Vergessen oder verfemt? Der Theologe und Widerständler Friedrich Erxleben

Hildegund Keul hat tief im Archiv der Erinnerung gegraben und dabei eine ebenso vergessene wie faszinierende Gestalt entdeckt: Friedrich Erxleben (1883–1955).

Der Name Erxleben war mir längst vertraut, denn die Ärztin und Frauenrechtlerin Dorothea Christiane Erxleben, die 1754 als erste Frau in Deutschland im Fach Medizin promovierte, ist eine Berühmtheit. Aber von einem Prof. Dr. Friedrich Erxleben (1883–1955) hatte ich noch nie gehört, als ich im Sommer 2020 auf seinen Namen stieß. Die Entdeckung irritierte, ja sie verstörte mich. Denn der Theologe, Religionswissenschaftler und Widerständler gegen die NS-Gewaltherrschaft lebte als Kind nur fünf Häuser neben meinem eigenen Elternhaus, wenn auch einige Jahrzehnte vor meiner Geburt. Warum hörte ich niemals etwas von ihm, weder in meiner Heimatgemeinde noch in der Theologie, weder in meiner Familie noch im Bistum Trier? Dabei ist Friedrich Erxleben ähnlich spannend wie seine Ur-Ur-Ur-ahnin Dorothea Christiane.

Geboren wurde Friedrich am 29. Januar 1883 in Arenberg, einem Dorf und Kurort auf der Rheinhöhe bei Koblenz, das damals durch eine Landschafts-Bilderbibel von sich reden machte. 1970 wurde das Dorf in Koblenz eingemeindet, so dass es heute manchmal fälschlich heißt, Erxleben sei in Koblenz geboren. Seine Großfamilie war in Deutschland und Österreich weit verzweigt. Die Arenberger Familie war erst kurz vor Friedrichs Geburt von Wien ins Rheinland gezogen. Friedrich studierte Theologie und Philosophie in Trier, Wien, Heidelberg, Innsbruck und zuletzt in Rom, wo er in beiden Fächern promovierte. 1908 erhielt er in Trier die Priesterweihe und arbeitete als Kaplan in Ehrang bei Trier, wo er im Generalvikariat als Modernist denunziert wurde. Daraufhin ließ ihn das Bistum, das ihm trotz Examinierung nichts nachweisen konnte, ins Leere laufen und gab ihm keine Pfarrstelle. Stattdessen wurde er in Linz am Rhein (Erzbistum Köln) in einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung eingesetzt.

Beziehungen in alle Welt – Päpste und Primadonnen, Tenöre und Zauberer

Während des 1. Weltkriegs war Erxleben als Militärgeistlicher tätig und wurde zweimal verwundet. Danach baute er sich in Berlin ein neues Leben auf, das stets prekär blieb. Dennoch begann für ihn eine hochspannende Zeit, denn von Berlin aus knüpfte er Beziehungen in alle Welt. Zeitweise war er Dozent für vergleichende Religionswissenschaft an den Universitäten Prag, Krakau und Wien; sowie im Jesuitenkolleg in Rom Professor für alte Sprachen und asiatische Kulturen. Latein und Altgriechisch sprach er selbstverständlich fließend. Auch unter widrigen Umständen führte er seine wissenschaftlichen Studien fort und entwickelte sich zu einem allseits anerkannten Experten für asiatische Religionen und Kulturen.

Vor Ort in Berlin pflegte er Bekannt- und Freundschaften in Wissenschaft, Kultur und Politik. Denn er war nicht nur Theologe, sondern auch ein herausragender Tenor und Violinist. Musische und wissenschaftliche Begabungen trafen bei ihm zusammen.  Unter Pseudonym gab er Konzerte in Deutschland und Österreich. Er knüpfte Freundschaft mit Albert Einstein und dem Oberst und Widerständler Wilhelm Staehle. Seine Freundschaft mit Theodor Heuss und Carl Zuckmayer hielt sein Leben lang. Zuckmayer, dessen Vorfahren jüdischen Glaubens waren, schrieb Erxleben in „Als wär’s ein Stück von mir“ ein Denkmal, in dem aus jeder Zeile seine Bewunderung und Zuneigung spricht.

Treibende Kraft im Solf-Kreis

Ab 1933 bewarb Erxleben sich mehrfach vergeblich auf eine Pfarrstelle im Bistum Trier. Offensichtlich hatte er dort einflussreiche Feinde. Dennoch blieb er als Seelsorger aktiv, so im Staatskrankenhaus der Schutzpolizei. In der Folge erlebte er hautnah die Grausamkeit des Nationalsozialismus, als er den schwer, häufig tödlich verwundeten Opfern der SA beistand. Aus diesem Erfahrungshintergrund heraus agierte er auch im Berliner Solf-Kreis, wo sich Gegner:innen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zusammentaten. Die Mitglieder des Gesprächskreises hatten Kontakte zu niederländischen Widerstandsgruppen, setzten sich für Verfolgte des Nazi-Regimes ein und verhalfen etlichen Menschen zur Flucht. Erxlebens Kritik am NS-Regime richtete sich gegen dessen Umgang mit jüdischen Menschen sowie gegen die verweigerte Religionsfreiheit, auch gegenüber der katholischen Kirche. Er soll wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich einige Juden in der Invalidensiedlung verstecken konnten. Der Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh bezeichnete Erxleben in seinem Bericht als „treibende Kraft bei den defätistischen Unterhaltungen im Hause Solf“. Aufgrund dieses Berichts wurden die Mitglieder verhaftet und gefoltert. Das Nazi-Regime griff zu.

Folterung und Todesdrohung widerstehen

Auch Erxleben wurde im Mai 1944 verhaftet und zunächst ins KZ Ravensbrück, danach Sachsenhausen eingeliefert. Er wurde brutal gefoltert, indem er, in einem Käfig eingezwängt, weder sitzen noch stehen noch liegen konnte. Die erzwungene gebückte Haltung ruinierte seine gesamte Körperstruktur. Die Zwangsmaßnahmen waren besonders hart, weil er allmorgendlich mit seiner kräftigen Stimme das Gloria sang und mit diesem Widerstandsakt vielen Häftlingen ein Zeichen der Hoffnung schenkte.

Von Sachsenhausen kam er ins Gestapo-Gefängnis an der Lehrter Straße in Berlin, wo er über nagenden Hunger klagte. Ein Prozess am Volksgerichtshof wurde mehrfach verschoben und fand schließlich nicht mehr statt, weil eine Bombe seine Gerichtsunterlagen zerstörte. Wenige Tage vor einem neuen Verhandlungstermin wurde er von sowjetischen Soldaten befreit. Äußerst knapp entkam er dem Tod durch Hinrichtung.

Seelsorge – ein Akt christlichen Widerstands

In der Haftzeit glaubte der Widerständler beharrlich daran, dass er die Folterungen durchstehen und als Mensch nicht gebrochen werden wird. Und das, obwohl er fünf Monate lang täglich seine Hinrichtung befürchten musste. Er sang weiter das Gloria und unterstützte im Foltergefängnis andere Menschen seelsorglich, wo immer er die Möglichkeit dazu hatte. Offensichtlich erlangte er gerade dadurch seine Kraft. Geistliches Leben und Seelsorge waren in seinem Fall ein Akt christlichen Widerstands, der seinen Lebenswillen wachhielt.

Resilienz – sich aufrechthalten am Gloria

Tatsächlich war Erxleben nach seiner Befreiung kein gebrochener Mann. Körperlich extrem beschädigt, musste er viermal in der Berliner Charité operiert werden. Diverse Verkrümmungen schränkten seine Bewegungsfähigkeit ein und bereiteten lebenslang Schmerzen. Aber das konnte seine Lebensfreude nicht brechen. Er zeigte das, was heute Resilienz genannt wird, in hohem Maß. Im Widerstand zu seinen Verkrümmungen hielt er sich am Gloria aufrecht. Dies ist auch heute noch interessant. Denn allzu oft geben Menschen die Vulneranz, die sie selbst schmerzlich erfahren, an Andere weiter, um die Ohnmacht in eine Erfahrung von Macht zu transformieren. Aus erlittener Vulneranz entsteht häufig praktizierte Vulneranz.

Bei Erxleben ist nichts davon zu spüren. Selbst in körperlicher Verkrümmung blieb er menschlich aufrecht. Seine Briefe aus der Nachkriegszeit – soweit bekannt – zeigen keine Verbitterung, keine Rachsucht, nicht einmal Groll gegenüber dem Bistum. Und auch keine Resignation. Mittlerweile über sechzig Jahre alt, wollte er weiterhin das Beste aus seinem Leben machen. Nach 38 Jahren, nachdem er als Verfolgter des Naziregimes anerkannt worden war, wurde Erxleben 1946 Pfarrer in dem kleinen Winzerort Müden an der Mosel, 35 km von Koblenz entfernt.

Das Moseldorf Müden – ein Glücksfall

Diese Pfarrstelle erwies sich als Glücksfall, denn Erxleben kam mit den Menschen bestens aus. Zugleich schrieb er noch 1948 an Zuckmayer, dass er kein Geld habe für einen Sommerurlaub. Gern empfing er Theodor Heuss, mittlerweile Bundespräsident, und er genoss den Moselwein, den er gelegentlich einen Gottesbeweis nannte. Viel später noch, im Jahr 2019, zollte die Gemeinde ihrem Pfarrer Anerkennung und benannte ihre Kirchstraße um in „Prof. Friedrich Erxleben Straße“.

Erxleben konnte sein Pfarramt noch fünf Jahre ausüben und ging 1951 nach Linz in den Ruhestand. 1954 bat ihn ein Verlag, seine Autobiographie zu schreiben. Aber er litt manchmal tagelang an Lähmungserscheinungen in den Armen. Wie sollte er da schreiben? Hätte das Bistum Trier ihm als Zeichen der Wiedergutmachung einen Sekretär zur Verfügung gestellt, so könnten wir heute in seinen Erinnerungen aus dem Vollen schöpfen. Denn das Buchprojekt sollte die Aufmerksamkeit richten auf: „Begegnungen mit Päpsten (Leo XIII – Pius XII), Tenören – Medizinmännern – Primadonnen – Philosophen – Zauberern (O. Brahm, M. Reinhard, H. Hilpert u. s. w.), Geigenbauern, Juden, Jesuiten, Winzern, Trinkern, Dichtern“. Aber „Begegnungen“ gehört zu den Büchern, die wir nie werden lesen können. Nach Zuckmayers Besuch zu Silvester 1954 starb Erxleben am 9. Februar 1955 an einem Herzschlag und wurde auf eigenen Wunsch in Müden beerdigt.

Forschungsbedarf

Das Leben Erxlebens zeigt: Den vulneranten Machtzugriff des Klerikalismus bekommen auch Kleriker zu spüren, die dogmatisch aus der Reihe tanzen. Der „Förderverein für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz“, der das Andenken Erxlebens hochhält, steht damit allein auf weiter Flur. Warum ist Erxleben trotz seines außerordentlichen Wirkens in Theologie und Kirche so wenig bekannt? Wurde er einfach vergessen? Bei meinen Recherchen bin ich auf einige Zeichen dafür gestoßen, dass theologische Differenzen ihn zu einem Verfemten machten. Der kirchenpolitische Hintergrund seiner Ablehnung in Trier ist bislang nicht erforscht. Und wie hängen seine Theologie und Frömmigkeit mit seiner erstaunlichen Widerstandskraft zusammen? Erxleben stellt vor viele spannende Fragen. Ob eine Erforschung gelingen kann? Wer könnte sie in Angriff nehmen? Bis zu Erxlebens 75. Todestag im Februar 2030 sind es immerhin noch acht Jahre.


Prof. Dr. Hildegund Keul, Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft, Universität Würzburg, leitet das DFG.Projekt „Verwundbarkeiten. Eine Heterologie der Inkarnation im Vulnerabilitätsdiskurs“.

Verwendete Quellen:

Bertgen, Rudolf: Prof. Dr. Friedrich Erxleben. Gedenken zu seinem 60. Todesjahr. Eigendruck 2015

Hennig, Joachim: Widerständiges Verhalten aus christlichem Glauben – Friedrich Erxleben (1883–1955) zum 50. Todestag. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 2004, 509–541

Mahnmal Koblenz – Förderverein für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.: „Mut, Leidensbereitschaft, Heiterkeit – das war sein Vermächtnis“: der Koblenzer Armeeoberpfarrer und Widerständler Prof. Dr. Friedrich Erxleben (1883–1955). DVD-Video (61:45 min)

Zuckmayer, Carl: Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1966

www.arenberg-info.de/htm/Erxleben.htm

www.mahnmal-koblenz.de/index.php/2013-12-12-02-07-02/die-personentafeln/179-037-friedrich-erxleben-pfarrer-und-mitglied-des-solf-kreises-aus-koblenz-pfarrer-in-mueden-mosel

Bildquelle: Förderverein Mahnmal Koblenz

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