Kirche von Kneipe lernen: Erfahrungen eines Fortbildungsexperiments im Bistum Münster

Daniel Gewand, Peter Havers und Tim Schlotmann laden zu einem pastoralen Experiment ein: Kirche in der Kneipe. Na denn, Prost!

Hinter der Theke der Meierei in Vechta stehen zwei Typen Ende zwanzig und zapfen Bier. Vor der Theke sitzen ein paar Gäste. Als wir reinkommen, werden wir kurz gemustert und mit einem für die Gegend typischen „Moin“ begrüßt. Die Gäste drehen sich wieder um, hinter der Theke wird weiter gezapft. Ein Bier haben wir noch nicht.

Wir stellen uns an einen Stehtisch und warten: Es dauert, dann kommt einer der Typen von der Theke zu uns. Freundlich, aber bestimmt erklärt er, dass mittwochs die Getränke an der Theke bestellt werden. Da wir aber offensichtlich neu sind, dürften wir jetzt bei ihm bestellen. Kurz danach stehen zwei frisch gezapfte Biere auf unserem Tisch. Bei einem kurzen Schnack mit dem Wirt lernen wir einiges über die Kneipe und ihre eigenen Regeln, die Stammgästen klar sind, uns jedoch nicht. Er hat uns als neue Besucher der Kneipe erkannt und in der uns fremden Welt begrüßt. Wir stoßen an und genießen den ersten Schluck. Auf einen schönen Abend.

Von der Kneipe lernen

Dieser Abend war der Anfang. Eine Schnapsidee: In der Kneipe können wir etwas für unsere pastorale Arbeit lernen. Wir glauben: Das geht und wollen mehr lernen. Weitere Abende in anderen Kneipen und anderen Städten folgen und wir merken: Kirche kann von der Kneipe lernen – nicht nur Willkommenskultur. Das Lernfeld dieser zunächst einmal fremden Welt reicht von Ankommen, über Beziehungspflege, zu Haltung gegenüber den Gästen und geht bis hin zu atmosphärischen und strategischen Überlegungen der Innenraumgestaltung und des passenden Angebots. Das alles sind klassische Themen der pastoralen Aus- und Weiterbildung und somit nichts Neues.

In der Kneipe haben wir diese Themen jedoch erfahren, an uns, als Gäste, als Fremde und das macht es spannend und neu. Davon wollen wir mehr und andere profitieren lassen. Die Fortbildungsabteilung des Bistums Münster wagt das Experiment: Zwei Fortbildungsblöcke mit einer bzw. zwei Übernachtungen in Münster und Vechta. Neben Expertengesprächen steht vor allem die Selbsterfahrung am Abend in den örtlichen Kneipen im Mittelpunkt der Fortbildung „Kirche lernt fremd. Kirche von der Kneipe lernen“. Knapp zwanzig Priester, Diakone und Pastoralreferent*innen nehmen teil und entscheiden bei dieser Fortbildung selbst welches Ziel sie verfolgen.

Transfer in die pastorale Arbeit

Dafür geben wir neben den Kneipenerfahrungen Zeit, die Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen zu reflektieren und auf das persönliche Lernziel für die Pastoral zu übertragen. Und die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich, auch weil die Teilnehmer*innen verschiedene Kneipen besuchen und sich dabei unterschiedlich weit in fremde Welten vorwagen. An den Expertengesprächen nehmen alle Teilnehmer*innen teil. Sie bilden eine gute gemeinsame Grundlage für den Transfer in die pastorale Arbeit und was Kirche von der Kneipe lernen kann: Heiner berichtet von seiner Kindheit und Jugend in der Kneipe seiner Eltern, in der er groß geworden ist. Wir sprechen mit Matze, einem Wirt aus Münster, und mit Frau Schneider, die neben ihrem Bürojob als Kellnerin arbeitet. Wir besuchen Herrn Horstmöller in seinem traditionsreichen Münsteraner Wirtshaus und hören Marc Schrulle zu, der als Betriebswirt eine Konzeptgastronomie gegründet hat.

Beantworten wir jedoch zunächst die Frage: Warum kann Kirche von der Kneipe lernen?

Den systematisch-theologischen Ausgangspunkt dieser Untersuchungen bildet die Lehre der sogenannten ‚Loci theologici‘ des Dominikaners Melchior Cano, der seine Lehre als Reaktion auf Entwicklungen der Reformation formulierte. Cano begründete die Frage nach Orten der Gotteserkenntnis neu und ebnete damit in der Theologie auch der Frage nach den Orten der Gegenwart Gottes ein weiteres Feld. Nicht nur Heilige Schrift und Lehramt sind Orte theologischer Erkenntnis, sondern etwa auch Verkündigung, Philosophie und Geschichte. Mehr noch: wenn wir die Menschwerdung Gottes ernstnehmen, ist die Liste denkbarer Orte seiner Gegenwart in dieser Welt nach vorne hin offen. Es stellt sich die Frage, ob die Menschen sich – auch an den vermeintlich profanen Orten – von Gott selbst überraschen lassen.

Kneipe – ein locus theologicus?

Es dauerte nach Cano noch einmal rund 400 Jahre, ehe die von dieser theologischen Einstellung kommende (Welt-)Offenheit mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wirklich rezipiert wurde. Ein anderer Dominikaner, Marie-Dominique Chenu, ermutigte die Theologie zu neuen Sprüngen. Und die Frage nach der Gegenwart Gottes in dieser Welt wurde in provozierender Vielfalt ausbuchstabiert. Die Befreiungstheologie suchte Gott unter den Armen, die Krankenseelsorge unter den Kranken und die Mystik wurde zu keiner Zeit müde, ihn im Innersten des Menschen zu suchen. Es muss fast erschrecken, dass diese Gedanken theologisch so zentral und doch oft so wenig alltagskompatibel sind. Eine zeitgemäße Gottesrede würde die Gedanken bündeln und sagen: Da, wo Menschen ihren eigenen Sehnsüchten begegnen, wo sie womöglich mit sich und ihrer Umwelt ganz unmittelbar konfrontiert werden, da kann Gott nicht weit sein. Und wer würde bestreiten, dass die Kneipe seit jeher ein solcher Ort ist?

Kirche kann also von der Kneipe lernen. Für uns sind fünf Erkenntnisse zentral:

  1. Probieren lassen! – So begeistert Marc Schrulle für sein unbekanntes, neues Produkt.

Der Gründer der Konzeptgastronomie YouShiMe erläutert in einem spannenden Vortrag die Gründungsgeschichte seines Unternehmens und dessen Konzept. Am Ende überrascht er uns: Wir könnten alles vergessen, was er gesagt hätte und sollten einfach seine Rolls probieren. Die kleinen an Sushi erinnernden Rolls, nicht nur mit Fisch, sind das Kernprodukt von YouShiMe. Gekonnt serviert er uns seine gesamte Produktpalette auf mehreren vorbereiteten Tabletts. Egal, was wir von seinem Vortrag behalten: Wichtig sei, ob uns seine Rolls schmecken oder nicht. Das zähle für ihn.

Was wir für Kirche lernen: Probieren lassen! In der Pastoral sollten wir Menschen von den neuen Gottesdienstformen, Veranstaltungsformaten oder Katechese-Konzepten probieren lassen. Das Wissen darum, wie es „schmeckt“ ist mehr als das Verstehen des Ablaufs. Es macht Lust auf mehr. Probieren lassen fördert auch die eigene Freiheit, zu entscheiden, was probiert wird. Oder aber – auf die Pastoral übertragen – wie häufig man sich beteiligen und wie intensiv man sich einbinden lassen möchte. Übrigens gilt das nicht nur für neue Ideen in der Pastoral, mitunter auch für ganz traditionelle Formate der Pastoral, wie die sonntägliche Eucharistiefeier, die Beichte oder die Firmkatechese. Vielleicht kann Kirche auch hier kleine Probierhäppchen anbieten. Ein kleiner Gottesdienst mit anschließender Agapefeier, ein Gesprächsangebot oder eine gemeinsame Übung mit Jugendlichen unter dem Motto: So könnte sich das anfühlen bei uns in der Firmvorbereitung. Menschen, die noch nicht oder nicht mehr mit diesen Formen vertraut sind, können probieren. Das üppige Festmahl mit allen Regeln und Traditionen kann ja später immer noch kommen.

  1. Wie und wo bieten wir unsere Probierhäppchen an? Wie reagieren wir, wenn es jemandem nicht schmeckt? Wie können wir unsere großen Formate in kleinen Probierportionen anbieten? Den Deckel bei Seite legen! – Heiner lernte Vergebung zu leben und nicht nur darüber zu reden.

In der Kneipe seiner Eltern konnten Gäste anschreiben lassen, berichtet uns Heiner Zumdohme von seinen Jugenderinnerungen. Und auch, wenn jemand länger den Deckel nicht zahlen konnte, gab es ein Bier. „Da musst du den Deckel auch mal bei Seite legen. Das ist Vertrauenssache.“ erinnert er sich. Um dieses Vertrauen geht es auch in der Pastoral und das können wir von der Kneipe lernen. Es geht um eine Haltung: Egal, wieviel auf dem Deckel draufsteht – wieviel Schulden oder wieviel Schuld eine Person gerade auf sich geladen hat: Es geht um den Menschen und seine Bedürfnisse. Und das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern „für dein Leben gern“, wie es der neue Claim des Bistums Münster zusammenfasst.

In der Kneipe waren alle gleich

Auch davon berichtet Heiner Zumdohme. Was Gotteskindschaft heißt, habe er nicht an der Uni gelernt, sondern in der Kneipe seiner Eltern. In der Kneipe waren alle gleich: Politiker, Bauern, Einheimische, Fremde, Verbrecher oder Leute mit Problemen zuhause. Alle wurden bedient. Alle wurden so angenommen, wie sie sind – alle gleich. Das meint Gotteskindschaft.

Wie können wir Vergebung leben und für alle da sein? Wie nehmen wir diejenigen an, die vermeintliche oder reale Schuld auf sich geladen haben? Wie kann das Angenommen-sein konkret umgesetzt werden?

  1. Verlässlich sein! – Frau Schneider ist jeden Sonntag da.

Frau Schneider ist Bürokauffrau und arbeitet nebenbei als Kellnerin. Zurzeit arbeitet sie in einem gut bürgerlichen Münsterländer Restaurant, in dem viele Senioren sonntags Mittagessen. Die Gäste schätzen dabei nicht nur das gute Essen, sondern auch die verlässlich gute und aufmerksame Bedienung durch Frau Schneider. Ihr braucht man nicht jede Woche neu sagen, welches Getränk man wünscht und welche Allergien und Unverträglichkeiten man hat. Außerdem kann man mit Frau Schneider an das Gespräch von letztem Sonntag anknüpfen. Frau Schneider weiß, worum es geht. Sie gehört zu einem gelungenen Sonntag dazu.

Den Himmel öffnen

Verlässlich sein ist nicht nur etwas, was mit der Qualität des Essens zu tun hat. Auch die Art und Weise, wie das Essen serviert wird, entscheidet über einen gelungenen Sonntagmittag. Für uns als Dienstleister, als Seelsorger*innen, mag die Beziehung mit denen, die wir am Sonntag kurz sehen, manchmal oberflächlich erscheinen. Aus der anderen Perspektive ist sie es ganz und gar nicht. Wie Menschen nach dem Gottesdienst begrüßt werden oder wie Kinder ihre Fragen loswerden dürfen, kann den Himmel öffnen oder Menschen dazu bringen, nicht wieder zu kommen. Diese Verlässlichkeit hat dabei sicher etwas mit Personen zu tun. Entscheidender aber ist: Wie ist unsere Haltung als pastorale Mitarbeiter*innen? Wie verlässlich sind wir? Und wie schaffen wir eine Atmosphäre der Verlässlichkeit bei wechselndem Personal?

  1. Graue Mäuse nehmen wir nicht! – Bei Matze kann man alles lernen, außer Menschenfreundlichkeit.

„In der Kneipe kannst du alles lernen, wenn du neu bist: Zapfen, Getränkeempfehlungen geben, Cocktails mixen, Tabletts balancieren, selbst Kopfrechnen. Alles ist lernbar und wird erst mit der Zeit Routine.“ Bei allem ist Matze, der Besitzer einer Münsteraner Kneipe, fehlerfreundlich und hat Geduld mit neuen Mitarbeiter*innen. Nur eine Grundkompetenz, die muss man bei ihm mitbringen: Fremde Leute ansprechen – das muss man können in der Kneipe. Menschenfreundlichkeit kann man nicht lernen. Kurz gesagt: Matze nimmt nicht jede*n. Schüchterne, graue Mäuse nimmt er nicht.
Die Arbeit mit Menschen ist in allen pastoralen Bereichen das „Kerngeschäft“. Menschenfreundlicher Umgang ist somit auch eine Grundkompetenz pastoraler Mitarbeitenden.

Wie steht es um die Menschenfreundlichkeit in unserer Kirche? Wieviel Ausstrahlung haben Seelsorger*innen? Ist Menschenfreundlichkeit eine selbstverständliche Grundkompetenz pastoraler Mitarbeiter*innen?

  1. Traditionen überprüfen – Herr Horstmöller überprüft ständig, ob er noch das bietet, wofür er steht?

Herr Horstmöller führt in dritter Generation das alte Gasthaus Leve in Münster. Der Name und die Tradition verpflichtet, aber er weiß auch, dass die Zeiten sich ändern. Man brauche nicht an jedem Bild im Gastraum festhalten, aber jedes Bild sollte gut hängen und entsprechend wirken können. Jeden Tag prüft er, ob alles an der richtigen Stelle steht oder hängt. Tradition verpflichtet: Sorgfalt und Leidenschaft braucht es dafür und die richtigen Angebote.

Gutes Essen, frisch gezapftes Bier und die Sehnsucht nach Gott

Ähnlich, aber anders und auf Platt formulierte es Heiner: „Verdösten inne Pinte iss’n grähsiggen Dod.“ Für ihn geht es darum, dass ein Traditionsrestaurant, eine Traditionskneipe oder auch die Kirche immer klar haben müssen, warum Menschen sie aufsuchen. Gutes Essen, ein frisch gezapftes Bier oder die Sehnsucht nach Gott. Wenn man diese Bedürfnisse nicht mehr erfülle, könne man den Laden auch gleich dichtmachen. Von der Kneipe für die Kirche haben wir gelernt: Traditionen müssen wir regelmäßig überprüfen und ihnen sorgfältig, leidenschaftlich und im Kern treu bleiben.

Wofür stehen wir als Kirche und bieten wir das noch? Was müssen wir mal wieder aussortieren, sein lassen, wegschmeißen, streichen und womit aufhören, damit wir unserer Tradition treu bleiben? Wie schaffen wir ein Bewusstsein für Qualität und Tradition, für Sorgfalt und Leidenschaft?

Noch einmal in der Meierei

Ein paar Monate nach unserem ersten Besuch in der Meierei in Vechta verschlägt es uns wieder dorthin. Es ist Mittwoch, wir gehen direkt zur Theke, grüßen mit „Moin“ in die Runde – Kopfnicken – bestellen zwei Bier. Der Kerl hinter der Theke erkennt uns, grüßt kurz zurück, reicht uns zwei Bier über die Theke und sagt: „Ihr ward aber lange nicht da. Schön, dass ihr wieder hier seid.“
Kirche kann von Kneipe lernen. Während der Fortbildung haben wir gelernt, dass es dabei um mehr geht als nur Willkommenskultur, aber damit könnten wir anfangen.


Daniel Gewand, Peter Havers und Tim Schlotmann sind Pastoralreferenten der Diözesen Münster und Köln.

Bildquelle: Pixabay

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