Warum Karneval die schönste Jahreszeit ist

Köln Hohenzollernbrücke mit Blick auf den Dom, 1945

Tobias Kläden ist Theologe. Aber zuerst ist er Rheinländer und Kölner. Bis zum Helau braucht es nicht mehr viel.

Für das Verständnis des Folgenden ist wichtig zu wissen: Ich bin Rheinländer und geborener Kölner – auch wenn mich die Wechselfälle des Lebens in die ebenfalls sehr schöne thüringische Landeshauptstadt Erfurt verschlagen haben.

Wichtig: Ich bin Rheinländer.

Da ist es nicht verwunderlich, dass Karneval für mich die schönste Jahreszeit ist. Es heißt, es gebe in Köln fünf Jahreszeiten. Das ist aber nicht richtig. In Wirklichkeit gibt es nur drei: Die Sommerzeit beginnt im März, nach dem Karneval, mit den ersten Sonnenstrahlen. Ab dann trägt man gefühlt Flip-Flops und kann draußen grillen – was übrigens auch in Thüringen sehr kompatibel ist. Die Sommerzeit dauert bis Ende August. Dann stellen die Supermärkte die ersten Dominosteine, Spekulatius und Weihnachtsmänner bereit. Ich freue mich jedes Jahr auf diese Leckereien, die den Beginn der Vorweihnachtszeit anzeigen. Mittendrin beginnt bereits die Karnevalszeit am 11.11. Sie steigert sich stetig bis zum Rosenmontag, unterbrochen nur durch das retardierende Moment der Advents- und Weihnachtszeit.[1]

Denke ich an Karneval, so kommen mir Kindheitserinnerungen in den Sinn, die mindestens die gleiche emotionale Tiefe haben wie Erinnerungen an Weihnachten: sich Verkleiden und in eine andere Rolle schlüpfen dürfen; Karnevalszüge und die Jagd auf Kamelle; alle sind ausgelassen und unbeschwert; Musik, bei der alle mitsingen. Später, als Jugendlicher, liegt zusätzlich ein erotisches Knistern in der Luft … Die Faszination des Karnevals erklärt sich in Gänze wahrscheinlich nur dem, der in ihn hineinsozialisiert wurde. Das geht auch noch als Erwachsener, kann dann aber schwieriger sein.

Kindheitserinnerungen – wie Weihnachten

Ehrlich gesagt, kann ich nur in Köln wirklich Karneval feiern. Andere Orte mögen ihre Karnevalstraditionen haben (oder sie feiern vielleicht – dieses Wort kommt mir nur mit Mühe über die Lippen – Fasching), aber dies macht auf mich einen irgendwie halbherzigen Eindruck. Das Schöne am Kölner Karneval ist nämlich die „urbane Kollektivorgie“: Von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch sind gefühlt einfach alle auf den Straßen und feiern mit. Mit seiner Clownsperücke fällt man in der Straßenbahn nicht auf, nur wenn man keine trägt. Für Nicht-Rheinländer kann die erste Begegnung mit dem Straßenkarneval ein verstörender Kulturschock sein. Meistens, so meine Erfahrung, übt die Welle von Leichtigkeit und Verrücktheit dann aber doch einen unwiderstehlichen Sog aus, und ich habe schon den Beginn vieler Liebesgeschichten mit dem Karneval miterlebt.

„Urbane Kollektivorgie“

Ganz typisch erzählt „Babyvater“ vom Blog ichbindeinvater.de über seine Einschätzung vom Karneval:

„Karneval ist nicht für jeden ein Segen. Für uns in der Vätertruppe hier ist es ein Highlight. … Als Kölner Junge bin ich mit dieser urbanen Kollektivorgie aufgewachsen. Klar, es ist schon strange, dass piefige Spießer einmal im Jahr auf Knopfdruck komplett ausrasten. Ich sehe das aber als Vorteil. Immerhin rasten sie mal aus. Legendär ist der Walk of Shame von durchnächtigten Personen, die nach Weiberfastnacht völlig wasted, ohne Jacken, dafür mit verschmierter Schminke und verknoteten Haaren aus fremden Domizilen rauswanken, während man selber halbwegs nüchtern zur Arbeit trottet. Ich finde es witzig und könnte stundenlang dabei zusehen und mir die schönsten Storys ausdenken.“[2]

Je weiter man von der kölschen Heimat entfernt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines „Konvertiten-Effekts“, den Gunda Windmüller aus dem Berliner Exil beschreibt:

„Überhaupt macht Heimat in der Ferne etwas mit einem. Etwas, das ich mal ‚Konvertiten-Effekt‘ nennen möchte: Man wird kölscher als kölsch. Bin ich in Köln, ist mir zum Beispiel der 11.11. sehr egal. In Berlin war das dieses Jahr ganz anders. Meine Freundin Anne war zu Besuch, wir besorgten Luftschlangen und Berliner (also ‚Pfannkuchen‘. ‚Bestell’ du’s!‘ ‚Ich kann das nicht, ich sag’s dann bestimmt doch falsch‘. Kurz: Wir mussten üben.) und schauten beglückt den WDR-Livestream vom Alter Markt (Ja, der heißt so). In diesem Moment habe ich auch Regionalfernsehen zum ersten Mal so richtig verstanden. Danke dafür.“[3]

Von außen betrachtet, gleicht die Stadt im Straßenkarneval einem Irrenhaus. Das kann auf Menschen peinlich wirken, die mit dem Karneval nicht vertraut sind. Karneval hat aber eine wichtige psychohygienische Funktion: Das Verkleiden lässt alles Kopf stehen und verweist auf die Kontingenzen des Lebens – es könnte alles auch ganz anders sein. In den verschiedenen Garden mit ihren Uniformen und Tänzen verballhornt man in Köln die preußische Obrigkeit. Das Wichtigste: Es steht einfach der Spaß im Mittelpunkt. Oder wenn man eine etwas seriösere Vokabel verwenden will, die Freude (für die Theologinnen und Theologen: das Wort, mit dem die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums beginnt).

Es könnte alles auch ganz anders sein. Mit Garden, Uniformen und Tänzen verballhornt man in Köln die preußische Obrigkeit.

Unverdächtig ist die Stimme eines „Imis“, von jemandem, der nicht ursprünglich aus Köln stammt. „Tim Karlingsbums“ erklärt auf seiner Facebook-Seite, dass er zuerst mit dem Karneval nichts anfangen konnte. Als er dann doch einmal mit Freunden mitgekommen ist, hat sich das geändert:

„Seitdem sehe ich die Stadt anders. Im Krieg zerbombt wie kaum eine andere. Bis heute durchfressen von den alten Wunden. Und im Nachhinein zerlegt von Kölschem Klüngel und städtebaulichem Irrsinn. Und die Kölner? Reagieren auf die wahnsinnigste Art, die ich mir vorstellen kann: mit Humor und mit an Wahrheitsverneinung grenzendem Optimismus. Halten ihre Stadt für die beste und schönste der Welt. Ernsthaft!
Dumm oder naiv kann man diese Haltung finden. Ich finde sie sympathisch und erfreulich undeutsch. Mal keine Erbsen zählen zu wollen. Nicht nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Die Wirklichkeit totzulachen, statt zu heulen. Dass diese Wirklichkeit da draußen ist, ahnen auch die Kölner. Und versammeln sich um ihr karnevalistisches Lagerfeuer. Und singen neben lauter Blödsinn auch von der Angst. Vor dem Verlust der Familie, der Freunde, der Jugend, des Wohlstand, der Liebe, der Heimat. …
Und ziehen dabei keine Zäune hoch. Kein kölsches ‚Mir san mir‘. Sondern wollen den Rest der Welt unter die warme Decke des Wahnsinns einladen.“[4]

Bei den Bläck Fööss hört sich das in einer der inoffiziellen Hymnen der Stadt so an:

„Du bess die Stadt, op die mer all he stonn
du häs et uns als Pänz schon aanjedonn
Du häs e herrlich Laache em Jeseech
Du bess die Frau, die Rotz un Wasser kriesch.“[5]

Die Bläck Fööss werden übrigens von der AfD-Politikerin von Storch als „erbärmliche Gutmenschenfanatiker“ tituliert. Sie haben gemeinsam mit vielen anderen im Karneval aktiven Künstlern dagegen protestiert, den AfD-Parteitag im Kölner Maritim-Hotel abhalten zu lassen – auf derselben Bühne, wo sonst die Größen des Karnevals auftreten. Eine Schmähung aus diesem Munde kann man fast schon als Ehre verstehen. Sie zeigt, dass Karneval nicht mit Ressentiments gegen Fremde und Fremdes zusammengeht.

Feiern Sie mit! Am besten in Köln. Passen Sie dabei nur auf, dass Ihnen kein „Helau“ herausrutscht.

Meine Empfehlung am Schluss lautet einfach: Feiern Sie mit! Am besten natürlich in Köln. Passen Sie dabei nur auf, dass Ihnen kein „Helau“ herausrutscht. Da versteht man in Köln keinen Spaß. Wenn Sie sich eine typische Reaktion darauf ansehen und anhören wollen, empfehle ich Carolin Kebekus mit den Beer Bitches und ihrer Cover-Version von Adeles „Hello“[6].

Kölle Alaaf!


Tobias Kläden ist Referent für Pastoral und Gesellschaft/stellv. Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) der Deutschen Bischofskonferenz, Erfurt.

Bild: Wikipedia/Bundesarchiv

[1] Genauso sieht das „Papadoc“: Warum Karneval die schönste Jahreszeit für uns ist, 11.01.2017, http://ichbindeinvater.de/rosenmontag-party/.

[2] Karneval in Bildern, 09.02.2016, http://ichbindeinvater.de/karneval-koeln/.

[3] Gunda Windmüller, Heimat ist nicht einfach. In Köln schon, 01.12.2016, http://ze.tt/heimat-ist-nicht-einfach-in-koeln-schon/.

[4] Post vom 10.02.2016, https://www.facebook.com/tim.karlingsbums/posts/1050568368298623.

[5] Refrain der Hymne „Du bess die Stadt“ von den Bläck Fööss, einem Cover von „Highland Cathedral“, http://www.blaeckfoeoess.de/texte/stadttext.html.

[6] https://www.youtube.com/watch?v=QvZuWzExFp0, hier auch eine Version mit Untertiteln: https://www.youtube.com/watch?v=UVvpTFsmT90.

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