Übrigens. Reflexion anlässlich eines Todes

Vor zwei Wochen ist der Theologe Eberhard Jüngel gestorben. Die Nachrufe lesend, denkt Werner Busch über den Umgang mit theologischen Lehrer:innen und deren Erbe nach.

Beim Lesen einiger Nachrufe auf den am 28.9.2021 gestorbenen evangelischen Theologen Eberhard Jüngel ist mir ganz nostalgisch zumute geworden. Anderen auch, wie ich meiner theologie- und kirchenlastigen Facebook-Bubble entnehme. Letzte Blicke auf einen Menschen und sein Lebenswerk. Diese Blicke werden zugleich in eine Zeit theologischen Denkens zurückgeworfen, die wir noch miterlebt haben. Die aber – täusche ich mich? – vorbei ist.

eine Zeit theologischen Denkens, die vorbei ist

Es sind Nachrufe und Kommentare wie Columbo-Augenblicke. Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck wendest du dich beim Abschied noch einmal um. Kommst kurz auf etwas Letztes zu sprechen. Die Türschwelle wird beim Abgang mit der Stimmung einer heiteren Aufgewecktheit bestrichen, damit das Gesagte überrascht und sitzt. In einer gewissen Beiläufigkeit wird dieses fast Vergessene nun als Pointe zu Tage gefördert. In unserem Fall: Der beinahe Vergessene wird noch einmal (als) großartig gewürdigt, mit einer homöopathischen Menge Anekdoten versetzt. Kein Zweifel: Jüngel war eine Persönlichkeit, die beeindruckt hat und solcher pointensicherer Nachrufe würdig ist.

Bei Columbo ergab sich die Unterhaltsamkeit der regelmäßig wiederkehrenden Schlussszene aus einem Kontrast, den man so bei dem Tübinger Theologen nicht ausfindig machen kann. Das legere Äußere des Detektivs und seine etwas trottelhaft wirkende Unbeholfenheit – ein geschickt gepflegtes Understatement. Hinter der schlichten und eigenbrödlerisch wirkenden Maske steckt doch ein wacher Geist mit subtilem, aber glasklarem Urteilsvermögen, dessen Brillanz erst hervortritt, wenn’s drauf ankommt. Eberhard Jüngel war alles andere als ein Columbo-Typ, auch wenn gewiss jeder Mensch etwas Ungelenkes an sich hat.

Jüngel war vielmehr von der Aura des brillanten Intellektuellen umgeben. Und löste das in seinen Texten auch ein. Aus seinem theologischen Talent machte er kein Geheimnis, traute er sich doch zu, zwischen den drei Genies, die er natürlich persönlich erlebt hatte (Paul Hindemith, Martin Heidegger, Karl Barth), und einem nur – aber immerhin! – großen Gelehrten, der ihn ebenfalls prägte (Gerhard Ebeling), präzise unterscheiden zu können. Vielleicht darf gute Theologie um ihrer großen Sache willen nicht bescheiden sein. Ich unterlasse deshalb tunlichst ein Urteil über diesen Habitus, den man auch verständnislos als arrogant und selbstverliebt abqualifizieren könnte, was gewiss auch geschah.

Mich überraschen diese feuilletonistischen Leichenreden.

Wenn auch nicht auf Jüngel, so passt die Vergleichs-Figur “Columbo” vielleicht doch ein wenig auf diejenigen, die jetzt dem großen Theologen die letzte Ehre erweisen. Mich überraschen diese feuilletonistischen Leichenreden. Dass der Tübinger Theologieprofessor und Stiftsprediger im Jahr des Herrn 2021 einmal so herzenswarme, von intellektueller Einfühlsamkeit und persönlicher Bewunderung sprühende Nachrufe provozieren würde, wie ich sie in meiner sonst tendenziell etwas aktivistisch angehauchten Theolog:innenblase nun überraschenderweise verlinkt und mit persönlichen Erinnerungen garniert vorfinde, hätte ich vor kurzem nicht für möglich gehalten. Es ist, als wende sich der in meinem Wahrnehmungsradius virulente Teil von Kirche und Theologie beim unablässigen Weitergehen jetzt doch noch einmal zu Jüngel um. Dieser Moment lohnt sich durchaus für die, die ihn sich nehmen. Denn im gezeichneten Bild des zu ehrenden Verstorbenen werden eine theologische Brillanz und Bedeutsamkeit zelebriert, die es so eigentlich nicht mehr … Ja, (wann) gibt es sie wieder? Darüber würde ich gern diskutieren.

das Kataster der eigenen geistigen Topographie noch einmal zu sichten

Wenn große, prägende Persönlichkeiten sterben, wird ihr Tod zu einem Anstoß, das Kataster der eigenen geistigen Topographie noch einmal zu sichten. Der Vergleich mit etwas, das man noch gut erinnert, das nun vollends einer vergangenen Etappe angehört, wird unversehens zur intuitiven Vermessung eines Abstandes zwischen damals und heute. Wie in einem Fotoalbum vergleiche ich mein gegenwärtiges Theologen-Ich mit demjenigen in den 90er Jahren, das sich von Jüngel fasziniert, geführt und auch zum Widerspruch herausgefordert fühlte.

Ich habe ihn zwar nie persönlich gehört, aber seine Art zu theologisieren hat mir imponiert. Ich denke an eine Lektüre-Übung im Sommersemester ’98 mit Jüngels “Gott als Geheimnis der Welt”. In einem völlig unromantischen, ja geradezu abstoßend sachlichen kleinen Seminarraum der “Phil-Fak” an der Kölner Uni wurden die Lektüre-Treffen eines Häufchens versprengter Lehramtsstudierender mit mir als einzigem Pfarramts-Kandidaten unter der Leitung des engagierten Assistenten Kai Horstmann zu einer mitreißenden und sehr gedankenproduktiven Überforderung. Später im Pfarramt habe ich einige Male versucht, darauf zurückzukommen: habe das entsicherte Denken und Glauben nachzubuchstabieren versucht. Seinen Aufsatz “Von der Autorität des bittenden Christus” habe ich tief verinnerlicht. Und sein Plädoyer für Mission in der EKD als “Herzschlag der Kirche” adelte ein Anliegen, das mich schon länger begleitet hatte und für das ich bis heute Worte, Formen und Stile suche.

Theologie als geistige Dynamik, die von einem existenziellen Eros getragen ist.

Durch die Jüngel-Lektüre bekam ich eine Ahnung davon, dass theologisches Denken nicht nur das Sammeln von Informationen, Argumenten und Lehrmeinungen ist, die man zu “beurteilen” und dann irgendwie “anzuwenden” habe. Theologie ist vielmehr ein ganz eigenartiges intellektuelles Bewegtsein. Eine geistige Dynamik, die von einem existenziellen Eros getragen ist. Oder es zumindest sein sollte. Für diese Denkbewegung ist allerdings eine enorme Fleißarbeit erforderlich, zu der ich nicht immer in der Lage gewesen bin. Eine Konzentrationsübung, die eine geistige Wachheit und Spannkraft braucht, die die meisten wahrscheinlich erst über einen langen Zeitraum trainieren müss(t)en, um sie erleben zu können.

In Jüngels Theologie werden mit dem Blick ins Unanschauliche die Grenzen des Denkbaren ausgelotet. Mit einer ihr eigenen Vernünftigkeit werden diese Grenzen überschritten, nein: Sie werden erweitert. Überschreiten hieße, auf Evidenzen verzichten, und das darf der Theologie nicht unterlaufen. Denn es soll in der Kirche kein Unfug gedacht und geredet werden, deshalb die Anstrengung des Gedankens. Mit seinem Denk- und Sprachtalent führte Eberhard Jüngel in die Weite und Fülle des Geistes, der in der Bindung an das Evangelium frei und klar, in der Konzentration auf das Wort Gottes reich, geräumig und ja, dann doch anschaulich werden konnte. Das war für mich eine substanzielle Denkerfahrung, ein intellektuelles Erlebnis. Davon hätte man gerne mehr und anhaltender gehabt. Aber die Zerstreuung im Studium und erst recht im Pfarramt sollte man nicht unterschätzen.

An den Särgen kommt nah, was eigentlich schon länger im unaufhaltsamen Verblassen begriffen ist.

Wie sooft beim Tod eines Menschen: In seinem Verschwinden wird er noch einmal besonders gegenwärtig. Als Pfarrer weiß ich: An den Särgen kommt so manches nah, das eigentlich schon länger im unaufhaltsamen Verblassen begriffen ist. Auch das ist vielleicht ein Columbo-Phänomen, eine Art “Übrigens” des gelebten Lebens, wenn es zu Ende gegangen ist und ein Abschied ansteht.

Du erinnerst dich an den Geschmack dieser Theologie, die dir danach so nicht wieder begegnet ist. Sie hat dir Mühe abverlangt und dich aber auch süß und reich beschenkt, siehe oben. Ja, sie hat dich sogar eine Zeitlang geistig ernährt, bis du gemerkt hast, dass sich im Erproben eines jüngelschen Metaphern-Stils bei dir selbst eine Blumigkeit der Predigt-Sprache einstellte, die wahrscheinlich nicht nur dich unzufrieden gemacht hat. Nach und nach gesellten sich seine Predigtbände zu denjenigen von Helmut Thielicke, die mir von Anfang an noch viel weniger zur Nachahmung und als Lernimpulse tauglich erschienen, als es schließlich auch die jüngelschen wurden. Damit will ich die originale Relevanz und Wirkungskraft dieser Kanzelreden in ihrem ersten Erklingen und Publiziertwerden weder bestreiten noch diskreditieren. Aber der Abstand dazu kommt mir inzwischen doch beträchtlich vor.

muss genau dieser Abstand gesehen und vermessen werden

Um abwägen und wiegen zu können, was abgesehen vom Papier in Bücherregalen von einem theologischen Lebenswerk bleibt, muss genau dieser Abstand gesehen und vermessen werden. Der neutestamentliche Ruf, sich seiner theologischen Lehrer zu erinnern und von ihrem Glauben zu lernen, ist mit einer interessanten Aufforderung verbunden. “Ihr Ende schaut an.” (Hebr 13,7) Damit soll m.E. genau auf diese dunkle Zäsur und die wachsende Entfernung aufmerksam gemacht werden, die bei jeder auf Gewinn bedachten Rezeption in Anschlag gebracht werden muss. Ein Satz wie “Was Jüngel uns heute sagen kann.” hat sich damit erledigt.

Wahrscheinlich ist es noch zu früh, um bestimmen zu können, welcher Teil des Charismas noch einige Zeit weiterwirkt und welcher mit dem Leben des begabten Theologen jetzt schon miterloschen ist. Jüngel hat an Karl Barth gelernt, immer wieder auf den Anfang zurückzukommen. Ein geradezu zauberhafter Gedanke, dem ich viel abgewinnen kann. Jedoch muss eine vom Neuen Testament inspirierte Lehrerverehrung auch das Entgegengesetzte beherrschen. Es gilt sich mindestens genauso wachsam der Tatsache zu stellen, dass es mit jedem noch so großen Lehrer früher oder später ein Ende hat. Die Relevanz der von ihm gewonnenen Erkenntnisse wird nach und nach “aufhören” (1. Korinther 13). Dann siehst du in vagen Umrissen ein abgekühltes Ganzes. Dieses im Abbruch (Un-)Vollendete musste dem Betreffenden selbst völlig verborgen bleiben. Indem du es durch Abstandswahrung ahnen darfst, lernst du mehr an ihm als von ihm.

Dieses im Abbruch (Un-)Vollendete musste dem Betreffenden selbst völlig verborgen bleiben.

Übrigens: Die wachsende Distanz zur theologischen Geistesgegenwart von Eberhard Jüngel hat eine Nebenwirkung, die sich nicht unmittelbar einstellt, aber eigentlich nahe liegt. Dafür braucht es diesen Columbo-Moment. Ganz unabhängig davon, wie im Einzelnen die materiale Würdigung des theologischen Werkes von Jüngel ausgeht und was davon vielleicht noch einige Zeit bleibt, wirft dieser Rückblick Fragen auf. Denen kannst du dich nur schlecht entziehen, wenn sie einmal gestellt sind. Sie sind in diesem Text bereits angeklungen:

Wie konzentriert und geistesgegenwärtig lebe ich als Christ?

Die rückblickende Würdigung einer vergangenen theologischen Existenz ist eine Herausforderung an die eigene, aktuelle. Wie konzentriert und geistesgegenwärtig lebe ich als Christ? Mit wieviel Fleiß, Aufmerksamkeit und Ausdauer gelingt es mir, den Fragen nachzugehen, die für den Glauben aktuell aufgeworfen sind? Ist meine Bindung an das Zentrum klar und vital genug, und wie weit ist mein intellektueller Radius und die praktische Beweglichkeit, die ich aus dieser Mitte entwickle?

Die Reihe solcher Fragen wird individuell verschieden ausfallen. Allein, dass sie gestellt werden, lohnt die Erinnerung an den charismatischen Intellektuellen und Lehrer der Theologie Eberhard Jüngel.

Werner Busch ist ev. Pfarrer in der Braunschweiger Innenstadt an St. Katharinen und ehrenamtliches Mitglied der Regionalstudienleitung der Abt Jerusalem Akademie der Ev.-Landeskirche in Braunschweig, Studium der Ev. Theologie in Bonn, Wuppertal und Köln.

Bild: Werner Busch

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