Schrift im Streit: Auf dem Weg zu interreligiösen Hermeneutik(en)

Was passiert, wenn jüdische, muslimische und christliche Theologinnen gemeinsam ihre Heiligen Schriften diskutieren? Hannah Döhnert berichtet von der interreligiösen Tagung der „Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen“ (ESWTR), die im November 2016 auf Schloss Rauischholzhausen stattfand.

„Frauen aller Religionen vereinigt euch!“ Mit dieser Aufforderung eröffnete Ute Eva Eisen als Präsidentin die interreligiöse Jahrestagung der deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR/D). Die Tatsache, dass einlinige und traditionalistische Auslegungen religiöser Traditionen normativ gesetzt werden, nötigt zur hermeneutischen Reflexion. Die Texte werden nicht nur ihres historischen Bezugsrahmens beraubt, sondern zugleich als Waffen eingesetzt – etwa gegen Frauen und andere „Minderheiten“ weltweit. Die Herausforderung besteht darin, solchem Missbrauch von (heiligen) Schriften kritisch und reflektiert entgegenzutreten, um das gemeinsame Ziel der Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen.

„Frauen aller Religionen vereinigt euch!“

Zu Beginn zeigte Gerlinde Baumann (Marburg) aus christlicher Perspektive nicht nur Problemfelder, Positionen und Perspektiven christlicher Bibelhermeneutik auf, sondern eröffnete mit der Rede von einer „Urtextfiktion“, der Infragestellung von Normativität traditioneller Schriften sowie der Pluralität an Auslegungsmethoden einen kommunikativen Raum für Theologinnen der drei Weltreligionen.

Dina El Omari (Münster) rückte Gerechtigkeit und Verantwortung als Grundprinzipien der Koranexegese in den Fokus. Die Frage nach den Geschlechterverhältnissen im Koran beantwortete sie mit ihrer (diachronen) Analyse früh- und spätmekkanischer Suren. Dabei arbeitete sie ein Gefälle der Suren heraus. Insbesondere die frühmekkanischen Schöpfungsaussagen thematisieren die Menschenschöpfung in einer gleichwertigen Zweigeschlechtlichkeit. Gleichwohl werden den Geschlechtern in den historisch späteren Suren unterschiedliche Funktionen und Fähigkeiten/Charakteristika zugeschrieben. Weiblichkeit und Männlichkeit entstehen somit im soziokulturellen Diskurs.

Es macht einen Unterschied, wenn Frauen die Texte lesen.

Tal Ilan (Freie Universität Berlin) sprach darüber, dass es einen Unterschied macht, ob Männer oder Frauen die kernreligiösen Texte des antiken Judentums lesen. Sie skizzierte die Unterschiede, wenn Frauen diese Texte lesen, anhand von Textbeispielen aus der Hebräischen Bibel, wie z.B. der Erzählungen von der Schöpfung (Gen 1-3) und dem Empfang der Torah am Sinai (Exodus 19,14f.), sowie anhand der Mishnah, hier bei der Benutzung des Terminus „Jude“ sowie anhand einer misogynen Äußerung.

Wie Methodendiskussionen die Legitimität von Auslegungen beeinflussen, das erörterte Nimet Seker (Frankfurt). Sie hat dargelegt, wie „historische Kontextualisierung“ als eine Methode der feministischen Koranauslegung hermeneutische Spannungsfelder verdeutliche: zwischen Universalität und Geschichtlichkeit und zwischen Textualität und Kontextualität. Es bedürfe nicht nur eines Bewusstseins für die Chronologie der Herabsendung des Korans, sondern es sei bereits eine hermeneutische Entscheidung, ob der Koran als Text oder als Rede wahrgenommen werde.

Neutestamentliche Perspektiven auf Suren des Korans

Silke Petersen (Hamburg) blickte dann aus neutestamentlicher Perspektive auf Suren des Korans. Dabei ging es um Passagen aus den Suren 3, 4, 5 und 19, in denen sich Parallelen zu apokryphen Evangelien finden. Insbesondere ihre Analyse von Sure 4,157f., wo die Kreuzigung Jesu bestritten wird, führte die hermeneutischen Herausforderungen vor Augen, die sich aus differierenden Deutungen und Kontextualisierungen ergeben. Dabei wurde eine Verzahnung von Traditionen und Texten sichtbar, die sich vielgestaltig aufeinander beziehen und somit nicht in den jeweiligen kanonisierten Schriften stillgestellt sind, sondern sich weiterhin entwickeln, überschneiden und beeinflussen.

Irmtraud Fischer (Graz) thematisierte schließlich den Machtfaktor im Streit um kanonische Heilige Schriften anhand der Intersektionalitätskriterien. Sie ging der Frage nach, welche Rolle das Geschlecht in den sozialen Prozessen der Entstehung, Kanonisierung und Auslegung religiöser Schriften spielt. Sie zeigte am Beispiel von Gen 3,16 und seinen alten Bibelübersetzungen, insbesondere der Vulgataübersetzung, wie misogyne Auslegungstraditionen begründet wurden, denen Christine de Pizan im 15. Jhd. widersprach und am Phänomen der weiblichen Prophetie verdeutlichte, wie dieses je nach Kanoneinteilung unsichtbar gemacht wird.

„Heilige Bücher“: Tagebücher, Kalender oder Romane

Die Minilectures (Kurzvorträge) ermöglichten einen vielfältigen und internationalen Austausch in kleineren Diskussionsrunden. Spannend auch, dass und wie die Theologin und Clownin Gisela Matthiae die Tagung künstlerisch und theologisch begleitete. Die Teilnehmerinnen hatten jeweils ein „ihnen heiliges“ Buch mitgebracht. Aus diesen Büchern, zu denen neben den offiziellen Heiligen Schriften auch Tagebücher, Kalender oder Romane gehörten, gestaltete Matthiae eine allgemein zugängliche Buch- und Stempelinstallation im Foyer. Der Höhepunkt war eine clowneske Vorstellung zum Thema der interreligiösen Wegsuche, mit der sie das Tagungsthema aufnahm und theologisch weiterdachte. Am Ende der Tagung gestaltete sie zusammen mit der Imamin Rabeya Müller ein interreligiöses Schlussritual. Die zwei Morgenimpulse der Tagung erfolgten aus jüdischer und muslimischer Perspektive.

Freiraum und offene Atmosphäre

Insgesamt bot die Tagung viel Freiraum, nicht nur für fachliche Gespräche. In einer offenen Atmosphäre begegneten sich die Frauen der drei großen Religionen und nahmen neue Teilnehmerinnen herzlich auf – die sehr vertraut wirkenden Dialoge reichten von freundschaftlichen Gesprächen, Erfahrungsberichten bis hin zu Tipps im Hinblick auf Beruf und wissenschaftliche Arbeit.

Spannungsfelder: Fundamentalismus und Säkularisierung, Dekonstruktion und Konstruktion, Ethik und Ästhetik.

Spannend bleibt, wie sich der Trialog der Religionen weiterentwickelt und wie und ob Visionen einer interreligiösen Hermeneutik Gestalt annehmen werden. Insbesondere die Rede von „Wahrheit“, „Kanon“ und „Heiliger Schrift“ wird auch in Zukunft herausfordern und zu einem Trialog nötigen. Dabei sollten Spannungsfelder wie Fundamentalismus und Säkularisierung, Dekonstruktion und Konstruktion sowie Ethik und Ästhetik vertiefend in den Blick genommen werden. Auch die Frage nach „Identitäten“ wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Die Tagung hat wesentlich dazu beigetragen, eine gemeinsame Gesprächsbasis zu entwickeln und „Fremdheit“ untereinander abzubauen.

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Hannah Döhnert ist wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Evangelische Theologie der Universität Gießen.

Die nächste Internationale Tagung der ESWTR wird unter dem Titel „Translation – Transgression – Transformation“ vom 22.–27. August 2017 in Wien stattfinden. Die nächste nationale Tagung zum Thema „Jenseits der Grenzen – Sexismus, Speziezismus, Rassismus – in interreligiöser Perspektive“ ist für den 02.-04. November 2018 in Münster geplant.

Der Tagungsband wird unter dem Titel „Schrift im Streit – jüdische, christliche und muslimische Perspektiven“ in der Reihe Exegese in unserer Zeit im Lit-Verlag erscheinen.

Bild: Ute Eva Eisen

 

 

 

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