Religion muss nützlich sein – Anstelle eines Nachrufs für Professor Karlheinz Müller

Vor kurzem verstarb Karlheinz Müller – nicht nur einer der wichtigsten Exegeten seiner Generation, sondern auch ein großartiger Lehrer der Theologie. Ein Portrait, gezeichnet von Burkhard Hose.

„Anstelle eines Nachrufs. Ungeordnete Anmerkungen zu einem wichtigen Lehrer“. Mit diesen Worten überschrieb Karlheinz Müller im Herbst 2002 einen Nachruf für seinen Lehrer Rudolf Schnackenburg[1]. Er quälte sich mit der Abfassung einer angemessenen und ehrlichen Würdigung herum, feilte an jeder einzelnen Formulierung und reichte den Nachruf schließlich deutlich verspätet ein.

Auf der Suche nach Texten von Karlheinz Müller unter meinen alten Dateien habe ich tatsächlich nur noch diesen Beitrag auf meinem Rechner entdeckt. Vermutlich musste ich als sein damaliger Assistent den Text mit ihm gemeinsam an einem Wochenende unter Hochdruck fertigstellen, da ihm wieder einmal eine ihm so lästige Redaktion mit einem längst verstrichenen Abgabetermin im Nacken saß.

Keine inzüchtige Theologie

Nun sitze ich also an seiner Stelle und schreibe wie er damals „ungeordnete Anmerkungen zu einem wichtigen Lehrer“. Ich werfe noch einmal einen Blick auf die Worte des Nachrufschreibers Müller, die er für seinen Lehrer Schnackenburg fand und muss schmunzeln. So schreibt Müller über den großen Neutestamentler, bei dem er 1966 zum Doktor der Theologie promoviert wurde, dessen Assistent er war und dem er bis zu dessen Tod mit großer Wertschätzung treu verbunden blieb, mit einem nicht zu überhörenden Unterton: „Aber er las inzüchtig – keine moderne Prosa (außer Kriminalromanen), keine Lyrik, im Grunde auch keine ernstzunehmnde Tageszeitung. Er hatte keine Einstellung zu Bildern und im Grunde bedeutete ihm auch die Musik nicht viel.“

Streicht man die Negationen aus diesen Sätzen heraus, landet man bei dem, was Müller selbst so wichtig war: bei moderner Lyrik, zeitgenössischer Kunst und bei der Musik. Er verlangte von sich selbst und von anderen Theolog*innen mehr als alles andere, Theologie eben nicht nur als Fach, sondern als Lebenseinstellung und mehr noch als Auftrag zu verstehen:  Theolog*innen seien darauf angewiesen, aufmerksame Zeitgenossen zu sein, sagte er mir immer wieder. Und dazu wurde man nach seiner Überzeugung nicht durch endloses Sitzen in Bibliotheken, sondern durch Theater- oder Museumsbesuche, durch das Lesen moderner Lyrik und in der Beschäftigung mit widerständiger Musik. Ja, er war davon überzeugt, dass jede gute Exegetin und jeder Exeget gar nicht umhinkomme, Gegenwartskunst zu betrachten oder ins Theater zu gehen, um dort zu lernen, wie man antike Texte in ihrer Zeit zu verstehen habe.

Biblische Texte, historischer Kontext und unsere Gegenwart

Als Bibliker und als Judaist hielt er daran fest: Erst in ihrem historischen Kontext verstanden und mit der Gegenwart zusammengelesen werden biblische Texte zu dem, was wir „Offenbarung“ nennen. Jenseits davon gebe es keine ewige überzeitliche Wahrheit.

Das war Müllers theologisches Grundaxiom, ganz geprägt von einer jüdischen Offenbarungsvorstellung, die er Studierenden gerne in ein anschaulisches Bild brachte. Demnach sollte man sich die göttliche Offenbarung wie einen nach vorne offenen Trichter vorstellen. An seiner engsten Stelle sei die Kundgabe des Gesetzes am Sinai anzusetzen. Von da ab öffnete sich der Trichter und die Abmessungen der Offenbarungen würden unendlich weit, da sich immer mehr Geschichte in ihr ansammelte.

Wiederentdeckung des Gesetzes

Er selber als Wissenschaftler verfolgte diese Spur, indem er neben seinem Spezialgebiet, der Befassung mit der frühjüdischen Apokalyptik, sein Forschen vor allem dem Stellenwert des jüdischen Gesetzes widmete. Müller ist es wesentlich zu verdanken, dass die christliche Lesart einer vermeintlich engen jüdischen „Gesetzlichkeit“, die lange Zeit auch die Zunft der Neutestamentler*innen bestimmte, inzwischen überwunden ist. Immer wieder erzählte er von jener Tagung neutestamentlicher Exegeten, auf der er erstmals darlegte, dass sich Jesus von Nazareth mit seiner Botschaft innerhalb der Abmessungen eines sehr weiten frühjüdischen Gesetzesverständnisses bewegt habe. Das jüdische Gesetz tauge nicht als dunkle Kontrastfolie für das Bild eines von der „jüdischen Gesetzlichkeit“ befreienden Jesus, vertrat er dort. Auf der Rückfahrt von der Tagung habe sein Lehrer Rudolf Schnackenburg keinen Ton mit ihm geredet.

Noch am Ende seines Forschens befasste sich Müller mit der Halacha, mit dem dynamischen Konzept aus Geboten und Verboten, nach denen gläubige Jüdinnen und Juden ihr Leben in der jeweiligen Gegenwart einrichten. Das diese Forschung abschließende Buch „Leben nach dem Gesetz im Frühjudentum“ kam leider nie zum Abschluss.

Nie nur in der Theorie: Halacha der Gegenwart

Die immer mit der Gegenwart um die göttliche Offenbarung ringende jüdische Gelehrsamkeit hatte es Müller aber eben nie nur in der Theorie angetan. Er erforschte sie im ständigen Kontakt mit jüdischen Gesprächspartner*innen. Deshalb gehörte es für ihn selbstverständlich dazu, sich mit der konkreten jüdischen Gemeinde vor Ort zu verbinden. Nichts verachtete er mehr als abgehobene jüdisch-christliche Dialoge, die ohne konkrete Jüdinnen und Juden auskommen und – wie er es nannte – mit einem „augenlosen Judentum“ kommunizieren. Er wollte es bis zu seinem Lebensende wissen, wie ein Leben nach der Halacha unter den Bedingungen der Gegenwart funktioniert.

Als langjähriger katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken wiederholte er deshalb wie ein Mantra: „Wir reden nicht über Juden sondern mit ihnen.“ Und das tat er. Viele Freundschaften verbanden ihn mit der jüdischen Gemeinde in Würzburg, in deren Syngoge er regelmäßig am Gottesdienst teilnahm. So war es für ihn auch selbstverständlich, der Bitte des damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu folgen und sich der Erforschung des größten Fundes mittelalterlicher jüdischer Grabsteine anzunehmen.

Religion muss nützlich sein

In Würzburg war dieser Fund 1987 beim Abriss eines alten Gebäudes zu Tage getreten. Für mehr als 20 Jahre sollten die Grabsteine zum Mittelpunkt seines Arbeitens werden. Aber auch hier ging es ihm nicht darum, nur Inschriften zu lesen und über Namen auf den Steinen Verbindungen in die mittelaterliche Literatur herzustellen. Bei der Neukonzeptionierung des Jüdischen Museums im Würzburger Gemeindezentrum „Shalom Europa“ bildeten die Steine für ihn die Rückwand, um heutiges jüdisches Leben zu erklären. Letztlich zeigte sich auch an den Steinen, was ihn am jüdischen Offenbarungsverständnis immer faszinierte und was er – so glaube ich – in der christlichen Rede von der Offenbarung vermisste. Er fasste es mit einem Wort zusammen, das vermutlich Generationen von Theolog*innen, deren Lehrer er war, geprägt hat: „Religion muss nützlich sein“.

Ich musste in den letzten Wochen, in denen uns die Coronakrise in ihren Bann gezogen hat, oft an meinen Lehrer Karlheinz Müller denken. Bei manchen Versuchen der christlichen Kirchen, sich bei den Menschen in Erinnerung zu halten, frage ich mich, was davon Menschen in der jetzigen Situation wirklich nützt, um ihr Leben zu bewältigen.

Arbeit an der Auferstehung der Toten

Karlheinz Müller kann mir bei der Suche nach Antworten oder besser beim Finden der richtigen Fragen nicht mehr zur Seite stehen. Er starb am 18. Februar 2020. Auf seinem Sterbebild findet sich das Foto eines kleinen mittelalterlichen Grabsteinfragments, auf dem nichts weiter zu lesen ist als „Amen“. Er gab es vor vielen Jahren seinem Freund, dem in Würzburg geborenen israelischen Lyriker Jehuda Amichai. Dieser schrieb wenig später ein Gedicht über den Stein aus seiner Geburtsstadt, der nun auf seinem Schreibtisch liege. In Anspielung auf meinen Lehrer, der über die Erforschung der Grabsteine Namen und dahinter Menschen in der Geschichte des Würzburger Judentums zum Vorschein brachte, stellt der Dichter fest, es gebe in Würzburg einen Mann, der an der Auferstehung der Toten arbeite.

Jetzt ist es an uns, den nachkommenden Generationen, diese Arbeit fortzusetzen und damit sozusagen auch an der Auferstehung unseres Lehrers zu arbeiten – als wache Zeitgenoss*innen, auf der Suche nach einer Religion, die in den Abmessungen einer nach vorne offenen Offenbarung für Menschen in der Gegenwart nützlich ist.


Burkhard Hose

Bildquellen: Privat; Markus Hauck, POW

[1]     Karlheinz Müller: Anstelle eines Nachrufs: ungeordnete Anmerkungen zu einem wichtigen Lehrer. In: Biblische Zeitschrift 47, 2003, 161-166

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