Wissenschaftsverfassung – wie ein neues Gesetz die Wissenschaften in Polen herausfordert

Bereits im Oktober 2018 ist in Polen die „Wissenschaftsverfassung“ in Kraft getreten – und fordert seither die polnische Universitätslandschaft heraus. Elżbieta Adamiak zeigt Chancen und Hindernisse des Umstrukturierungsprozesses auf.

Wissenschaftsverfassung

Es ist viel im Umbruch. Auch in Polen. Das ganze Hochschulsystem zum Beispiel. Am 1. Oktober 2018 ins Leben getreten, wird die Reform die wissenschaftliche Landschaft ab 1. Oktober dieses Jahres radikal umgestalten. Da die Republik Polen keine föderale Struktur hat, bedeutet dies eine Veränderung landesweit. Eine Reform wurde von verschiedenen offiziellen Gremien und Bewegungen von unten schon länger als notwendig betrachtet. Trotzdem die jetzt eingeführte Reform scheinbar viele der ursprünglich geforderten Anliegen aufnimmt, weckt sie in einigen Punkten viel Kritik oder Skepsis. Auf jeden Fall verursacht sie jede Menge Chaos.
Im Folgenden werde ich ein paar Aspekte des neuen Gesetzes – von dem Ministerium stolz „Wissenschaftsverfassung“ genannt – und ihre potenziellen Konsequenzen für die Theologie darstellen.

Inter/disziplin/arität

Das neue Hochschulgesetz betont die Autonomie jeder Universität und Hochschule. Die Hochschule kann ihre eigene innere Struktur selbst bestimmen, d.h. sie muss nicht unbedingt aus den bisherigen Fakultäten bestehen. Die Alternative ist eine breitere Zusammenstellung in Einheiten, die die Interdisziplinarität verstärken sollen. Diese größeren Fächerverbünde führen allerdings zu einem Durchsetzung- und Behauptungskampf der einzelnen Disziplinen, die je um den Verlust ihrer Alleinstellung befürchten – so auch die Theologie. Hinzu kommt, dass einige Sorge haben die „Einheit“ der Lehre durch interdisziplinäre Fächerverbünde riskieren zu müssen. Theologie hat sich ihren eigenen Status hart erkämpft und möchte diesen ungern aufgeben oder angefragt wissen. Sie gehört nicht zu den Geisteswissenschaften (wie z.B. Religionswissenschaft oder Philosophie) und sieht ihr Selbstverständnis daher eher in der Abgrenzung als Kooperation mit anderen Disziplinen. Da diese Struktur zudem enorme Bedeutung für Evaluation- und Akkreditierungsprozesse hat, begrüßen viele akademische Theolog*innen diese Einteilung.

Organisation

Bei dem gesamten Umstrukturierungsprozess muss bedacht werden, dass die breitere Autonomie der Hochschule nicht automatisch eine Erweiterung ihrer demokratischen Strukturen zur Folge hat. Im Gegenteil, der Rektor/die Rektorin bekommt intern viel mehr Einfluss als in der bisherigen Konstellation (er/sie wird die Dekane/Dekaninnen ernennen; es wird keine Fakultätsräte mehr geben u.a.). Das Ziel dabei ist die Verbesserung des Managements und eine engere Einbeziehung der kulturellen und wirtschaftlichen Milieus vor Ort. In den ersten Entwürfen führte dieser Vorschlag so weit, dass diese, von den nicht zur universitären Gemeinschaft gehörenden Mitgliedern zusammengesetzten Gremien den Prozess dominierenden sollten. Auf jeden Fall erinnert das Modell an jenes einer rein wirtschaftlichen Geschäftsführung. Die Situation der Theologie kann demnach von den konkreten Leitungspersonen abhängig werden – positiv wie negativ.

Forschung

Zu den Zielen der Reform gehört die Erhöhung des Forschungsniveaus. Gegen die so formulierte Forderung ist auf den ersten Blick nichts einzuwenden. Problemtisch erscheint aber, welche Kriterien dieses Niveau ausweisen sollen. Die Qualität der Veröffentlichungen soll an den internationalen Rankings gemessen werden (wie Shanghairanking, Web of Science, Scopus). Die stark naturwissenschaftlich ausgerichtete Konkurrenz lässt der Theologie sowie den Geisteswissenschaften keine Chancen für eine höhere Anerkennung der Veröffentlichungen. Hinzu kommt, dass Englisch quasi die ausschließliche Publikationssprache, egal welche Sprachen/Kulturen/Quellen bearbeitet werden. Das kann für die Theologie keine Vorteile bringen. Die Rankings werden gerade im Evaluationsprozess entscheidend und dieser hat wiederum Einfluss auf die Finanzierung. Dazu kommt, dass es explizit um die Berücksichtigung der heutigen technologischen Herausforderungen geht. Es soll die Verbindung zu regional unterschiedlichen Industrie- und Businessbedürfnissen verstärkt werden. Die Finanzierung der Naturwissenschaften übersteigt um vieles die der Geistes- oder Sozialwissenschaften. Die jetzige Hochschulreform in Polen wird diesen Unterschied noch vergrößern. Die Folge: Andere Wissenschaften, Theologie eingeschlossen, geraten in den Hintergrund. Teilweise müssen sie sogar reduziert werden, weil sie dem neuen System entsprechende Ergebnisse schwer erbringen können. Die so konzipierte Finanzierung der Forschung soll in der Intention des Gesetzgebers zur Herausbildung der Elite von Universitäten führen. Schon heute kann man eine eindeutige Dominanz der wichtigsten Zentren (Warschau, Krakau, Breslau, Posen u.a.) feststellen. Sie wird aufgrund der geplanten Beförderung zu einer immer größeren Kluft zwischen diesen Einrichtungen und anderen universitären Standorten führen.

Lehre

Noch umstrittener ist die geplante Einteilung der universitären Standorte in Forschungs- und Lehrhochschulen. Gemeint ist damit, dass an den didaktischen Hochschulen keine Forschung betrieben wird, sondern die Beschäftigten mit einer entsprechend größeren Lehrverpflichtung arbeiten sollen. Dies ist als problematisch einzustufen, da hierdurch Hochschulen zweiter Klassen entstehen.

Promovend*innenschulen

Zum Schluss soll noch eine Entwicklung beschrieben werden, die als ein Mittel gesehen wird, das Promotionsniveau zu erhöhen: Promovend*innenschulen. Allerdings schaffen sie das bisherige System ab, in dem einige Promovierende durch ein Stipendium gefördert wurden, andere als Externe für das Verfahren selbst bezahlen mussten. In den Promovend*innenschulen sollen alle die gleichen Chancen bekommen – nur die Zahl der Plätze wird sehr begrenzt sein.
Das bringt Theologie in eine doppelte Schwierigkeit: Zum einem ist eine sehr breit ausgebaute Struktur des Professoriums von einigen theologischen Fakultäten nur möglich, weil es immer noch genügend Promovend*innen gibt, die betreut werden (z.B. an der Johannes Paul II. Katholischen Universität zu Lublin). Die durch die Einführung der Promovend*innenschulen rasch schrumpfende Anzahl der Nachwuchstheolog*innen gefährdet allerdings nicht nur die Zukunft der Theologie, sondern auch die aktuelle Beschäftigungsrate an Theologieprofessor*innen. Daher kann die Einführung von Promovend*innenschulen ein Weg sein, auf dem das Prinzip „Ranking“ zu einer Hierarchisierung der theologischen Standorte führen wird. Die andere Schwierigkeit ist typisch für die katholische Theologie: In dem neuen System gibt es keinen Platz mehr für das vom Kirchenrecht geforderte kirchliche Lizentiat. Dafür werden Notlösungen gesucht, teilweise mit der finanziellen Unterstützung der Kirche. Ob diese Lösungen längerfristig tragbar sein werden, wird sich zeigen.

Unsicherheit

All die genannten Veränderungen benötigen ganz viel Einsatz von an der Hochschulen Forschenden und Lehrenden und verursachen zugleich Unsicherheit. Die Stabilität der Stellen im Mittelbau ist gefährdet, ebenso werden vermutlich die unbefristeten Professor*innenstellen zurückgehen. Zwar ist die Zukunft der schon etablierten Wissenschaftler*innen am wenigsten bedroht, die eingeführten Mechanismen werden aber die ohnehin schon starken – Wissenschaftler*innen und Universitäten – weiterhin stärken. Die Weiterentwicklung des Hochschulwesens im Sinne einer umfassenden Bildung als einer Möglichkeit des Aufstieges in der Gesellschaft für alle unterstützt die Reform nicht.


Autorin: Elżbieta Adamiak ist Professorin für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Universtiät Koblenz-Landau.

Foto: Matt Lee, www.unsplash.com

Print Friendly, PDF & Email