Wer einmal lügt – Die Schlange im Paradies

Schlangenkopf in Nahaufnahme

Schuldlos ist niemand, auch nicht im Paradies. Kira Stütz hat diese theologische Einsicht in der Serie „Wer einmal lügt“ wiederentdeckt.

Wie so oft ist es die Schlange, die der metaphorische Dreh- und Angelpunkt des Bösen ist. Aus ihrem Nest entspringt das Unheilvolle, das Unumkehrbare. Es ist daher sicherlich kein Zufall, dass das Nest des Bösen in dieser Geschichte Vipers heißt (engl. für Giftschlangen). Doch zunächst soll offen bleiben, wer diese Giftschlangen eigentlich sind.

Aus ihrem Nest entspringt das Unheilvolle, das Unumkehrbare.

Betrachtet man das Leben der attraktiven Megan Pierce, wird schnell deutlich, dass diese Frau die glückliche Familienidylle der britischen Kleinstadt lebt. Sie ist verlobt mit dem gutmütigen Dave Shaw, mit dem sie drei Kinder hat und in einem großen Backsteinhaus mit Garten lebt. Die einzigen Sorgen des Paares, so scheint es, sind die an Demenz erkrankte Mutter, das pubertäre Verhalten der ältesten Tochter sowie die nun bevorstehende Hochzeit. Alles an diesem Leben ist so bieder, dass man am liebsten die Augen verdrehen und genervt ausschalten würde, wäre da nicht diese große Sympathie für eine Frau, die unter der Oberfläche noch mehr zu verbergen zu haben scheint. Schnell wird diese Vorahnung zur Realität, denn Megan wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Mitten in ihr perfektes Leben platzt eine Frau namens Lorraine und Megan, die von dieser Frau Cassie genannt wird, bekommt es mit der Angst zu tun.

von ihrer Vergangenheit eingeholt

Siebzehn Jahre ist es her, dass Cassie sich in einer Nacht aus den Fängen eines gewalttätigen Mannes gelöst hat, der die Stripperin für sich allein haben wollte. Er zwang sie gewaltvoll zu sexuellen Handlungen, stellte ihr nach, war wie besessen von ihr. Doch in dieser Nacht vor siebzehn Jahren fand sie ihn plötzlich blutverschmiert und erschlagen in einem Waldstück nahe des Vipers vor. Cassie nutzte diese Gelegenheit und rannte ohne ein Wort davon. Ihre Kolleginnen sowie die Besitzerin des Vipers, Lorraine, hatten all die Jahre keine Ahnung, wo sie war und was geschehen ist.

Die Miniserie Wer einmal lügt (britischer Originaltitel stay Close) basiert auf einer Romanvorlage des Thrillerautors Harlan Coben und ist seit Silvester 2021 auf der Streamingplattform Netflix zu sehen. Neben der bewegenden Geschichte einer jungen Frau, die sich aus prekären Verhältnissen befreit hat und ein neues Leben lebt, in dem niemand von ihrer alten Identität weiß, wird in der Serie ein Vermisstenfall eines Mannes aus reichem Elternhaus behandelt. Im Zuge dieser Ermittlungen stoßen die Kommissar:innen dabei auf weitere Fälle und gelangen zu der Erkenntnis, dass es sich in all diesen Fällen um eine Mordserie handeln muss, wenngleich von dem Vermissten weiterhin jede Spur fehlt. Die beiden Geschichten verstricken sich mehr und mehr zu einer. Das Vipers steht dabei im Mittelpunkt.

…einzelne Bösewichte, aber der Großteil all dieser Personen fügt sich einem Gut-Böse-Schema nicht.

Wenngleich die Story dieser Krimiserie im Grunde keine außergewöhnliche ist und sich so manch einer die Frage stellt, wie Megan alias Cassie es siebzehn Jahre lang geschafft hat, unentdeckt zu bleiben, wenn sie doch bloß eine Autostunde von ihrem alten Leben entfernt wohnt, packt diese Serie ihre Zuschauer:innen und hat damit großes Binge Watching Potenzial. Das liegt mitunter daran, dass die Mehrheit der Charaktere dieser Geschichte keine holzschnittartigen Karikaturen darstellen, die sich in gut und böse einteilen ließen. Zwar gibt es einzelne Bösewichte, aber der Großteil all dieser Personen fügt sich einem Gut-Böse-Schema nicht.

Denn auch die scheinbar Guten tragen ihre Laster mit sich herum. Neben Megan, die aufgrund ihrer Vergangenheit eine große Lebenslüge aufrecht erhält und damals viele Menschen bitter enttäuscht und kommentarlos verlassen hat, berührt die Geschichte des Fotografen Ray. Er war vor siebzehn Jahren der Verlobte von Cassie. Ein liebevoller, fürsorglicher Mann, der nach dem plötzlichen Verschwinden seiner zukünftigen Frau völlig aus der Bahn geworfen wurde. Bis heute weiß er selbst nicht, ob er damals den gewalttätigen Steward ermordet hat, um Cassie zu beschützen. Er hat keinerlei Erinnerungen mehr an diese Nacht. Und auch der gutmütige Anwalt Harry, der sich wie ein Löwe um die Stripperinnen bemüht und vor Polizei und Gericht immer wieder für sie kämpft, ist längst der Drogensucht zum Opfer gefallen.

Das Vipers bietet den Frauen ein Zuhause, die bis dahin keines hatten.

Es ist die Stärke dieser Serie, die Facetten des Lebens zu erzählen, ohne sich dabei in Klischees zu verlieren. Besonders das Milieu des Stripclubs wächst einem durch die Fürsorge der Besitzerin Lorraine und die Unterstützung des Anwalts Harry ans Herz. Das Vipers bietet den Frauen ein Zuhause, die bis dahin keines hatten. Und es bietet ihnen eine Starthilfe, aus der sie auch wieder weiter ziehen können. Zumindest ist es das, was Lorraine den jungen Frauen zu vermitteln sucht. Lorraine scheint als Stripclubbesitzerin eine von den Guten. Selbst einst Opfer eines gewalttätigen Partners hat sie sich diesen Frauen verschrieben. Privat beginnt Lorraine mit dem ermittelnden Kommissar eine romantische Beziehung, die unter der Tragik ihrer fortgeschrittenen Krebserkrankung zu leiden hat.

Die Schlange war im Paradies und im Vipers tummeln sich die Schlangen.

Die Schlange war im Paradies und im Vipers tummeln sich die Schlangen. Gewalttätige Männer, Drogen, Vergewaltigungen, Missbrauch und Mord. Aber auch Familie, Schutzraum, Zukunft und Halt. Als Zuschauer:in werde ich stets mit den eigenen Vorurteilen und Überzeugungen konfrontiert. Es macht sich Ärger breit über die Geheimniskrämerei und doch ahnt man leise, dass die Mittelschicht für eine Vergangenheit als Stripperin tatsächlich nicht offen ist, so sehr es das feministische Herz auch will. Und man entwickelt einen Hass auf Männer, die glauben, sich nehmen zu können, was sie wollen.

Die Mittelschicht ist für eine Vergangenheit als Stripperin tatsächlich nicht offen.

Und dann, nach und nach, kommt – spoiler alert – das Muster der Serienmorde ans Licht. So stellt sich im Laufe der acht Folgen heraus, dass es sich bei den Mordopfern um gewalttätige Männer handelt, die im Vipers die Frauen wie Ware behandelten und sich gewaltvoll nahmen, was sie wollten. Toxische Männlichkeit vom Feinsten. Und während sich die Schlinge der Ermittlungen immer enger schnürt und allmählich klar wird, wer all diese vielen Männer auf dem Gewissen hat, muss man sich eingestehen, dass sich zumindest für das Motiv Verständnis regt.

Spiegel christlicher Anthropologie – ambivalente Tragik des Menschen

Damit wird die Serie zu einem Spiegel christlicher Anthropologie, die dem Menschen zugesteht, dass er in sich eine ambivalente Tragik trägt. Es ist dieser Riss zwischen Gut und Böse, der das Abgründige ausmacht und weniger durch diese Welt als vielmehr durch einen jeden einzelnen Menschen geht. Da ist kein Kleister, der diesen Riss verschließt und da ist keine bürgerliche Idylle, die von allem Bösen nichts wissen will – das macht diese Serie auf eine so tragische Art und Weise deutlich. Und so tut es ein bisschen weh, wenn am Ende der Mord aufgeklärt und die mordende Person überführt wird, obwohl es ja genau das ist, was man beim Schauen eines Krimis ersehnt.

Und natürlich bleibt auch die Frage nach Schuld, aber Schuldlose, die gibt es in dieser Geschichte nicht.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, schreibt Kierkegaard in sein Tagebuch, aber die Serie zeigt: Manchmal wird nichts verstanden, manchmal finden wir uns einfach vor. Das Leben wie es ist, setzt sich aus Bruchstücken zusammen, die vereint das Leben bilden und ausgehalten werden müssen. Und hin und wieder holt uns ein Bruchstück des Lebens ein. Und natürlich bleibt auch die Frage nach Schuld, aber Schuldlose, die gibt es in dieser Geschichte nicht. Nicht nur das Vipers tummelt sich nur so von unheilvollen Giftschlangen, in einem jedem Paradies hängen sie am Baum. Und am Ende sitzt man dort, vor dem Bildschirm und muss sich die Frage gefallen lassen: „Adam, wo bist du?“, „Ja, wo bin ich?“, denke ich. Niemand ist unschuldig, auch ich nicht.

Kira Stütz ist Promovendin am Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig und arbeitet an einem Projekt zur digitalen Selbstinszenierung im Pfarramt.

Bild: Foto-Rabe / Pixabay

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