Rechtfertigung aus Gnade und Glauben mit Hoffnung – trotz Bolsonaro

Reformationstag 2021: ein Anlass, die weltweite Verbundenheit reformatorischer und spezifisch lutherischer Kirchen zu feiern. Romeu Ruben Martini gibt Einblick in eine gesellschaftlich engagierte Kirche in schwieriger Lage in Brasilien.

Im Jahr 2024 feiert die IECLB – Igreja Evangélica de Confissão Luterana no Brasil (Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien) 200 Jahre Präsenz und Zeugnis in Brasilien. In der Präposition „in“ ist die Rolle der IECLB implizit. Dieses „in“ bringt zum Ausdruck, dass die IECLB Teil des brasilianischen Kontextes ist und hier, „in“ Brasilien, Kirche mit allen daraus entstehenden Folgen sein will.

Wie verortet sich die lutherische Kirche in Brasilien, welche gesellschaftlichen Herausforderungen stellt sie sich und was bedeutet das wiederum für eine kontextuelle lutherische Theologie?

Kirche „in“ Brasilien – mit allen daraus entstehenden Folgen

Als eine Kirche attraktiver, inklusiver und missionarischer Gemeinden anerkannt zu werden, die getreu dem Evangelium Jesu Christi handeln und sich durch das Zeugnis der Liebe Gottes, dem Dienst zugunsten der Menschenwürde und Achtung gegenüber der Schöpfung auszeichnen.“ Ausgehend von dieser Vision definierte das Konzil der IECLB nach mehreren Jahren des Studiums und der Diskussionen mit den Gemeinden 2018 fünf Missionarische Zielsetzungen für den Zeitraum 2019-2024:

  1. Eine Kirche sein, die das Priestertum aller Gläubigen schätzt, die Menschen befähigt und deren Glauben vertieft, damit sie Zeugnis geben in der Kirche und in der Welt.
  2. Eine offene Kirche sein, die das Evangelium verkündet, welches der Wirklichkeit aller Menschen und der Schöpfung Gottes angepasst sein muss.
  3. Eine attraktive und aufnehmende Kirche sein, die die Vielfältigkeit in ihren Gemeinden widerspiegelt und einbezieht.
  4. Eine Kirche sein, die der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Versöhnung verpflichtet ist, welche ein Leben in Würde fördert.
  5. Eine synodale, gut geführte, demokratische, transparente, vernetzte und nachhaltige Kirche sein.

Für jede Zielsetzung wurden prioritäre Handlungsfelder definiert. Für jeden Bereich werden prioritäre Wirkungsbereiche festgelegt. Bei der Festlegung dieser Zielsetzungen, Bereiche und Aufgaben bis 2024 waren sich die verschiedenen Instanzen der Kirche immer bewusst, wie sehr ihre Durchführung Hingabe, Konzentration, Beharrlichkeit, theologische Reflexion und Gebet erfordern würde. Man rechnete jedoch nicht mit zwei Komponenten, die den skizzierten Weg bis zur 200-jährigen Feier lutherischer Präsenz in Brasilien stark beeinträchtigten. Es handelt sich um die Folgen der Wahl von Präsident Bolsonaro und die Corona-Pandemie.

eine Polarisierung, die den stürmischen Gewässern eines Tsunamis ähnelt

Die Anzeichen waren seit 2014 latent vorhanden, aber mit der Wahl von Bolsonaro verschärfte sich die Polarisierung in der brasilianischen Gesellschaft und wurde zu einem Phänomen, das den stürmischen Gewässern eines Tsunamis ähnelt. Geringfügig vernünftige Argumente, die Bereitschaft zuzuhören, die Analyse wissenschaftlicher Daten und bewiesene Tatsachen wurden alle durch ein vereinfachendes Für oder ein vereinfachtes Wider vernichtet. Wir verwandelten uns in eine Gesellschaft, die von Konfrontation angetrieben wird. Und dieses Phänomen erreicht sogar die Kirche, auch die IECLB. Das tragische Ergebnis dieser Realität für die Gemeinden der IECLB lässt sich wie folgt darstellen: Wenn jemand in der Gemeinde sagt „Selig sind, die Frieden stiften“, jedoch nicht gleich daran erinnert, dass dies eine Aussage Jesu ist (Matthäus 5,9), wird diese Person möglicherweise als Linksorientierter, Kommunist, Befürworter von Verbrechern“ beschuldigt.

… den Verlust ihrer grundlegendsten Rechte in der Tasche, auf dem Teller, auf der Haut und am Körper.

Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts gelang es in Brasilien, dem Hunger entgegenzutreten, doch heutzutage leben wir leider wieder damit. Aber es bleibt nicht dabei, obwohl diese Daten tragisch genug sind. Statistiken zeigen, dass wir heute 14 Millionen Arbeitslose haben, hinzu kommen Millionen entmutigter Menschen (die die Arbeitssuche aufgegeben haben). Natürlich hat die Pandemie stark zu dieser Realität beigetragen, doch die Art und Weise, wie die aktuelle brasilianische Regierung die Wirtschaft führt, und das persönliche Verhalten des Präsidenten der Nation sind entscheidende Ursachen für Hunger, Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, Entmutigung und die tragischen Folgen der schlechten Führung in der Pandemie. Während Bolsonaro im September 2021 seine tausend Tage Regierungszeit „feierte“, beobachtete Jurema Werneck (Exekutivdirektorin von Amnesty International Brasilien) kritisch: Wir kommen zu dem Schluss, dass in tausend Tagen der Regierung Bolsonaro die Brasilianer ohne Rechte leben. Die Menschen spüren den Verlust ihrer grundlegendsten Rechte in der Tasche, auf dem Teller, auf der Haut und am Körper.“

Als ob die Leitung der IECLB vorausgesehen hätte, was Brasilien erwartete, erlieβ sie – in prophetischer Haltung – Anfang 2019 das Manifest unter dem Titel Wir sind dem Evangelium verpflichtet.“ Die Stellungnahme bekräftigt die Leitlinien des Verständnisses der IECLB über ihre Aufgabe in Brasilien. Indem sie diese bekräftigt, werden die Gemeinden aufgefordert, Protagonist:innen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Wir heben hier einige Punkte dieser Stellungnahme hervor und bringen Beispiele:

„Es ist nicht möglich, das, was in der Kirche verkündet wird, von dem zu trennen, was im täglichen Leben gelebt wird.“

„Das Evangelium hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Es ist nicht möglich, das, was in der Kirche verkündet wird, von dem zu trennen, was im täglichen Leben gelebt wird: „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ (Psalm 24,1). Gott ist der Schöpfer von allem und nimmt alle Räume ein. Deshalb gelten nach lutherischem Verständnis Kirche, Wirtschaft und Politik als Ordnungen der Schöpfung Gottes. Gott setzt seinen Willen durch die Kirche, die Wirtschaft und die Politik um, und jeder Mensch ist berufen, mit den von Gott gegebenen Gaben in diesen drei Lebensbereichen zu handeln.“

„Es gibt Gruppen, die sich um Umweltanliegen und Programme zur Förderung der Agrarökologie treffen.“ Diese Vorreiter:innen-Rolle, die die IECLB von den Gemeinden in der Achtsamkeit der Schöpfung erwartet, zeigt sich z.B. im Schutz der Wasserquellen und der Suche nach agroökologischer Produktion, die aus dem Circulus vitiosus des (Miss-) Einsatzes von Pestiziden heraustritt. Gemeinden der IECLB im Bundesstaat Espírito Santo haben beispielhafte Anstrengungen in Gemeinschaftsprojekten zur Rückgewinnung von Wasserquellen und Bächen unternommen. Durch CAPA (Centro de Apoio e Promoção da Agroecologia – Zentrum zur Unterstützung und Förderung der ökologischen Landwirtschaft) unterstützt die Kirche Projekte, die sich als tragfähig erweisen, gesunde Lebensmittel zu produzieren und das Leben der Familien auf dem Land in wirtschaftlicher Hinsicht ermöglichen.

Schutz der Wasserquellen und der Suche nach agroökologischer Produktion

„Die IECLB verteidigt die Meinungsfreiheit, aber diese darf nicht mit Lügen, Verleumdungen, Hass, Diskriminierung und Rechtfertigung von Gewalt verwechselt werden. Im politischen Szenario manifestieren sich Polarisierungen und erzeugen Spannungen in den sozialen Beziehungen. Wir lehnen Reden und Praktiken von Hass, Gewalt, Rassismus und Homophobie ab und verurteilen sie.“ Die Verteidigung zur Freigabe des Einsatzes von Waffen zur Selbstverteidigung; Unwahrheiten über die Anwendung von Medikamenten, die Covid-19 angeblich vermeiden; Ausdrücke, die die Würde von Frauen, der farbigen Bevölkerung, Homosexuellen und Indigenen verletzen – all dies sind immer wiederkehrende Äuβerungen von Präsident Bolsonaro. Daher schließt sich die IECLB den Entitäten der Republik an, die verstehen, dass die Meinungsfreiheit nicht die Förderung von Unwahrheiten und Hass erlaubt, und fordert die Gemeinden auf, diese Reden durch sachliche Argumente, gegründet auf das Evangelium, zu ersetzen.

sachliche Argumente, gegründet auf das Evangelium,

„Wenn wir auf die ernsten Probleme unserer Gesellschaft hinweisen, ist es notwendig, von der menschlichen Sünde zu sprechen. Jeder Mensch muss mit den Worten Jesu konfrontiert werden: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“. Umkehren bedeutet zu erkennen, dass eine Denk- und Handlungsweise falsch ist und dass eine Veränderung, eine Bekehrung notwendig ist.“

„Durch das Wirken des Heiligen Geistes verwandelt das Evangelium das Leben von Menschen und befähigt sie, gute Früchte zu bringen. Aus diesem Grund können wir nicht umhin, einige der Zeichen zu erwähnen, die wir in der IECLB wahrnehmen. Es gibt diakonische Aktivitäten und Partnerschaften mit sozialen Bewegungen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen.“ Beispiele hierfür ist die von Pastor:innen und Diakon:innen koordinierten Krankenhausseelsorge in brasilianischen Krankenhäusern, etliche davon von Gemeinden unterstützt, sowie die Frauenvereine, die ihren Lebensunterhalt durch Recycling von Trockenabfällen bestreiten, unter der Koordination der Fundação Luterana de Diaconia (Lutherische Stiftung der Diakonie).

„In der gesamten IECLB versammeln sich Menschen im Gottesdienst und sind aus der Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen heraus bereit zu dienen.“ Doch wir fragen uns: Tun wir alles, was in unserer Macht steht? Können wir mehr tun?“

In Christus gerechtfertigt glauben und antworten wir durch Handlungen, die mit dem übereinstimmen, was Gott für uns getan hat.

Angesichts der gegenwärtigen Realität in Brasilien bleibt die IECLB einem Grundpfeiler der Reformation treu: Was die Kirche mit ihren missionarischen Zielen bewegt, ist die Rechtfertigung aus Gnade und Glauben. Da wir von Gott in Christus gerechtfertigte Menschen sind, glauben und antworten wir durch Handlungen, die mit dem übereinstimmen, was Gott für uns getan hat. Und das wird zum Zeichen der Hoffnung, mit einem Detail: es handelt sich nicht um die Hoffnung, die tatenlos zusieht und darauf wartet, dass etwas geschieht, sondern es ist die Hoffnung, die uns – nach dem von Paulo Freire geschaffenen Begriff – „esperançar“ (hoffen) macht, und uns zu teilnehmenden Subjekten an Initiativen und Aktionen verwandelt, welche verändern, d.h.: unsere Hoffnung ist aktiv.

Pastor Dr. Romeu Ruben Martini war 2003 bis 2010 Referent für die theologische Ausbildung der IECLB, 2011-2018 theologischer Assistent des Präsidiums der IECLB und arbeitet derzeit mit einer halben Stelle als Pfarrer in der Parochie União de Montenegro (5 Gemeinden).

Bilder: Gemeinden in Espírito Santo,  Rückgewinnung von Wasserquellen / R. Martini

Print Friendly, PDF & Email