Spoken Word: Weil es real wird, wenn es eine Tat wird.

Laura Meemann

Wir stehen wieder vor einer Kirchenerneuerung, die in ein Heute führen kann. Ein Heute, das so anders aussieht als das Heute vor mehr als 50 Jahren. Etwas, das unser Heute auf jeden Fall ausmacht, ist die Sprache, meint die Spoken Word Künstlerin, Laura Meemann.

Aggiornamento, Verheutigung heißt es in der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Verheutigung. Was ist davon Tat geworden, real geworden und was ein Wunsch nach eben jenem Heute geblieben?
Wir stehen wieder vor einem Prozess, der in ein Heute führen kann. Ein Heute, das so anders aussieht als das Heute vor mehr als 50 Jahren. Etwas, das unser Heute auf jeden Fall ausmacht, ist die Sprache.

Ich bin Laura Meemann, studiere Theologie in Münster und bin seit einigen Jahren als Spoken Word Künstlerin auf Poetry und Preacher Slams sowie anderen Veranstaltungen unterwegs. Spoken Word ist die Kunstform, welche es unter anderem auf Poetry und Preacher Slams zu hören gibt.  Slams sind Wettbewerbe. In den letzten Jahren habe ich mich immer mehr auf christliches Sprechen durch Spoken Word spezialisiert. Die Texte, die dabei entstehen, erzählen Geschichten, drücken Meinungen aus, können Predigt und wissenschaftliche Theologie sein. Vor allem bleiben sie Kunst, die kaum Sprachtabus kennt, unglaublich vielfältig ist und sich wie bei mir auch gerne mal reimt.

Ich glaube, dass es die Chance auf ein Aggiornamento gibt,  und ich denke, dass Spoken Word sowohl ein Teil dessen ist als auch eine Idee des heutigen und zukünftigen Heute in sich trägt.

Weil es real wird, wenn es eine Tat wird.

Hören oder/und lesen Sie Laura Meemann, „Weil es real wird, wenn es Tat wird.“

 

Weißt du noch? Wir waren uns so sicher, wir könnten diese Welt verändern. Könnten sie abschaffen, die Grenzen zwischen Ländern. Die Grenzen im Kopf, die zwischen Feind und Freund, Homo und Hetero, Mann und Frau, evangelisch und katholisch, uns und den anderen trennen, die dafür sorgen, dass wir uns immer wieder verrenn’ in den Sackgassen aus Schwarz und Weiß. Weißt du noch, wir waren fest davon überzeugt, wir könnten alles besser machen, könnten die großen Probleme lösen und wachrütteln, die, die in den entscheidenden Positionen scheinbar nur dösen.

Weißt du noch? Wir haben gedacht, alles sei möglich, nur der Himmel die Grenze, und Grenzen sind dazu da überschritten und aufgeweicht zu werden. Wenn wir Einmal groß sind machen wir es besser. Machen wir es anders, packen wir es an, dass was uns stört.

Weißt du noch?

Und dann kommst du aus der Schule und dann machst du, was du willst, dann machst du, was du willst, dann machst du, was du willst … und dann? Scheiße. Ohne Studium bist du nichts. Später, später wirst du diese Welt verändern. Später wirst du deinem Nachbarn helfen, das Schaukelgerüst für sein Kind aufzubauen, wirst mit der alten Dame Skat spielen und deinen Freunden in Ruhe zuzuhören. Später.

Und dann kommst du aus der Uni und dann machst du, was du willst, dann machst du, was du willst, dann machst du, was du willst … und dann? Ja was und dann? Ohne Job bist du nichts. Später. Später wirst du für deine Meinung einstehen, zu einer Anti-AfD-Demo gehen, Gewalt, die du siehst, aktiv unterbinden und deinem*deiner Gesprächspartner*in in die Augen sehen.

Später. Jetzt ist dafür keine Zeit, jetzt nicht der Moment, jetzt bist du noch nicht bereit.

Reden. Reden kannst du davon. Von dem, was man mal tun sollte. Da sollte man mal hin und dort. Und dafür sollte man mal aufstehen und einstehen und eigentlich sollte man ja gar keine Sachen mit Plastik mehr kaufen …

Man. Sollte. Mal. Merkste was?

„Ich hätte sie nach ihrem Tun und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen.“ Sagt der kleine Prinz über seine eitle Rose und ich denk‘, er meint uns.

Weißt du noch? Wir wollten die Welt verändern. Und jetzt? Jetzt wissen wir, was man mal tun sollte. Später.

Und dann kommst du von der Arbeit und dann machst du, was du willst, dann machst du, was du willst, dann machst du, was du willst … und dann bist du müde. Redest von morgen. Morgen wirst du es tun. Den Busfahrer grüßen, mit der Verkäuferin ein paar Worte wechseln und deine Freund*innen in den Arm nehmen. Nicht heute, nicht jetzt, nicht du.

Weißt du noch? Wir wollten es anpacken. Diese Welt etwas besser hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben. Groß für klein, niemand allein. Für immer.

Weißt du noch?

Und heute stehst du da und hast die Chance, die Macht, die Worte, das Geld, die Position, das Amt. Und dann?

Wetterst du gegen Greta und denkst du bist im Recht. Wetterst gegen alle, die nicht katholisch, hetero und weiß sind, und denkst, die haben kein Recht. Sagst, die Kirche muss sich nicht verändern und glaubst, du hast so recht.

Über Klimaschutz reden, gerne. Von 8-17 Uhr, freitags nur bis um drei.  Und dann in deinen BMW steigen, nach Hause fahren, Avocados aus Australien mit Zitronen aus Zypern essen und denken, du würdest die Welt verändern. Dafür demonstrieren? Das geht dir zu weit. Auf die Straße gehen, und dafür einstehen? Die Fridays for Future sind dir zu viel. Jugendliche, die das System verlassen, kannst du hassen.

Weil es real wird, wenn es eine Tat wird.

Über gleiche Rechte reden, für jeden. Ja- Reden. Klar. Stellenausschreibung m/w/d. Und dann nur Männer einstellen. Ehe für alle. Klar. Und dann gleichgeschlechtliche Paare ausschließen. Pizza vom Italiener, Döner vom Türken, Handy von Chinesen, billigen Kaffee aus Afrika. Na logo. Und dann Geflüchtete beschimpfen. Und dann setzen sich Menschen in Bewegung. Loveparade. Flüchtlingswelle. Zeigen sich. Wollen sein. Und du lässt es nicht sein, lässt sie nicht sein.

Weil es real wird, wenn es eine Tat wird.

Über Frauen in der Kirche reden ja. Über den Missbrauch reden. Klar. Reden. Sagen: Wir wollen was verändern. Und nachher kam alles vom Satan und Gott, kann das mit den Frauen in der Kirche ja nicht gewollt haben. Und was anderes als heterosexuelle Paare sowieso nicht. Kleiner Tipp an dieser Stelle: Jesus war Jude, hat keine Kirche gegründet, und ich durfte lernen, dass Gott den Menschen männlich und weiblich mit allem „dazwischen“ geschaffen hat, genauso wie Licht und Dunkelheit mit allem „dazwischen“.  Gibt ja auch Dämmerung.

Und dann gehen Frauen* auf die Straße. Maria 2.0. Kirchenstreik. Und du denkst: Muss das sein?

Wovor hast du Angst? Das es real wird, wenn es eine Tat wird?

Etwas tun braucht Mut, braucht Glauben, dass es gut wird, und die Hoffnung, dass es einen Sinn hat. Und weißt du, manchmal wünsche ich mir, mehr Menschen hätten eine solche sich in Taten verwandelnde Hoffnung und wären unterwegs. Unterwegs zu den Menschen, unterwegs zu denen, die an den Grenzen ringen und bei denen die versuchen, die Entscheider*innen zu mehr Menschlichkeit und Toleranz zu bringen. Ich glaube trotz oder gerade wegen allem daran, dass es einen Weg gibt, und hoffe, weil ich denke, dass Hoffen immer Sinn ergibt.

Weißt du noch, was wir alles wollten? Vielleicht sollten wir es einfach mal tun. Für unsere Meinung aufstehen und für die Werte einstehen, die wir in dieser Gesellschaft wollen.

Weil es real wird, wenn es eine Tat wird.

Nicht reden. Machen. Gestalten und diese Welt etwas besser hinterlassen als wir, als du sie vorgefunden hast.

Denn weißt du noch? Wir waren uns so sicher, dass alles geht, und wenn wir nur wollen, nirgends eine Grenze steht. Kein Baum zu hoch, kein Fluss zu breit, wir kommen da hin. Jetzt ist die Zeit!

Weil es real wird, wenn es eine Tat wird.

Laura Meemann

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