„Schön bist du, meine Freundin“ (Hld 1,16). Plädoyer für den Predigtdienst von Frauen und Männern in der Kirche

Der Bibliker Egbert Ballhorn spürt Möglichkeiten der Laienpredigt nach. Entgegen der Überlastung und Monopolisierung sollte stärker auf Charismen geschaut werden – und auf die Frage: Was braucht die Kirche heute?

Vor der Taufe fragte der Diakon ihn nach seinem Glauben. Der junge Mann sprach nicht nur das Glaubensbekenntnis, er trat vor die Gemeinde und sagte: „Das ist mein Glaube: Gott ist das innere Licht meines Lebens“. Ein beeindruckender Moment am Weißen Sonntag. Der Täufling war ein Mann von der Elfenbeinküste, der als Kind nach Deutschland geflüchtet war. Seine deutschen Paten, die ihn seit Jahren betreuen und die er voller Stolz seine „Eltern“ nennt, standen dabei. Hier ist jemand einen weiten Weg gegangen, und er hat eine Sprache gefunden. Und die im Gottesdienst versammelte Gemeinde hat ein Glaubenszeugnis gehört, wie sie es nicht oft vernimmt. Ein Geschenk!

In ihrer heimatlichen eigenen Kirche kann sie diesen Predigtdienst nicht leisten.

Eine andere Momentaufnahme: Im Ordinariat eines deutschen Bistums ist eine hochgeachtete und qualifizierte Theologin tätig. Immer wieder ist sie eingeladen, in ökumenischen Gottesdiensten in evangelischen Kirchen zu predigen. Dort tritt sie im Auftrag des Bischofs als authentische Vertreterin der katholischen Kirche und der katholischen Lehre auf, und ihr Zeugnis wird wahrhaft ökumenisch rezipiert: Die evangelischen und katholischen Mitfeiernden nehmen ihre Predigt mit Dankbarkeit und Freude als Beitrag zum Aufbau des Glaubens auf. Aber in ihrer heimatlichen eigenen Kirche kann sie diesen Dienst nicht leisten; nur in evangelischen Mauern kann sie ihren katholischen Glauben öffentlich verkünden und lehren.

Und eine in der Bibelpastoral tätige Theologin publiziert regelmäßig in einer Predigtzeitschrift, kann ihre eigenen Predigten jedoch niemals selbst in der Eucharistiefeier halten, könnte ihr höchstens aus dem Mund eines Priesters oder Diakons begegnen.

Um die Frage der Laienpredigt ist es still geworden.

Um die Frage der Laienpredigt ist es in den letzten Jahrzehnten still geworden. Die rechtlichen Regelungen sind getroffen: Die Verkündigung durch Laiinnen und Laien in der Eucharistiefeier ist nicht möglich. Es wird Zeit für die Katholische Kirche in unseren Breiten, dieses Feld neu zu bestellen.

Dort, wo der „normale“ Predigtdienst beheimatet ist, in der sonntäglichen Eucharistiefeier, kommen in der kirchlichen Wirklichkeit kaum je andere Menschen vor, die den Dienst an der Verkündigung des Wortes ausüben, als Priester. Nach vielen Jahrzehnten der Erfahrungen mit Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten, Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten sowie Ständigen Diakonen ist es nicht leicht zu verstehen, dass diese Vielfalt nur selten von den Gottesdienstfeiernden im Dienst am Wort erlebt wird.

Überlastung und Monopolisierung gehen Hand in Hand.

Natürlich, es gibt viele andere Orte in der Kirche, an denen authentisch mit der Bibel umgegangen wird: in der Katechese, in Bibelkreisen, in Wort-Gottes-Feiern. Aber es bleibt dabei, dass die kirchliche Öffentlichkeit, wie sie sich im eucharistischen Gottesdienst zeigt, ein eindeutiges Bild ergibt. Überlastung und Monopolisierung gehen Hand in Hand. Hier stimmen die Dinge (noch) nicht zusammen. Es wird Zeit, das in den Blick zu nehmen.

Bei den deutschen Bischöfen gibt es ernsthafte Bestrebungen, Frauen mehr Raum zu geben und auch in den Generalvikariaten Leitungsämter mit mehr Frauen zu besetzen. Aber handelt Kirche hier nicht vor allem als Verwaltungsgebilde? Und ist sie nicht mehr als das?

„Brauchen wir nicht die Bibel in der Fülle der Auslegungen?“

Gibt es nicht eine ganze Fülle von Charismen und Berufungen in der Kirche, die wir gerade in Zeiten, in denen so viel ins Schwanken gerät, bitter nötig haben? Sind sie nicht Geschenke des Heiligen Geistes? Sollte nicht stärker erfahrbar werden, dass Gottesdienst nicht das Handeln eines einzelnen Vorstehers ist, sondern das ganze Gottesvolk seinen Glauben zum Ausdruck bringt und in den Dialog mit Gott tritt?

Ich frage als Bibelwissenschaftler und aus bibelpastoraler Sicht, nicht als Kirchenrechtler oder Dogmatiker. Ich frage: Brauchen wir nicht die Bibel in der Fülle der Auslegungen?

„Können wir es uns leisten, die Hälfte der Gläubigen grundsätzlich aufgrund ihres Geschlechts vom Zeugnis ihres Glaubens auszuschließen?“

Können wir es uns leisten, die Hälfte der Gläubigen grundsätzlich aufgrund ihres Geschlechts vom Zeugnis ihres Glaubens auszuschließen? Wenn die Liturgie Quelle und Höhepunkt kirchlichen Leben ist und die Feier der sonntäglichen Eucharistie darin den vornehmsten Rang einnimmt, dann ist das auch der rechte Ort, an dem die Auslegung und Aktualisierung des Gotteswortes ihren Platz hat. Wir brauchen eine ausdrücklich gewollte, rechtlich geregelte und öffentliche Praxis der Gotteswortverkündigung, nicht nur eine Duldung heimlicher Normüberschreitungen in Einzelfällen.

„Wir müssen die Erfahrungen und Charismen in die Mitte holen, sonst bleiben sie abgekapselt und können nicht fruchtbar werden.“

Dazu gehören m. E. zwei Bausteine. Der eine besteht darin, die Möglichkeit des Glaubenszeugnisses in der gottesdienstlichen Praxis viel intensiver zu nutzen. Seit Jahrzehnten erlebe ich mit Staunen und Freude in unterschiedlichsten Bibelkreisen, in Fortbildungen und bei lectio-divina-Zusammenkünften, wie viele Frauen und Männer dazu berufen sind, das Wort Gottes zu erkennen, zu verstehen und es in seiner Gegenwartsbedeutung zu erhellen. Die Früchte ihrer Erkenntnis verbleiben aber meist in den Gruppen selbst, die aus Sicht der gemeindlichen Praxis oft als „privat“ angesehen werden. Aber brauchen wir nicht genau das: dass wir uns als Gläubige gegenseitig mit unserem Glauben ernähren? Und sollte das nicht auch zum Aufbau der Gemeinde beitragen, indem es in die Sonntagsgottesdienste ausstrahlen kann? Wir müssen die Erfahrungen und Charismen in die Mitte holen, sonst bleiben sie abgekapselt und können nicht fruchtbar werden.

„Es gilt zu prüfen, ob die Gründe, die vor 800 Jahren zum Predigtverbot für Laien geführt haben, heute noch triftig sind.“

Der zweite Baustein besteht darin, den hauptberuflich in der Pastoral tätigen Frauen und Männern zu ermöglichen, das Wort Gottes regulär in Gottesdiensten auslegen zu können, auch im Rahmen der Eucharistiefeier. Auch über den Beitrag hierzu von Frauen und Männern mit missio canonica sollte man einmal nachdenken. Es gilt zu prüfen, ob die Gründe, die vor achthundert Jahren zum Predigtverbot für Laien geführt haben, heute noch triftig sind oder ob die vergangenen Konzilien und Synoden nicht doch in eine andere Richtung weisen könnten.

Die Frage lautet: Was braucht die Kirche in unserer Zeit?

Die Frage lautet nicht: Wer darf was?, sondern: Was braucht die Kirche in unserer Zeit? Was dient ihrem Aufbau? Der Diskurs um den Predigtdienst von Frauen und Männern in unserer Kirche muss außerhalb der Amtsfrage geführt werden, aber auch nicht als Ersatz für sie.

Neben die unverzichtbare rechtliche Neuregelung müssen noch andere Aspekte treten. Es bedarf eines tiefgreifenden Kulturwandels: hin zu Gemeinden, die wirklich hören und nicht nur versorgt werden wollen. Dazu braucht es Amtsträger an vielen Orten, die bereit sind, diesen Wandel zu unterstützen.

Schließlich müssen auch Konzepte entwickelt werden, in welchem Rahmen und mit welchen Voraussetzungen Predigten von Laiinnen und Laien möglich sind. Daneben braucht es auch die Begleitung von ehrenamtlich Engagierten, wenn sie ihre Erfahrungen mit dem Wort Gottes stärker in die gottesdienstliche Öffentlichkeit der Kirche einbringen sollen. Man muss es ihnen zutrauen, man muss es ihnen zumuten, und man muss sie begleiten.

Ich bin überzeugt, dass uns als Kirche von einer erneuerten Predigt- und Zeugnispraxis Kräfte zuwachsen werden, die wir uns bisher nicht vorstellen können.

Apg 20,32: „Und jetzt vertraue ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an, das die Kraft hat, aufzubauen und das Erbe in der Gemeinschaft der Geheiligten zu verleihen“.

Literaturhinweise:

  • Ballhorn, Die Bibel in der Liturgie der Gemeinden. Erfahrungen mit dem Hunger nach dem Wort und der Sehnsucht nach dem Sattwerden, Pastoralblatt 71, 2019, 131–136
  • Ballhorn, „Dein Wort murmeln bei Tag und Nacht“ Psalm 1 als Ratgeber zur Begegnung mit der Schrift, BiKi Sonderheft 2019, 10–18.
  • Hallermann, „… dass nur öffentlich predige, wer gesandt ist.“ Kanonistische Nachfragen und Perspektiven zum Verbot der „Laienpredigt“, Paderborn 2017.

Autor: Egbert Ballhorn ist Professor für Theologie und Exegese des Alten Testaments an der TU Dortmund und stellv. Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks e.V.

Beitragsbild: Kanzel im Dom zu Marburg/Slo, Foto: Johann Pock

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