Requiem – eine poetische Komposition

Coverbild Requiem

Requiem stellt ein literarisches Stück von Marlen Schachinger, Michael Stavarič und Markus Orths dar. Diese drei Schriftsteller haben 2017 anstelle einer musikalischen eine poetische, sprachliche Komposition der einzelnen Messteile vorgenommen. Eine Rezension des Buches von Johann Pock.

Unter einem Requiem versteht man die Messe, den Gottesdienst für einen verstorbenen Menschen, auch als „Totenmesse“ bezeichnet. Es gibt dazu wunderbare musikalische Kompositionen – am bekanntesten ist vielleicht das Requiem von Mozart, sein letztes Werk von 1791, das er selbst nicht mehr vollenden konnte. Marlen Schachinger, Michael Stavarič und Markus Orths bezeichnen ihr Werk selbst als „erstes Requiem der Sprache in der Literaturgeschichte“. Nicht die Musik, sondern Texte interpretieren hier das Geschehen im Umfeld der Verabschiedung eines Toten.

Zum Nachsinnen anregen, nicht bloß über Sterblichkeit und Tod

Sie greifen den Rhythmus und die Texte bzw. die Sprachformen der Totenmesse einleitend zu den Teilen auf. Dann aber versuchen sie eine Interpretation z.B. des Kyrie oder des Agnus Dei – aber eben nicht mit Mitteln der Musik, sondern in sprachlicher Form. Sie versuchen damit eingeprägte (und häufig auch nicht mehr verstandene) Formeln und Floskeln aufzubrechen. Ihr Ziel ist es, „zum Nachsinnen anzuregen, nicht bloß über Sterblichkeit und Tod, unseren Umgang damit, sondern gleichsam zu hinterfragen, was rituelle Formulierungen besagen“.

Dieses sprachliche Requiem wurde am 12.5.2017 in der Pfarrkirche Gaubitsch (Niederösterreich) uraufgeführt und vom Septime Verlag veröffentlicht.

Auf 142 Seiten (in lateinischen Ziffern!) stellt das Buch eine intensive Beschäftigung mit der Frage nach dem Glauben, nach Gott, nach Tod und Auferstehung dar. Den Rahmen bildet der Ablauf eines Trauergottesdienstes (mit Introitus, Kyrie, Lesung und Evangelium, Offertorium bis hin zur Entlassung, dem Libera me.

Das Moment der Klage hat seinen Platz – wie auch Ironie und Sarkasmus angesichts des Unvermeidlichen.

In dieser Rezension lasse ich einige Texte zu den Abschnitten für sich selbst sprechen – sie zeigen meines Erachtens einerseits ein behutsames Ringen um ein Verständnis von Leben und Tod; andererseits werden aber auch heftige Kritik an einem Gott, der Leid und Tod zulässt, laut. Das Moment der Klage hat seinen Platz – wie auch Ironie und Sarkasmus angesichts des Unvermeidlichen. Die einzelnen Abschnitte haben dabei ganz unterschiedlichen Charakter. Das Kyrie ist z.B. stärker meditativ. Lesung und Evangelium, die längsten Abschnitte, stellen eine Art biographischen Zugang dar – einerseits ausgehend von der biblischen Erzählung von Kain und Abel; andererseits vom gemeinsamen Zugehen auf das Sterben eines alten Ehepaars, aus der Ichperspektive heraus erzählt.

Ins Lachen hinein sterben

Kyrie – „Meine Großmutter starb ins Lachen hinein“

„Der eine stirbt in die Stille hinein
Der andere stirbt in die Leere hinein
Der eine stirbt allein
der andere stirbt im Beisein
Meine Großmutter starb ins Lachen hinein“
„Mein Onkel sagt: Herr, erbarme dich dreimal.
Und alle mussten lachen
Und meine Großmutter
Starb
Ins Lachen hinein
Ein schöner Tod
Sagten alle
Danach
Ein schöner Tod.“ (S. 19)

„ich, ich, ich, der Gott, auf den ihr euch wie selbstverständlich beruft, ich habe Schreckliches getan, ich bin ein Menschenquäler, ich bin ein Hiobquäler“

Dies Irae – Der „Ich-sagende“ Gott

In diesem Abschnitt, gewissermaßen dem Antwortpsalm auf die Lesung, wird heftige Kritik an Gott geübt:

„… ich, sagst du, ich, euer Gott, ich, sagst du, indem du dich selber mit den drei Buchstaben der Eitelkeit umsuhlst, ich, ich, ich, sagst du, ich bin der Gott Abrahams und der Gott Mose, ich, Jahwe, ich bin der Größte, der Einzige, ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben.“ (S. 53)

„ich, ich, ich, der Gott, auf den ihr euch wie selbstverständlich beruft, ich habe Schreckliches getan, ich bin ein Menschenquäler, ich bin ein Hiobquäler, ich erfreue mich dran, die Menschen bis aufs Blut zu zermartern, und ich will, dass ihr auch Menschenquäler seid und Tierquäler und Kreaturquäler, ja, ich schuf euch, und ich löschte euch wieder aus.“ (S. 54)

„ich sehe, ihr zerstört die komplette Welt nach bestem Wissen und Gewissen, und ihr werdet es schaffen, ich glaube an euch, an meine Kreatur, ihr werdet es schaffen, folgt mir nach, bald habt ihr es geschafft, bald ist die Erde nur noch ein Haufen Asche. … Bald werdet ihr meine Minigötter sein, so, wie ich es wollte, Minivernichter, und ich kann endlich sagen: Sie haben sich selbst ausgerottet, die Menschen in ihrem Götterwahn, und erst, wenn dieser Tag kommt, dann kann ich mich zurücklehnen und sagen: Und ich sah, dass es gut war …“ (S. 55f)

„Auf jeden Fall, und es leuchtete mir eher ein als jede Auferstehung, wachsen Wörtern deshalb manchmal Flügel, ziehen sie alsdann ihre eigenen Kreise. Sei also vorsichtig, was du sprichst“

Evangelium: Windhauch

Der Abschnitt zum Evangelium nimmt viele Anleihen bei Kohelet. Es ist ein fiktives Gespräch eines alten Ehepaares, wo der Mann auf den Tod zugeht und die Frau das Leben und Sterben reflektiert. So stellt sie sich die Frage: Was tröstet? „Deine erinnerte Galerie kleiner Begebenheiten mit ihr kannst du jederzeit betreten, sie ab und an Bild für Bild betrachten; diese trösten; zumindest manche.“ (S. 67)

Es ist ein Gang durch die Geschichte der Weltreligionen und ihre Angebote im Blick auf Leben und Sterben.

„… bis ich ‚davar‘ begriff, hebräisch für ‚Wort‘, zugleich jedoch meint es auch ‚die Angelegenheit‘, ‚die Sprache‘. Implizit bedeutet also dieses ‚davar‘, dass mit dem Akt des Laut-Werdens etwas geschaffen wird. Worte wirken und geschehen, zumindest diejenigen Gottes, wenn man an ihn glauben will. Oder kann. Auf jeden Fall, und es leuchtete mir eher ein als jede Auferstehung, wachsen Wörtern deshalb manchmal Flügel, ziehen sie alsdann ihre eigenen Kreise. Sei also vorsichtig, was du sprichst, selbst in deinem Schlafzimmer.“ (S. 78f)

„glauben heißt nicht-wissen, alles ist Windhauch, ist nichtig, ist häwäl, all unser Trachten, unser Streben, unsere Gier“

Im Blick auf die göttliche Gnade und Rettung durch seine Gnade hält sie fest:

„Doch will man das?, gnadenhalber?, und in den Himmel?, wer zahlt sein ganzes Leben für die Idee eines Danachs und eines Gottes, an den man nur ‚glauben‘ kann?, glauben heißt nicht-wissen, alles ist Windhauch, ist nichtig, ist häwäl, all unser Trachten, unser Streben, unsere Gier, und keine der Religionen, keine einzige, weder die mosaische noch der Islam, auch nicht das Christentum, mögen sie sich allesamt auf Abraham berufen, scheint eine sinnvolle Antwort anzubieten.“ (S. 85)

Aber auch das Altwerden wird in den Blick genommen und z.B. mit dem Gespenst der Angst beschrieben, das im Nacken sitzt:
„Ja, alles wandelt sich; mal abgesehen von jenem stoischen Zeitgenossen, der sich seit jeher so gerne als Buckel auf deinen Rücken hockt, um dich alsdann gewaltig ins Genick zu beißen, selbst wenn seine Zähne stumpfer geworden sind, im Alter. Monatelang schweigt dieses Gespenst, welches ‚Angst‘ heißt, bevor es dich von Neuem besucht und schüttelt, sodass dir – und mir – Hören und Sehen vergeht.“ (S. 94)

„Alles, sagtest du gern, hat zwei Gesichter, auch der Tod, und schaut das eine Antlitz ins Bodenloch, blickt das andere ins Leben.“ (S. 94)

„Und – Himmel! – bloß keine Auferstehung!“

Und natürlich ist die Frage, was der Tod bringen wird. Hier wird nicht auf ein Leben nach dem Tod gewartet – zumindest wird es nicht positiv verstanden. Tröstend ist für sie die Hoffnung auf Ruhe und Frieden:

„Du wirst es ausstehen, dieses Leben, wirst es so gut wie irgend möglich, bewältigen; aber danach soll Ruhe sein.
Endlich Frieden.
Mit oder ohne ewigem Licht.
Kein Karma, keine Wiedergeburt.
Und – Himmel! – bloß keine Auferstehung!“ (S. 95)

„Was wir euch hinterlassen, liebe Kinder unserer Kinder, dafür gibt es keine Entschuldigung und kein Verzeihen.“

Sehr eindrücklich ist die Schilderung des Abschiednehmens von den Kindern und Kindeskindern und die damit verbundene Erkenntnis, dass das zu hinterlassende Erbe nichts Gutes ist:

„Was wir euch hinterlassen, liebe Kinder unserer Kinder, dafür gibt es keine Entschuldigung und kein Verzeihen. Drei Generationen, vielleicht vier haben genügt, den Tod zu verbreiten. Hass in den Seelen, Gier im Körper und Dummheit im Geiste: Das ist unser Vermächtnis an euch, unser Erbe, welches ihr anzutreten habt, ob es euch gefällt oder nicht. Verbrannte Haut, verseuchter Lebensquell, verpesteter Atem. Tot. Alles ist tot! Dass es uns leid tut? Ändert nichts. – Es ist an euch, das Blatt im Buch des Lebens endgültig zu wenden – auf eine neue Erde und einen neuen Himmel! Denn alles hat seine Zeit. Die unsere? War dominiert vom Bösen – möge es mit uns untergehen. Und hoffen wir, euch bleibt nur das Gute. —— “ (S. 100)

Lux aeterna: Vision von Himmel und Hölle

Im vorletzten Abschnitt wird eine Vision vom Himmel und der Hölle geschildert – mit einer Umkehrung der üblichen Vorstellungen. Himmel und Ewigkeit erscheinen hier als Ort der Langeweile; Hölle jedoch als eigentlicher Ort der Sehnsucht – verbunden mit der Frage: Wurden wir hier im Leben nicht immer wieder getäuscht?

„Und wir schauten uns an, glücklich den Sprung gewagt zu haben, von der ewigen Langeweile in die ewige Wollust. Von überall drangen die Schreie und das Lachen derjenigen, die uns im Leben getäuscht hatten und auch noch im Tod.“ (S. 136)

„Jetzt ist Schluss.
Die Lösung ist: Erlösung.“

Libera Me: Nicht mehr streben, sondern sterben

Das Requiem endet mit dem sogenannten „Libera“, mit dem man üblicherweise den Sarg aus der Kirche verabschiedet. Dieser Schlusspunkt wird hier nochmals in poetischer Form gesetzt

„Jetzt ist Schluss.
Die Lösung ist: Erlösung.
Ich löse mich auf,
in einer Lösung aus Ruhe.
Ich gehe auf.
Ich STREBE nicht mehr.
Ich STERBE.
Das Sterben ist nichts
als ein einziger Buchstabe,
der von seinem Platz purzelt.
Vom Streben zum Sterben.
Das strebe ich an.
Das sterbe ich an.“ (141)

Insgesamt ist es ein nicht einfach zu lesendes, aber in seinen Gedankenanstößen zum Themenfeld Leben-Sterben-Ewigkeit sehr inspirierendes Buch.

Autor: Johann Pock, Prof. f. Pastoraltheologie in Wien, Redaktionsmitglied von feinschwarz.net

Beitragsbild: Cover des Buches

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