Peter Neuhaus erschliesst Platons Gastmahl als Quelle der Ermutigung. Denn die Gesprächsteilnehmer sind sich einig: Nur was aus dem Stoff der Liebe ist, überdauert die Zeit.
Im Februar 416 vor Christus, im Schatten des Peloponnesischen Krieges, lässt Platon (428/27 – 347/46) eine illustre Mahlgemeinschaft zusammenkommen, unter ihnen auch den philosophischen Star Athens: Sokrates. Man liegt zu Tisch, isst und trinkt, und wählt für das gepflegte Gespräch ein anspruchsvolles Sujet: Eros, den Gott der Liebe. Die Anwesenden befinden einhellig, dass im Unterschied zu den vielen Göttern, über die man sich regelmäßig unterhalte, Eros eigenartigerweise immer etwas im Abseits stehe. Das sei seiner Bedeutung jedoch keineswegs angemessen. Und so verständigt man sich darauf, reihum zusammenzutragen, was jeder Einzelne über Eros zu berichten weiß.
Erleben wir nicht gerade einen verstörenden Triumph der Schamlosigkeit?
Phaidros macht den Anfang. Eros sei der älteste der Götter und schon deshalb der bedeutendste von allen. Er sei der „Leitstern“ im Leben des Einzelnen wie der Gesellschaften, dem Wesen nach „die Scham vor dem Schimpflichen und der Wetteifer um das Schöne. Denn ohne diese ist es weder einem Gemeinwesen noch einem Einzelnen möglich, sich in großer und schöner Weise zu betätigen.“ (11) Ich halte inne. Erleben wir nicht gerade einen verstörenden Triumph der Schamlosigkeit und einen Tiefpunkt des Abstoßenden? Phaidros sagt mit ebenso einfachen wie klaren Worten, dass aus dem Niedrigen nichts Großes und Schönes entstehen kann. Allein Eros sei, so Phaidros, „unter den Göttern der älteste und geehrteste und der wirksamste Führer der Menschen zu Tugend und Glück“ (13).
Nur das liebevoll auf den Gemeinsinn gerichtete Streben
Als nächster kommt Pausanias an die Reihe. Er unterscheidet zwischen Eros als „gemeiner“ und als „himmlischer“ Liebe. Während jene sich selbstsüchtig um die vergänglichen Güter müht, widmet diese sich uneigennützig den Werten, die das Leben aller schön und dauerhaft machen: „Es ist die himmlische Liebe, die, von höchstem Werte für den Staat wie für den Einzelnen, sowohl den Liebenden wie auch den Geliebten zwingt, sich der Tugend mit aller möglichen Sorgfalt zu befleißigen.“ (2) Und wieder bin ich gerührt von der hier mit höchster Klarheit zum Ausdruck kommenden Wahrheit, dass nur das liebevoll auf den Gemeinsinn gerichtete Streben von Wert ist und die Verdrehung von Macht und Einfluss für eigene Zwecke eine Perversion öffentlicher Verantwortung, ja des Politischen überhaupt.
Was aus dem Stoff der Liebe ist, überdauert die Zeit
Nach Pausanias steigt Eryximachos in den Ring. Er belehrt uns, dass Eros keineswegs nur hier und da sich zeigt, sondern die eigentlich treibende Kraft in allem ist, was lebt und webt: „ein wunderbarer Gott, der seine Hand überall im Spiel hat“ (21). Nur was aus und in Liebe geschieht, hat Bestand. Wenn das so ist, denke ich, gibt es keinen Grund und keine Berechtigung zu verzweifeln über dem momentanen Zustand der Welt mit ihren Kriegen, ihrem Hass und ihrer Hetze. So schwer erträglich all das auch ist, es bleibt nicht. Es wird vorübergehen. Denn nur, was aus dem Stoff der Liebe ist, überdauert die Zeit.
Auf Eryximachos folgt Aristophanes, der uns die Geschichte von den Menschen erzählt, die einst kugelförmig waren und fähig, an die Götter heranzureichen, was diese jedoch keinesfalls dulden wollten und die Menschen darum halbierten. Seither sucht jeder Mensch guten Willens mit der Kraft liebender Sehnsucht seine bessere Hälfte, um wieder ganz rund zu werden. Mir ist diese Sehnsucht vertraut. Denn die Welt, in der wir leben, ist entzweit wie vielleicht nie zuvor. Und die Sehnsucht, sie möge wieder rund und heil werden, bestimmt mich von früh bist spät.
Preislied auf den göttlichen Grund der Welt
Agathon, der als nächster das Wort nimmt, sagt Ergreifendes über den Eros: zart sei er und geschmeidig, anmutig, wohlduftend und tugendhaft, besonnen und tapfer und weise. Darum mache er alle Menschen, die sich ihm hingeben, zu Dichtern und jegliche menschliche Tätigkeit zu einem Preislied auf den göttlichen Grund der Welt. Solcherart ist die Arbeit, die wir brauchen, denke ich: nicht Unterwerfung, Ausbeutung und Zerstörung, sondern vielmehr Teilnahme am Schöpfungswerk Gottes, Verantwortung und Dankbarkeit gegenüber allem, was lebt!
Bevor mit Alkibiadis der siebte Redner ein Preislied auf den verehrten und eifersüchtig begehrten Sokrates vorträgt, nimmt Sokrates selbst das Wort. Nach dem Nutzen des Eros befragt, erklärt Sokrates, der seine Rede in die Wiedergabe eines Gesprächs mit der Philosophin Diotima kleidet, dass nur die Liebe den Menschen wie auf einer „Stufenleiter“ (60) vom Niedrigen zum Höheren, vom Vergänglichen zum Unvergänglichen, vom Sterblichen zum Unsterblichen hinaufführe. Wer diesen Weg nehme, dem sei, so Sokrates, „beschieden, ein Gottgeliebter zu werden und der Unsterblichkeit teilhaftig“ (61).
Eigentlich sind sie nichts
Nicht Glanz und Glamour, nicht Erfolg und Macht, nicht Lüge und Gewalt bestimmen das Betriebssystem der Welt von Gott her, sondern Eros, der Göttliche. Mag unsere Zeit auch wirr und laut und diejenigen, die das große Wort führen, breitbeinig und schamlos und ohne Skrupel sein – sie sind nicht von Dauer. Eigentlich sind sie nichts, weil sie aus Hass und nicht aus Liebe sind.
Eine Hoffnung, die unsere Welt bitter nötig hat
Platon ist der Prophet des Schönen in der Welt. Sein Gastmahl ist ein Textwunder, wie es kein zweites gibt. Wir – dicht daran, den Glauben an die Welt, an uns Menschen und an einen guten und gerechten Gott zu verlieren – nehmen dieses Wunder und empfangen daraus eine Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, aber die unsere Welt bitter nötig hat. 2400 Jahre nach Platon, im Weltrevolutionsjahr 1989, hat es der Berliner Liedermacher Klaus Hoffmann auf den Punkt gebracht: „Es muss aus Liebe sein.“ Sonst ist es nichts.
Literatur: Platon, Das Gastmahl, in: Platon, Sämtliche Dialoge (7 Bde.), hg. von Otto Apelt, Bd. 3, Hamburg 1993.
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Vor kurzem erschienen: Peter Neuhaus, Geist und Zeit. Atemübungen in unruhigen Zeiten, Echter: Würzburg 2024. Im Gespräch mit Hartmut Rosa, Hannah Arendt, Franz Kafka und anderen erkundet der Verfasser das Thema Geist und Zeit. Ein Kerngedanke lautet: «Um wieder zu Geist zu kommen, müssen wir die Zeit zurückgewinnen». Die Hauptworte des Glaubens, «Hoffen – beten – lieben», werden als «unmoderne Atemübungen» erschlossen.
Beitragsbild: Spencer Davis auf unsplash



