Papierklavier-Blues

Im Konflikt um die Verleihung des desjährigen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises gab es hohen Wellengang. Doch worum geht es eigentlich wirklich in „Papierklavier“? Markus Tomberg verlockt zu einem lohnenswerten Blick in das Buch selbst.

Das war kein fröhlicher Ragtime, auch wenn es wild zuging: In den letzten Wochen bewegte die Frage die Feuilletons und die interessierte Öffentlichkeit, warum das von der Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises nominierte Jugendbuch „Papierklavier“[1] nicht die nötige Zustimmung des Ständigen Rates der DBK erhielt und in der Folge bisher kein Preisbuch benannt wurde. Der zunächst von Joachim Frank für den Kölner Stadtanzeiger[2] inzwischen hervorragend recherchierte und dokumentierte Vorgang[3] soll hier nicht erneut aufgewärmt werden.

Bemerkenswert sind die zwar kritischen, aber durchaus wertschätzend und sachkundig argumentierenden Reaktionen aus Literatur[4], die die offiziellen Verlautbarungen ziemlich kraftlos dastehen lassen, allemal. Zurück bleibt eine Art Papierklavier-Blues. Oder, mit den Worten von Elisabeth Steinkellner: „Eigentlich ist es ein wildes, fröhliches Stück, aber so langsam und leise, wie Heidi es jetzt vor sich hin summt, klingt es beinahe wie ein Trauermarsch.“ Was bringt der Konflikt um ein Jugendbuch nicht alles zum Vorschein!

Frage nach einer Identität, die den Tod standhält

Einen im Diskurs bisher nur am Rande erwähnten Aspekt möchte ich deswegen noch einmal hervorheben. Das eigentliche Thema von Papierklavier sind nämlich nicht die zunächst viel diskutierten Genderfragen. Das eigentliche Thema ist die Frage nach einer Identität, die dem Tod standhält. Natürlich klingt die auch an, wenn Carla als Engelbert geboren wurde und einen Penis hat. Aber Maia als intensive Beobachterin hält Distanz. Ihr Thema ist die Frage, wer sie ist, welche Bedeutung sie hat. Mit dem Tod einer Nachbarin wird die existentiell virulent.

Mit der Frage nach dem Tod in aktueller Kinder- und Jugendliteratur habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt[5], das Manuskript war abgeschlossen, bevor ich Papierklavier lesen konnte. Die folgenden Überlegungen bilden dazu also eine Art Nachtrag aus aktuellem Anlass.

Innovativ inszenierte Rollenprosa

Die zugehörige Geschichte – Papierklavier ist innovativ inszenierte Rollenprosa, Text und Zeichnungen imaginieren das Tagebuch der 16jährigen Maia und begleiten sie durch wenige Tage ihres Lebens – ist rasch erzählt. Oma Sieglinde ist gestorben, sie war „für uns alle ein bisschen wie eine richtige Oma“. Im Tagebuch zeichnet, beschreibt und reflektiert Maia die nächsten Tage. Maia und ihre beiden Schwestern leben mit der alleinerziehenden Mutter in prekären Verhältnissen. Die Töchter haben drei verschiedene Väter, ihnen zuliebe hat die Mutter ein Studium abgebrochen. Oma Sieglinde, die Nachbarin, hat sich der Kinder angenommen. Besonders zu Heidi, der kleinen Schwester, bestand eine intensive Beziehung. Heidi durfte das „Zebra“, Oma Sieglindes Flügel, benutzen und wünscht sich Klavierunterricht. Der ist unerreichbar, viel zu teuer. Heidi „klimpert“ auf „aufgemalten Tasten …, wenn man es so nennen will“, dem titelgebenden Papierklavier. Maia geht zur Schule und jobbt, viel Zeit für sich und die Pflege von Freundschaften, gar Beziehungen hat sie nicht.

Mit dem Tod stellt sich die Frage nach der Beziehungsqualität. Oma Sieglinde war ja eben keine richtige Oma. Oder doch? Echt oder nicht, richtig oder falsch, die Suche nach einer Antwort ist nichts anderes als eine Identitätsfrage. Die betrifft zunächst Oma Sieglinde und ihr Verhältnis zu Maia und ihrer Familie. War sie für die wohlhabende „Oma“ nur ein „Sozialprojekt“ – oder war da mehr? Bei der Beerdigung und unter vielen „auffallend gut“ gekleideten Leuten kommen Maia Zweifel: „kannten wir Oma Sieglinde denn wirklich?“

Bilder des Todes

Die Frage stellt sich ganz konkret. Was bleibt außer einem leblosen Körper? Die zugehörige Tagebuchzeichnung von Anna Gusella entfaltet einen eigenständigen Diskurs. Mit zwei Farben, hellgrün und schwarz, werden da ineinander gezeichnete Assoziationen imaginiert: Das Mermaiding, zu dem Oma Sieglinde mit Maia einmal gegangen ist, bildet den hellgrünen Hintergrund. Im Vordergrund Bilder des Todes: Tränen, ein wegfliegender Vogel, eine Treppe ins Nirgendwo. Rechts oben ein Doppelpfeil, der eine Verbindung zum fröhlichen Hintergrund herstellt und mit „HEAVEN“ beschriftet ist. Ein anderer Pfeil führt zu einer endenden Fluglinie eines Pingpong-Balls. Die Fragen nach Ende oder Neubeginn werden hier ebenso ins Spiel gebracht wie ein Ort des Erinnerns, nicht linear und mit klarem Ergebnis, sondern visuell und in großer Offenheit.

Obwohl sie talentiert ist, gelingt es Maia nicht, „Oma Sieglinde zu zeichnen“ und „sie auf dem Papier wieder lebendig werden zu lassen.“ So wird der Himmel (HEAVEN) zu einer Option, die schwer zu lokalisieren ist, weil sie die Wahrnehmungsebenen unterbricht. So eine explizite Bezugnahme auf einen Jenseitsort, der ganz klar Resonanzen der christlichen religiösen Tradition aufnimmt, ist angesichts der von mir untersuchten Kinder- und Jugendliteratur in dieser literarästhetischen Qualität einzigartig. Die Verbindung von Tod und Himmel spielt – außer in plump katechetisierenden, ästhetisch und inhaltlich wenig anregenden Werken – hier nämlich keine Rolle. Wohl aber in Papierklavier. Und diese Erzählung kombiniert die Frage nach dem Tod mit der nach dem richtigen Leben. Maia, präzise und ohne Wertung beobachtend, rackert sich in ihrem Job ab, um Heidi die ersehnten Klavierstunden zu ermöglichen!

Lebensort

In Sachen Tod nimmt das Buch weitere Möglichkeiten in den Blick. Natürlich ist die alte Dame „ein Festmahl für allerhand Tiere und Bakterien“, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit und Heidi schon gar nicht zuzumuten. Da braucht es andere Erzählungen. Maia vermutet mit ihr, dass die Musik, das Klavier für sie ein Lebensort sein könnte. Und, vielleicht, unerkannt, ist sie auch da „und lacht, weil alle denken dass sie da drin [im Grab] liegt, obwohl sie doch in Wahrheit zum Bäcker geht und ein bisschen Brotduft schnuppert“. Theologisch interessierten Leser:innen darf dabei der Brotduft als Erinnerungsort durchaus auffallen: eine Resonanz eucharistischer Symbolik.

In Nachtgesichtern kann Maia den Tod auch personifizieren. Dann sitzt er auf der Couch, trinkt Whiskey und raucht „dicke, fette Zigarren“. Aber seine Macht ist gebrochen. Er ist eine lächerliche Gestalt. „Bestimmt tanzt Oma Sieglinde hin und wieder mit ihm Tango und tadelt ihn, wenn ihm ein Furz entwischt.“

Am Ende bleibt etwas Immaterielles von Oma Sieglinde, aber das auf paradoxe Weise ganz konkret. Sie hat – leider – nicht das Zebra an Heidi vererbt, sondern „die Rechte an einem Musikstück“. Wann immer es irgendwo aufgeführt wird, „bekommen wir Geld dafür“. Die flüchtige Musik wird zum Begegnungsort einer besonderen Ewigkeit. Denn das Zebra und die Musik, die man mit ihm machen kann, sind nichts anderes als der „Speicher für Oma Sieglindes ganzes Leben“. Was für ein Gedanke!

Transzendenzimagination at its best

Es bleibt nicht beim Diskurs von Möglichkeiten – und bereits die halten den Himmel ja offen. Denn am Ende steht fest: Oma Sieglinde bleibt überraschend (das „war“ in „war immer für eine Überraschung gut“ ist durchgestrichen und durch ein „ist“ ersetzt). Sie bleibt – ohne dass das konkret weiter ausgeführt werden muss, sondern vage bleiben darf. Aber eben dieses Bleiben hat Auswirkungen auf die Identitätsfrage: „Wir waren mehr als ihr Sozialprojekt. Wir waren ein bisschen wie richtige Enkelkinder für sie.“

Die zugehörige Zeichnung arbeitet abermals mit zwei Ebenen. Die grüne Ebene zeigt die Silhouette einer alten Dame mit ausgestreckten Händen. Die schwarze Ebene zeigt andere Menschen, die ihr die Hand entgegenstrecken. Wissen und Glauben vagheitsverschränkt. Transzendenzimagination at its best!

Kein Blues. Eher Ragtime. Und vielleicht sogar ein bisschen Halleluja.

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Prof. Dr. Markus Tomberg ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda.

[1] Elisabeth Steinkellner / Anna Gusella, Papierklavier, Weinheim/Basel 2020; da die Seiten nicht paginiert sind, zitiere ich ohne Seitenangabe.

[2] https://www.ksta.de/kultur/eklat-um-buchpreis-der-bischoefe-keine-ehrung-fuer-transgender-38365756.

[3] DLF https://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2021/05/10/ute_wegmann_zur_absage_des_katholischen_kinder_und_dlf_20210510_1611_a9bbd3aa.mp3 , FAZ https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/katholischer-kinderbuchpreis-wird-nicht-vergeben-17335078.html , SZ https://www.sueddeutsche.de/kultur/katholischer-kinderbuchpreis-nicht-vergeben-papierklavier-1.5292394.

[4] vgl. z.B. hier: https://www.deutschlandfunkkultur.de/katholischer-kinder-und-jugendbuchpreis-abgesagt-die-kirche.1013.de.html?dram:article_id=497441) und Kirche (https://twitter.com/ckjbuchpreis.

[5] Markus Tomberg, An diesem Ort war alles anders. Religionspädagogisch interessierte Lektüren von Kinder- und Jugendbüchern zu Sterben, Tod und Trauer aus den Jahren 2017-2020, FHSS 62, Würzburg 2021.

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