Tatorte einer entflohenen Osterbotschaft

Kolumne für die kommenden Tage 30

Ostern 2020: Verschlossene Türen und Menschen, die ängstlich hinter ihnen ausharren. Einmütig Betende und alles Teilende. Ziellose Spaziergänger*innen, die lange traurige Gespräche führen. Solche, die anderen täglich erklären, was das Ganze für jetzt und überhaupt zu bedeuten habe und daran Zweifelnde. Anrührende Nachrichten von Menschen, die Brot und Wein teilen und davon erzählen, wie warm ihnen dabei ums Herz wurde und wie verbunden sie sich fühlten. Jemanden vermissen, sich zurücksehnen nach den Zeiten, als man noch beinander war. 

Ostern 2020: Es ist, als habe sich die subversive Lebenssuche der Osterbotschaft losgerissen und sei aus überraschungsfreien kirchlichen Kalendern und sakralen Räumen entflohen. Gemeinsam mit ihr und gleichzeitig unterwegs sind der Tod des Karfeitag und die Starre des Karsamstag. Zurück bleiben mancherorts hilflose anmutende Hirten auf leeren Plätzen und in halligen Räumen, die versuchen, Botschaften zu senden und vielleicht auch ein bisschen, die Kontrolle zu behalten.

Für manche vor den Bildschirmen ist ihr Segen tröstlich, andere gehen längst ihre eigenen Wege weiter. Sie murren, „geistige Kommunion“ mache sie nicht satt. Sie teilen Brot und Wein in ihren Häusern, weil sie das gemeinsame Mahl vermissen. Und sie fragen sich nachher, ob der Auferstandene nicht längst auch jenseits der Kirchenmauern Menschen einlädt, mit ihm Eucharistie zu feiern. Jedenfalls hätten sie ihn erkannt, als er das Brot mit ihnen brach. So sagen sie.

Ostern 2020: Ich versuche die Geschichten dieser Tage zu lesen und zu verstehen. Erzählte Erfahrungen kommen mir dabei näher als Analysen und Deutungen. Und ich erinnere mich an eine Erkenntnis, die mir ein theologischer Lehrer mit auf den Weg gab: In der biblischen Tradition waren Zeiten der Zerstreuung und des Exils literarisch die produktivsten Phasen. Wirklich prägende theologische Ideen wurden weniger in der Nähe des Tempels, sondern eher auf der Straße und vor allem in der Diaspora entwickelt. Deshalb legte er mir vor vielen Jahren nahe: Interessiere Dich für die Geschichten, die im Alltag passieren, die von Überraschungen und tiefer Menschlichkeit erzählen, von Verzweiflung und widerständiger Lebensenergie. Suche diese Geschichten, erzähle sie weiter. Fange nicht zu schnell an, sie mit Deutungen zu ersticken und in Definitionen umzuformen. Sie könnten ihre Kraft und ihre Wahrheit dabei verlieren.

Ostern 2020: Ich sehe mir am Abend des Ostermontags einen gut erzählten „Tatort“ im Fernsehen an. Zwei Kommissare, die traurig und verzweifelt miteinander unterwegs sind, belastet durch ihre gemeinsame Biografie. Eine Geschichte von Demütigung und Widerstand, von Sterben und Überleben, von Hass und dem Versuch zu vergeben. Von Menschen, die wie in der Vergangenheit gefangen sind und für die schließlich doch befreites Leben möglich wird.

Tatorte einer entflohenen Osterbotschaft.

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Autor: Burkhard Hose ist seit 2008 Hochschulpfarrer in der Katholischen Hochschulgemeinde in Würzburg. 

Foto: Dan Meyers / unsplash.com

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