Papst und Präsident

Wie sollte ein Papst die Kirche reformieren? Nicht nur der Inhalt, auch das Vorgehen bei der Erneuerung der Kirche ist für Glaubwürdigkeit und Akzeptanz entscheidend. Daniel Kosch vergleicht die Reformvorgehen von Papst Franziskus und Präsident Trump.

Wird Franziskus als «Buona Sera»-Papst in die Geschichte eingehen, der zwar eine sympathische Art hatte und einen Sinn für symbolische Gesten, aber nicht den Mut oder Willen zu wirklichen Reformen? Wäre es nicht höchste Zeit für kirchenrechtlich verbindliche Strukturreformen, damit die Spuren des Pontifikates nicht «vom Winde verweht» werden, sollte dieser unter einem nächsten Papst aus anderer Richtung wehen?

 Besser dekretieren als diskutieren?

An diese immer wieder gestellten Fragen muss ich denken, wenn ich lese und höre, wie der neue amerikanische Präsident mit atemberaubender und besorgniserregender Geschwindigkeit ein Dekret um das andere erlässt – und dabei nicht nur das Erbe seines Vorgängers zunichte zu machen versucht, sondern auch wenig Respekt für Menschenrechte und andere Errungenschaften der amerikanischen Demokratie erkennen lässt. Wäre es wünschenswert, wenn Franziskus sich diesbezüglich von Trump inspirieren liesse (natürlich nur was das Vorgehen, nicht was den Inhalt betrifft), frei nach dem Motto: «Besser dekretieren als diskutieren»? Der Vergleich zwischen Papst und Präsident ist interessant. Aber ich ziehe daraus andere Schlüsse.

Checks and balances

Kenner des US-amerikanischen Systems machen bereits darauf aufmerksam, dass der Präsident zwar alles Mögliche dekretieren kann, aber damit im Parlament und bei den Gerichten auflaufen wird, wenn seine Absichten nicht rechtskonform, nicht mehrheitsfähig oder nicht finanzierbar sind. Zwar hat der Präsident eine starke Stellung, aber «checks and balances» sorgen dafür, dass keineswegs alles so geschieht, wie er es möchte. Das habe ich zu Obamas Zeiten manchmal bedauert, z. B. wenn er sich der Waffenlobby beugen musste. Aber angesichts eines unberechenbaren Präsidenten schätze ich die Stärken dieses Systems wieder mehr.

Oberster Gesetzgeber und oberster Richter

Würde der Papst nach der Art von Trump dekretieren, hätte er dessen Probleme mit dem Parlament und den Gerichten nicht. Denn er ist oberster Gesetzgeber und oberster Richter. Aber er würde die Polarisierung innerhalb der Kirche noch weiter verschärfen. Vor allem aber würde er das Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Neuen Testaments und seine eigene Vision von Kirche verraten: Die Kirche als Volk Gottes, als synodale Gemeinschaft, in der «auch die Herde einen eigenen ‚Spürsinn’ besitzt, um neue Wege zu erkennen, die der Herr für die Kirche erschliesst». So mühsam das «gemeinsame Gehen» (so der Wortsinn von ‚Synode’, bestehend aus ‚syn’ = ‚gemeinsam’ und ‚hodos’ = ‚Weg’) ist, so unverzichtbar ist es.

Würde der Papst seine Rolle als oberster Gesetzgeber und oberster Richter zugunsten fortschrittlich wirkender, aber im Vorgehen absolutistisch angeordneter Reformen ausüben, bestünde zudem die Gefahr, dass ein nächster oder übernächster Papst ein gegenteiliges Dekret erliesse, wie wir es gerade in den USA erleben.

Neuausrichtung des Papsttums

Für die «Neuausrichtung des Papsttums» (Johannes-Paul II.) und eine Kirchenreform im Sinne der Bibel und des Konzils braucht es m. E. gerade nicht «mehr Mut zum Dekretieren». An einsamen, nicht abgestützten Dekreten mangelt es in der Kirche nicht.

Nötig wäre der Mut, die Macht zu teilen und eine im Evangelium verwurzelte Rechtsordnung zu schaffen, die fundamentale Prinzipien festlegt, welche auch den «obersten Gesetzgeber und Richter» in die Pflicht nehmen und die von jedem Gläubigen, aber auch von kirchlichen Einrichtungen und Gemeinschaften mittels transparenter Verfahren angerufen und eingefordert werden können.

Heilsame Dezentralisierung

Eine solche Selbstbeschränkung kirchlicher Amtsgewalt «autoritär» zu verordnen, wäre ein Widerspruch in sich. Nötig ist ein Prozess «heilsamer Dezentralisierung» (Franziskus), der allerdings tatsächlich zu einer Transformation des Kirchenrechts führen muss. Wie weit Papst Franziskus und die für die Kurienreform zuständigen Instanzen auf diesem Weg sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber auch wenn man auf diesem Weg noch weniger weit ist, als viele es sich in unseren Breitengraden wünschten, ist mir eine Kirchenreform «à la Franziskus» lieber als ein Leitungsstil, der das Dekretieren dem «synodalen» Ringen um den gemeinsamen Weg vorzieht.


Daniel Kosch, Dr. theol, ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz und bloggt regelmässig auf kath.ch.

Bild: Patryk Gradys, unsplash.com

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