Stell dir vor, es ist Gründonnerstag, und keiner geht hin

Die Kolumne für die kommenden Tage 22

Gründonnerstag fällt dieses Jahr aus.

Klar, Gründonnerstag wäre unter normalen Umständen in diesen Tagen so oder so nicht der bestbesuchteste Gottesdienst. Eher das Stiefkind im Triduum, d.h. im großen gottesdienstlichen Bogen von Gründonnerstag über Karfreitag, bis hin zum Ostersonntag. Trotzdem mag ich gerade diesen Tag. Sehr. Ich mag die Fülle von Situationen, Begegnungen und Emotionen von denen er erzählt.

Nur drei Beispiele:

Die Fußwaschung: Das Evangelium, das ich im Gottesdienst verkünden dürfte und was bei uns und in vielen Kirchengemeinden auch beispielhaft nachempfunden werden würde. Die Verneigung Jesu, die noch einmal etwas von der Menschwerdung erzählt. Diese alltägliche Berührung, die die Nähe Gottes nicht in der großen Zaubershow ausdrückt, sondern durch einen schlichten, dienenden Kontakt.

Und jetzt?

Kontaktverbot. Nichts mit Fußwaschung, nicht einmal Umarmen ist angesagt. Und ich merke plötzlich, wie sehr mir Händedrücken, Berührungen und Umarmungen fehlen und was alles so beiläufig und alltäglich darin ausgedrückt wird.

Das Abendmahl: Die zweite Lesung, die wir hören würden. Und nicht nur davon hören, wir würden es gemeinsam auch feiern. Feiern, wie Jesus mit den Menschen, die ihm nahestanden, am Tisch saß und Mahl hielt.

Und jetzt?

Viele Menschen, mich eingeschlossen, sitzen in diesen Tagen oft alleine am Tisch und wünschten ein paar nahe Menschen wären da.  

Andere wiederum sitzen immer mit den gleichen Nasen um den Tisch und wünschten es wäre mal niemand oder jemand anders da. Diese erfahren nun, wie anstrengend und doof und unberechenbar die nahestehenden bzw. nahesitzenden Menschen manchmal auch sein können. Es gibt eben nicht nur Lieblingsjünger, sondern auch die Langsamchecker und Verräter.

Das Gebet Jesu im Garten Gethsemane:  Dem wir in der Ölbergandacht nachgehen würden. Gemeinsam würden wir dort sitzen und auf die Einsamkeit Jesu blicken.

Und jetzt?

Jetzt hat sich diese Einsamkeit in meinem und im Leben vieler Mitmenschen auf ganz eigene Weise eingeschlichen. 

Gründonnerstag fällt dieses Jahr aus.

Ganz im Gegenteil: Der Gründonnerstag ging mir selten so nahe wie heute.

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Autor: Wolfgang Metz, Pfarrer in Sindelfingen und Hochschulseelsorger in Tübingen

Foto: Kyle Head / unsplash.com

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