Terraforming und die Grenzen menschlicher Gestaltungskraft

Beim Klimawandel stößt die menschliche Gestaltungskraft an ihre Grenzen. Technische Instrumente und politische Maßnahmen können den sozialen Wandel nicht so vollumfänglich gestalten, dass der Klimawandel aufzuhalten wäre, meint die Umweltsoziologin Birgit Peuker. Dennoch ist der Glaube weit verbreitet, der Mensch könne alles tun, er müsse es nur wollen.

Im Spiel TerraGenesis können die Spieler*innen Planeten unseres Sonnensystems terraformen. Ziel ist es, die Planeten lebenswert zu machen, indem bestimmte Parameter wie Temperatur, Druck und Sauerstoffgehalt der Luft angepaßt werden. Diese Anpassung erfolgt durch den Einsatz von Techniken. So kann zum Beispiel die Temperatur durch Kältekraftwerke, die auf Basis „unterkühlter Spulen und modernster Wärmeleiter“ beruhen, gesenkt werden. Erhöhen läßt sich die Temperatur hingegen durch Orbitalspiegel. Das sind riesige Spiegel im Orbit, die das Sonnenlicht auf die Oberfläche des Planeten reflektieren. Der Druck in der Atmosphäre kann durch „Sequestierungsanlagen“ gesenkt werden, welche die entsprechenden atmosphärischen Gase komprimieren und unterirdisch speichern (Link: https://terragenesis.fandom.com/wiki/Main_Page). Mit diesen und anderen Techniken lassen sich die einzelnen, miteinander in Wechselwirkung stehenden Parameter durch die Spieler*innen kontrollieren. Dadurch können sie erreichen, dass der Planet lebenswert wird und lebenswert bleibt.

Lassen sich Entwicklungen durch Beschlüsse wie im Spiel regulieren?

Der dem Spiel zu Grunde liegende Gedanke läßt sich auf die aktuelle Debatte um den Klimawandel übertragen: Auf der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris wurde beschlossen, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Wenn die Menschheit dieses Ziel erreichen würde, wäre das auch ein erster Schritt zum Terraforming anderer Planeten?

Climate Engineering

Die technischen Visionen zur Beherrschung des Klimawandels werden in der Debatte zum Climate Engineering verhandelt. Prominent sind hier die Techniken der Carbon Capture and Storage (CCS), die ganz ähnlich funktionieren wie die Sequestierungsanlagen im Spiel TerraGenesis. Diese Techniken binden Kohlendioxid (CO2) aus der Luft, verflüssigen es und versenken es tief in der Erde. Eine andere Möglichkeit wird in der massiven Wiederaufforstung gesehen. So besteht in der Klimarahmenkonvention ein Waldschutz- und Aufforstungsprogramm (REDD+). Mit diesem Programm sollen bestehende Wälder geschützt oder wiederaufgeforstet werden, um CO2 zu binden.

Die Risiken hinter den Techniken.

Über den Emissionshandel sollen ökonomische Anreize geschaffen werden, Techniken und Maßnahmen einzusetzen, Emissionen zu verringern. Dies sind nur einige der technischen, politischen und ökonomischen Instrumente, die diskutiert werden, um den CO2-Gehalt der Atmosphäre zu reduzieren. Diese Instrumente versprechen, den Klimawandel zu beherrschen und zu begrenzen. Damit folgen sie dem gleichen Grundgedanken wie das eingangs genannte Spiel. In der wirklichen Welt jedoch liegen in der Anwendung dieser Techniken Risiken und unerwartete Folgen, die in unserer natürlichen und sozialen Umwelt negativ wirken können.

Komplex und nicht so einfach wie im Spiel.

So sind die CCS-Techniken sehr energieaufwändig. Beim REDD+-Programm hingegen können nachteilige Effekte dadurch entstehen, dass nichtnachhaltige und schnellwachsende Baumplantagen Teil dieses eigentlich auf nachhaltige Landnutzung zielenden Programms werden. Gesellschaftliche Nachteile entstehen, wenn diese Technologien und Programme dazu benutzt werden, Kohlekraftwerke zu legitimieren. Es scheint doch nicht so einfach zu sein wie im Spiel Terraforming.

Eine Vielzahl von erfolglosen Maßnahmen.

Der Klimawandel hat nicht erst 2015 begonnen. Schon seit Jahrzehnten ist er Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Diskussionen. Das weithin bekannte Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das wissenschaftliche Informationen für Klimapolitiken bereitstellt, wurde bereits vor über 30 Jahren, nämlich 1988 gegründet. Eine Vielzahl von technologischen Entwicklungen, komplizierten nationalen und internationalen Regulierungen zu Umweltauflagen und ökonomische Anreize wie der Emissionshandel, die seitdem entwickelt wurden, hatten keinen Erfolg. Warum nicht?

Anthropozän

Zunächst könnte man meinen, dass der menschlichen Gestaltungskraft Grenzen gesetzt sind. So ist es nach Meinung einiger Beobachter*innen unmöglich, der Erderwärmung noch Einhalt zu gebieten. (Link: https://www.lifeworth.com/deepadaptation.pdf) Es sei technisch nicht möglich, es sei politisch nicht möglich, es sei wirtschaftlich nicht möglich. Es wird weder bezweifelt, dass es die Erderwärmung gibt, noch dass sie von Menschen verursacht wird, nur dass „der Mensch“ die Folgen seines eigenen Tuns nicht kontrollieren könne. Oder soziologisch gesprochen, dass die gesellschaftlichen Institutionen an dieser Stelle versagen.

Ein Denken jenseits von Kipppunkten.

Wenn wir uns der Frage der menschlichen Gestaltungskraft stellen, dann gerät jedoch nicht nur in den Blick, was „der Mensch“ gegen den Klimawandel tun kann, sondern auch, was „er“ mit seinen Aktivitäten, mit der Industrialisierung ausgelöst hat.  Es geht bei dem Verweis, dass der Klimawandel uns alle betrifft, auch darum, dass es bestimmte Kipppunkte gibt, die eine Veränderung des Erdsystems nach sich ziehen und die Erde für die Menschheit unbewohnbar machen könnten (Steffen et al. (2018), Link: https://www.pnas.org/content/pnas/115/33/8252.full.pdf). Würden bestimmte Schwellenwerte überschritten, würde die Erderwärmung weiterhin stattfinden, auch wenn menschliche Emissionen gesenkt werden könnten. Eine Zukunftsvision apokalyptischen Ausmaßes. Reicht also die menschliche Gestaltungskraft bis zu seiner Auslöschung? In der Debatte um das Anthropozän wird die Entdeckung, dass der Mensch schon erdgeschichtliche Spuren hinterlässt, als Aufforderung verstanden, dieser Frage mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zu was ist „der Mensch“ fähig? Oder auf welchen Abgrund treibt „er“ zu?

„Der Mensch“ und „die Erde“

Die Rede von „dem Menschen“ ist verwirrend, da es viele Menschen gibt und zwischen diesen Menschen auch Unterschiede bestehen, insbesondere hinsichtlich ihres ökologischen Fußabdrucks, der angibt, wie stark er die Umwelt beeinflusst. Genauso wie die Rede von „dem Menschen“ Unterschiede zwischen diesen nivellieren, ist es das Bild der „Erde“. Das Bild der bedrohten Erde, die verlassen im Weltraum, beschützenswert erscheint, ist eben das: ein Bild. Es nivelliert die Unterschiede, die zwischen den Menschen bestehen, die auf ihr leben. Das Bild der einen Erde nivelliert die Unterschiede in den Bedrohungen durch den Klimawandel und die Unterschiede in den Verursachern des Klimawandels. Das Bild der Erde gibt vor, dass „wir alle“ (alle 7 Milliarden Menschen), die Erde durch unser Dasein bedrohen würden und es gibt vor, dass „wir alle“ gleichermaßen bedroht sein würden (vgl. Jasanoff 2004).

Nicht alle sind gleich betroffen und verantwortlich

In Bezug auf den Klimawandel gibt es jedoch Unterschiede zwischen den Menschen. Es gibt bestimmte Menschengruppen, die eher vom Klimawandel betroffen sind. Zum Beispiel zeigen Studien, dass vor allem die Viehzüchter*innen vom Klimawandel betroffen sind im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen. Es gibt bestimmte Regionen, die mehr vom Klimawandel betroffen sind, als andere. Zum Beispiel jene Inselstaaten, die bei ansteigendem Meeresspiegel in den Fluten des Ozeans versinken könnten, wie die Gruppe kleiner Inselstaaten (SIDS- Small Island Development States), die sich vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht sehen und versuchen, sich in internationalen Nachhaltigkeitsprozessen Gehör zu verschaffen. Und gibt es auch bestimmte Regionen und Menschengruppen, die vom Klimawandel profitieren könnten? Ein Beispiel: so berichtet die National Geographic, dass die Grönländer auf den Klimawandel hoffen, wegen der Landwirtschaft und dem Erdöl. Und die Containerschifffahrt hofft auf eine Abkürzung durch die Nordwestpassage, am Nordpol vorbei, statt einen Umweg über den Suezkanal in Kauf zu nehmen. Dies sind einige Beispiele, die verdeutlichen sollen, dass der Klimawandel in der Perspektive einiger Gruppen in der Gesellschaft, nicht eine Bedrohung darstellt.

Der Mensch gestaltet seine Umwelt

Die Umweltsoziologie weist schon seit 40 Jahren darauf hin, dass „der Mensch“ seine Umwelt seit jeher gestaltet hat. Hund und Haustiere verdeutlichen dies. In dieser Sichtweise ist Natur nicht mehr das Gegenüber des Menschen und der menschlichen Gesellschaft, deren Ressourcen sich mehr oder weniger ausbeuten lassen, die verschwinden oder zerstört werden kann. Natur wäre das zu Gestaltende. Die Soziologie betont aber auch die Multiperspektivität in der Gesellschaft: Es gibt unterschiedliche Sichtweisen in einer gemeinsam geteilten Welt.

Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik

Der Klimawandel ist ein wissenschaftlicher Fakt. Dieser Fakt wird in vielen Studien der Klimaforschung erhärtet. Wie die Menschen ihre Umwelt gestalten wollen, ist eine Frage der Politik. Wir als Menschen können nicht umhin, unterschiedliche Sichtweisen in der Gesellschaft wahrzunehmen, auch wenn sie unserer eigenen widersprechen. Selbst wenn es die eine Technik geben sollte, die den Klimawandel aufhalten kann, wie oben beschrieben in dem Spiel TerraGenesis, es wird immer auch den Streit darum geben, ob sie angewendet werden sollte. Es würde lohnen, sich Zeit für diesen Streit zu nehmen. 30 Jahre, die die Klimadebatte nun schon dauert, sind eine lange Zeit. Es hilft nichts, Diskussionen mit dem Argument abzuschneiden, dass nun endlich etwas getan werden müsse.
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Autorin: Birgit Peuker, Dr. phil., ist Soziologin. Sie forscht und lehrt zu Nachhaltigkeit, Umwelt und Technik.

Foto: Karsten Würth / unsplash.com

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Jasanoff, Sheila (2004): Heaven and Earth: The Politics of Environmental Governance. Jasanoff, Sheila; Long Martello, Marybeth (Hrsg.), Earthly Politics. Local and Global in Environmental Governance. Cambridge, London: MIT Press, S. 31-54.

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