Strukturelle Facetten des Klerikalismus

Klerikalismus gilt als ein zentraler Grund für den Missbrauch durch Priester in der Kirche. Bernd Kopp war lange Zeit Supervisor von Seelsorgenden, darunter auch Priestern. Er legt den Finger in die Wunde struktureller Aspekte des Klerikalismus.

Priester sind eine Einladung für nahe Beziehungen: als Männer Gottes und als Hüter von Beichtgeheimnissen. Sie geniessen höchste moralische Integrität und Vertrauenswürdigkeit. Beim Gegenüber kann dies zu fruchtbarer Offenheit oder auch in Abhängigkeit führen.

Ausserordentlichkeit normal leben

Die Berufung zum Priester wird meist als exklusive, unmittelbare Erwählung erlebt. Gott mischt sich in mein Leben ein, mit öffentlichen, gravierenden Folgen: Gehorsam, Ehelosigkeit, ein singulärer gesellschaftlicher Status.

Klerikalismus beginnt, wenn die eigene Erwählung als »Ritterschlag Gottes« missverstanden wird.

Wenn die eigene Erwählung aber als »Ritterschlag Gottes« – in Absetzung zu den übrigen Getauften – missverstanden wird, beginnt klerikale Überheblichkeit. Dann handeln Priester nämlich nicht nur bei der Sakramentenspendung »in persona christi«, sondern scheinbar immer.

Demgegenüber muss der einzelne Priester sein Gott geweihtes Leben – nicht nur seinen Beruf – in eine Alltagsnormalität herunter leben, also auf Augenhöhe mit seinen Mitchristinnen und Mitchristen verstehen. Er muss sich im selben Boot der Sündhaftigkeit wiederfinden.

Diese enorme Herausforderung gelingt am ehesten in Gemeinschaften und mit einer Spiritualität, die zu kritischen Rückmeldungen durch Menschen ihres Umfeldes ermutigt. So bleibt der Priester mit täglicher Lebendigkeit und eigenem Versagen in Kontakt.

Instrumentelle und zeichenhafte Macht

Zeichenhaft-Geistliches darf nicht mit Sozialem, mit Führung und Verfügungsgewalt über weltliche Güter gleichgesetzt werden. Die Weihe verleiht keine funktionale Macht, sondern eine zeichenhafte Mächtigkeit. Diese weist auf den ohnmächtigen Gott im Gekreuzigten hin und meint Machtausübung mit leeren Händen.

Klerikale Priester verlieben sich ins Herrschen und in die eigene Auserwählung.

Klerikale Priester hingegen verlieben sich ins Herrschen über andere und in die eigene Auserwählung. Sie meinen, an der Vollmacht Jesu zu partizipieren und ignorieren deren prophetische Dimension: allein durch Zeichen, durch das Wort und die eigene Präsenz zu wirken, ohne Durchsetzungsmacht.

Dabei fördert eine hierarchische Ämter- und Rechtsstruktur mit Über- und Unterordnung, mit Gehorsamsansprüchen und Sanktionsmöglichkeiten den Klerikalismus: Der Pfarrer ist Vorgesetzter aller Mitarbeiter*innen. Er entscheidet letztlich über den Umgang mit den Sakramenten und der Verkündigung. Er allein gewährleistet die Ordnung.

Priester: Chef und Beichtvater

Strukturell bedeutsam ist eine kirchliche Besonderheit: Die Rolle des Vorgesetzten und des Seelsorgers fallen in einer Person zusammen. Der Bischof als Seelsorger aller Seelsorgenden ist gleichzeitig ihr höchster Vorgesetzter. Einzig im Priesterseminar wird diese Symbiose durch die Ämter des Regens und des Spirituals aufgesprengt.

Einzig im Priesterseminar wird die Symbiose von Vorgesetztem (Regens) und Seelsorger (Spiritual) aufgesprengt.

In den Pfarreiteams spielt diese Personalunion aber im Bewusstsein des Pfarrers sowie in dem der Mitarbeitenden eine wichtige, subtile Rolle. M. Foucault sprach von der kirchlichen Pastoralmacht. Sie nimmt im Gewand der (Für-) Sorge Macht wahr, nicht zuletzt in Bezug auf das Gewissen. Versteckte Macht ist aber unheimlich und inakzeptabel, erst recht bei einem totalen Anspruch, der Handeln, Empfinden und Denken umfasst.

Dieser Falle kann der Einzelne am ehesten durch supervisorische und geistliche Begleitung entgehen.

Diener aller – eine sprachliche Verführung

Wenn sich priesterliche Vorgesetzte gleichzeitig als Diener der anderen bezeichnen, wird das gewohnte Verständnis des Begriffs ‘Diener’ angesichts ihrer Leitungskompetenzen und Repräsentanz auf den Kopf gestellt.

Manche Pfarrer haben eine Aversion gegen die eigene Führungsrolle.

Tatsächlich haben manche Pfarrer eine Aversion gegen die eigene Führungsrolle. Sie wollen Seelsorger sein, müssen aber auch Chef sein. Auch kirchliche Leitbilder – Pfarreifamilie, Geschwisterlichkeit, Liebesgemeinschaft – insinuieren familiäre Nahbeziehungen, meiden Konflikte und generieren diese semantische Umwertung.

Wahrnehmungsverschiebungen und klerikales Verhalten stellen sich  auf diese Weise leicht ein: Ich agiere autoritär, sehe mich aber als demütiger Diener der Untergebenen und als Diener Gottes. Im Zusammenhang mit Missbrauch lassen sich hier heikle Verhaltensmuster ausnutzen.

Zulassung zur Weihe als Flaschenhals

Priester werden im Moment der Weihe mit sämtlichen Amtsvollmachten ausgestattet und sind – weltweit gesehen – durch eine Amtstracht erkennbar, privat wie in Ausübung ihres Berufes. Das unterscheidend sie ganz wesentlich von Trägerinnen und Trägern anderer Amtskleidung. Die amtliche Autorität ist institutionell personalisiert, oft äusserlich sichtbar und damit situativ unabhängig von persönlichen Eigenschaften. Sie ‘gilt’ schlichtweg.

Leicht vorstellbar, dass die machtgesättigte Strahlkraft klerikalen Priesterseins eine hohe Attraktivität auf Männer mit psychosozialen Defiziten oder pädophilen Neigungen ausübt.

Allein dieser Umstand verlangt eine gewissenhafte Vorbereitung und Zulassung der Bewerber. Sie ist der Flaschenhals für den späteren Umgang mit Macht und Autorität. Der akute Priestermangel verführt leicht zu unangemessener Grosszügigkeit.

Ob ein Bischof aufgrund seiner Weihe, seiner subjektiven Erfahrungen und bester Absichten die Letztverantwortung tragen kann, scheint angesichts von 1500 in Deutschland überführten Priestern fraglich. Eine transparente Prozedur sollte institutionalisiert werden, bei der psychologische Fachpersonen unter anderem manifeste Ängste, reife Körperlichkeit und Beziehungsfähigkeit abklären. Wenn nur Priester am Prozedere beteiligt sind und etwa keine Frauen, wird die genannte Problematik eher bedient statt aufgebrochen.

Kurzfristig scheint mir ein neues Zulassungsprozedere die wichtigste Prävention zu sein.

Die meisten Bistumsleitungen nehmen mittlerweile achtsam und sensibilisiert ihre Verantwortung wahr. So stellt der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stefan Ackermann fest: »Diese Lebensform, dieser Dienst [des Priesters] wirkt magnetisch auf die, die nicht geeignet sind.« Es ist leicht vorstellbar, dass die machtgesättigte Strahlkraft klerikalen Priesterseins eine hohe Attraktivität auf Männer mit psychosozialen Defiziten oder pädophilen Neigungen ausübt.

Kurzfristig scheint mir ein neues Zulassungsprozedere die wichtigste Prävention zu sein, neben einer Null-Toleranz-Maxime, einer forcierten Zölibatsdiskussion und strukturellen Veränderungen.

Blick nach vorne

In der Zukunft kann es nicht allein von persönlichen Qualitäten abhängen, ob priesterliche Existenz gelingt oder im Klerikalismus verkommt. Strukturelle Änderungen sind notwendig, die tiefer reichen als aktuelle Reformanliegen (Zölibat, Frauenpriestertum), welche sie aber einschliessen.

Auch Kardinal Marx, der Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, bekennt: »Beim Missbrauch Minderjähriger in der Kirche geht es nicht um Einzeltäter, er hat strukturelle Wurzeln.«

Weihe (Ermächtigung zu geistgewirkter Begegnung) und Ordination (Dienst an der Organisation des Gottesvolkes) sind zu entkoppeln.

Die Weihe und die Ordination in ein (Leitungs-) Amt sind zu entkoppeln. Mit Leitungsgewalt sollten je nach Eignung Laien und Priester beauftragt werden. Das beschädigt weder die sakramentale Struktur der Kirche, noch widerspricht es den biblischen Quellen.

Die Weihe würde Männer und möglichst auch Frauen zu geistgewirkten Begegnungen ermächtigen, welche den Mitmenschen Erfahrungsorte und Zeichen der Wirklichkeit und Gnade Gottes eröffnen. Die Ordination hingegen würde der Organisation und Sozialität des Volkes Gottes dienen. Sie geschieht durch Beauftragung und ein Mandat der betroffenen Glaubensgemeinschaft. Priester wären ‘Spirituale’, die sakramental mit Gott und dem Volk Gottes verbunden sind und Gott und Volk miteinander in Verbindung halten.

Eine solche Änderung könnte strukturell den Missbrauch nachhaltig eindämmen.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass beim Missbrauchsverhalten zur klerikalistischen Machtausübung psychische Defizite und bei einem Drittel der Täter krankhafte pädophile Dispositionen hinzukommen. Diese sind strukturell nicht zu bannen und auch kein Spezifikum von Priestern.

Wem gilt die kirchliche Erschütterung: dem Imageverlust der Kirche oder den Opfern?

Momentan sind fast alle kirchlichen Mitarbeiter*innen und Verantwortlichen erschüttert. Ob diese Erschütterung Veränderungen beschleunigt, hängt davon ab, ob sie zuerst dem Imageverlust der Kirche und der Beschädigung des Priesterbildes gelten oder den Opfern. Denn der Klerikalismus spaltet nicht nur gemäss Papst Franziskus den Leib der Kirche; seine pädophile Version spaltet den Leib und die Seele unzähliger Kinder und Jugendlicher.

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Bernd Kopp ist Theologie und Supervisor (BSO). Bis Febr. 2018 leitete er die Stelle für Gemeindeberatung und Supervision in Zürich.

Bild: Grant Whitty / Unsplash.com

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Ein eingegangener Leserinnenbrief von Judith Müller:

Leserinnenbrief zu „Strukturelle Facetten des Klerikalismus“

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