Mehr Werte – um Himmels willen!

Welches Risiko geht der Glaube ein, wenn er vor allem als Moral in Erscheinung tritt? Wie müsste religiöse Rede tönen, um sich treu zu bleiben? Jürgen Werbick denkt über die These von Hans Joas nach: Kirche als Moralagentur…

Wenn Rücksichtslosigkeit und Hass in die Politik eindringen und der gesellschaftliche Frieden bedroht ist, wenn Zynismus zum guten Ton gehört, wenn öffentliche Verantwortungslosigkeit ins Auge springt – dann stimmt etwas nicht mit unseren Werten. Sie werden missachtet, nicht mehr vermittelt, sie fehlen – jedenfalls so sehr, dass man sie im öffentlichen Leben oft schmerzlich vermisst und empört einfordert. Die Kirchen und der Religionsunterricht – die werden in solcher Lage gerufen, sie sollen Verantwortung übernehmen mit den Werten, für die sie stehen und über die sie offenbar disponieren können.

Aber halt: Hat man die Moralapostel(innen) aus den Kirchen nicht satt, die besten Gewissens die hehre Gesinnung verkünden und alle anderen schlecht aussehen lassen, zumindest solange, bis man sich den kirchlichen Betrieb selbst genauer anschaut? Sollten die moralisch vielfach diskreditierten Kirchen sich nicht im eigenen Interesse aus den gesellschaftlichen Wertedebatten heraushalten, eine Zeitlang zuhören und lernen, ehe sie wieder vom hohen Ross zu lehren anfangen?

Kirche als Moralagentur? Das hört sich nicht gut an. Hans Joas hat mit seinem Buch (Kösel Verlag, 2016) auch alles andere im Sinn, als den Kirchen dieses Profil zu empfehlen. Er äußert vielmehr den Verdacht, die Inanspruchnahme (sozial-) moralischer Kompetenz durch die Kirchen sei eher „eine Rechtfertigungsformel für ihre Daseinsberechtigung und für staatliche Subventionierung“ (Joas, 63). Im Blick auf das typisch deutsche Verhältnis von Staat und Kirchen könne man gar von einem „Deal“ sprechen, „der institutionelle Anerkennung im Austausch gegen Selbstbeschränkung aufs Moralische bietet“ (ebd., 64). Den Kirchen scheint diese Selbstbeschränkung gerade recht zu kommen. Nicht nur für die EKD-Kirchen könnte die Diagnose zutreffen, sie wollten „spirituelle Auszehrung“ und den damit verbundenen religiösen Bedeutungsverlust „durch Präsenz in den politischen und ethischen Debatten … kompensieren“ (ebd., 69 mit Berufung auf Johannes Fischer).

Spirituelle Auszehrung?

Was ist dran an diesem Verdacht, Kirchenleute wollten den Verlust an „spiritueller“ Kompetenz mit einer fragwürdigen Moralkompetenz gesellschaftlich wettmachen? Es spricht viel dafür, dass sich spirituell Interessierte eher außerhalb des kirchlichen Angebots bedienen, allenfalls das „Importgut“ aus anderen religiös-spirituellen Traditionen mitnehmen oder eben das, was man mithilfe dieser importierten religiösen Ressourcen an der eigenen Tradition neu schätzen lernte – die Mystik etwa und das, was man dafür hält. Eine „autochthone“ religiös-spirituelle Kompetenz traut man den Kirchen immer weniger zu.

„Die Kirchen betreiben Liebesethik anstelle mühsamer, täglich neuer Güterabwägung.“

Vielleicht trauen die Kirchenleute sie sich selbst und der christlichen Überlieferung – im Geheimen – immer weniger zu. Genauer: Man traut sich immer weniger zu, mit der religiösen Kommunikation zu christlichen „Kernbeständen“ – Abendmahl, Rechtfertigungslehre, Erlösungsverständnis – über die kirchlich Engagierten hinauszukommen und gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu wecken. Das scheint allein noch durch moralische Positionierung erreichbar, und auch nur um den Preis, dass man – so die These von Hans Joas – mit einer forcierten Liebesethik die politischen Alltagsabwägungen schlecht aussehen lässt. Man stiehlt sich aus der politisch-gesellschaftlichen Gestaltungsverantwortung und verschafft denen, die sich mit den darin liegenden Ambivalenzen abquälen, ein schlechtes Gewissen, statt ihnen zu helfen, mit diesen Ambivalenzen besser umzugehen.

Verkürzte Ethik oder Auskunft über unsere Hoffnung?

Der Verdacht ist so ungerecht wie jeder Pauschalverdacht. Aber er hilft, Gefahren zu erkennen. Und diese Gefahr lautet: Glaubens-Auszehrung, zumindest Auszehrung der Glaubens-Kommunikation. Der Erste Petrusbrief trifft eine wunde Stelle: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt (in euch lebendig ist); aber antwortet mit Maß und Sorgfalt, denn ihr habt ein reines Gewissen“ – in heutiger Sprache: Ihr müsst euer schlechtes Gewissen nicht durch Großsprecherei überkompensieren (1 Petr 3,15–16). Aber wenn uns keiner mehr nach dieser Hoffnung fragt, weil keinem mehr auffällt, dass sie in uns lebendig ist? Oder weil er sie so, wie er sie „bei uns“ kennengelernt hat, eher nicht „interessant“ findet und teilen möchte?

„Wir haben kein ‚reines Gewissen’, wenn wir von unserer Hoffnung zu sprechen versuchen.“

Vielleicht sollte man den letzten bedeutsamen Sprechversuch, das von Johann Baptist Metz inspirierte Synodenbekenntnis Unsere Hoffnung, wieder zur Hand nehmen. Das hintergründig schlechte Gewissen: Man will sich nicht mit platter Jenseits-Vertröstung erwischen lassen. Heine steckt uns in den Knochen: „Den Himmel überlassen wir den Spatzen“. Aber wie ginge es dann, im Sinne Jesu von Nazaret von „unserer“ Hoffnung zu sprechen? Von der Hoffnung darauf, dass die Seligpreisungen wahr werden? Von der Entschlossenheit, ihr Wahrwerden nicht aufs Jenseits zu verschieben?

Wie ist zu sprechen davon, dass wir dem welt- und lebensgeschichtlichen Erfolg und Misserfolg nicht die Ehre antun, letzte Instanz zu sein; dass wir auf eine „Revision“ hoffen und an sie zu glauben versuchen, an Gottes Revision? Wie ist von dem Gott zu sprechen, der uns in seinem Christus vor Augen geführt und erlebbar gemacht hat, dass er keinen Menschen verloren gibt, dass deshalb niemand – für niemand – quantité négligeable sein darf und sein muss? Ist das wirklich bloße Vertröstung aufs Jenseits, weil wir‘s im Diesseits nicht aushalten?

Lassen wir uns nicht einschüchtern von diesem billigen, religiös so unmusikalischen Verdacht! Denn es geht ums Ganze, wenn es darum geht, die Hoffnung zu entdecken, die in uns rumort und darauf wartet, lebendig zu werden: die Hoffnung darauf, dass das Leben nicht verlorengegeben werden muss, die Hoffnung auf erfülltes Leben jetzt; und die Hoffnung darauf, dass im Jetzt anfängt, was nicht aufhört anzufangen. Die Hoffnung wird lebendig, sie bleibt lebendig, wenn sie sich von dem, was gegen sie spricht, nicht kleinreden und austreiben lässt; wenn glaubende und ums Glaubenkönnen ringende Menschen nicht verlorengeben, was sie erhoffen und als der „großen“ Hoffnung wert erlebt haben.

Moral im Dienst der Hoffnung

Nicht verlorengeben, was ich als wertvoll erfahre, als das Anfangen eines Lebens in Fülle (vgl. Joh 10,10); die Anfänge schützen wollen, die sich als unbedingt schützenswert ausweisen lassen, und nicht verlorengeben, was vielfach nur noch ausgebeutet und dem Streben nach kurzfristigem Gewinn preisgegeben wird: Das ist auch eine Moral! Es ist die Moral im Dienst und in der Perspektive der Hoffnung auf ein Leben in Fülle, die man als Christ(in) nicht verloren gibt, weil zuletzt Gott dafür einsteht, dass sie sich erfüllt; weil jede und jeder herausgefordert ist, mit ihm dafür einzustehen, dass sie nicht ins Leere geht. So herum gehören Glaube und Moral doch zusammen: dass die Hoffnung des Glaubens die Perspektive öffnet, Menschen zu ermutigen, ihr verantwortliches Handeln als Weg zu einem Gott-erfüllten Leben zu glauben.

„Kirchliche Moralpredigt taucht dort auf, wo man sich nicht ans Unfassbare der Hoffnung traut.“

Schnell wird das Reden hier abstrakt und klingt es „abgehoben“. Davor haben Kirchenleute Angst wie der Teufel vor dem Weihwasser. So werden sie lieber schnell konkret, landen sie da, wo es etwas zu verbieten oder den moralischen Zeigefinger zu erheben gilt. Aber wenn es so konkret wird, in Lehrtexten und Predigten, schnürt es einem – auch nach der Implosion der kirchlichen Sexualmoral – die Luft ab: Ja, ihr habt ja irgendwo Recht. Aber das überfordert uns; ist zu anspruchsvoll, macht uns hilflos, bedroht uns mit dem schlechten Gewissen darüber, dass wir es uns letztlich doch „kleiner“, alltags-lebens-dienlicher passend machen – und irgendwie wissen, dass wir uns da drücken. Kirchliche Moralpredigt erwischt uns, die Halbherzigen. Aber dass wir halbherzig sind, wissen wir selbst gut genug! Dabei müsst ihr uns nicht erwischen wollen und schlecht aussehen lassen… Man mag diese Reaktion sympathisch finden oder verurteilen: Sie erklärt die Areopag-Geste – „Darüber wollen wir euch ein andermal hören“! –, mit der sich die Aufmerksamkeit von kirchlichem Reden so regelmäßig abwendet. Man fühlt sich nicht gern getroffen und zugleich hilflos, weil die Moral mindestens eine Nummer zu groß daherkommt.

Über das Machbare hinausdenken und hinausfühlen

Eine gute und frohe Botschaft würde sich anders anhören. Nur: trauen sich die Kirchen diese überhaupt noch zu? Oder schämen sie sich ihrer Hoffnung, weil auch die mindestens eine Nummer zu groß ist? Man darf sich der Bilder nicht schämen für eine Hoffnung, die größer ist als es die Hermeneutik des religionskritischen Verdachts erlaubt. Sie sind – immer unter Illusionsverdacht – die Platzhalter für das Unvorstellbare, das mit jedem menschlichen Leben angefangen hat und in ihm lebendig werden will, noch über das hinaus, was zwischen Geburt und Tod Platz hat. Aber schon zwischen Geburt und Tod, in den schwer erträglichen Ambivalenzen unseres Alltagslebens, kommt das unvorstellbare Geschenk eines guten Willens hie und da vor. Da werden Menschen zu Zeugen des guten Willens, der mehr will, als in diesen Ambivalenzen Platz zu haben scheint. Man freut sich darüber von Herzen, wenn einem das begegnet, gerade auch in den Kirchen. Und vielleicht auch Hoffnung darauf schöpfen lässt, dass das die „Richtung“ ist, in der wir unterwegs sind. Und dann geht es doch wieder zurück in die elenden Zwiespältigkeiten, in denen dieser gute Wille sich einfügen muss in das Leistbare, es etwas dehnen und erweitern und „beseelen“, aber nicht sprengen kann.

So mindestens wären die Kirchen doch moralisch gefordert: dass man in ihnen und von ihnen den Mut lernt, ein wenig hinauszudenken und hinauszufühlen über die Grenzen des gesellschaftlich und mitmenschlich Leistbaren und Verpflichtenden. Diese Grenzen ein wenig dehnen und die Hoffnung darauf stärken, dass mehr Menschlichkeit möglich wird, wenn man die Menschenliebe in den mitmenschlichen, gesellschaftlichen und politischen Konflikt- und Entscheidungssituationen mitsprechen lässt: Das wäre schon nicht wenig. Gerade nicht der Rückzug von der Verantwortungs- auf reine Gesinnungsethik, dem Joas mit guten Gründen kritisch gegenübersteht, sondern die Ausweitung und „Anreicherung“ des Verantwortungs- und Hoffnungshorizonts. Dafür dürften Kirchen und Theologien moralisch werden.


Der Fundamentaltheologe Jürgen Werbick ist emeritierter Professor der Universität Münster. In zahlreichen Veröffentlichungen hat er sich mit den zentralen Fragen des christlichen Glaubens auseinandergesetzt. Sein Anliegen ist eine Theologie, die den Anforderungen konkreter Gottesrede in Pastoral und Alltag Stand hält. 

Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

 

 

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