Prävention allein reicht bei weitem nicht! – oder: Die Bedeutung sexueller Bildung und die Anerkennung Sexueller Identität

Die Katholische Kirche muss Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie ziehen. Holger Dörnemann zeigt die Bedeutung der Bildung einer sexuellen Identität auf – und er sieht in einer Kultur der Sprachfähigkeit, sexueller Bildung und in der Anerkennung und Förderung der sexuellen Identität ein Gebot der Stunde.

Die Deutschen Bischöfe haben sich auf der Frühjahrsvollversammlung vom 11.-14. März 2019 in Lingen dazu entschlossen, weitergehende Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandals in der Katholischen Kirche zu ziehen: Wie ein Offenbarungseid und Schuldbekenntnis liest sich das Pressestatement trotz der bereits in beinahe allen Bistümern in den vergangenen Jahren ausgebauten Präventionsarbeit:

„Die Kirche in Deutschland erlebt eine Zäsur. […] Die Sexualmoral der Kirche hat entscheidende Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften noch nicht rezipiert. Die personale Bedeutung der Sexualität findet keine hinreichende Beachtung. Das Resultat: Die Moralverkündigung gibt der überwiegenden Mehrheit der Getauften keine Orientierung. Sie fristet ein Nischendasein. Wir spüren, wie oft wir nicht sprachfähig sind in den Fragen an das heutige Sexualverhalten.“[2]

Und direkt im Anschluss wird die Notwendigkeit betont, den „Schutz der menschlichen Würde“ im Zusammenhang mit der „personalen Bedeutung der Sexualität“ zu sehen,  die – wie Prof. Eberhard Schockenhoff zuvor bereits aus der Würzburger Synode der 1970er Jahre zitierte – „die ganze Existenz des Menschen“[3] bestimmt.

Sexuelle Identität – eine erste Annäherung und Begriffsbestimmung

Im Vorwort einer im Erzbistum Köln erstellten, aber bislang leider unveröffentlichten Sek I-Arbeitshilfe „Sexuelle Identität entwickeln – die Liebe entfalten“ heißt es:

„Sexuelle Bildung ist eine der anspruchsvollsten, sensibelsten wie auch grundlegendsten Aufgaben der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen. […] Sexualität gehört zur Identität des Einzelnen, der Entfaltung der Persönlichkeit und der individuellen Selbsterfahrung und Beziehungsgestaltung. Von daher gehört sie ebenso respektiert und geschützt wie gefördert und gebildet.“[4]

„Sexuelle Identität sagt aus, … wie wir uns selbst sehen und erleben und wie wir von anderen Personen wahrgenommen werden und werden wollen.“

Sexuelle Identität sagt aus, wer wir bezüglich des Geschlechts und des sexuellen Erlebens sind, d.h. wie wir uns selbst sehen und erleben und wie wir von anderen Personen wahrgenommen werden und werden wollen. Sie setzt sich aus vier verschiedenen Teilen zusammen:

  • dem Körper (biologisches Geschlecht): bestimmt durch die weiblichen oder männlichen inneren und äußeren Geschlechtsmerkmale (z.B. Vagina, Penis).
  • Die Seele (psychisches Geschlecht): meint die innere Überzeugung (das Gefühl) eines jeden Menschen, weiblich, männlich oder etwas drittes zu sein.
  • der Rolle (soziales Geschlecht):  Diese beinhaltet je nach Kultur und Gesellschaft unterschiedliche Werte, wie sich ein Junge/Mann oder ein Mädchen/eine Frau verhalten soll (z.B. Kleider, Haarschnitt, Spielsachen, Körpersprache etc.).
  • Begehren (sexuelle Präferenz): Damit ist gemeint, ob man sich von Frauen, Männern oder beiden Geschlechtern sexuell angezogen fühlt (Sexuelle Orientierung), das Alter der begehrten Person (Ausrichtung) und die bevorzugten Weisen der sexuellen Betätigung (Neigung).

Die je persönliche Sexuelle Identität bestimmt das Menschensein von Anfang des Lebens und ist Kennzeichen menschlicher Individualität. [5]

Sexuelle Identität und das Lehramt der Kirche

Die Bedeutung von Sexualität für die Identität des Menschen scheint inzwischen auch im Lehramt der katholischen Kirche anzukommen – so z.B. im jüngst veröffentlichten, nachsynodalen Schreiben zur Jugendsynode Christus vivit vom 25.3.2019.[6] Dort heißt es:

 „Junge Menschen erkennen, dass der Körper und die Sexualität für ihr Leben und für die Entwicklung ihrer Identität wesentlich sind.“ (Christus vivit 81)

Zuvor hatte Papst Franziskus bereits in seinem im Jahr 2016 veröffentlichten nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia (AL)[7] in Folge der Familiensynoden der Jahre 2014 und 2015 ebenfalls in ganz neuer Weise in mehreren Abschnitten über „die erotische Dimension der Liebe“ (150-152) eine Sprache für die Wirklichkeit sexuellen Erlebens gefunden, Sexualität als „eine zwischenmenschliche Sprache“ und „die Erotik als spezifisch menschliche Äußerung der Geschlechtlichkeit“ (AL 151) hervorgehoben.[8]

Bedeutung der Sexuellen Identität als zur Existenz und Personwürde jedes Menschen gehörig anerkennen

Umgekehrt wird Sexualität in den Gebots- und Verbotsformulierungen des Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahr 1992 beinahe ausschließlich in der Form einer Aktmoral eingefangen (der zur damaligen Zeit favorisierte, naturgesetzliche Ansatz der Moraltheologie), ohne einen Bezug auf die Qualität der jeweiligen Beziehung oder zu den intendierten Zielen oder den in der Partnerschaft gelebten Werten herzustellen (= der beziehungs- oder verantwortungsethisch argumentierende Ansatz der Sexualmoral) und vor allem ohne Einbezug der Sexuellen Identität bzw. der Bedeutung der Sexualität für die Personenwürde und menschlichen Existenz (die Perspektive der Sexualwissenschaft und –pädagogik). An der Zeit wäre es für die katholische Kirche nunmehr die Bedeutung der Sexuellen Identität als zur Existenz und Personwürde jedes Menschen gehörig anzuerkennen.

…und die Herausforderung der Anerkennung der Sexuellen Identität jedes Menschen

Doch auch wenn sich die Kirche jahrhundertelang schwer getan hat mit vielen Menschen- und Freiheitsrechten, die heute wie die „Erklärung Sexueller Rechte“ der Menschenwürde zugerechnet werden, trägt die christliche Botschaft in der Tiefe ihrer Glaubensbotschaft gerade diese Ausrichtung wie eine Ingredienz oder Keimzelle in sich. Die christliche auf die Entfaltung, Befreiung, Erlösung und Vervollkommnung des Menschen ausgerichtete Befreiungsbotschaft prägt europäisch-abendländische Kultur gleich einer gesellschaftlich wirksamen Bodenströmung,  was auf der Ebene der theologischen Reflexion und Lehre z.T. versetzt mit einer zeitlichen Verzögerung eingeholt werden musste und weiter zu entfalten ist: Auch in Hinblick auf die Anerkennung der Sexuellen Identität des Menschen.

Es braucht Rezeption und pädagogische Weiterentwicklung wichtiger Ergebnisse der Humanwissenschaften

© Madeline Garnier, Joachim Otterbach, vgl. Anm. 9

Wenn Kirche heute die aus dem Missbrauchsskandal folgenden Herausforderungen annehmen will, muss sie über den Bereich der Prävention hinaus – dem Stand der Sexualwissenschaft entsprechend – die sexuelle Bildung forcieren. Erst in der Rezeption und pädagogischen Weiterentwicklung wichtiger Ergebnisse der Humanwissenschaften kann sie ‚sprachfähig‘ werden hinsichtlich der sinnbestimmenden Faktoren der Sexualität – und damit wieder anknüpfen an einen Diskussionsstand, der bereits auf der Würzburger Synode Mitte der 70er Jahre diskutiert wurde, als schon über die anthropologische Bedeutung der Sexualität nachgedacht wurde. Das könnte neu ermöglichen, über die identitätsstiftende Bedeutung von Sexualität, ihre Beziehungsaspekte, die Lustdimension und die Ebene von Fruchtbarkeit und Verantwortung auskunftsfähig zu sein.

Sexuelle Bildung und die Förderung der Sexuellen Identität als wirksamste Prävention

Sexuelle Bildung trägt dazu bei, Kinder und Jugendliche zu einem selbstbewussten und eigenverantwortlichen Erleben ihrer Sexuellen Identität heranzuführen. „Durch Wissen über ihre Sexualität haben Kinder und Jugendliche die Möglichkeit ihre Gefühle und Körperlichkeit wahrzunehmen und zu verstehen, zwischen angenehmen und unangenehmen Gefühlen zu differenzieren und auch Worte dafür zu finden. Durch Wahrnehmung schöner Gefühle können Grenzen besser beurteilt werden. Die Förderung dieser Sprachfähigkeit gibt Kindern und Jugendlichen die Chance sich Hilfe zu holen, wenn es erforderlich ist.“[9]

„Eine Kultur der Sprachfähigkeit, sexuelle Bildung und die Anerkennung und Förderung der Sexuellen Identität heißt das Gebot der Stunde.“

Die den Missbrauchsskandal in ihrem Ausmaß, aber auch mit ihren systemischen Ursachen aufdeckende MHG-Studie hat bei ihrer Vorstellung am 23. September 2018 im Rahmen der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz gezeigt, dass eine Gefahr des Missbrauchs – auch des geistlichen Missbrauchs – vor allem dann entsteht, wenn Sexualität nicht gebildet wurde, nicht vorkommen darf im Leben und sich darüber an den Stellen Bahn bricht, an denen aufgrund einer mangelnden sexuellen Bildung aus einer latenten Grenzverletzung schnell ein manifester Missbrauch wird.

Gesagt ist damit auch, dass Institutionen, die eine Sprachfähigkeit zur Sexualität entwickeln, nicht nur im selben Maß weniger mögliche Täter anziehen, sie schrecken sie ggf. sogar ab oder verhelfen dazu, dass in dieser Weise gefährdete Personen sich selbst auf dem Weg der Selbstreflexion begeben, ihre Sexuelle Identität entdecken lernen, sich ggf. Unterstützung suchen und so gar nicht erst zu Tätern werden. Eine Kultur der Sprachfähigkeit, sexuelle Bildung und die Anerkennung und Förderung der Sexuellen Identität heißt das Gebot der Stunde. Prävention allein – im klassischen Sinn – reicht bei weitem nicht mehr!

Dr. habil. Holger Dörnemann, Privatdozent für Religionspädagogik und Katechetik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Sexualpädagoge (gsp), leitet die Abteilung Familien und Generationen des Dezernats Kinder, Jugend und Familie im Bistum Limburg und ist stellv. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e.V. (AKF)

[1] Dieser Beitrag ist eine Kurzfassung von „Prävention allein reicht bei weitem nicht! – oder: Die Bedeutung sexueller Bildung und die Anerkennung Sexueller Identität. Herausforderungen der Katholischen Kirche nach dem Missbrauchsskandal“, in: Stimme der Familie 3/2019 des Familienbundes der Katholiken.

[2] https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2019/2019-040-Pressebericht-FVV-Lingen.pdf

[3] Eberhard Schockenhoff, Die Frage nach der Zäsur, in: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2019/2019-038d-FVV-Lingen-Studientag-Vortrag-Prof.-Schockenhoff.pdf

[4] Holger Dörnemann, Verena Harbauer, Carolin Neswadba, Elena Werner, Sexuelle Identität entwickeln – die Liebe entfalten. Eine Sexualpädagogische Arbeitshilfe für die Sekundarstufe I, 2018 (unveröffentlicht), S. 3.

[5] Link zur Online-Prezi-Präsentation des Vortrag von Holger Dörnemann: https://bit.ly/2IagBzE

[6] Papst Franziskus, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christus vivit an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes (25.3.2019).

[7] Papst Franziskus, Nachsynodales Apostolisches schreiben Amoris laetitia des Heiligen Vaters Franziskus an die Bischöfe an die Priester und Diakone an die Personen geweihten Lebens, an die christlichen Eheleute und an alle Christgläubigen Laien über die Liebe in der Familie (19.3.2016).

[8] Vgl. Holger Dörnemann, Das Geschenk erotischer Liebe. Relecture zum „Thema Nr. 1“ der Jugendsynode, in: Believe. Jugendmagazin des Bistums Trier, 2/2018, S. 12-13.

[9] Madeline Garnier, Nicht so laut! – Wenn Sprache zum Tabu wird. Sexualität & Prävention, in: Believe. Jugendmagazin des Bistums Trier, 2/2018, S. 22.

Beitragsbild: © Holger Dörnemann, Online-Präsentation ‚Sexuelle Identität‘: https://bit.ly/2IagBzE

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