Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung über Leid und Gott

Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung stehen nur selten im Fokus, wenn es um Vorstellungen zum Thema Leid und Gott geht.  Julia Hammann hat mit einigen von ihnen gesprochen.

Die Theodizeefrage also die Frage, warum ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott, die in der Welt vorhandenen Übel zulässt, ist wohl eine der elementarsten Fragen des menschlichen Glaubens, die sich bis hin zur Frage nach der Existenz Gottes zuspitzen lässt. Die Schule, und hier im speziellen der Religionsunterricht als Ort, an dem junge Menschen zu Persönlichkeiten heranwachsen sollen, muss für solche elementaren Fragen einen angemessenen Raum schaffen. Als Lehrkraft muss ich daher einschätzen können, wie Schüler*innen über die Thematik „Leid und Gott“ (nach-)denken.

Menschen mit geistigen Behinderungen erschließen sich durch heterogene Zugangs- und Aneignungsmöglichkeiten die Welt.

Die Vorstellungen, die Schüler*innen von Leid und Gott haben, wurden in den letzten Jahren bereits in verschiedenen Schulformen und Altersklassen untersucht. Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung blieben diesbezüglich bisher eher unbeachtet. Wir sprechen hier von einer Gruppe von Menschen mit geistigen Behinderungen, die sich durch heterogene Zugangs- und Aneignungsmöglichkeiten die Welt erschließen. Im Sinne der ICF1 wird Behinderung in einem situativen und wechselseitigen Zusammenhang zwischen Beeinträchtigungen der Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Partizipation sowie individuellen Lebensverhältnissen gesehen. Als angehende Sonderpädagogin war es mir ein Anliegen, diesen Vorstellungen im Rahmen meiner wissenschaftlichen Abschlussarbeit, näherzukommen. Dabei trieb mich die Frage an, welche Vorstellungen von Leid und Gott die Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung haben und ob sich diese wesentlich von Schüler*innen der Regelschule unterscheiden.

Regelschüler*innen wenden sich in leidvollen Situationen primär an Menschen in ihrem Nahbereich.

Für Vorstellungen von Leid relevant: Sozialisation und eigene Leiderfahrungen
Die bisherige Forschung zeigt, dass sich in den 1980er Jahren, zu Beginn des steigenden Interesses an den Vorstellungen von Leid und Gott bei Schüler*innen, primär auf klassische entwicklungspsychologische Modelle (wie Piaget, Kohlberg und Oser & Gmünder) und dem damit verbundenen Stufendenken bezogen wurde. Sukzessive setzte sich jedoch die Einsicht durch, dass auch religiöse Sozialisierung sowie persönliche Leiderfahrungen Einfluss auf die Denkmuster von Kindern und Jugendlichen in diesem Bereich nehmen können. Als methodische Grundlage für meine Arbeit diente daher die jüngere Forschung von Ritter et al. (2006) sowie Gebler & Riegel (2011), welche statt einer Stufenzuschreibung verschiedene, altersunabhängige Typen zum Ergebnis haben. Beide Studien stellen die Tendenz fest, dass Kinder und Jugendliche heutzutage plurale Gottesbilder haben, sie Leid überwiegend als schicksalhaftes Ereignis sehen und sie sich in leidvollen Situationen primär an Menschen in ihrem Nahbereich wenden. Außerdem stellen Ritter et al. die Stufentheorie der religiösen Entwicklung von Oser & Gmünder prinzipiell in Frage. So sind zwar einzelne Tendenzen bezüglich der Stufen anhand der Schüler*innenaussagen erkennbar, sie bestätigen grundsätzlich aber keine lineare Stufenentwicklung.

Beide Studien arbeiteten zudem mit einer Impulsgeschichte, in der die Schüler*innen auf unterschiedliche Weise mit Leid konfrontiert wurden. Ritter et al. befragten im anschließenden Gruppeninterview Schüler*innen von einer Grund- und Realschule sowie eines Gymnasiums.2 Bei der Studie von Gebler & Riegel sollten sich Grundschüler*innen im Anschluss an die Impulsgeschichte überlegen, an wen sie sich in leidvollen Situationen wenden würden und anschließend der Protagonistin in einem Brief antworten, warum Gott dieses Leid zulässt.3

Erhebung zu Leid und Gott im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
Die Erhebung im Rahmen meiner Arbeit wurde in drei konfessionsübergreifenden Religionsklassen mit insgesamt 15 Schüler*innen zwischen 13 und 19 Jahren an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung durchgeführt.

Orientiert an der Impulserzählung von Ritter et al. wurde zunächst innerhalb der einzelnen Klassen ein Impulsfilm – angepasst an die spezifischen Aneignungsmöglichkeiten der Schüler*innen gezeigt. Innerhalb des Films wurden sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens mit der Diagnose eines tödlichen Gehirntumors konfrontiert. Auf dieser Grundlage leitete ich im Anschluss eine Gruppendiskussion mit dem Ziel an, spontane Impulse, Gedanken und Gefühle der Schüler*innen aufzugreifen. Mit Hilfe leitfadengestützter Einzelinterviews, welche auf den beiden genannten Studien von Ritter et al. sowie Gebler & Riegel aufbauen, setzte die eigentliche Erhebung der Vorstellungen von Leid und Gott ein.

Die Fragen des Interviewleitfadens orientierten sich an diesen Themenfeldern:

  • Indirektes Leid – Kennen die Schüler*innen Menschen, die leiden?
  • Adressat*innen im Leid – An wen würden sich die Schüler*innen wenden?
  • Vorstellungen der Protagonistin von Leid und Gott – Sieht die Protagonistin eine Verbindung zwischen ihrer Krankheit und Gott?
  • In den Himmel kommen – Was verbinden die Schüler*innen mit dieser Metapher?
  • Persönliches Leid – Haben die Schüler*innen selbst schon leidvolle Erfahrungen gemacht und können diese ausdrücken?
  • Vorstellungen von Leid und Gott – Was würden die Schüler*innen der Protagonistin des Impulsfilm auf die Frage, warum es so schlimme Krankheiten gibt und warum Gott das zulässt, antworten?

Ergebnisse
Die Antworten aus den Einzelinterviews wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring gruppiert und analysiert.4 In diesen Einzelinterviews, die das Herzstück der Erhebung darstellten, begegneten mir sehr intensive und authentische Einblicke in die Glaubensfragen der Schüler*innen. Dass diese sich so bereitwillig gegenüber einer ihnen bis dato fremden Person öffnen würden, konnte im Voraus durchaus nicht als selbstverständlich angenommen werden.

Nur  ein*e einzige*r Schüler*in stellte sich die Frage nach Leid und Gott direkt.

a. Die Ergebnisse zeigen, dass sich nur ein*e einzige*r Schüler*in die Frage nach Leid und Gott direkt stellt. Die anderen Schüler*innen tun dies nicht, weil sie entweder Gott als allmächtigen und unergründlichen Herrscher sehen, ihn entschuldigen, Leben und Tod als Selbstverständlichkeit sehen oder Gott die Allmacht absprechen. Somit ergibt sich für den Großteil der Schüler*innen kein Zweifel an der Existenz Gottes, da Gott schlicht nicht mit dem Leid in Verbindung gebracht wird.

b. Obwohl nur einmal die Frage nach Gott und Leid direkt gestellt wird, weisen trotzdem fast zwei Drittel der befragten Schüler*innen Elemente eines deistischen Weltbilds (transzendenter Gott) oder theistischen Weltbilds (Glaube an einen Gott/Götter) auf. Die Abwesenheit der Theodizeefrage muss also keineswegs bedeuten, dass die Schüler*innen nicht religiös sind. Daneben gibt es deutliche agnostische Weltbilder (Zweifel an religiösen Wahrheiten) sowie ein naturalistisches Weltbild (zentrale Kraft ist die Natur mit ihren Gesetzen). Zwei Schüler*innen können aufgrund ihrer ambivalenten Aussagen, beziehungsweise der fehlenden Äußerungen, keinem bestimmten Weltbild zugeordnet werden.

c. Wie in der Studie von Gebler & Riegel wenden sich auch hier fast alle Jugendlichen in leidvollen Situationen an Personen aus dem Nahbereich, nur eine Person nennt Gott/Jesus als direkten Ansprechpartner.

d. Bezüglich der Stufentheorie zur religiösen Entwicklung von Oser & Gmünder ist wie bei Ritter et al. keine grundsätzliche Bestätigung einer linearen Stufenentwicklung erkennbar. Wird zudem die Differenz zwischen Entwicklungs- und Lebensalter im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung miteinbezogen, fällt auf, dass die befragten Schüler*innen weitaus höhere Stufen erreicht haben, als zu erwarten war.

Vorstellungen von Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zu Leid und Gott unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der Regelschüler*innen.

Fazit
In den Antworten der Schüler*innen zeigt sich, dass sie plurale Vorstellungen von Gott aufweisen, die klassische Theodizeefrage dabei aber kaum auftaucht und sie sich in leidvollen Situationen eher an Personen im Nahbereich als an Gott wenden. Damit decken sich die Haupterkenntnisse mit den Studienergebnissen von Ritter et al. sowie Gebler & Riegel. Die Vorstellungen der Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung unterschieden sich folglich, in Bezug auf diese Erhebung, in keinem der Punkte wesentlich von denen der Regelschüler*innen. Diese Erkenntnis bietet meines Erachtens spannende Anstöße für einen inklusiven, Religionsunterricht zur Thematik von Leid und Gott, der auch Raum für Zweifel und Kritik an einem guten, allmächtigen und allwissenden Gott zulässt.

Autorin: Julia Hammann schließt momentan ihr erstes Staatsexamen im Lehramt Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg ab.  Ihre  wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Vorstellungen von Leid und Gott bei Schüler*innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung“ wurde im Dezember 2018 eingereicht. 

Beitragsbild: Nathan Anderson on Unsplash.

 

  1. Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
  2. Vgl. Gebler, Julia; Riegel, Ulrich (2011): „Ich wende mich an Eltern, Freunde, Opas, Omas, … und Gott“ – Eine explorativ-qualitative Studie zu den Theodizee-Konzepten von Kindern der vierten Jahrgangsstufe. In: Petra Freudenberger-Lötz (Hg.): „Mir würde das auch gefallen, wenn er mir helfen würde“. Baustelle Gottesbild im Kindes- und Jugendalter (Jahrbuch für Kindertheologie), S. 140–156.
  3. Vgl. Ritter, Werner H.; Hanisch, Helmut; Nestler, Erich; Gramzow, Christoph (2006): Leid und Gott. Aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  4. Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12., überarb. Aufl. Weinheim: Beltz (Beltz Pädagogik).
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