Wider die Dummheit. Ein Plädoyer für guten Journalismus

Guter Journalismus

Lügenpresse und Fakenews, Quotengeilheit und Druck durch schnelle Berichterstattung – der gegenwärtige Diskurs geht hart mit den Medien ins Gericht. Florian Höhne zeigt, dass guter Journalismus gegen das hilft, was Dietrich Bonhoeffer einst „Dummheit“ nannte – einen Mangel an „innerer Selbständigkeit“.

„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit“, schrieb Dietrich Bonhoeffer Ende 1942 an einige Freunde: „Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. […] Gründe verfangen nicht; Tatsachen die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden […] und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden.“ (DBW 8: 26)

Das klingt in einer Zeit von Fakenews- und Lügenpresse-Vorwürfen, das klingt in einer Zeit, in der Konjunktur zu haben scheint, was Harry G. Frankfurt dereinst „Bullshit“ nannte, und in der von „alternativen Fakten“ die Rede ist, das klingt heute bis zur Gänsehaut aktuell. Wenn sich die Gänsehaut legt, wird sichtbar, wieviel die heutigen Zustände von denen unterscheidet, in denen Bonhoeffer schrieb. Gleichzeitig lohnt es nüchtern und wachsam darauf zu achten, wo heute zunimmt, was Bonhoeffer „Dummheit“ nannte, und was heute dagegen helfen könnte.

Guter Journalismus – Gegenmittel gegen die „Dummheit“

Ziemlich unabhängig aber doch angeregt von Bonhoeffers Text behaupte ich: Guter, sachlicher, nüchterner Journalismus ist ein Gegenmittel gegen diese „Dummheit“. Sicher: Auswüchse des Journalismus werden zurecht kritisiert: „Witwenschütteln“, schnelle einfache Antworten auf viel zu komplexe Fragen, knallige Schlagzeilen statt differenzierter Information oder quotengeiles Entertainment mit dem Leid anderer Menschen. Dennoch sei dem aufgeklärten Medienkritiker ins Stammbuch geschrieben: Wenn du diese Mängelliste zur Grundsatzkritik machst, wendest du dich gegen einen Verbündeten.

Guter Journalismus kommt zuweilen aus bildungsbürgerlicher Kinderstube und geht nach Feierabend ins Theater. Und der Geschmack für guten Journalismus paart sich nicht selten mit dem Distinktionshabitus, der auf Bild-Leser*innen angeekelt herabschaut. Deshalb ist wichtig zu betonen: Guten Journalismus als ein Mittel gegen die „Dummheit“ zu behaupten, ist nicht Ausdruck dieses Distinktionshabitus. Denn „Dummheit“ ist weder ein milieuspezifisches Phänomen noch ein intellektuelles Defizit. Das betont auch Bonhoeffer. Für ihn ist Dummheit ein Mangel an „innere[r] Selbständigkeit“; Der Dumme lässt sich von der wohlfälligen Parole blenden (DBW 8: 27). Das passiert auch Intellektuellen. Guter Journalismus muss milieuübergreifend zugänglich sein, um für jede und jeden ein Mittel gegen die Unselbständigkeit zu sein.

Dummheit gibt es auch unter Intellektuellen.

Das bringt auf den Zusammenhang von Macht und Dummheit: „Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen“, schreibt Bonhoeffer (DBW 8: 27). Genauer unterscheidet er, „ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen“ (DBW 8: 28). Das ist eine der wenigen Stellen bei Bonhoeffer, in die sich ein vorsichtiges Plädoyer für demokratische Staatsformen hineinlesen lässt: Parlament und gewählte Regierung müssen auf mündige Bürger*innen setzen und benötigen zur Legitimation nicht nur deren Unterstützung, sondern gerade deren frei geäußerte, selbständige Kritik. Despoten hoffen auf die Verführbarkeit der Untertanen zu unkritischer Zustimmung. Guter Journalismus ist ein Gegenmittel gegen diese Dummheit und deshalb der Feind und allzu oft das erste Opfer nicht nur des Krieges, sondern schon des Despoten.

„Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen.“

Guter Journalismus tut, was in christlicher Tradition Prophet*innen als Aufgabe zugeschrieben wird: „speaking truth to power“ – gegenüber der Macht die Wahrheit aussprechen. „Wahrheit“ klingt nach einem zu ambitionierten Anspruch – gerade im Lichte radikalkonstruktivistischer Verunsicherungen und nötiger Sensibilisierung für Multiperspektivität: Ist nicht alles immer nur subjektive Wahrnehmungssache? Wahrheitsorientierung ist – das hat jüngst Bernhard Pörksen in seiner Utopie einer „redaktionellen Gesellschaft“ betont – dennoch unerlässlich.[1] Dabei geht es ihm nicht um „absolute Gewissheit“, sondern darum, „nach bestem Wissen und Gewissen unter Verwendung unterschiedlicher, möglichst vielfältiger, voneinander unabhängiger Quellen zu beschreiben, was man vorfindet“ (191). Wahrheit, selbst Tatsachenwahrheit, mag unerreichbar sein – aber manches ist näher an der Wahrheit, ehrlicher an den Tatsachen orientiert und manches ist gefälscht, geschönt oder schlicht geflunktert.

Guter Journalismus beschreibt klar und verständlich, sorgfältig recherchiert und ausgewogen, offen über das eigene Nichtwissen und nicht oberlehrerhaft, was Sache und was wichtig ist. Bevor die USA 2003 den Irak angriffen, stellte ein Journalisten-Team des Zeitungsunternehmens Knight Ridder die Gründe dafür in Frage:[2] Hatte Saddam Hussein wirklich Massenvernichtungswaffen und enge Verbindung zum Terrorismus wie die damalige US-Regierung behauptete? Jonathan Landay, Warren Strobel, John Walcott und Joe Galloway waren damals fast allein mit ihrer Kritik. Das war guter Journalismus. Als 2016 Journalist*innen weltweit zu den Panama-Papers recherchierten und berichteten, wie Prominente und Politiker*innen auf mal legale, mal illegale Weise Geld an den Steuerbehörden vorbeischleusten, war das guter Journalismus.

Journalistische Leistungen wahrnehmen

Wer bei „Journalismus“ nur an dessen Schattenereignisse denkt – etwa an den Fall Relotius – die oder der sollte sich auch diese erstgenannten, anderen Geschichten ins Gedächtnis rufen. Journalistische Leistungen wie Teile der Berichterstattung über den Vietnamkrieg, wie Veröffentlichungen zu den Panama-Papers und die Recherchen des Knight-Ridder-Teams machen es möglich, sich selbst selbständig eine Meinung zu bilden und sich von manipulativen Parolen unabhängig zu machen. Guter Journalismus ist nötig – gerade angesichts von dem, was Bonhoeffer „Dummheit“ nannte.

Guter Journalismus braucht Zeit: für Recherche, für das doppeltes Nachprüfen von Behauptungen, um Beziehungen zu möglichen Quellen aufzubauen, zum Nachdenken. Arbeitszeit kostet Geld. Das für guten Journalismus bezahlte Geld ist in die Zukunft der Demokratie investiert. Dieses Geld stellen Verlage bereit, die mit Zeitungen auch Geld verdienen. Dieses Geld stellen Haushalte beim öffentlich-rechtlich Rundfunk über den Rundfunkbeitrag bereit. Wer den Rundfunkbeitrag abschaffen will, übersieht oft dies: Der Beitrag finanziert einen guten Journalismus, den die Demokratie braucht.

Guter Journalismus braucht Reputation und Vertrauen. Das schließt die sachliche Kritik an konkret benennbaren journalistischen Arbeitsweisen und Berichten nicht aus – im Gegenteil: Das Vertrauen in guten Journalismus kann gerade in der Kritik von benennbaren Fällen schlechten Journalismus‘ Ausdruck finden. Es schließt die pauschale Medienschelte aus, die alle Journalist*innen über einen Kamm schert.

Guter Journalismus braucht Geld und Vertrauen.

Guter Journalismus – das Plädoyer mag nach naiver Schwärmerei oder aus dem digitalen Zeitalter gefallen klingen. Doch was hilft sonst, sich inmitten mehr oder weniger verlässlicher Informationen, mehr oder weniger subtiler Täuschungen, mehr oder weniger offensichtlichem „Bullshit“ ein eigenes Bild der Lage zu machen? Guter Journalismus ist nötig, weil er selbständig denken macht. Guter Journalismus erzählt von den „Einzelfällen“, die nicht nichtssagend sind, sondern die alles sagen.

Dr. Florian Höhne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Systematischen Theologie / Ethik an der Humboldt Universität zu Berlin sowie Mitglied des Berlin Institute for Public Theology. Promoviert wurde er zum Thema „Personalisierung in den Medien als Herausforderung für eine evangelische Öffentliche Theologie der Kirche“. Er arbeitete als Volontär der Journalistenschule Ruhr in Redaktionen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und als freier Journalist.

Bild: Roman Kraft / unsplash.com


[1] Vgl. Bernhard Pörksen, Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung, München 20181, 190–192.

[2] Vgl. dafür und für das Folgende: https://www.huffingtonpost.com/2008/03/17/the-reporting-team-that-g_n_91981.html?guccounter=1 (Abruf am 6.03.2019).

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