Dann gehe ich lieber in die Hölle – Desmond Tutu

Desmond Tutu gehört zu den markanten Persönlichkeiten Südafrikas. Anlässlich seines 90. Geburtstags verweist Sachell K. Rapp auf seine Bedeutung für weitergehende Versöhnungsprozesse.

Ohne Zweifel wird Desmond Tutu in der Rückschau auf das letzte Jahrhundert in einem Atemzug genannt werden mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Tutu gilt als einer der bekanntesten Menschenrechtler und politischen Leitfiguren, nicht nur Afrikas, sondern wahrscheinlich weltweit.

„Ich würde nicht einen Gott anbeten/ verehren, der homophob ist […]. Ich würde mich weigern in einen homophoben Himmel zu gehen. Nein […] ich würde lieber zu dem anderen Ort gehen.“

 Das sind die Worte des ehemaligen anglikanischen Erzbischofs von Kapstadt Desmond Tutu. Am 7. Oktober wird er 90 Jahre alt. Doch wie kommt er dazu beim Thema Homosexualität, der Hölle den Vorzug vor dem Himmel zu geben? Ein Einblick über einen Menschen der nicht an einen homophoben Gott glauben will.

1. Ein Kämpfer von ganz unten

Bischof Desmond Tutu (Bild: Wikipedia)

Desmond Tutu ist am 7. Oktober 1931 in Klerksdorp, ca. 170 Kilometer von Johannesburg entfernt, als Sohn einer Hausangestellten und eines Lehrers geboren. Schon als Kind wollte er als Arzt andere Menschen heilen und ihnen helfen. Da das Medizinstudium für die Eltern zu teuer war, entschied er sich 1955 schließlich wie sein Vater Lehrer zu werden. Mit Beginn der 1950er Jahre wurden im Zuge der Apartheid vermehrt rassistische Gesetze erlassen, die sich auf immer mehr Lebensbereiche bezogen. So gestand der Bantu Education Act von 1953 schwarzen Südafrikaner*innen nur noch eine sehr begrenzte Bildung zu, meist zum Ausführen einfacher Tätigkeiten. Höhere Arten der Schulbildung waren damit untersagt. Da Tutu über seinen Beruf als Lehrer keine Chance mehr sah, eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu erreichen, wählte er einen anderen. Noch im gleichen Jahr begann er seine geistliche Ausbildung in Johannesburg. Im Jahr 1961 wurde er zum Priester der anglikanischen Kirche ordiniert. Nach einem längeren Studienaufenthalt zwischen 1962 und 1966 in London mit seiner Frau und vier Kindern, wurde er dann 1975 in Johannesburg als erster schwarzer Afrikaner, anglikanischer Dekan. 1976 war er Bischof von Lesotho und 1986 wurde er Erzbischof von Kapstadt.

Wachsendes Interesse an der Situation in Südafrika

In dieser Zeit gewann er auch über Südafrika hinaus, zunehmend an Popularität durch viele Auslandsreisen und Veröffentlichungen. Dadurch war er mit daran beteiligt, dass die internationale Öffentlichkeit mehr Interesse an der politischen Lage im Land entwickelte. Hervorzuheben ist hier natürlich die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis im Jahr 1984 für seinen Einsatz gegen die Apartheid.

2. Wie kann Versöhnung gelingen?

Bei seiner Kritik am Apartheid-Regime ging es Tutu nie um den Sieg von Schwarzen über Weiße, sondern um eine Aussöhnung aller Seiten. Der Kreislauf des gegenseitigen Hasses müsse endlich durchbrochen werden, so seine Ansicht. Das Ziel zur Beendigung der Apartheid wurde für ihn und Südafrika zumindest 1990 mit der Freilassung Nelson Mandelas und 1994 in den ersten demokratischen Wahlen Wirklichkeit, aus denen ebendieser als erster schwarzer Präsident hervorging. Mandela ernannte Tutu wiederum 1996 zum Vorsitzenden der Wahrheits- und Aussöhnungskommission. Orientiert hat man sich dabei an der chilenischen Wahrheitskommission, die in den 1990er Jahren die Verbrechen der Pinochet-Diktatur aufklärte. In Südafrika sollten Familienmitglieder erfahren, was mit ihren verschwundenen Angehörigen passiert ist und wie in Zukunft Verletzungen der Menschenrechte vermieden werden könnten. Die Kommission sollte möglichst umfassend die Menschenrechtsverletzungen seit Beginn der Apartheid aufdecken und die südafrikanische Gesellschaft wieder miteinander versöhnen. Entscheidend, aber nicht unumstritten, war die Befugnis der Kommission, dass Täter*innen aufgrund einer vollständigen und wahrheitsgemäßen Aussage Straffreiheit erlangen konnten.

Die Vision einer gerechten Gesellschaft

Neben Nelson Mandela war es vor allem Desmond Tutu, mit seiner Grundhaltung „Vergeben statt Vergelten“, der einen friedlichen Übergang zur Demokratie in Südafrika ermöglichte und durch den das Land nicht in eine Spirale aus Rache und Hass geriet. Für seine Vision einer gerechten Gesellschaft und des friedlichen Zusammenlebens aller Ethnien, Religionen und Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen, benutzte Tutu für Südafrika den Begriff der „Regenbogennation“.

3. „Ubuntu“

Zentral für seine Vision einer „Regenbogennation“ ist der afrikanische „Ubuntu“-Gedanke. Ins Deutsche ist der Begriff schwer zu übertragen, jedoch bedeutet er so viel wie, dass ein Mensch nur durch andere Menschen zum Menschen wird. Man also nur selbst Mensch wird, weil es andere Menschen gibt. Nach diesem Ansatz heißt es nicht: „Ich denke, also bin ich“, sondern vielmehr: „Ich bin, weil ich in Gemeinschaft mit anderen stehe“. Das Zusammenleben in einer ethnisch und religiös differenzierten Gesellschaft wie Südafrika, so Tutu, könne nur gelingen, wenn alle Seiten einsehen, dass sie für das Miteinander gemacht sind, sich gegenseitig brauchen und in Abhängigkeit zueinanderstehen. Demzufolge sei das summum bonum – das höchste Gut – in solch einer „Regenbogennation“ die soziale Harmonie. Alles was dieses erstrebenswerte Gut untergräbt, wie z.B. Diskriminierungen, Hass, Armut oder ökonomische Ausbeutung, sind daher abzulehnen.

Ubuntu:
Alle Menschen gehören zur Menschheitsfamilie

Mithilfe des Ubuntu-Gedankens hat Tutu auch „den Westen“ kritisiert. So habe dieser zwar auf den Gebieten der Technik große Fortschritte gefeiert, dennoch käme es bis heute zu einer Übertonung des „Ichs“, welches sich in Vereinsamung, Anonymität, sowie „Leistungswahn“ äußere. Solch eine Kultur lasse Menschen als „entbehrlich“ und „ausrangiert“ fallen, wenn sie keine Leistung mehr erbringen. Ja noch mehr, mit Tutu ist zu konstatieren, dass Erfolg und Leistung zu den neuen Göttern geworden seien, vor denen man niederfällt und sie anbetet. Dagegen sage der Ubuntu-Gedanke: Alle Menschen gehören zu der einen Menschheitsfamilie, zu der einen Familie Gottes, ohne Leistung und Erfolg – voraussetzungslos. Diese Weltsicht sei der „afrikanische Beitrag“ zur Menschheit, so Tutu. Der Mensch sei zur sozialen Harmonie und Gemeinschaft geschaffen. Er könne nur zusammen sein und zusammen frei sein, trotz aller Unterschiede. Denn diese seien gerade da, um zu erkennen, dass wir einander brauchen.

Religion ohne Monopol auf Gott

Ubuntu macht für Tutu auch nicht vor Religionen halt. In den Augen Gottes sind alle Menschen, egal welcher Religion sie angehören, eine Familie, er sorgt sich um alle. Nach Tutu sei Gott kein Christ und die Christen hätten kein Monopol auf Gott. Gott sei vielmehr größer als das Christentum bzw. als nur eine Religion und sorgt sich um jeden einzelnen Menschen. Wie könnte es auch anders sein, dass der eine Gott, der Gott aller Menschen sei? Tutu sieht alle Menschen, egal welcher Religion sie angehören, in der Pflicht gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, d.h. für Ubuntu einzutreten.

„Wir werden unseren Religionen nicht gerecht,
wir bringen unsere Religion in Misskredit,
wenn wir nicht für die Wahrheit aufstehen,
wenn wir nicht für die Gerechtigkeit aufstehen,
wenn wir nicht die Stimme der Sprachlosen sind
und wenn wir nicht für diejenigen aufstehen,
die nicht für sich selber existieren können.“
  [1]

4. Homosexualität

Diese Pflicht sieht Desmond Tutu, und dies ist von Relevanz für manche Debatten der Gegenwart, auch in Bezug auf die Rechte homosexueller Menschen. Der Ubuntu-Gedanke und vor allem die Zuwendung Gottes, machen nicht an der sexuellen Orientierung halt. Christliche Kirchen können nicht homophobe Vorurteile rechtfertigen. Deshalb kommt Tutu auch zu der klaren Ansicht, dass er nicht einen Gott verehren könne, der homophob sei. Tutu macht keinen Unterschied zwischen seinem früheren Kampf gegen die Apartheid und dem heutigen Kampf gegen Homophobie. Beides ist für ihn nicht nur ungerecht und inakzeptabel, beides sei im Grunde genommen Blasphemie. Da die Geschöpfe Gottes für etwas beschuldigt werden, für das sie nichts können, für etwas diskriminiert werden, das sie vom Schöpfer bekommen haben. So sagt er:

„Ich hätte nicht gegen die Diskriminierung durch die Apartheid kämpfen können, ohne nicht zugleich gegen die Diskriminierung zu kämpfen, die Homosexuelle zu erleiden haben auch in unserer Kirche und Glaubensgemeinschaft“ [2]

Die christlichen Kirchen sagen, dass in der Art und Weise wie die Menschen in einer heterosexuellen und monogamen Beziehung leben, sie in der Liebe immerzu wachsen und gottähnlicher werden. Nun fragt Tutu, welche Gründe könne man nun hervorbringen, dass dies bei einer entsprechenden homosexuellen Beziehung nicht der Fall sei.

Desmond Tutus jüngste Tochter Mpho Tutu heiratete im Mai 2016 die Niederländerin Marceline von Furth. Bei der Trauung erhielt Tutu die Erlaubnis der anglikanischen Kirche, einen „väterlichen Segen“ zu spenden. Sicherlich mit dem Vertrauen darin, dass der himmlische Vater es ebenso sehr gutheißt.

___

Autor: Sachell Karl Rapp, B.A. Katholische Theologie und Erziehungswissenschaften; MA Religionswissenschaft, derzeit Volontär.

Foto: Mr Xerty / unsplash.com

[1] Tutu, Desmond, Gott ist kein Christ, Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit, 2012, S.29.

[2] Ebd., S.58.

Print Friendly, PDF & Email