Phantombild Gott

„Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott“, so beginnt das Johannesevangelium.  Jesus, der Sohn Gottes, ist dieses Wort, der Logos. Manchmal kommt mir jedoch der Verdacht: Wenn die Bibel heute geschrieben würde, stünde dort „Im Anfang war das Bild“. Ein Beitrag von Elisabeth Birnbaum.

Wer heutzutage kommuniziert, tut dies mit Bildern. Urlaubsfotos werden gepostet, Snapchat und Instagram senden Bilder mit maximal drei Worten Erklärungstext. Und sogar in ehemals rein textbezogenen Medien wie E-mails werden Emojis eingefügt, statt die eigene Stimmung zu beschreiben – ein Bild sagt mehr als tausend Worte – kurz, prägnant, auf den Punkt gebracht. Aber auf welchen Punkt?

Lässt sich etwas so Komplexes wie die eigene Gefühlswelt, für die manche Dichter einen ganzen Roman benötigen, in ein Emoji pressen? Und noch schwieriger: Lässt sich der biblische Gott in ein Bild pressen?

Du sollst dir kein Kultbild machen …

Wort gegen Bild

„Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ (Ex 20,4). Das wird im Buch Exodus geboten. Das Buch Deuteronomium verschärft das noch: Der „Sprache“ Gottes, die vom Menschen gehört werden kann, steht sein Bild, das nicht gesehen werden kann, gegenüber: „Eine Stimme, Worte habt ihr gehört, eine Gestalt habt ihr nicht gesehen, nur Donnerstimme war da. … Lauft nicht in euer Verderben und macht euch kein Kultbild, das irgendetwas darstellt …“ (Dtn 4,12.16).  Seither flammt die Diskussion darum immer wieder auf, ob an diesen Stellen lediglich ein Verbot von Götzenbildern oder ein generelles Verbot von Abbildungen des Göttlichen gemeint war. Letzteres zeitigte seine bekannten Folgen in den Bilderstreits in byzantinischer und reformatorischer Zeit.

Alt und weißbärtig?

Stereotype Gottesdarstellung

Die Bilderfreunde sind geblieben. Seither wird Gott oft auf einige wenige Bildmotive reduziert. Große Kunstwerke wurden geschaffen, die Gott ins Bild bringen. Und die meisten davon zeigen ihn als weißbärtigen alten Mann im fließenden Gewand, ganz oben im Bild, höchstens noch mit einer Taube über ihm. Während Darstellungen von Christus eine gewisse Bandbreite aufweisen, bleibt Gott Vater (was genau genommen ebenfalls schon ein Sprachbild ist) bildlich durchaus stereotyp.

Im Film „Jesus liebt mich“ (Deutschland 2012) gibt es dazu eine bezeichnende Szene: Gott möchte mit einer jungen Frau, die den wiedergekehrten Jesus liebt, persönlich reden. Er überlässt ihr die Wahl, in welcher Gestalt er erscheinen soll. Dazu wirft er ihr ein Kinderklappbuch herunter: eines jener Bücher, das jede Seite dreifach waagrecht unterteilt, sodass man Kopf, Oberkörper und Beine immer neu zusammenstellen kann. Die junge Frau überlegt ein wenig – und wählt dann zur großen Enttäuschung Gottes das gewohnte Bild eines alten Mannes mit Bart und fließendem Gewand.

Nicht nur ist Gott weiterhin männlich – er ist auch weiß.

Neue Gottesbilder?

Vor rund einem Jahr wurde jedoch eine Befragung veröffentlicht, wie sich in Amerika die Menschen heute Gott vorstellen.[1] Die befragten Personen mussten sich schrittweise immer wieder zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden, etwa: weißhäutig oder schwarzhäutig, gelockte Haare oder glatte Haare und so weiter. Mittels der Antworten wurde ein Phantombild von Gott entworfen. Und siehe da: Mag es dem Jugendkult geschuldet sein oder nicht: Heraus kam das Bild eines relativ jungen (!) und bartlosen (!) Mannes. Traditionell entschieden sich die Befragungsteilnehmer/innen aber dann in einer anderen Frage: Nicht nur ist Gott weiterhin männlich – er ist auch weiß.

Das scheint Xenophanes recht zu geben, der ja in seiner fundamentalen Religionskritik gerade darauf abzielt, dass das Gottesbild mehr über den Ersteller selbst als über Gott aussagt. „Doch wenn die Ochsen, Pferde und Löwen Hände hätten oder mit ihren Händen malen könnten und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Pferde rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper skulptieren, wie jede Art gerade selbst das Aussehen hätte.“[2]

‚Und wer hat Gott geschaffen?‘ ‚Du‘!

Gottesbilder und Gotteskonzepte

Darüber hinaus formen Bilder im Kopf auch Konzepte. Hinter einem bestimmten Gottesbild entwickelt sich ein bestimmtes Konzept von Gott. Wenn dieses verabsolutiert wird, kann es Gott nicht mehr gerecht werden. Anthony de Mello gießt dieses Problem in eine Geschichte, in der ein sehr eng denkender Priester den Meister fragt: „‚Glaubst du, dass es einen Gott gibt?‘ – ‚Natürlich glaube ich das‘, sagte der Meister. ‚Und dass er alles geschaffen hat, glaubst du das?‘ ‚Ja, ja‘, sagte der Meister, ‚bestimmt glaube ich das.‘ ‚Und wer hat Gott geschaffen?‘ ‚Du‘, erwiderte der Meister. Der Prediger schaute ihn entgeistert an. ‚Willst du mir im Ernst erzählen, dass ich Gott geschaffen habe?‘ ‚Den, über den du ständig nachdenkst und sprichst – ja!‘, sagte der Meister ruhig.“[3]

Das Unsichtbare abbilden?

Das verhüllte Aussehen Gottes

Das Problem an den Abbildungen des biblischen Gottes ist gerade, dass es keine genaue Beschreibung Gottes gibt und jedes Bild ihn somit nur verfehlen kann. Jan Assmann bringt es auf den Punkt: „Da man Gott nicht abbilden kann, weil man nicht weiß wie er aussieht, weil man auch bei seiner Offenbarung nur eine Stimme gehört hat, darum ist jedes Bild automatisch ein anderer Gott.“[4]

Der biblische Gott in seiner Vielschichtigkeit dagegen wird nicht durch Bilder, sondern durch Worte beschrieben, und das in sehr vielen und unterschiedlichen Sprachbildern. Allen gemeinsam ist, dass sie auf Gottes Wirken abzielen und nicht auf sein Aussehen. Indem sie unterschiedliche Eigenschaften und Wirkweisen Gottes enthüllen, verhüllen sie das Aussehen Gottes sogar noch.

Am Beginn der Erzählung vom Garten Eden formt Gott wie ein Töpfer den Menschen aus Lehm. Liebevoll bearbeitet er ihn, bis ihm das Werk gefällt (Gen 2,7). Gleich darauf pflanzt er wie ein Gärtner den Garten Eden (Gen 2,8), er betätigt sich als leidenschaftlicher Kämpfer ebenso wie als barmherziger Vater, als fürsorgliche Hebamme wie als weiser König, als liebende Mutter wie als guter Hirt, als Bärin oder Löwin und vieles mehr.

Es müsste mehr Bilder von Gott geben!

Sich kein Bild zu machen, ist vielleicht genau deshalb ein sehr sinnvolles Gebot. Denn welches Bild könnte all diese Bilder fassen? Oder gerade im Gegenteil: Es müsste mehr, viel mehr und viel unterschiedlichere Bilder von Gott geben, Bilder von ihm in all seinen Wirkweisen – dann entstünde ein facettenreiches Spektrum, das, zusammengenommen, eine Ahnung von der Komplexität Gottes bieten könnte.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.

Bild: Luca Cambiaso, Dio Padre Benedicente, ca. 1565; pixabay

[1] https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0198745#sec007, einges. am 17. Juli 2019.

[2] Zitiert aus: Wolfgang Drechsler/ Rainer Kattel, Mensch und Gott bei Xenophanes, in: Gott und Mensch im Dialog, Festschrift für Otto Kaiser zum 80. Geburtstag, Bd. 1, Berlin/New York 2004, S. 111-129, hier: 116.

[3] Anthony de Mello, Eine Minute Unsinn. Aus dem Englischen von Robert Johna, Freiburg u.a. 21994, 101.

[4] Assmann, Jan, Was ist so schlimm an den Bildern?, in: Hans Joas (Hrsg.), Die zehn Gebote – ein widersprüchliches Erbe? Schriften des Deutschen Hygiene-Museums Dresden 5, Köln 2006, S. 17-32, hier: 24.

 

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