Von der Macht der Symbole: Die Earth Hour

Heute Abend ist es wieder so weit…von 20:30 bis 21:30 Uhr heißt es in vielen Städten: Licht aus! Sabine Pemsel-Maier fragt nach der Kraft dieses Symbols.

Es hat vorwiegend symbolische Bedeutung, wenn am 24. März anlässlich der Earth Hour zum nunmehr zwölften Mal von 20:30 bis 21:30 Uhr für eine Stunde an öffentlichen Bauwerken und auch in privaten Gebäuden das Licht ausgeschaltet wird. Zwar beteiligten sich im Jahr 2017 7000 Städte in184 Ländern[1] und unzählige Privatpersonen daran; für 2018 ist mit steigender Tendenz zu rechnen. Doch die damit verbundene Energieersparnis fällt längst nicht so stark ins Gewicht wie ursprünglich erwartet – angesichts des immensen Energieverbrauchs in den westlichen Industrieländern. Auch die anfängliche Befürchtung, eine zu große Beteiligung an der Aktion könne infolge der Abschaltungen im Stromnetz zu unkontrollierbarem Stromausfall führen, trat nicht ein. Aber ist die Aktion deswegen „nur“ ein Symbol?

Licht aus! Nur ein Symbol?

Symbole geben zu denken – sonst haben sie ihre Wirkung verfehlt. Symbole sind nicht eindeutig, sondern ambivalent – darum bieten sie Anlass zum Diskutieren und zur Meinungsverschiedenheit. Was die einen für gelungen halten, spricht andere kaum oder gar nicht an. Als am Beginn des Jahres 2015 als Zeichen der Distanzierung von den Pegida-Demonstrationen zeitweise die Beleuchtung des Kölner Doms ausgeschaltet wurde, sahen die einen darin „ein extrem starkes Symbol“[2], andere einen „albernen Symbolaktionismus“[3].

Licht aus! Gehirn an?

Mit der Earth Hour verhält es sich ähnlich. „Gehirn an!“ [4] setzte ein Beitrag in Zeit Online vor einigen Jahren dem Aufruf „Licht aus!“ entgegen und verwies im Einklang mit führenden Öko-Instituten darauf, dass es weitaus wirkungsvoller ist, statt herkömmliche Glühbirnen kurzzeitig auszuknipsen, sie durch Energiesparlampen zu ersetzen. Das stimmt, und Glühlampen sind deswegen auch nicht mehr im regulären Handel erhältlich. Aber schaltet, wer am 24. März sein Licht ausschaltet, notwendigerweise auch sein Gehirn aus? Symbole können beschwichtigen – umgekehrt können sie aber auch provozieren, auch zum Handeln provozieren. Natürlich wiegt ein einstündiges Licht-Ausschalten nicht die Umweltsünden eines Jahres auf. Aber das haben die Anhänger und Befürworter der Earth Hour auch niemals behauptet. Wer mit einem auf eine Stunde begrenztem Gutmenschentum sein Gewissen zu beruhigen versucht, betreibt Augenwischerei. Umgekehrt: Wer während der Earth Hour sein Licht nicht ausknipst, weil er von solchen Aktionen nichts hält, aber anfängt, seinen Energieverbrauch aufmerksam wahrzunehmen, kritisch zu hinterfragen und letztlich sein Verhalten zu verändern, hat sich provozieren lassen. Nicht zuletzt: Symbole können gemeinschaftsstiftend wirken, wenn sie geteilt werden. Die Earth Hour lebt davon, dass sie nicht das Event einer Großstadt ist, sondern eben eine Earth Hour von globaler Reichweite.

Earth Hour, Laudato si‘, …?

Die einen organisieren ein Event, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen – ein anderer, Papst Franziskus, schreibt einen Text. Es ist müßig zu diskutieren, was besser und was schlechter, was effektiver und was weniger wirkungsvoll ist. Dass sich beides nicht ausschließt, sondern ergänzt, zeigt sich daran, dass auch der Vatikan sich bislang regelmäßig an der Earth Hour beteiligt hat. Der Petersplatz wird auch an diesem Abend wieder in tiefer Dunkelheit liegen. Dass der Papst mit der Enzyklika „Laudato si“[5] Klima- und Umweltfragen zur Chefsache gemacht hat, ist offensichtlich, ebenso, dass er mit „Laudato si“, in Verbindung mit seinem Engagement bei der Nachhaltigkeitskonferenz in New York und beim Klimagipfel in Paris, einen unüberhörbaren Impuls gesetzt hat. Nun ist Papier bekanntlich geduldig und Papiertiger sind zahm. Also auch „nur“ ein Text, so viel wert wie „nur“ ein Symbol? Oder ein Text, mindestens genauso provokant wie die symbolische Aktion des Licht-Auslöschens?

… weil die Zeit drängt!

Das Schreiben ist ein flammender Aufruf zur Veränderung: weil die Zeit drängt und die ökologischen Kapazitäten weitgehend erschöpft sind; weil es einen globalen Zusammenhang zwischen Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen gibt; weil intergenerationelle Gerechtigkeit nicht ohne Umweltschutz zu realisieren ist; weil die Benachteiligten auf dieser Welt legitime Interessen haben; weil die Menschheit sich der Verantwortung gegenüber den Armen nicht entziehen kann; weil Aspekte von Macht, Korruption und systemischen Fehlentwicklungen offen angesprochen werden müssen, wenn sich etwas ändern soll; weil grenzenloses Wachstum verhängnisvoll wäre; weil letztlich das Überleben der Menschheit und die Zukunft der Schöpfung auf dem Spiel steht. Franziskus schwingt nicht einfach die Moralkeule, sondern hält den Lesenden einen Spiegel vor Augen. Vor allem in der globalen Erwärmung sieht er eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit. Darum ruft er dazu auf, den Treibhausgasausstoß drastisch zu reduzieren und aus der Verbrennung fossiler Energieträger auszusteigen. Letztlich plädiert er für eine vierfache „ökologischen Umkehr“: die Umkehr zur Schöpfung, die Umkehr zu den Anderen, die Umkehr zu Gott und die Umkehr zu sich. Der Papst traut der Menschheit eine Politik der öko-sozialen Transformation zu, im Vertrauen auf das Evangelium und auf Gottes gute Schöpfung.

letztendlich geht es um Umkehr

Längst nicht alle Menschen lesen päpstliche Enzykliken, auch längst nicht alle sich als gläubig bezeichnenden Katholik*innen, und nicht alle, die welche lesen, lassen sich davon beeindrucken. Menschen lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise berühren und verändern. Für die einen ist es das Studium einer päpstlichen Schrift, für die anderen ein Event mit Symbolcharakter. Der Schutz des Klimas und letztlich der Schutz dieses Planeten braucht jede Form.

Sabine Pemsel-Maier ist Professorin für Katholische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Foto: Roxanne Desgagnes, www.unsplash.com

 

[1] Ausführlich unterhttp://www.wwf.de/earthhour/das-war-die-earth-hour-2017/.

[2] So Navid Kermani am 6. 1. 2015, http://www.deutschlandfunk.de/anti-pegida-demonstrationen-ein-extrem-starkes-symbol.691.de.html?dram:article_id=307989.

[3] So der Chefredakteur von „Christ in der Gegenwart“, Johannes Röser: Operation Jesus, in: CiG 2/2015, 23.

[4] http://www.zeit.de/online/2007/50/licht-aus/komplettansicht.

[5]  Der gesamte Text ist zugänglich unter http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html.

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