Corona, Knast, Kirche, Fußball und Autoindustrie – kein Lernerfolg aus der Coronakrise?

Die Kolumne für die kommenden Tage 58

Vielleicht wirkt die Überschrift befremdlich auf Sie. Gern kläre ich Sie über meine  assoziativen Zusammenhänge dieser Überschrift auf.

Seit 22 Jahren bin ich Seelsorger in der Jugendanstalt Hameln. Das ist das Jugendgefängnis mit den meisten Haftplätzen für männliche jugendliche Straftäter in Deutschland.  Seit 22 Jahren erlebe ich zum ersten Mal, was die Feier von Gottesdiensten angeht, eine Ausnahmesituation. Neben den üblichen Sonntagsgottesdiensten fielen auch der Karfreitagsgottesdienst und die Feier der Auferstehung Jesu wie überall am Ostersonntag aus. Ich folgte dabei, wie viele andere, einer Anordnung des Generalvikars unseres Bistums. Diese Anordnung fand und finde ich sinnvoll. Denn es ging um den Schutz der Gesundheit der jungen Männer, die an den Gottesdiensten teilnehmen. Gott sei Dank, haben wir bis jetzt keinen Coronafall in der Jugendanstalt Hameln. Neben dem Dank an Gott habe ich Dank für die Ruhe und Disziplin der Vollzugsbediensteten. Für die Inhaftierten gibt es zur Zeit wegen des allbekannten Virus keinen Besuch von Angehörigen und Freunden und keine Besuche von RechtsanwältInnen. Diese Situation fangen die im Strafvollzug Mitarbeitenden auf und die meisten Inhaftierten haben Verständnis.

Nicht nur Recht auf Selbstbehauptung

Wenn ich außerhalb des Gefängnisses von dieser Lage erzähle, gibt es z.B. folgende Äußerung: „Du musst dich gerade als Seelsorger im Gefängnis für das Grundrecht auf Religionsausübung und damit für Gottesdienste im Knast einsetzen. Es ist auch im Gefängnis ein Grundrecht.“
Diese Grundrechtsauffassung teile ich. Es kann aber m.E. zur Zeit nicht darum gehen, die Fahne des Rechts auf Selbstbehauptung  zu hissen.

Nur das eigene Hemd bzw. Trikot sichern?

Dies geschieht zur Zeit in der Deutschen Fußballliga. Allen Ernstes verlangen die Vereine, wieder zu spielen, damit die Kasse wieder stimmt. Selbst als Fußballinteressierter leuchtet mir das in dieser Coronalage nicht ein. Wenn die gut betuchten Vereine wenigstens bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs den ärmeren Vereinen finanziell helfen würden, dann würde daraus etwas Gutes erwachsen. Nein, den Vereinen geht es um das je eigene Hemd bzw. Trikot. Bei den meisten Spielern scheint es ebenso zu sein.

Maßlose Wirtschaftszweige?

Ähnlich sieht es in der Autoindustrie aus. Allen Ernstes ist eine Kaufprämie zu Gunsten der Autokäufer*innen für Benziner und Diesel in der Diskussion, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Zwar geschieht das ökologisch im Rückwärtsgang, aber die Kasse stimmt wenigstens. Zuwendungen vom Staat soll es auch geben. Sinnvoll wäre doch eine Förderung durch die Autokonzerne für viele Vertragswerkstätten, denen die Coronakrise an die Existenz geht. Ein Industriezweig, der nun wirklich nicht von der Knappheit finanzieller Mittel bedroht scheint, bekommt den Hals nicht voll. Ich finde das unverschämt und besorgniserregend!

Eine Kirche,
der es nicht um Selbstbehauptung geht

Es scheint so, dass sich Selbstbehauptung statt Einsatz füreinander durchsetzt. Ich freue mich über unsere Kirchen, denen es zur Zeit nicht um Selbstbehauptung geht. Ich freue mich über die Menschen, die aus der Krise etwas Neues versuchen. Ich hoffe, dass unsere Kirchen bescheiden bleiben, auch wenn es wieder „normale“ Zeiten geben sollte.

Von jungen Inhaftierten lernen!

Vielleicht können wir von einigen unserer Inhaftierten im Jugendgefängnis lernen, die den momentanen Verlust ihrer Besuche und Kontakte nach draußen mit Verständnis aushalten. Glauben Sie mir: Unter ihnen gibt es Meister der Selbstbehauptung, die nun zu einem Teil ein anderes für die Lage verständnisvolles Verhalten an den Tag bringen. Sie akzeptieren den Verlust auf ihr Recht auf Besuch.

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Autor: Lothar Schäfer arbeitet als Pastoralreferent des Bistums Hildesheim in der Gefängnisseelsorge der JVA Hameln.

Foto: Mitchel Lensink / unsplash.com

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