Kleine Christliche Jugendgemeinschaften: Best-Practice aus Kenia

Seit bald 50 Jahren setzen ostafrikanische Diözesen auf „Small Christian Communities“. Miriam Leidinger hat eine Kleine Christliche Jugendgemeinschaft in Nairobi (Kenia) besucht. Sie blickt auf Errungenschaften und Herausforderungen dieses kontextuellen Pastoralansatzes.

Die Sonne brennt senkrecht von oben. In kleinen Gruppen sitzen Jugendliche im Schatten der Bäume oder sind in Stuhlkreisen in einfachen Räumen versammelt. Aus den verschiedenen Ecken des weitläufigen Geländes der Kirchengemeinde Dandora in Nairobi (Kenia) hört man Gespräche, Gebete und Gesänge. Unter die Gruppen haben sich 25 Gäste aus 12 verschiedenen afrikanischen Ländern und aus Deutschland gemischt, Teilnehmende des von missio Aachen koordinierten fünften Treffens des Netzwerkes Kleine Christliche Gemeinschaften Afrika. Sie sind zu Besuch bei den Kleinen Christlichen Jugendgemeinschaften von Dandora, „Young People Small Christian Communities“ (YPSCCs) genannt.1

Kleine Christlichen Gemeinschaften prägen die pastorale Wirklichkeit in Kenia.

Das Modell Kleiner Christlicher Gemeinschaften ist mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Im ostafrikanischen Kontext werden sie auf Englisch „Small Christian Communities“ (SCCs) oder auf Suaheli „jumuiyas“ genannt. Sie prägen die pastorale Wirklichkeit in Kenia seit den 1970er Jahren.

Damals diskutierten die Bischöfe der ostafrikanischen Länder, wie im Sinne der Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils eine afrikanische Ortskirche umgesetzt werden könne. Die Vereinigung der ostafrikanischen Bischofskonferenzen (AMECEA) entschied schließlich, dass der Bildung Kleiner Christlicher Gemeinschaften die höchste pastorale Priorität in den kommenden Jahren zukommen sollte.2

SCCs sind typischerweise Zusammenschlüsse von Gläubigen auf Gemeindeebene, zumeist von mehreren Familien in der Nachbarschaft. Es gibt aber auch SCCs in Schulen, Universitäten und Priesterseminaren. Die Mitglieder einer SCC treffen sich einmal pro Woche, um das Evangelium des kommenden Sonntags zu lesen, es zu ihren Alltagserfahrungen in Beziehung zu setzen und daraus praktische Konsequenzen für ihr Handeln zu ziehen.3 Mit ihrem Engagement prägen sie auf vielfältige Weise das Leben der Gemeinde oder ihres Umfeldes, z.B. durch die Gestaltung der Sonntagsmesse, Krankenbesuche in der Nachbarschaft, die Organisation von Gemeindefesten u.v.m.

Kirche ist Communio, eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, bildlich gesprochen: „Familie Gottes“.

Heute sind die SCCs in allen kenianischen Pfarrgemeinden etabliert und bilden das Fundament der Ortskirche: Keine Taufe, keine Trauung und keine Priesterweihe in einer Gemeinde, die nicht zuerst bei der eigenen SCC beantragt werden muss.

Gleichzeitig sind SCCs nicht nur eine weitere Organisationsebene innerhalb der Gemeinde. Dahinter steckt vielmehr die folgende ekklesiologische Vision: Kirche ist Communio, eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, und bildlich gesprochen „Familie Gottes“. Ihre theologischen Grundpfeiler sind die Taufwürde aller Gläubigen und ihre Teilhabe am prophetischen, priesterlichen und königlichen Amt Christi.

SCCs in Kenia: ein Erfolgsmodell vor neuen Herausforderungen.

SCCs in Kenia sind ein pastorales Erfolgsmodell, auch wenn nicht alle Diözesen die Umsetzung mit dem gleichen Eifer betreiben. Gleichzeitig steht der Pastoralansatz in der Gegenwart vor zahlreichen Herausforderungen, von denen hier nur drei genannt seien:4

  1. Einige SCCs sind zu groß und umfassen teils zwischen 80 bis 100 Personen. Persönlicher Austausch aller Teilnehmenden wird unmöglich.
  2. Viele Erfahrungsberichte zeigen, dass die erfolgreiche Umsetzung des Pastoralmodells maßgeblich an die Person des Gemeindepriesters geknüpft ist. Ohne die persönliche Wertschätzung und institutionelle Unterstützung, verkümmert das Engagement an der „Graswurzelebene“.
  3. Unter den aktiven Mitgliedern der SCCs finden sich häufig nur Erwachsene, überwiegend Frauen, oder ganz kleine Kinder. Junge Menschen sucht man oft vergeblich.

Junge Menschen sucht man oft vergeblich.

Im Gespräch nennen die jungen Menschen in Dandora für ihr Fernbleiben in den „Erwachsenen-SCCs“ mehrere Gründe:

  • das Verhalten der Älteren;
  • die Scheu, sich vor den Eltern zu öffnen, zumal im afrikanischen Kontext das Kritisieren der Eltern bzw. älterer Personen kulturell nicht üblich und erwünscht ist;
  • die Art der Aktivitäten der Erwachsenen, die als langweilig empfunden werden;
  • der Wunsch nach Austausch mit Gleichaltrigen, mit denen man gleiche Interessen und eine (digitale) Sprache teilt;
  • die zunehmende Distanz zur Institution Kirche.

YPSCCs (Kleine Christliche Gemeinschaften für Jugendliche) – ein Best-Practice-Beispiel.

Angesichts dieser Entwicklungen entschied man sich in Dandora bereits im Jahr 1995 dafür, eine SCC nur für Jugendliche zu gründen. Aufgrund des großen Zulaufs wurde die Gruppe später geteilt. Heute gibt es sechs Jugendgemeinschaften (YPSCCs) mit jeweils ca. 30 Mitgliedern im Alter zwischen 16 bis 25 Jahren. Kürzlich ist eine eigene Gruppe für junge Erwachsene (25 bis 35 Jahre) hinzugekommen. Die jungen Menschen treffen sich wöchentlich in ihren YPSCCs und einmal im Monat mit der „Mutter-SCC“, also mit den Erwachsenen. Dann werden die gemeinsamen Aktivitäten für die nächsten Monate besprochen und geplant.

Kleine Christliche Gemeinschaft junger Erwachsener von Dandora bei ihrem Treffen am 16.09.2018.

Der Zulauf der YPSCCs in Dandora zeigt, wie wichtig es ist, jungen Menschen einen eigenen Raum für ihre religiösen Erfahrungen zu ermöglichen; einen Ort, an dem sie auch frei über ihre Themen reden können, wie z.B. Arbeitslosigkeit, Sex, Freundschaft und Medien. Die YPSCCs fördern dabei den friedlichen Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen, auch über ökonomische und ethnische Grenzen hinweg. Sie sind im kenianischen Kontext ein Best-Practice-Beispiel dafür wie Jugendliche auf Gemeindeebene involviert werden und Verantwortung übernehmen.

Das Verständnis von Familie und Gemeinschaft ist im Wandel.

Der Erfolg der YPSCCs und die Tatsache, dass die Jugendlichen nicht automatisch in ihren SCCs und damit im Kreise ihrer Familien aktiv sind, zeigt aber auch, dass das Verständnis von Familie und Gemeinschaft, das dem Pastoralansatz der SCCs bei seinem Entstehen zugrunde gelegt wurde, im Wandel begriffen ist.

Verschiedene gesellschaftliche Veränderungsprozesse haben dazu beigetragen: Wie in allen afrikanischen Ländern wächst die Bevölkerung in Kenia und ist überwiegend jung. Gleichzeitig migrieren die jungen Menschen in die Großstädte wie Nairobi. Dort ähneln ihre modernen Lebensentwürfe denen westlicher junger Menschen, während sie gleichzeitig angesichts einer hohen Jugendarbeitslosigkeit und schlechten Ausbildungsmöglichkeiten um ihre Zukunft bangen.

Das Familienideal, das den SCCs einst zugrunde gelegt wurde, entspricht nicht mehr der Realität junger Menschen.

Auch wenn die Familien weiterhin einen hohen Stellenwert einnehmen, haben sich die traditionellen (Groß-)Familienverbünde stark verändert und aufgelöst, auch wenn ihnen und den damit einhergehenden Werten Gastfreundschaft und Solidarität immer noch ein hoher Stellenwert zugesprochen wird. Das Familienideal, das den SCCs einst zugrunde gelegt wurde und das sie widerspiegeln sollen, entspricht somit nicht mehr unbedingt der Lebenswirklichkeit der Gläubigen und insbesondere der Realität junger Menschen.

Die YPSCCs in Dandora sind somit einerseits ein wegweisendes Modell einer gelungenen kontextuellen Jugendpastoral. Mit ihnen geht jedoch andererseits der Auftrag einher, den Pastoralansatz Kleiner Christlicher Gemeinschaften weiterzuentwickeln und neue Formen des Gemeinschaft- und Familie-Seins im Glauben zu entdecken und zu fördern.

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Miriam Leidinger (Beitragsbild: 3. v. r., oben) ist Referentin für weltkirchliche Pastoral und missionarische Spiritualität des Interantionalen Katholischen Missionswerks missio Aachen e.V.

Bild: Pamela Adinda, AMECEA Online News


  1. Zu den YPSCCs in Dandora sowie den Jugendgemeinschaften der Kenyatta-Universität in Nairobi vgl. auch Alloys Nyakundi, Neue Wege schaffen. Kleine Christliche Jugendgemeinschaften in Kenia, in: Forum Weltkirche Nr. 4 (2018), 21-26.
  2. Zur Geschichte der AMECEA sowie zur Situation der SCCs in den zugehörigen Ländern der Bischofskonferenzen vgl. Joseph G. Healey, Building the Church as Family of God: Evaluation of Small Christian Communities in Eastern Africa, AMECEA Gaba Publication – CUEA Press 2018. (free E-Book: http://smallchristiancommunities.org/wp-content/uploads/2018/04/Build_new.pdf, Stand: 29.10.2018). Umfassend dargestellt wird der Pastoralansatz für den afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Kontext in: Klaus Krämer, Klaus Vellguth (Hrsg.), Kleine Christliche Gemeinschaften. Impulse für eine zukunftsfähige Kirche (Theologie der Einen Welt 2), Freiburg i.Br. u.a. 2012.
  3. Die Methode des Bibelteilens in sieben Schritten, die am südafrikanischen Pastoralinstitut „LUMKO“ entwickelt wurde, strukturiert die Treffen der SCCs. Bestandteile der Schritte sind das Gebet, das mehrmalige Lesen des Evangeliums, die Textmeditation und das In-Beziehung-Setzen des Wortes zum eigenen Leben sowie zum Leben der Gemeinschaft.
  4. Eine Auflistung aktueller Errungenschaften und Herausforderungen des Pastoralansatzes findet sich in der Abschlusserklärung der Teilnehmendes des vierten Treffens des Netzwerkes Kleine Christliche Gemeinschaften Afrika, das 2017 in Kinshasa, DR Kongo, stattfand: http://africansccsnetworking.org/index.php/2017/09/25/statement-after-the-fourth-workshop-of-the-network-of-small-christian-communities-sccs-in-africa-held-in-kinshasa-democratic-republic-of-congo-6th-to-11th-september-2017/(Stand: 29.10.2018)
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