgesellschaft jedoch nur, wenn der oder die Andere als Subjekt mit gleicher Würde wahrgenommen wird, ohne ihn/sie durch bestimmte Zuschreibungen (Hautfarbe, Klasse, Geschlecht, Kultur, Religion) abzustempeln und so aus dem gemeinsamen „Wir“ auszuschliessen.

sich aus vielen Geschichten auf eine Geschichte verständigen

Soweit die Voraussetzungen. Und die Herausforderungen? Bisher ging es darum, den methodischen Konfessionalismus zu überwinden und sich auf einen ökumenischen kirchenhistorischen Mindestkanon zu verständigen. Dazu gehörten Themen wie die Konstantinische Wende, aber auch die Kreuzzüge, die Reformation und die katholische Reform oder die Ökumenische Bewegung. Angesichts der Pluralisierung religiöser Geschichte/n stellen sich neue Herausforderungen: Es geht darum, das ökumenische und interreligiöse Lernen und damit die Wahrnehmung der Anderen historisch tiefenscharf und vieldimensional zu entfalten. Christentumsgeschichtliche Lehre und Forschung müsste hier zunächst die Ausdifferenzierung christlicher Präsenz in vielen westeuropäischen Ländern einbeziehen. Sodann ginge es darum, mit den anwesenden nicht-christlichen Religionen einen historisch verankerten „Dialog des Lebens“ zu führen. Der Theologe und Religionspädagoge Harry Noormann macht zudem darauf aufmerksam, dass heute auch ein historischer Dialog mit jenen erforderlich sei, die das Christentum oft nur noch von seiner dunklen Seite wahrnehmen. In ihrem kritischen Urteil führen diese häufig die Kreuzzüge oder die Hexenverfolgungen als Beispiel für die gewalttätige Geschichte des Christentums ins Feld. Insgesamt braucht es eine Perspektive, die nationale, konfessionelle und eurozentrische Verengungen kritisch übersteigt, einen kosmopolitischen Blick entwickelt und sich der Vergangenheit stellt. Denn was wir als Nachgeborene ehemaliger Kreuzzugsritter wahrscheinlich schon lange vergessen haben, ist bei den ehemals Eroberten vielleicht lebendiger Bestandteil ihrer Erinnerungskultur. Wenn sie als Arbeitskräfte oder Geflüchtete zu uns kommen, bringen sie solche Erinnerungen mit, die z.T. bis heute auf die Beziehungen zwischen Völkern und Religionen Einfluss haben.

 die Vielfalt historischer Narrative in heutige Darstellungen und Wahrnehmungen einbeziehen

Es gilt also, die Vielfalt historischer Narrative in heutige Darstellungen und Wahrnehmungen einzubeziehen. Erinnerung hilft, uns zu vergewissern, wer wir sind und wo wir herkommen. Erinnerungen können ambivalent und vielgesichtig oder eine „Last“ sein. Aber wir hoffen, dass Erinnerung letztlich, so schmerzlich sie sein mag, kathartisch wirkt und zu Heilung und Versöhnung beiträgt. Sie kann uns den Weg in die Zukunft einer multiperspektivischen historischen Kultur weisen, in der Religion eine angemessene Rolle spielt.

[1] Belege für Zitate finden sich in meinem Beitrag “Historical Perspectives on Religious Plurality”, in: IKZ-bios 1 (2014) 141-155.

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Angela Berlis
, Dr. theol., ist Professorin für Geschichte des Altkatholizismus und Allgemeine Kirchengeschichte am Departement für Christkatholische Theologie der Universität Bern.

Foto vom Heldenplatz in Budapest: Axel Heuting / pixelio.de

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