Ein letzter Kirchgang

Graz, St. Leonhard

Die Kolumne für die kommenden Tage 57

Noch einmal sind wir zu einem Kirchgang in Corona-Zeiten aufgebrochen, wohl das letzte Mal, schließlich sind ab kommendem Sonntag in Österreich wieder Gottesdienste möglich und transformieren sich die Corona-Zeiten gerade unter vielfältigem Weh und Ach hin zu etwas, was man so schön „Neue Normalität“ nennt. „Normalität“ ist ja sowieso nur jener Zustand, bei dem man vergessen hat, wie unnormal er einmal war. Und das war jeder Zustand irgendwann einmal – in Zeiten geradezu exponentieller gesellschaftlicher Beschleunigung gleich gar.

Wir gingen nach St. Leonhard, einer zugleich sehr alten – sie hatte einen romanischen Vorgängerbau und wurde 1433 durch den Salzburger Erzbischof geweiht – und doch auch ziemlich neuen Kirche, denn der Chorraum wurde 1961/62 zeitgenössisch erweitert. Damals glaubte man noch an die katholische Expansion.

Das Besondere: Altes und Neues stoßen ziemlich hart aufeinander: Blickt man in die eine Richtung, sieht man Gotik,

Graz, St. Leonhard

blickt man in die andere, einen typischen Kirchenraum der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Es hat etwas Überraschendes, Befremdliches, Faszinierendes.

Graz, St. Leonhard

Nun hat es mit dem Neuen in der katholischen Kirche so seine eigene Bewandtnis. Das Problem war spätestens mit der Entdeckung der Geschichtlichkeit alles Gewordenen im 19. Jahrhundert aufgetaucht. Die katholische Kirche hatte sich vor diesem Problem in eine sehr eigenartige Lösung hineingerettet. Man stellte die Frage der Geschichtlichkeit im kirchlichen Binnenraum still und verstand sich als Fels des Ewigen in der Brandung des Vergänglichen: Heute nennt man dieses alles bedrohende Meer gern Relativismus.

Das führte dann zu einigen schönen Phänomenen. So musste es alles, was es zukünftig in der Kirche geben soll, Diakoninnen etwa, schon einmal gegeben haben. Anderes wiederum, was es schon gab und worauf man stolz war, das Papsttum etwa, musste es schon immer gegeben haben.

Da ist St. Leonhard anders. Hier stoßen Altes und Neues unvermittelt aufeinander. St. Leonhard dokumentiert – und das noch vor der Rehabilitierung der Ge­schicht­lichkeit auf dem II. Vatikanum – einen Raum, der den Bruch nicht verschleiert, sondern geradezu inszeniert. Noch die Neugotik und Neuromanik hatten das historistisch zu überspielen versucht.

Mir kamen Hermann Glettlers luzide Überlegungen zur zeitgenössischen Kunst in den Sinn und aufs Handy:

„Die vielfältigen Ausformungen der Moderne produzierten und etablierten nicht nur ‚neue Kunst‘, die innerhalb der Koordinaten herkömmlicher Kunstdiskurse nicht mehr einzuordnen und bisweilen diesen diametral entgegengesetzt war, sondern entwickelten auch eine progressive Begrifflichkeit von Kunst, die sich in einer permanenten Dekonstruktion des Tradierten in die elementarsten Grundbausteine und Basisübereinkünfte niederschlug.“

Über Verflüssigung, Kunst und Kirche.

Und: „Ideologiegefährdete Systeme aller Art müssen permanent einer Katharsis unterzogen werden. Wenn sie es selbst nicht schaffen, weil die Erstarrung bereits so fortgeschritten ist, so muss dies von außen geschehen – im Extremfall auch durch Spott und aggressive Konfrontation. Wie wir aus einigen Epochen der Geschichte wissen, können auch in der Kirche geschlossene und lebensfeindliche Systeme entstehen, die sich repressiv und aggressiv gegen jene richten, deren Weltanschauungen und Lebensweise nicht mit den dort propagierten ‚kirchlichen‘ Vorstellungen übereinstimmen.“

Der kurze Schock einer unerwarteten Anormalität in Corona-Zeiten wird nicht von selbst offenbaren, wo die Erstarrungen von Gesellschaft, Kirche und uns selbst liegen. Dazu braucht es mehr: die Irritationen der Kunst, die Subversion der Religion, die Erkenntnis des eigenen Herzens.

Wir gingen dann an einem renaturierten Bach vorbei über die (neugotische) Herz Jesu-Kirche – nach wie vor aufs Schönste belagert von jungen Menschen – nach Hause. Vorher aber schlenderten wir über den Friedhof von St. Leonhard. Auf ihm liegt Ludwig August Ritter von Benedek. Das ist jener General, der die kaiserliche österreichische Armee im Jahre 1866 in der Schlacht bei Königgrätz gegen die preußischen Truppen befehligte – und diese Schlacht bekanntlich verlor. Wenn nun er und damit Österreich und nicht die Preußen gewonnen hätten? Aber das ist eine andere Geschichte.

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie in Graz und Mitglied der feinschwarz.net Redaktion.

Bilder: Rainer Bucher

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