Verdrängung durch Erinnerung – ein Leserbrief

veritatis Gaudium

In seinem Leserbrief kommentiert Dr. Klaus Beckmann den Beitrag Verdrängung durch Erinnerung. Sekundärer Antisemitismus in erinnerungspolitischen Debatten von Tom David Uhlig.

Sehr geehrte Damen und Herren,  

für den im Grundsatz trefflichen und vor allem nötigen Beitrag aus Anlass des 20.-Juli-Gedenkens danke ich. Erinnern möchte ich jedoch daran, dass die an der Verschwörung gegen Hitler beteiligten Offiziere zwar durchaus eine Zeitlang von interessierter Seite benutzt wurden, um die Legende der „sauberen Wehrmacht“ zu unterstützen, dass dies jedoch gegenwärtig kaum eine den Ton bestimmende Lesart ist. Insbesondere sollte beachtet werden, wie differenziert auch die Bundeswehr in ihren Regularien zur Traditionspflege vorgeht und dezidiert die Gewissenstreue und den Mut der Einzelnen würdigt, während die Wehrmacht als solche klar als nicht traditionswürdig gilt. Wer sich aktuell in den deutschen Leitmedien die Beiträge zum 20. Juli ansieht, kann m. E. auch nicht den Eindruck bekommen, es werde die Ambivalenz der damals Handelnden verschwiegen.

Was ich dem Beitrag von Tom David Uhlig unbedingt hinzufügen möchte, ist die Anfrage an die gesellschaftlich und kirchlich gezogenen praktischen Konsequenzen aus dem kollektiven Versagen angesichts der Shoah. Ich bin überzeugt, alles „Gedenken“, „Bearbeiten“, „Bewältigen“ ist nur dann mehr als höchst egoistische Psychohygiene, wenn dabei für den realen Schutz jüdischen Lebens heute und in Zukunft ein Mehrwert entsteht. Die Selbstanklage, „damals“ gesäumt zu haben, entzieht sich allein damit dem Vorwurf des moralischen Kokettierens, wenn für den Schutz realer jüdischer Menschen in unserer realen Nachbarschaft das Erforderliche getan wird. Nicht zuletzt schließt diese Fragestellung die Haltung zum Nahen Osten ein.

Selbstverständlich kann, soll und muss der Staat Israel kritisiert werden; seine Politik ist Menschenwerk und somit kritikabel. Anders aber verhält es sich mit der permanenten Delegitimierung des einen Staates, in dem jüdische Menschen „im Fall des Falles“ vor mörderischer Verfolgung Hilfe finden sollen, durch eine einseitige, um Sachzusammenhänge unbekümmmerte Hyperkritik. Diese findet sich leider nicht selten auch in kirchlichen Gruppen und deren politischen Voten. Besonders fragwürdig scheint zuweilen die Instrumentalisierung der komplizierten und schwierigen Lage der ChristInnen in Israel und Palästina im Interesse einer keiner Konfliktlösung zuträglichen, lediglich den Judenstaat anprangernden Propaganda. So üben deutsche und „westliche“ Christen in keiner Richtung wirklich Solidarität. Das einzige Resultat ist eine hybride moralische Selbstentlastung im Gegenüber zur Judenheit, deren garantierter Schutzraum mit möglichst NS-affinen Kampfbegriffen („Völkermord“, „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“, „Holocaust“ gar) belegt wird. Der Staat Israel ist der Super-GAU für Antisemiten, weil dank seiner Juden nicht mehr wehrlos sind wie noch vor 75 Jahren. Die Existenz des Staates Israel verändert auch das Alltagsleben solcher Juden in der Diaspora, deren Lebensplanung die Aliah eigentlich nicht einschließt. Wenn es eine praktische „Lehre“ aus der „damals“ aufgehäuften Versagensschuld gibt, dann diese: Es Juden und Jüdinnen heute und in Zukunft zu ermöglichen, diesen Schutzraum zu bewahren.  

Mit freundlichen Grüßen  

Dr. Klaus Beckmann Militärdekan Berlin

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