Unmöglich: unpolitisch Kirche leiten

Im Blick auf die im Nationalsozialismus schwer belastete Rolle der katholischen Bischöfe geht Peter Bürger der Frage nach, ob die Kirche sich überhaupt aus Gegenwartsfragen heraushalten kann.

Nach 1945 sollte die kirchenamtliche Geschichtsschreibung nachweisen, dass das verfasste Christentum auch unter „nationalsozialistischer Zwangsherrschaft“ dem Reich Gottes die Türen geöffnet und der Welt Gutes im Übermaß beschert hatte. Die bischöfliche Assistenz für Hitlers Militärapparatur passte zu dieser schönen Erzählung nicht. In einer renommierten kircheneigenen Buchreihe zur Zeitgeschichte sucht man bis heute vergebens nach einem Band, der die Kriegsvoten deutscher Hirten aus den Jahren 1939-1945 systematisch erschließt.

Bischöfliche Assistenz für Hitlers Militärapparatur

Kurz vor seinem Tod hat der Theologe Heinrich Missalla (1926-2018) in einem – dann postum veröffentlichten – Brief die Kirchenleitung zum öffentlichen Eingeständnis des „deutsch-katholischen“ Abfalls vom Evangelium ermutigt: „Bischöfe, haben Sie endlich den Mut zur Wahrheit!“ Für den 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen erwartete H. Missalla, dass die Kriegsbeihilfe-Schuld deutscher Bischöfe in der NS-Zeit ohne die üblichen Beschönigungen zur Sprache kommen würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Die Bischöfe hätten als Seelsorger agiert?

Noch immer soll ein Selbstbild aus der Adenauer-Ära aufrechterhalten werden, das mit der historischen Wirklichkeit wenig zu tun hat. Erzbischof Ludwig Schick ließ im Radiointerview verlauten, das von Missalla Vorgetragene enthielte nicht Neues und sei doch hinlänglich bekannt.[1] In der Münsterischen Kirchenzeitung unternahm der Historiker Joachim Kuropka den Versuch, besonders das Verhalten des seliggesprochenen Clemens August von Galen zu rechtfertigen.[2]Der Vorwurf, „die katholischen Bischöfe in Deutschland hätten im September 1939 den Überfall auf Polen begrüßt und den Krieg Adolf Hitlers unterstützt“, sei absurd. Der Bischof von Münster „habe sich nicht als Politiker zum Krieg geäußert, sondern als ein Seelsorger, dem es um das Seelenheil der Menschen gegangen sei“.

Der „Löwe von Münster“ befürwortete den Kriegsdienst in der Wehrmacht.

Doch wie soll man nun das Kunststück fertigbringen, die militaristischen und zweifellos deutschnational ausgerichteten Kriegsvoten des Bischofs von Münster als unpolitische – pastorale – Hirtensorge zu deuten? Aussagekräftige Originalquellen sind in einer Internet-Arbeitshilfe nachlesbar.[3]

Bild: Anni Borgas
in: Pfarrbriefservice.de


Sie belegen, dass nach den Massenschlachten 1914-1918 ein Lernprozess im Episkopat nicht stattgefunden hat. 1935 begrüßte insbesondere von Galen die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im NS-Staat: „Der Führer, dem Gottes Vorsehung die Leitung unserer Politik und die Verantwortung für das Geschick unserer deutschen Heimat anvertraut hat, hat in mutigem Entschluss die Ketten zerrissen, in denen nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges feindliche Mächte unser Volk dauernd gleichsam gefangen hielten.“

Der Angriff auf die Sowjetunion wurde leidenschaftlich begrüßt!

Auf jeder weiteren Stufe stützte dieser Bischof hernach die Kriegsführung der Wehrmacht. Schon den Sieg der Franco-Faschisten in Spanien betrachtete Galen als Geschenk Gottes (1.4.1939). Den deutschen Überfall auf Polen deutete er ganz im Sinne der NS-Propaganda: „Der Krieg, der 1919 durch einen erzwungenen Gewaltfrieden äußerlich beendet wurde, ist aufs Neue ausgebrochen und hat unser Volk und Vaterland in seinen Bann gezogen. Wiederum sind unsere Männer und Jungmänner zum großen Teil zu den Waffen gerufen und stehen im blutigen Kampf oder in ernster Entschlossenheit an den Grenzen auf der Wacht, um das Vaterland zu schirmen und unter Einsatz des Lebens einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk zu erkämpfen.“ (14.9.1939) Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich vernahm man aus seinem Mund: „Wir alle fühlen gerade jetzt uns angetrieben, in gemeinsamen Dankesliedern öffentlich Gott dem Herrn unsere Huldigung darzubringen“ (26.6.1940). Die berühmte Protestpredigt vom 20.7.1941 betonte die Kriegstreue der Katholiken trotz staatlicher Bedrängnisse: „Wir werden weiter treu unsere Pflicht tun, im Gehorsam gegen Gott, aus Liebe zu unserem deutschen Volk und Vaterland. Unsere Soldaten werden kämpfen und sterben für Deutschland.“ Den Angriff auf die Sowjetunion hat der oberste Seelsorger von Münster hernach leidenschaftlich begrüßt: „Das deutsche Heer […] ist in unverbrauchter Kampfbereitschaft auch dem bolschewistischen Gegner im Osten entgegengetreten, hat ihn in zahlreichen Schlachten und Gefechten geschlagen und weit in das russische Land zurückgedrängt. Bei Tag und bei Nacht weilen unsere Gedanken bei unseren tapferen Soldaten, steigen unsere Gebete zum Himmel, dass Gottes Beistand auch in Zukunft mit ihnen sei, zu erfolgreicher Abwehr der bolschewistischen Bedrohung von unserem Volk und Land.“ (14.9.1941)
Noch Anfang 1944 trug Galen erneut die Anschauung vor, es sei „der Soldatentod des gläubigen Christen in Wert und Würde ganz nahe dem Martertod um des Glaubens willen, der dem Blutzeugen Christi sogleich den Eintritt in die ewige Seligkeit öffnet“.

Die Bischöfe bedienen sich des Motivs vom „Heiligen Krieg“.

Mit Ausnahme des Berliner Bistumsleiters Konrad von Preysing riefen alle Bischöfe die Gläubigen zum angeblich gottgewollten Staatsgehorsam gegenüber der Kriegsobrigkeit auf. Sie müssen also – wie ausdrücklich bei Kardinal Bertram bezeugt – von einem sogenannten „gerechten Krieg“ ausgegangen sein. Wie sonst wäre – auch nach scholastischen Kriterien – die Gehorsamspredigt auch nur denkbar gewesen? Die abstruse Deutung des Rasse- und Vernichtungskrieges als „Strafe Gottes“ ist gewiss keine harmlosere Variante. In einigen Bischofsworten wurde – nur wenig verklausuliert – sogar der völkische Lebensraumdiskurs aufgegriffen.[4] In der Denkschrift des Episkopats vom 10.12.1941 hieß es dann: „Mit Genugtuung verfolgen wir den Kampf gegen die Macht des Bolschewismus, vor dem wir deutschen Bischöfe in zahlreichen Hirtenbriefen vom Jahr 1921 bis 1936 die Katholiken Deutschlands gewarnt und zur Wachsamkeit aufgefordert haben.“ Der Krieg gegen die Sowjetunion – mit am Ende 27 Millionen Toten – ist in einer Reihe von Hirtenworten unmissverständlich als „Heiliger Krieg“ qualifiziert, was ja noch viel mehr ist als nur ein „gerechter Krieg“.

Nicht die Kirche, sondern vor allem die Kirchenleitung unterstützte den Krieg.

Bundespräsident Heinrich Lübke hat 1960 als Zeitzeuge mitgeteilt: „Wer nicht völlig verblendet oder gänzlich unerfahren war, konnte nicht ganz frei sein von dem drückenden Bewusstsein, dass dieser Krieg kein gerechter Krieg war.“ Zu einem solchen Urteil – ohne Verblendung – waren 1939-1945 viele „Laien“ und Leutepriester fähig, keineswegs nur die wenigen römisch-katholischen Pazifisten. Nicht die Kirche, sondern vor allem und zuerst die Kirchenleitung in Gestalt der Bischöfe unterstützte die Kriegsführung – eine historisch Schuld, die bis heute unzureichend benannt wird. Wenn ein Bauer wie Franz Jägerstätter und ein einfacher Ordenspriester wie Franz Reinisch heute zu den verehrten Märtyrern zählen, so sagt dies doch auch etwas aus über jene Kirchenleitungen, die dem Krieg als Prediger und Inhaber des „Lehramtes“ assistiert haben.

Die Erfahrung versagender Kirchenleitung

Die katholischen Märtyrer*innen der Jahre 1933 bis 1945 – „Laien“ wie Leutepriester – waren faktisch Repräsentant*innen einer Kirche von unten. Sie sahen sich in großer Zahl mit dem Vorwurf der „Wehrkraftzersetzung“ konfrontiert. Derweil führten nahezu ausnahmslos gerade die Inhaber des höchsten Kirchenamtes die Getauften in die Irre. An diesem historischen Tatbestand kann sich die Theologie nicht vorbeimogeln, auch wenn sie sich für immun hält gegenüber der Geschichte. Die deutschen Bischöfe haben in einer Frage, die das Leben vieler Millionen Menschen betraf, in zwei Weltkriegen genauso versagt wie die protestantischen Nationalkirchenkomplexe. Es steht somit niemandem zu, für die römisch-katholische Kirche das Amt einer institutionalisierten Apostelnachfolge zu reklamieren, welches uns die Treue zur Wegweisung Jesu förmlich garantiert. Nicht einmal eine amtliche Seligsprechung – wie im Fall des Clemens August von Galen – kann das Versagen von Bischöfen oder Päpsten weißwaschen.

Was für die Gegenwart zu lernen wäre

So bleiben also die Widersprüche – und die Zusage: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Die Kirche in Deutschland kann zu einer überzeugenden Botschafterin des Friedens werden, wenn sie heute dem weltkirchlichen Paradigma folgt.[5] Die Prüfsteine des gegenwärtigen Bischofs von Rom sind bekannt: Eine aggressive Ökonomie und die Heilsversprechen der Kriegsreligion gehen Hand in Hand. Nationale Militärdoktrinen zur Sicherung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen lassen sich aber mit einer christlichen Friedensethik nicht vereinbaren. Gleiches gilt für eine weitere Aufrüstung der Kriegsapparatur. Denn diese entzieht der Weltgesellschaft noch mehr Ressourcen, die wir so dringend zur Lösung der drängenden Zivilisationsfragen bräuchten. Wenn auch nach Auskunft des Papstes schon der bloße Besitz von Atomwaffen eine Sünde vor Gott und den Menschen ist, werden sich die Katholik*innen in Deutschland jeder Form der „nuklearen Teilhabe“ verweigern. Auf allen Ebenen ist jene Transformation hin zur Kraft der Gewaltfreiheit einzuklagen, ohne die es keine Zukunft für die eine menschliche Familie geben wird.

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Autor: Peter Bürger ist Theologe und Pazifist aus Düsseldorf

Foto: Humphrey Muleba / unsplash.com

Literaturhinweise

Heinrich Missalla: Erinnern um der Zukunft willen. Wie die katholischen Bischöfe Hitlers Krieg unterstützt haben. Oberursel: Publik-Forum 2015.

Es droht eine schwarze Wolke. Katholische Kirche und Zweiter Weltkrieg. Herausgegeben von P. Bürger. Im Auftrag von: pax christi – Internationale Katholische Friedensbewegung / Deutsche Sektion e.V. Bremen: Donat 2017. http://www.friedensbilder.de/schwarzewolke.pdf

Rainer Schmid / Thomas Nauerth / Matthias-W. Engelke / Peter Bürger (Hg.): Im Sold der Schlächter – Texte zur Militärseelsorge im Hitlerkrieg. (edition pace 6). Norderstedt 2019. https://www.bod.de/buchshop/im-sold-der-schlaechter-9783748101727

Peter Bürger: Die „Deutschkatholiken“ und der Überfall auf Polen. In: telepolis, 01.09.2019. https://www.heise.de/tp/features/Die-Deutschkatholiken-und-der-Ueberfall-auf-Polen-4511286.html

Vom Autor auf feinschwarz.net bisher erschienen:

https://www.feinschwarz.net/katholische-freiheit-nonkonformismus-der-adenauer-aera/

 

 

[1] Nachzuhören in der WDR5-Sendung „Jenseits von Eden“, 01.09.2019.

[2] https://www.kirche-und-leben.de/artikel/kuropka-bischoefe-haben-hitlers-krieg-nicht-begruesst/

[3] „Erfüllt eure Pflicht gegen Führer, Volk und Vaterland!“ Römisch-katholische Kriegsvoten aus den deutschen Bistümern und der Militärkirche. Arbeitshilfe zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen. Bearb. P. Bürger. Düsseldorf, 28.08.2019. Internetressource: Lebenshaus Schwäbische Alb https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Arbeitshilfe_Bisch%C3%B6fe_und_Hitlerkrieg.pdf

[4] Der ostpreußische Bischof Maximilian Kaller will z.B. in freudigem Bekenntnis zur „deutschen Volksgemeinschaft“ und „mit der Teilnahme unseres ganzen Herzens den großen Kampf unseres Volkes um Sicherung seines Lebens und seiner Geltung in der Welt“ durchleben (1.2.1941).

[5] Vgl. auch die Friedensprüfsteine der Solidarischen Kirche im Rheinland vom November 2019. https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/012577.html

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