Theologie zum Tanzen bringen: Werkstattbericht aus dem Podcast-Studio

Sung Kim und Simon Wiesgickl wagen sich auf theologisches Neuland: Podcasts.

Man muss sich Podcaster:innen als glückliche Menschen vorstellen. Sie gehen dieser Beschäftigung in der Regel nebenher nach, bringen also eine gute Portion Eigenantrieb, oft sogar Spieltrieb mit. Sie sprechen über Themen, die sie interessieren und bei denen sie sich auch noch ein bisschen auskennen. Und – last but not least – haben sie Hörer*innen vor dem inneren Auge, die Hörmomente genießen. Was Podcaster:innen antreibt, lässt sich zusammenfassen mit der Trias von Leidenschaft, Themen und Hören.

Wir betreiben selbst einen Podcast: Wunder_kundig. Dabei wollen wir beispielhaft der Frage nachgehen: Was passiert mit theologischen Begriffen und Vorstellungen, wenn sie in einem Podcast verarbeitet werden?

Wie ein Podcast wird, liegt nicht an den Themen.

Was passiert also in unserem Fall, wenn ein in der deutschen Öffentlichkeit so eindeutig negativ konnotiertes Thema wie „Mission“ auf einmal in einem angesagten Medium wie einem Podcast auftaucht? Darauf wollen wir keine streng wissenschaftliche Antwort bieten, selbst wenn wir eine hätten. Stattdessen laden wir ein, mit uns in unsere Werkstatt zu steigen und uns zwischen hochwertigen Mikrofonen, einer Sperrholzwand mit Plexiglas und wild zusammen gewürfelten Ethnologica über die Schulter zu schauen.

Wenn ein Podcast entwickelt wird, gibt es am Anfang nicht mehr als eine vage Richtung. Wie ein Podcast wird, liegt nicht an den Themen. Sie sind zu Beginn eher ein Versuchsfeld. Entscheidend scheinen vielmehr diese zwei Schritte zu sein:

Als wer wollen wir ins Sprechen kommen?

  1. Das Format ist zu klären: Als wer wollen wir ins Sprechen kommen? Und da gibt es durchaus unterschiedliche Optionen: Als Expertin, Betroffene oder Moderatoren. Die Rolle hat Auswirkungen auf den Rhythmus und die Gliederungselemente. Das Medium, das ist nicht das technische Mittel, oder wie im Fall eines podcasts das Icon bei Spotify, das angeklickt wird. Es sind die Menschen und die Rollen, in denen sie sprechen. In unserem Fall: wir, Simon und Sung.
  2. Der Name: Die Namensgebung bei so einem Podcast ist Taufe, ist performativer Akt und Deutewort zugleich. Wir haben es unseren Hörerinnen und Hörern nicht einfach gemacht, sondern uns für etwas Hintergründiges, man könnte auch sagen, Umständliches entschieden. Wunder_kundig. Das klingt auf den ersten Blick exotisch, nicht wegen des Unterstrichs, sondern wegen des Wörtchens „Wunder“. Stimmt. Es geht um den gelebten Glauben in anderen Gegenden der Welt, den wir erleben durften und von dem wir erzählen wollen. Über den wir auch informieren möchten und Hintergründe bieten. Und stimmt auch nicht. Denn zugleich ist man wunderkundig, wenn man feststellt, dass das, was auf den ersten Blick noch so fremd erschien, irgendwie doch mit einem selber zu tun hat. Wenn der gelebte Glauben aus der Einen Welt, Verbindungen vor Augen führt, die bisher nicht bewusst waren, oder das vermeintlich Eigene mit neugierigem Blick sehen lässt, dann hat der Podcast sein Ziel als Medium erfüllt.

Bei wissenschaftlichen Texten kann sich die Forscherin hinter Gebirgen aus Fußnoten oder Positionen verstecken, die im Pro- oder Hauptseminar gelernt wurden. In einem Podcast geht das nicht. Da zählt der persönliche Zugang. In unserem ersten Skript standen viele Sachen, die wir beispielsweise mit „Mission“ assoziiert und dann akribisch gesammelt hatten: geschichtliche Daten von Karl Gützlaff über Weltmissionskonferenzen und neueste Erklärungen zum Missionsbegriff.

Versteck dich nicht. Erzähle von deinen eigenen Zugängen und Geschichten. Sie sind die message.

Gesprochen haben wir dann aber über unsere eigene Geschichte als MK, kurz für Missionary Kid (Sung) oder das Verständnis von Mission (Simon). Da stand was dahinter an Erfahrung, Erinnerung und Emotion. Vielleicht gab es deshalb viele Rückmeldungen, dass diese Folge besonders interessant gewesen sei. Das könnte auch für sonstiges Theologisieren ein zukunftsweisender Weg sein: Versteck dich nicht. Erzähle von deinen eigenen Zugängen, (Schwierigkeiten) und Geschichten. Sie sind die message.

Dann haben wir mehr Stimmen eingebunden aus der ganzen Welt, wie etwa von Mayupe Par (Pfarrer aus Papua Neuguinea). Nach dem Gespräch mit ihm fällt es schwer, an einem provinzialisierten Verständnis von Mission festzuhalten. „Missionare haben euch doch die Kultur geklaut und durch das Christentum ersetzt,“ sagten wir im Gespräch. Er verneinte – als selbstbewusster Christ aus einer ehemaligen deutschen Kolonie. Herausfordernd ist auch das Statement von Dorcas Parsalaw (Tansania), die auf den gemeinschafts-stiftenden Aspekt von Mission verweist. Das wäre uns nicht als erstes in den Sinn gekommen.

Auf diese Weise formt sich im Einordnen und Nachdenken in der Aufnahme unseres Podcasts ein neues Denken über Mission, das sich insbesondere im Hinblick auf die Dynamik den Stimmen anderer verdankt. Behaupten wir also, dass unsere eigenen Geschichten die message sind, aber auch die anderer? Wie verhalten sie sich zueinander?

Wir versuchen, unsere eigenen Worte und die Stimmen der Anderen zusammenzufügen – tänzerisch.

Denkt man philosophisch etwas länger diesem Prozess nach, so findet sich beim französischen Kulturtheoretiker Jacques Derrida die Figur des Deliriums. Damit verdeutlicht er einen Prozess, in dem Stimmen des Anderen in einem selbst widerhallen. Das taugt als Bild dafür, was wir durch das podcasten gelernt haben.

Wir versuchen, unsere eigenen Worte und die Stimmen der Anderen zusammenzufügen. Tänzerisch ist das beste Wort dafür, weil es nicht ein (Gravitations-)Zentrum gibt, dem die anderen notwendigerweise folgen müssen. Weil es nur in der gemeinsamen Dynamik geschieht.

Agency beinhaltet eine Balance zu finden, die das gemeinsame Reden möglich macht, ja es anregt.

Wir denken über Mission nach in einem kritischen Sinn, der die gewaltvolle Geschichte und die Kollaboration mit der Macht nicht ausblendet. Und dennoch den „missionierten“ Christinnen und Christen nicht die Stimme und die eigene Perspektive auf ihre Geschichte nimmt. Gerade darin wird dann sichtbar: Die „Missionierten“, das sind ja auch wir. Agency beinhaltet auch, das eigene Reden als ein durch Früheres geprägtes zu verstehen, aber eine Balance zu finden, die das gemeinsame Reden möglich macht, ja es anregt.

Bestimmt sind wir beiden nicht die feurigsten Tänzer, um im Bilde zu bleiben. Vielleicht ist das aber gerade die Chance, nicht die Welt um uns kreisen zu lassen. Sondern uns ebenso mitzubewegen. Am Ende der Aufnahme zu Mission jedenfalls ist uns aufgefallen, dass wir mehr gesagt hatten, als wir uns im Medium der Schrift hätten vorstellen können. Mehr können wir uns nicht  wünschen, als dass diese message rübergekommen ist, also unser Podcast theologisch zum Tanzen animiert.

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Sung Kim ist theologischer Mitarbeiter im Referat Mission Interkulturell bei Mission EineWelt in Neuendettelsau. Er hat über Fragen der Grundlegung der Ethik promoviert, als Gemeindepfarrer in Württemberg gearbeitet und von 2016 bis 2020 am Lutheran Theological Seminary in Hongkong unterrichtet.

Simon Wiesgickl ist Pfarrer der Bayerischen Landeskirche und hat von 2013 bis 2016 an der FAU Erlangen-Nürnberg und für einige Monate ebenfalls am Lutheran Theological Seminary in Hongkong unterrichtet.  

Link zum Podcast Wunder_kundig: https://podcast.mission-einewelt.de/

Bild: Mission Eine Welt

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