Vertrauen statt zuhören: Ein Zwischenruf nach der Jugendsynode

Viel wichtiger, als jemandem zuzuhören, ist jemanden etwas zuzutrauen. Christian Kelter mit einem Zwischenruf zur Jugendynode: Geben wir jungen Menschen schleunigst das Recht und die Mittel, ihren Glauben so zu leben, wie sie es von Christus her verstanden haben.

Sie hätten gut zugehört, haben die Bischöfe im Nachklang der Jugendsynode betont. Ich möchte es ihnen gerne glauben. Schliesslich ist (Zu-)Hören eine dem Evangelium entsprechende und damit tugendhafte Handlung. Doch ehrlich gesagt bezweifle ich, dass sie richtig zugehört haben. Und dass sie etwas verstanden haben, daran zweifle ich leider noch viel mehr.

Sie haben Ohren und hören nicht

Denn seien wir ehrlich: Wer jemals mit jungen Menschen auch nur ein Wochenende verbracht hat (und ich meine nicht den kuscheligen Mikrokosmos eines Ministrantenlagers!), die- oder derjenige muss spätestens als Mittvierziger zugeben, dass er nur noch ganz wenig von der Lebenswelt derer versteht, die eigentlich seine Kinder sein könnten. Das schmerzt. Ich weiss es aus eigener Erfahrung. Aber es ist eine Realität, der man ins Auge schauen sollte. Man ist meist älter, als man sich fühlt. Das gilt auch in der Kirche.

Erschwerend kommt aber etwas Zweites hinzu: Wenn der deutsche Jugendbischof sich und seine Mitbrüder jovial als „Synodenväter“ tituliert, schrillen bei mir die Alarmglocken. Ich fürchte, hier wird genau die Fehl-Haltung offenbar, die der Kirche hierzulande so grosse Schmerzen zufügt. Was wird da impliziert? Väter sind mündig, Kinder nicht. Väter verfügen über Weitblick, Kinder leben im Hier und Jetzt ihrer Bedürfnisse. Väter entscheiden für ihre Kinder (übrigens gemeinsam mit Müttern!), weil sie als Erziehungsberechtige haften. So weit so gut.

„Synodenväter“ – Was bei realen Familien recht und gesund ist, gerät bei kirchlichen „Vätern“ ins schiefe Licht.

Was bei realen Familien recht und gesund ist, gerät bei kirchlichen „Vätern“ aber ins schiefe Licht. Die Bilder von Vätern (und Hirten) haben nämlich, bei aller biblischen Schönheit, auch einen gefährlichen Haken: Sie bezeichnen Abhängigkeiten und damit asymmetrische Beziehungen. Und die sind im kirchlichen Kontext ausgesprochen gefährlich. Über Stichwörter wie Klerikalismus und Missbrauch haben Kolleginnen und Kollegen in diesem Feuilleton schon Wichtiges geschrieben.

Bei dieser schrägen Ausgangslage ist es also ziemlich fraglich, ob man als Bischof etwas verstehen konnte von dem, was die Jugendlichen eigentlich zum Ausdruck brachten. Da scheint mir die Gefahr gross, dass es bei den wohlklingenden Statements vom guten Zuhören bleibt. Das wäre enttäuschend und ärgerlich.

Viel wichtiger, als jemandem zuzuhören, ist jemanden etwas zuzutrauen.

Doch, liebe Bischöfe, jetzt kommt die gute Nachricht: Es geht gar nicht so sehr ums Hören. Es geht darum, es jetzt einfach mal zu machen! Noch viel wichtiger, als jemandem zuzuhören, ist jemanden etwas zuzutrauen.

Lieber zutrauen als zuhören

Dass nämlich überhaupt junge Menschen bereit sind, sich auf so eine scheinbar aussichtslose Übung wie eine Bischofssynode einzulassen, lässt doch erahnen, dass da irgendwie der Geist Gottes am Werk sein muss.

Und in der Tat. Wir taufen und firmen Menschen. Wir müssen also berechtigterweise davon ausgehen, dass der Heilige Geist in ihnen auch wirkt. Albert Rouet hat längst schon wunderbar darauf verwiesen. Hören wir auf, Getaufte und Gefirmte als unmündige Kinder zu behandeln! Gottes Geist ist mitten in der Welt. Wir müssen Gott nicht in die Welt bringen. Er war schon vor uns da! Das sollte uns gefallen und als Hauptamtliche in der Kirche ungeheuer entlasten.

Der Heilige Geist wirkt – nicht nur bei Klerikern und engagierten Laien im Pfarrgemeinderat.

Liebe Bischöfe, das ist jetzt eine Frage des Glaubens. Wir dürfen das glauben! Der Heilige Geist wirkt – nicht nur bei Klerikern und engagierten Laien im Pfarrgemeinderat. Er wirkt sogar in und durch solche Menschen, denen das (noch) gar nicht bewusst ist. Denn auch das müsste uns wieder in den Sinn kommen, dass Gottes Geist höchst eigenwillig, autonom und sehr überraschend wirkt. Er weht, wo er will und bewirkt, was er will. Das haben Petrus, Paulus, Philippus etc. eindrucksvoll erfahren (s. Apg). Und dieser Heilige Geist hält sich höchstwahrscheinlich auch im Jahr 2018 noch immer nicht an episkopale Vorgaben.

Weniger führen als leiten

Liebe Bischöfe, es braucht in unserer Kirche mehr denn je gute Leitung. Das ist eure Sendung. Und ihr könnt das! Wir brauchen keine Kirchenführer, wir brauchen Bischöfe. Wir brauchen Leitende auf allen Ebenen, die diesen Glauben an den Heiligen Geist mit grosser Gewissheit ausstrahlen. Wir brauchen Männer und Frauen, die andere ermutigen, ihre Berufung und Sendung in der Welt zu entdecken und zu leben.

Wir brauchen keine Kirche, die mit sich selbst beschäftigt ist, sondern eine, die ihre Spielräume nutzt, um Menschen Gelegenheiten zu eröffnen, in denen sie Gott finden können.

Wir brauchen auch weiterhin die Kirche als Institution. Nicht eine Kirche, die mit sich selbst beschäftigt ist, sondern eine, die ihre unglaublich grossen Spielräume nutzt, um Menschen Gelegenheiten zu eröffnen, in denen sie Gott finden können. Welche Institution hat bessere Netzwerke und eine effizientere Logistik als wir? Das können wir noch viel besser nutzen, um Brücken zu bauen und Menschen Geschmack am Leben mit Gott finden zu lassen. Ja, und wir brauchen auch künftig Hauptamtliche in der Kirche. Menschen, die Zeit, Mittel und Rüstzeug haben, um gute Begleiterinnen und Begleiter in geistlichen Wachstumsprozessen zu sein.

Leiten heisst nicht einfach: vorschreiben, bestimmen und entscheiden. Dass nennt man herrschen. „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ (Mk 10.43) Leiten heisst im Sinne Jesu und der jungen Kirche: ermutigen, motivieren, fördern, mittragen, staunen und betend begleiten. Leitung ist der Dienst am Menschen.

Wer aber, wenn nicht wir Christen, sollte allen Grund zu Vertrauen haben?

Und auch das noch zur Güte. Wenn wir schon das Bild des Vaters (und bitte dann auch der Mutter) bemühen wollen, dann doch so: Es ist die grösste Sehnsucht und Freude für Eltern, wenn aus Kindern mündige und lebenstüchtige Menschen werden. Das geht nicht aus einer Haltung der Angst und des Zögerns. Da darf und muss man auch einfach mal Vertrauen haben. Wer aber, wenn nicht wir Christen, sollte allen Grund zu Vertrauen haben?

Jetzt geht’s ums Handeln

Liebe Bischöfe, nach dem Hören muss das Handeln kommen. Das ist noch viel wichtiger! Wenn ihr grundsätzlich bereit seid, Gottes Geist zu trauen, der mit uns neue Wege gehen will, dann ist es unabdingbar, dass wir euch das anmerken.

Geben wir jungen Menschen schleunigst das Recht und die Mittel, ihren Glauben so zu leben, wie sie es von Christus her verstanden haben.

Geben wir jungen Menschen also jetzt schleunigst das Recht und die Mittel, ihren Glauben so zu leben, wie sie es von Christus her verstanden haben. Sie werden es vielleicht ganz anders machen als wir. So what!? Wir müssen nicht alles verstehen und nachvollziehen können, was sie denken, sagen und tun. Schenken wir ihnen einfach unser Vertrauen und lassen wir sie ihre eigenen Erfahrungen (und notfalls auch Fehler) machen. Ich bin sicher: In den Gefässen und Räumen, die sie designen, wird Kirche sein – anders, aber spürbar und lebendig. Und auch für uns Alte wunder-voll.

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Christian Kelter ist Diakon und Gemeindeleiter aus Hünenberg in der Schweiz

Bild: Nina Strehl / Unsplash.com


Bei feinschwarz.net bereits als Kommentar zur Jugendsynode erschienen: 

Hören – Unterscheiden – Wählen. Beobachtungen zum Abschlussdokument der Bischofssynode 2018

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