Raum sein – Raum geben – Kirche im urbanen Raum

Ob, und wenn ja wie können schrumpfende Kirchen in wachsenden Städten präsent und ansprechbar sein? Ein Interview von Sven Herget mit Michael Tomaszewski zu einem Mainzer Experiment.

Es ist ein neues Stadtviertel, am Reißbrett entworfen, mit Wohnraum für um die 5.000 Menschen: Das Heiligkreuzviertel in Mainz. Auch eine Ladenzeile haben die Planer:innen vorgesehen. Zwischen Eisdiele und Supermarkt findet sich der kreuzpunkt | im Viertel.
Ein Ort der Kirche, aber keine klassische Kirche. Nicht mal ein Kreuz findet sich am oder im kreuzpunkt. Der Laden mit breiter Fensterfront erinnert eher an ein Café.

Wie kann Kirche präsent sein?

Er ist die Antwort des Bistum Mainz auf die Frage: Wie kann Kirche in diesem neuen Stadtviertel präsent sein. Lange wurde darüber zuvor in einer Arbeitsgruppe im katholischen Dekanat beraten, auch kontrovers. Im Frühjahr 2018 gab es dann den Auftrag des Generalvikars an die Arbeitsgruppe, eine mögliche pastorale Präsenz im Neubaugebiet zu entwickeln, die den Sozialraum berücksichtigt. Der kreuzpunkt ist ein Experiment, ein Pilotprojekt des Bistums Mainz.

Kirche als Projekt

Der Name des neuen Stadtteils erinnert an den christlichen Hintergrund, man könnte auch Baugrund sagen: Bevor IBM das Gelände nutzte, später aufgab, um Platz für neue Wohnungen zu machen, stand hier ein Kloster. Das Heiligkreuzkloster. Dass die Kirche im neuen Viertel erneut präsent sein will, verwundert also nicht.
Die Gründer sind Pfarrer Michael Tomaszewski und Gabriel Gessner (Caritas). Von August 2020 bis Juli 2023 hat der kreuzpunkt einen Projektstatus, dann wird das Projekt evaluiert.

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Sven Herget: Was ist das Konzept hinter kreuzpunkt?

Michael Tomaszewski:          Es war klar, dass im neuen Stadtviertel ausschließlich Wohnungen und Einkaufsmöglichkeiten geben wird, aber kein Stadtteilbüro oder Räumlichkeiten seitens der Stadt geplant sind, die von den Bewohner:innen gemeinsam für soziale Interaktionen genutzt werden können. Daher wollte die Arbeitsgruppe einen Ort für Begegnung schaffen, der flexibel von allen genutzt werden kann. Wir bieten einen „unverzweckten“ Raum zum Arbeiten, Treffen, Gestalten an und unterstützen beim Planen und Umsetzen. So soll im neuen Stadtteil ein Kirchort neben der bestehen Territorialpfarrei entwickelt werden. Dabei ging es erst einmal um das Zuhören und Wahrnehmen der Bedürfnisse der Menschen vor Ort und keine vorgefertigten Lösungen zu präsentieren.
Das Projekt steht für ein notwendiges Umdenken in der Gesamtpastoral des Bistums. Die Überlegungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Konzeption des Pastoralen Weges im Dekanat Mainz-Stadt, die die Frage des Bischofs aufgreift: „Bekommen die Menschen, was sie brauchen? Brauchen sie, was sie bekommen?“
Das Projekt hat einen experimentellen wie auch exemplarischen Charakter. Denn ein starres, festgelegtes Konzept im klassischen Sinne gibt es nicht, es soll gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. Wir verstehen uns als lernender Ort, der in Bewegung bleibt. Basis unseres Überlegungen ist die so genannte „Lebensraumorientierte Seelsorge“ (LOS), bei der sich am Konzept des Lebensraums und der Adressat:innen orientiert und gearbeitet wird.

Bekommen die Menschen, was sie brauchen?

SH:     Hat die Arbeitsgruppe auch überlegt, einfach nichts zu machen? Also im neuen Stadtviertel als Kirche nicht präsent zu sein?

MT:     Nein, das war von Anfang an ausgeschlossen. Auch die Stadt Mainz hatte im Vorfeld schon signalisiert, dass sie keine sozialen Einrichtungen im Viertel plant. Daher war es der Arbeitsgruppe des katholischen Dekanats wichtig, sich im neuen Viertel zu engagieren.

Nicht, was an eine Kirche erinnert

SH:     Der kreuzpunkt könnte optisch auch ein normaler Laden sein. Es gibt kein Kreuz, keinen Turm, keine Glocken, keine Orgel? Nichts, was an Kirche erinnert? Das ist irritierend oder soll das so sein?

MT:     Das soll so sein. Nicht überall, wo ein Kreuz hängt, ist Kirche drin. Und umgekehrt, nicht überall, wo Kirche drin ist, hängt ein Kreuz. Wir wollen einen Bewegungsort schaffen, der die Menschen des Viertel nicht gleich zurückschrecken lässt, sondern erst einmal generell willkommen heißt. Vor allem auch weil zahlreiche Menschen doch schlechte Erfahrung mit Kirche gemacht haben. Diese sollen nicht angetriggert werden, sondern es sollen neue Erfahrungsräume geschaffen werden.

SH:     Aber: Kirche zahlt, Kirche steckt dahinter. Es wirkt trotzdem ein bisschen so, als wolle man das verstecken?

MT:     Keinesfalls, aber wir wollen nicht marktschreierisch damit auftreten. Wir verschweigen nicht, dass der kreuzpunkt ein Kirchort ist. Oft ergibt sich das in Gesprächen mit den Nutzer:innen der Räumlichkeiten.

Yoga, Ersthilfekurs, Familienfeiern

SH:     Was passiert vor Ort? Und gibt es auch Gottesdienste?

MT:     Der Raum wird von den Bewohner:innen ganz vielfältig genutzt. Eltern haben ein „Eltern-Kind-Café“ eingerichtet, es gibt eine Yogagruppe, weitere Angebote für Familien wie ein Ersthilfekurs für Kind. Der Raum wird auch gerne für Familienfeiern überlassen. Das Spannende ist, dass die Bewohner:innen den Raum also zur Selbstverwirklichung entdeckt haben und auch entsprechend nutzen. Das passt zum Konzept des kreuzpunkt als Plattform. Daneben gibt es die Idee der Vernetzung mit den Gewerbetreibenden des Viertels. Außerdem möchten wir im Sinne einer „urbanen Intervention“ ins Viertel hineinwirken, zum Beispiel mit spirituellen Angeboten. Reguläre Gottesdienste sind vom Konzept her nicht geplant. Wenn aber die Bewohner:innen aber entsprechende Wünsche äußern, werden wir so etwas auch anbieten. Im Februar hat zum Beispiel eine Taufe im kreuzpunkt stattgefunden.

SH:     Können das, was vor Ort passiert, zum Beispiel Kinderbetreuung, Vermietung, Geburtstage, nicht auch andere machen? Vielleicht auch besser?

MT:     Vielleicht können andere das besser. Aber das tun sie ja bei uns auch schon. Denn die Angebote, die aktuell stattfinden, werden zum größten Teil von Externen, etwa den Eltern oder Gewerbetreibenden, angeboten. Wir sind in diesem Kontext „Ermöglicher“, die bei der Umsetzung helfen und beraten. Kirchlicher Dienst bedeutet per se ja nicht nur, Gottesdienste zu feiern, sondern auch bei den Menschen zu sein und sie in ihren Lebenswelten zu begleiten.

Ein Ort, der das Viertel bereichert

SH:     Wie sind die Reaktionen? Vom Bistum? Von den Bewohner:innen?

MT:     Insgesamt erhalten wir sehr positive Rückmeldungen. Die Bewohner:innen sehen den kreuzpunkt als innovatives Angebot und erleben Kirche hier in einem sehr positiven Licht. Sie schätzen, den kreuzpunkt für die Möglichkeiten sich dort einzubringen. Er ist ein Ort, der das Viertel bereichert. Vom Bistum, insbesondere von der Leitung, gibt es große Unterstützung. Man schätzt den Innovationsgedanken des Projekts und erhofft sich daraus Impulse auch für andere Orte im Bistum. In der Fläche des Bistums ist das Projekt allerdings weniger bekannt.

SH:     Es ist ein zeitlich befristetes Experiment. Was lässt sich bisher daraus lernen? Lässt sich das auch auf andere Orte überhaupt übertragen?

MT:     Was wir gemerkt habe, ist, wie wichtig die gleichberechtigte Partizipation der Bewohner:innen ist, also das Hören auf deren Bedürfnisse. Das ist zugleich auch Teil des bisherigen Erfolgs des neuen Konzepts. Hilfreich für unsere Arbeit ist Methoden aus dem agilen Management nutzen. Dies lässt sich sicher auch auf andere kirchliche Orte übertragen. Und am Ende bleibt, auch für die verbleibende Zeit der Projektphase: Wir sind Lernende, die hinhören, ohne gleich auf alles eine Antwort zu haben.

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Die Gesprächspartner*innen und Verantwortlichen:
Dr. Sven Herget, Bistum Mainz, Privatfunk-Beauftragter
Michael Tomaszewski, Pfarrer, Schulseelsorger und Projektleiter
Gabriel Gessner, Caritasverband Mainz.com

Foto: Catkin / pixabay.com

Foto unten: Sven Herget

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