Purim – der „Jüdische Karneval“

Zum heutigen Purim-Fest erzählt der orthodoxe Rabbiner Jehoschua Ahrens von Herkunft und Brauchtum des jüdischen Feiertages, samt Wunder, Wein und Witz.

Purim (das „Fest der Lose“[1]) ist ein fröhlicher Feiertag, der über die Rettung der Juden in Persien vor etwa 2400 Jahren berichtet. Die Geschichte von Purim wird im Buch Esther[2] erzählt, dessen gleichnamige Heldin die Hauptrolle bei der Rettung ihres Volkes spielt. Esther, eine junge jüdische Frau, wird unter der Aufsicht ihres Vormunds Mordechai zur Königin von Persien. Doch es gibt einen grassierenden Antisemitismus und Haman, der zum Großwesir aufsteigt, plant die Vernichtung der Juden. Esther verbirgt ihre jüdische Identität am Hof, doch in der Not riskiert sie ihr Leben, um ihr Volk zu retten. Sie offenbart dem König ihre wahre Identität und klagt die schrecklichen Absichten des bösen Haman an. Schließlich wendet sich das Blatt zugunsten der Juden und sie werden gerettet, während Haman und seine Handlanger bestraft werden.

Eine der beliebtesten jüdischen Geschichten

Diese Geschichte ist eine der beliebtesten in der jüdischen Tradition, weil sie einer kleinen Minderheit, die immer wieder in feindseligen Mehrheitsgesellschaften leben musste und muss, Hoffnung gibt.

Purim ist kein Feiertag aus der Torah[3] und wurde erst später von den Rabbinern eingeführt. Damit hat es den Status eines „postbiblischen“ Feiertags und viele Bestimmungen, wie beispielsweise das Arbeitsverbot, entfallen. Trotzdem gibt es auch an Purim eine Fülle von Geboten und Bräuchen, die in diesem Beitrag vorgestellt werden.

Fasten und Feiern

Am Vortag von Purim wird gefastet. Das hat zwei Gründe. Erstens fasteten in der Purimgeschichte Esther und die Juden von Schuschan[4], bevor Esther zum König ging.[5] Zweitens verteidigten sich die Juden an diesem Tag vor ihren Feinden und viele Menschen starben im Kampf. Das Fasten solle aber auch daran erinnern, dass Gott jeden Menschen in der Zeit seiner Not sieht und erhört, wenn er ruft.[6]

Als Ausdruck der Dankbarkeit für die Rettung durch Gott wird an Purim ein zusätzliches Gebet in die Liturgie und den Tischdank eingefügt. Der Text spiegelt die Wunder Gottes wieder: „Für die Wunder, für die Befreiung […], die Du zum Wohl unserer Vorfahren einst um diese Zeit, ausgeführt hast: In den Tagen Mordechai und Esther, in der Hauptstadt Schuschan, als der Bösewicht Haman gegen sie aufstand, da war sein Streben alle Israeliten von jung bis alt, Mädchen, nebst Frauen, in einem Tage […] zu vertilgen […]. Allein Du, mit Deiner grenzenlosen Barmherzigkeit, hast sein Vorhaben zerstört, seinen Vorsatz vereitelt…“[7]

Krach und Gebote

Ein ganz zentrales Gebot an Purim ist natürlich das Lesen der Esther-Rolle. Jeder ist dazu verpflichtet, Männer und Frauen. Kinder sind zwar von diesem Gebot befreit, aber sie sollen ab dem schulpflichtigen Alter bereits daran „gewöhnt“ werden. Man erfüllt die Verpflichtung des Lesens entweder dadurch, dass man selbst liest oder indem man jemandem zuhört, der sie vorliest.[8] Es ist üblich, dass die Esther-Rolle am Abend und Morgen in der Synagoge öffentlich vorgelesen wird.[9] Wann immer der Name des bösen Haman gelesen wird, machen die Zuhörer so viel Krach, dass man den Namen nicht verstehen kann.

Das Lesen der Esther-Rolle hat auch eine symbolische Bedeutung. Auf der einen Seite ist Gottes Rolle in der Megilat Esther verborgen [hebr. hester, angedeutet im Namen Esther]. Auf der anderen Seite ist sie offenbart [hebr. megaleh, angedeutet im Wort Megila], denn die Megila enthüllt uns Gottes Rolle in der Errettung in jedem Aspekt der Ereignisse, obwohl Seine Gegenwart verborgen war.[10]

Erinnerung an Rettung

Im Morgengottesdienst wird zusätzlich 2. Buch Mose, 17,8-16 gelesen, ein Abschnitt über Amalek, der das jüdische Volk in der Wüstenwanderung vernichten wollte. Haman ist ein Nachfahre von Amalek.[11] Darum lesen wird an Purim über die Ursprünge von Amaleks Feindschaft gegenüber dem jüdischen Volk, mit der Gewissheit, dass Gott die Erinnerung an Amalek vom Angesicht der Erde tilgen wird, was nichts anderes bedeutet, als dass die Zeit kommen wird, an der das Böse letztlich besiegt und verschwunden sein wird.

Ein ‚verborgenes Gesicht‘

Einer der bekanntesten und beliebtesten Bräuche von Purim ist das Verkleiden, was bereits eine sehr lange Tradition hat.[12] Ein „verborgenes Gesicht“ ist Teil von Purim: so wie sich Gott sozusagen hinter den Kulissen verborgen hat[13], tragen auch wir Masken und Kostüme. Übrigens geht man nicht nur verkleidet zu einer Feier, sondern auch in die Synagoge und zwar Kinder und Erwachsene.

Großzügiges Schenken

Purim ist ein sehr soziales Fest. Die Juden in Persien haben zusammengestanden und sich gegenseitig geholfen. Wir sollen das auch heute machen. Daher schenkt man sich gegenseitig Essen, spendet an arme Menschen und lädt zu großen Festessen. Das wird so direkt in der Esther-Rolle erwähnt. Dort heißt es, dass wir auch zukünftig Purim feiern sollen, als „Tage des Gastmahls und der Freude, an denen sie einander Essens-Geschenke machen und die Armen beschenken sollen.“ Es gibt eine interessante Verbindung zwischen diesen drei Geboten. Purim erinnert an eine Bedrohung der physischen Existenz des jüdischen Volkes. Wir feiern unsere Rettung von dieser Bedrohung daher mit Geboten, die sich auf das Physische konzentrieren.[14]

Süßigkeiten, mindestens zwei Portionen

Der Talmud[15] besagt, dass man an Purim mindestens zwei Portionen Essen an Freunde schicken sollte. Auf Hebräisch heißen diese Essenspäckchen Mischloach Manot. Natürlich ist es lobenswert, wenn man mehr als zwei Personen beschenkt.[16] Damit sollte früher sichergestellt werden, dass jeder genügend Essen für die Purim-Mahlzeit hat.[17] Heute werden meist Süßigkeiten verschenkt. Diese Essenspäckchen sollen aber auch die Verbundenheit und Freundschaft zwischen den Menschen betonen, denn Haman behauptete, dass Juden uneinig gewesen wären und abgesondert von den anderen Menschen.[18]

Am Tag von Purim muss man außerdem mindestens ein Geschenk an zwei Arme geben.[19] Das Geschenk kann entweder Geld oder Essen sein[20] und sollte der Menge, bzw. dem Gegenwert, einer gewöhnlichen Mahlzeit entsprechen.[21] Es ist besser, mehr Geld für dieses Gebot auszugeben als für Mischloach Manot und das Festessen, denn es gibt keine größere Freude, als die Herzen von Waisen, Witwen und Bedürftigen zu erfreuen.[22]

Ein weiteres Gebot an Purim ist es, eine festliche Mahlzeit während des Tages mit anderen zu essen. Mit anderen deshalb, weil eine Feier erst dann eine Feier ist, wenn „Menschen zusammenkommen und zusammen essen und trinken.“[23] Die Mahlzeit sollte schöner sein, als gewöhnlich[24], die Purim-Wunder werden erzählt und zum Lob Gottes gesungen.[25]

Wunder und Alkohol … oder Schlaf

Das vielleicht ungewöhnlichste Gebot zu Purim steht im Talmud[26]: „Rava sagte: eine Person ist verpflichtet, an Purim so viel zu trinken, bis er nicht den Unterschied zwischen ‚verflucht sei Haman’ und ‚gesegnet sei Mordechai’ kennt.“ Diese etwas merkwürdige Verpflichtung, sich zu betrinken, hat seinen Ursprung in den Wundern von Purim: alle Wunder sind während einer Feier mit Alkohol passiert. Königin Waschti wurde bei einem Fest, das von König Achaschwerosch gegeben wurde, verstoßen, was zur Ernennung von Esther zur neuen Königin führte. Ähnlich wurde Hamans Untergang bei einem Fest mit Wein besiegelt. Dies führte zur Aufhebung von Hamans bösem Dekret. Daher also die Pflicht zum Alkoholgenuss.[27] Allerdings muss sich niemand völlig betrinken. Es ist erlaubt, nur etwas mehr als gewöhnlich zu trinken und sich dann schlafen zu legen, denn dann kann man ebenso nicht zwischen „verflucht sein Haman“ und „gesegnet sei Mordechai“ unterscheiden.[28]

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Jehoschua Ahrens ist Gemeinderabbiner in Darmstadt und Beauftragter für Interreligiösen Dialog des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Er gehört zu den Initiatoren und Verfassern der Orthodoxen rabbinischen Erklärung zum Christentum.

Bild: xeno4ka auf Pixabay. Es zeigt Hamantaschen, die zu Purim gebacken werden.

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[1] Der Zeitpunkt der Judenvernichtung wurde durch ein Los festgelegt, vgl. Esther 3,7.

[2] hebr. Megilat Esther, also Esther-Rolle; auch heute noch wird in der Synagoge von einer Rolle gelesen.

[3] Fünf Bücher Mose.

[4] Die damalige Hauptstadt Persiens.

[5] Vgl. Esther 4,15-16.

[6] Mischnah B’rura zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 686,2.

[7] Al HaNissim-Gebet [für die Wunder] im deutschsprachigen Gebetbuch, Rödelheim-Ausgabe.

[8] Schulchan Aruch, Orach Chaim 689,1-2.

[9] Schulchan Aruch, Orach Chaim 687,2 mit Mischnah B’rura.

[10] Rabbiner Chaim Friedlander, Sifsei Chaim, Bd. II, S. 221.

[11] Esther 3,1.

[12] Rama zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 696,8.

[13] Gott kommt nicht ein einziges Mal explizit im Buch Esther vor.

[14]  Rabbiner Mordechai Becher, Gateway to Judaism, S. 181.

[15] Babylonischer Talmud, Megila 7a.

[16] Schulchan Aruch, Orach Chaim 695,4.

[17] T’rumat HaDeschen, Responsa 111.

[18] In Esther 3,8 heißt es: „Und Haman sprach zum König Achaschwerosch: Es gibt ein Volk, das lebt zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Provinzen deines Königreichs…“.

[19] Schulchan Aruch, Orach Chaim 694,1.

[20] Mischnah B’rura zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 694,2.

[21] Sha’arei T’schuwa zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 694,1.

[22] Mischnah B’rura zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 694,3.

[23] Raschi zu Esther 9,28.

[24] Schulchan Aruch, Orach Chaim 695,1-2.

[25] Mischnah B’rura zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 695,4.

[26] Babylonischer Talmud, Megila 7b.

[27] Biur Halacha zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 695.

[28] Rama zu Schulchan Aruch, Orach Chaim 695,2.

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