Wer kümmert sich um uns?

Schulpastoral

Nicht nur Kinder und Jugendliche, auch Lehrpersonen waren und sind durch die Pandemie und deren Folgen für die Schulen zusätzlich belastet. Welche Rolle die Schulpastoral in dieser Situation übernehmen könnte, beleuchtet Simone Birkel.

Vieles ist bereits über die vergessenen, vernachlässigten und übersehenen pastoralen Zielgruppen geschrieben worden. Aus schulpastoraler Perspektive stehen zurecht zuallererst die Kinder und Jugendlichen als Corona-Verlierer:innen im Mittelpunkt. Es lohnt sich aber, auch einen Blick auf die Lehrer:innen als Zielgruppe von Schulpastoral zu werfen.

Schon vor der Pandemie wurden psychische und psychosomatische Erkrankungen bei Lehrer:innen häufiger festgestellt als bei anderen Erwerbstätigen. Diagnostiziert wurden beispielsweise vermehrte Anteile von „Erschöpfung und Müdigkeit, Kopfschmerzen, Angespanntheit, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, innere Unruhe oder erhöhte Reizbarkeit.“[1] Der Lehrberuf gehört damit zu einer anstrengenden und belastenden Tätigkeit. Die Herausforderungen liegen in den unterschiedlichsten Bereichen: Sehr häufig spielt das Thema der mangelnden Wertschätzung eine Rolle. Spätestens seit dem Homeschooling ihrer Kinder erahnen viele Eltern, wie herausfordernd es sein kann, wissensdurstigen und quirligen Kindern Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens beizubringen oder für vor sich hinbrütende, für nichts ansprechbare Teenager sinnstiftende und motivierende Themen zielgruppengerecht aufzubereiten.

eine ganze Bandbreite von sorgenden, beratenden, nachgehenden und administrativen Tätigkeiten

Mit dem pädagogischen Auftrag der Lehrer:innen ist eine ganze Bandbreite von sorgenden, beratenden, nachgehenden und administrativen Tätigkeiten verbunden. Wer schon einmal eine simple Klassenfahrt für 30 Schüler:innen organisiert hat, weiß, welche Vielzahl an wirtschaftlichen, sozialen, gruppendynamischen, versicherungstechnischen und rechenschaftspflichtigen Dingen hierfür geklärt werden müssen. Daneben sind die Rahmenbedingungen in den Schulen häufig per se belastend. Zu oft ist der Personalschlüssel sehr eng, Ausfälle müssen von allen durch zahlreiche Vertretungsstunden ausgeglichen werden. Nicht selten scheuen Lehrer:innen aus Rücksicht gegenüber dem Kollegium den Gang zu medizinischem Fachpersonal. An den Schulen selbst gibt es oftmals wenig Rückzugsmöglichkeiten. Die Pausen, auch die digitalen, sind gefüllt mit Schüler:innengesprächen oder Absprachen mit Kolleg:innen, eigene Ruhe- und Rückzugsräume zum ungestörten Arbeiten gibt es selten. Und schließlich ist noch der Bereich der persönlichkeitsbezogenen Ansprüche zu nennen. Häufig stehen Lehrer:innen hier zwischen allen Stühlen. Sie wollen ihre Schüler:innen durchaus in vielerlei Hinsicht unterstützen, wollen aber auch von Schulleitung und Eltern anerkannt und als kompetent erfahren werden.

Die COVID-19-Pandemie wirkt wie ein Brennglas.

Wie in vielen anderen Bereichen wirkt die COVID-19-Pandemie wie ein Brennglas und lässt Defizite deutlicher als je zuvor zutage treten. Lehrer:innen sind seit dem Lockdown mit einer Vielzahl an zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert:

  • Ungenügende technische Ausstattung der Schulen: Auch nach über einem Jahr Fernunterricht ist an vielen Schulen weder eine vernünftige Geräteausstattung noch eine arbeitsfähige Netzabdeckung vorhanden. Engagierte Lehrer:innen haben sich selbst mit Laptops, Dokumentenkameras, Tablets etc. ausgestattet und bestreiten damit guten Unterricht, wohingegen sich technisch weniger versierte Lehrer:innen an den schlechten Zugangsvoraussetzungen der Schulplattformen abmühen. Das führt nicht selten zu Frustration, Leistungsverweigerung oder innerer Kündigung.
  • Verwirrende, widersprüchliche, kontraproduktive und äußerst kurzfristig veranlasste politischen Rahmenbedingungen und Vorgaben: In Bayern wurde beispielsweise eine Woche Ferien zugunsten der Stoffaufarbeitung gestrichen und es wurde nach dem ersten Halbjahr nahtlos weitergearbeitet. Sowohl Lehrer:innen als auch Schüler:innen hat dieses angeordnete Durcharbeiten viel abverlangt. Auch die Regelung, am Freitagmittag aufgrund der Inzidenzahlen zu entscheiden, ob am Montag, Fern-, Wechsel- oder Präsenzunterricht stattfinden wird, treibt das Stresslevel in ungeahnte Höhen. Guter Unterricht ist aufwändig, pädagogische Konzepte lassen sich nicht auf Knopfdruck von präsent auf digital oder umgekehrt umstellen. Nicht wenige Lehrer:innen pendeln zwischen heimischem Schreibtisch mit funktionierender Technik und schulischem Klassenzimmer mit den Schüler:innen in der Regel- oder Notbetreuung.
  • Doppelbelastung durch die Betreuung von Familienangehörigen: Generell hat sich im Lockdown für Eltern die Kinderbetreuungszeit verdoppelt. Während jedoch die der Männer von zwei auf vier Stunden anstieg, lag bzw. liegt die Kinderbetreuungszeit von Frauen mit 7,5 Stunden fast doppelt so hoch wie die der Männer.[2] Lehrerinnen, die häufig aus familiären Gründen den vermeintlich familienfreundlichen Lehrberuf ergriffen haben, werden aufgerieben zwischen Kinderbetreuung, Pflege von Familienangehörigen, erhöhten beruflichen Anforderungen und der Haushaltsführung. Besonders gefordert sind hier Alleinerziehende, die in der Mehrzahl wiederum Frauen sind.
  • Ausblenden erster Überforderungsanzeichen: Da viele engagierte Lehrer:innen persönlichkeitsbedingt daran gewohnt sind, Bestleistungen in vielerlei Hinsicht erfüllen zu wollen, wird körperlichen Signalen, die die Belastungsgrenzen anzeigen, oftmals zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht selten sind es dann aufmerksame Schulleitungen, die Lehrkräften Pausen verordnen, da sie sich nicht leisten können, dass motivierte Lehrer:innen dann über einen längeren Zeitraum aufgrund schwerwiegend verfestigter Krankheiten ausfallen.

Bedeutung schulpastoraler Begleitung

Die Problemanzeige von überarbeiteten, wenig wertgeschätzten und aus dem Blickfeld geratenen Lehrkräften lässt die Bedeutung schulpastoraler Begleitung in den Vordergrund rücken. Aus schulpastoraler Perspektive sind derzeit – neben den nach wie vor notwendigen Angeboten für Schüler:innen – folgende Aspekte in den Fokus zu nehmen:

Die Dinge beim Namen nennen

Erschöpfung und Konzentrationsprobleme, Schlaf-und Essstörungen oder psychosomatische Auffälligkeiten sind Alarmzeichen. Lehrer:innen brauchen Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Pausen, gute Arbeitsbedingungen und funktionierende Arbeitsgeräte. Darauf in der Funktion als schulpastorale:r Mitarbeiter:in hinzuweisen ist eine Notwendigkeit, die sich vor allem auch in der Definition von Schulpastoral widerspiegelt. Schulpastoral leistet nicht nur spirituelle Begleitung, sondern sie will gelingendes Leben für alle in der Schule Beteiligten ermöglichen.[3] Dazu gehören neben den Schüler:innen, den Eltern, den Mitarbeiter:innen in der Verwaltung eben auch die Lehrer:innen. Doch nur an den wenigsten Schulen ist eine spezifische Beauftragung und Freistellung für eine schulpastorale Begleitung gegeben. Nicht selten übernehmen engagierte Religionslehrer:innen einzelne Bereiche der Schulpastoral. Diese sind jedoch durch ihre Doppelrolle als Mitglied des Kollegiums und Beauftragte für schulpastorale Prozesse nicht immer in der Lage, Klartext zu sprechen. Es ist deshalb Aufgabe schulpastoraler Expert:innen zusammen mit Schulleitungen, die das möchten, ein Gesamtkonzept für eine gesundheitsförderliche Arbeit an Schulen zu erstellen.

Care-Lernpakete

Dass im Bereich Wertschätzung noch viel Luft nach oben ist, zeigen die Rückmeldungen von Lehrer:innen. Für die digitale Einheit „Schulpastoral“ im Rahmen eines Weiterbildungszertifikates wurden im Vorfeld Care-Lernpakete mit verschiedenen Utensilien zu individuellen Ritualgestaltungen verschickt. Darin befanden sich Tees, Schokolade oder ein Entspannungsbad mit entsprechend angeleiteten Ritualen zu Rubriken wie z.B. »Gutes Leben« oder »Der Leichtigkeit nachspüren«. Das Feedback der Lehrer:innen war einhellig: Endlich kümmert sich jemand um uns!

Gesundheitskultur an den Schulen entwickeln

Nicht nur Schüler:innen sind hinsichtlich ihres Stresslevels zu befragen, sondern auch Lehrer:innen und Schulleitungen sollten regelmäßig dazu aufgefordert werden. So entwickeln sie ein Gefühl für Selbstfürsorge und werden achtsam gegenüber sich selbst sowie gegenüber Kolleg:innen und Schüler:innen. Pausen, Ruhezeiten und Regenerationsmöglichkeiten können in Form von Ritualen oder räumlichen Voraussetzungen wie z.B. individuellen Rückzugsmöglichkeiten im Schulgelände unterstützt werden. Eine professionelle Beratung durch Gesundheitscoaches entlastet die Schulleitung und macht Forderungen gegenüber den Schulträgern transparent und plausibel. Die oben erwähnten Care-Aufgaben für Lehrer:innen sind nicht automatisch den derzeit ohnehin überlasteten Schulleitungen zuzumuten, hier sollte eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung greifen.

Partizipation und Teamarbeit ermöglichen

Was in reformpädagogisch orientierten Schulen oder auch in skandinavischen Ländern längst erfolgreich eingeführt ist, sind entsprechend zusammengesetzte Teams in den jeweiligen Klassenverbänden. Diese teilen sich die erwähnten pädagogischen, fachlichen, sorgenden oder administrativen Tätigkeiten. Wenn Klassen mit Zweitkräften ausgestattet sind, reduziert dies erstens den Stresslevel der einzelnen Personen und lässt zweitens eher die Möglichkeit zu, sich bei belastenden Situationen auch mal rausziehen zu können.

Veränderung von Rahmenbedingungen

In dem Wissen, dass die Klasse auf jeden Fall betreut ist ohne, dass andere Kolleg:innen Überstunden machen müssen, fällt es bisweilen leichter, eigene Schwächen einzugestehen und sich dafür auch Hilfe zu holen. Hier wäre es kirchlicherseits wichtig, Lobbyarbeit zu betreiben und die Veränderung von Rahmenbedingungen einzufordern. Auch der Aspekt der partizipativen Mitgestaltung und der Gewährung von individuellen Freiräumen für Lehrer:innen ist bei der Transformation der Bildungslandschaft maßgeblich.

Supervision und systemisches Denken

Viele Probleme unterliegen nicht oder wenig beinflussbaren Faktoren und sind nicht selten systemimmanent. Vermutlich haben viele Eltern Einzelfälle von Lehrer:innen vor Augen, die vermeintlich „auf der faulen Haut liegen“ und die Unterrichtsgestaltung mit Minimalaufwand betreiben. Hier wäre der jeweilige Hintergrund zu eruieren. Vielleicht ist diese Form des individuellen Rückzugs auch eine Schutz-, Trotz- oder Protestreaktion auf die hohen Anforderungen an den Lehrberuf im derzeitigen System? Die Ursachen können durch einen systemischen Blick auf die Dinge und das Angebot von Supervision und Begleitung ans Tageslicht gelangen. Und diese lohnen sich auch gesamtgesellschaftlich gesehen. Engagierte, interessierte, zufriedene, zukunftsoffene und agile Lehrer:innen sind die besten Voraussetzungen dafür, um unsere Kinder und Jugendlichen dabei zu unterstützen, die Welt auch trotz Krisen zukunftsfähig zu gestalten. Eine schulpastorale Begleitung für alle Beteiligten am Lernort Schule leistet dabei höchst wertvolle Dienste für die Gesamtgesellschaft.

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Dr. Simone Birkel ist Dozentin für Jugend- und Schulpastoral an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist mitverantwortlich für den Zertifikatskurs „Nachhaltige Bildung an kirchlichen Schulen auf der Grundlage des Marchtaler Plans“. Sie ist außerdem Mitglied im Bundesvorstand von AGENDA – Forum katholischer Theologinnen e.V.

Bild: Alexandra Koch / Pixabay


[1] Vgl. Artikel „Lehrergesundheit“, online unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/170601/Lehrergesundheit.

[2] Vgl. Krohn, Philipp, Retraditionalisierung? Care-Arbeit und Geschlechterverhältnisse in der Corona-Krise, in: Bundeszentrale für politische Bildung (30.10.2020), online unter: https://www.bpb.de/apuz/care-arbeit-2020/317845/retraditionalisierung-care-arbeit-und-geschlechterverhaeltnisse-in-der-corona-krise.

[3] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Schulpastoral – der Dienst der Kirchen im Handlungsfeld Schule, Bonn 1996, online unter: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/kommissionen/KO_16.pdf.

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