Was macht Gott in der Stadt? Erfahrungen aus einem Projekt der Präsenzpastoral im Süden von Stuttgart

Dorothee Steiof tut etwas in der Pastoral höchst Ungewöhnliches – sie ist einfach nur da. Für Feinschwarz.net berichtet sie, was dann geschieht.

„Gott in der Stadt entdecken – oder: Was macht Gott in der Stadt?“ mit diesem Motto bin ich seit gut 4 Monaten im öffentlichen Raum rund um die Kirche St. Maria in Stuttgart unterwegs. Ich bin da und habe Zeit. Es gibt keinen vorgefertigten Plan, was passieren muss. Ich bin ansprechbar und spreche auch manchmal Menschen an. Oder ich nehme einfach wahr. Oder ich tue „nichts“ und „warte“. Das ist also so ungefähr das Gegenteil von allem, was man sonst so macht, wenn man in der Kirche bzw. Caritas arbeitet.

Ich bin unterwegs im Rahmen eines gemeinsamen Projektes des Diözesancaritasverbandes Rottenburg-Stuttgart mit der Kirchengemeinde St. Maria. Gefördert wird das Projekt durch das Bonifatiuswerk.

Absichtslose Präsenz und Empfänglichkeit

Mich bewegt: Was passiert, wenn Menschen im öffentlichen Raum einfach „da sind“ – offen für das, was sich ereignet? Hierbei geht es nicht darum, neue Angebote zu gestalten, sondern sich selbst als Person „anzubieten“. Ich möchte eine kirchliche Praxisform erproben, bei der eine Grundhaltung der absichtslosen Präsenz und der Empfänglichkeit im Zentrum steht. Es geht also um eine eher „unspezialisierte“ professionellen Rolle, die nicht von vorneherein auf eine Angebots- oder Zielgruppenlogik festgelegt ist. Angezielt ist so die Erprobung einer geistlichen Form der sozialräumlichen Präsenz. Eine besondere  Aufmerksamkeit gilt hierbei den Erfahrungen von Menschen, die in benachteiligten Lebenssituationen leben oder von Ausgrenzung bedroht sind (vgl. Leben in einer Vielfaltsgesellschaft, Charta28 des DiCV-RS https://www.caritas-rottenburg-stuttgart.de/charta28).

Wichtige Inspirationen habe ich in der Spiritualität der Straßenexerzitien und den Erfahrungen der Präsenzpastoral in Holland gefunden. Pastoraltheologisch begleitet wird das Projekt durch Prof. Christian Bauer (Innsbruck) und Prof. Michael Schüssler (Tübingen).

Neue Form der Präsenz des Christlichen

Die Auswahl von St. Maria  Kooperationspartnerin ist kein Zufall. Unter dem Titel „St. Maria als“ hat sich die Kirchengemeinde bereits seit einigen Jahren auf den Weg eines innovativen Entwicklungsprozesses gemacht – auf der Suche nach einer neuen Form der Präsenz des Christlichen in urbanem Umfeld (https://st-maria-als.de/).

Im Folgenden möchte ich einige Lernerfahrungen erzählen, die für die ersten Monate meiner „Präsenztätigkeit“ in diesem Sozialraum besonders prägend waren.

Von der Freude am „Sein“

Präsenzpastoral bedeutet, bewusst mit der Versuchung umzugehen, Ereignisse doch irgendwie „erzwingen“ zu wollen. Es bedeutet, auszuhalten, dass manchmal „nichts passiert“ und niemand einen braucht. „Es muss heute nichts passieren“ ist mir fast zur Gebetsformel geworden, wenn ich bei St. Maria ankomme. Habe ich als Anfangsritual zu Beginn noch eher Fürbitten formuliert, wurde mit der Zeit mein Sprechen immer reduzierter. Aus der Bitte wurde ein Indikativ: „Du ist da – ich bin da“[1], so bete ich inzwischen.

Es ist nicht immer einfach, diese unklare Rollenzuschreibung auszuhalten. Und zugleich öffnet sich nicht nur ein Raum der Freiheit, sondern auch der Freude. Die Verunsicherung in Rolle und Aufgabe wird zum Entdeckungszusammenhang der Erfahrung: Ich bin da. Das genügt. Ich bin da mit Freude.

Präsenz als Form der Doxologie

Die Freude am reinen, bedingungslosen Da-sein wird so zur Grundstimmung für das eigene Sein im Sozialraum. Theologisch gewendet könnte man verkürzt formulieren: Die Doxologie als religiöse Sprach- und Vollzugsform der Freude am Sein Gottes und damit auch des Menschen wird zum prägenden Grund für das eigene Handeln. Präsenzpastoral verstehe ich als (eine) ins Handeln übersetzte Form der Doxologie.

Die Gespräche mit dem Kurator Sebastian Schmid und dem Pastoralreferenten Andréas Hofstetter-Straka, die den Prozess „St. Maria als“ begleiten, haben oft den Charakter, uns gegenseitig in dieser Haltung des „Unverzweckten“ zu bestärken. Wir merken, dass wir für vieles, was wir tun und erleben, noch keine Worte haben. Gemeinsam üben wir uns ein in eine eher tastende und suchende Sprache.

Vom Frei-Raum für Vielfalt

Ich habe mich bewusst entschieden, kein Schild zu tragen. Am Anfang eines Kontaktes steht oft nur ein freundliches Anlachen, ein wie immer geartetes Signal, ansprechbar und interessiert zu sein. Die Begegnungen, die sich daraus ergeben können, sind vielfältig. So vielfältig wie meine Rollen, die sich jeweils erst im Kontakt mit meinem Gegenüber entwickeln: Feldforscherin, Seelsorgerin, Zeugin, Lernende, „Anlass“ für das Erzählen von heilsamen, aber auch von schmerzlichen Erfahrungen, als Möglichkeit für geteilte Resonanzmomente … Ich gehe in die Begegnung, ohne zu wissen, was ich jeweils für den anderen sein kann. Durch mein Da-sein fungiere ich sozusagen als eine „wandelnde Leerstelle“ quer zum System der Akteur*innen im Sozialraum.

So komme ich z.B. mit einer ehemaligen Sängerin über die Bedeutung des Gebens und der Musik als Gotteslob ins Gespräch. Kurz darauf bittet ein zur Zeit arbeits- und obdachloser Mann um Hilfe. Mit Unterstützung der Mesnerin stellen wir den Kontakt zu seinem zuständigen Sozialarbeiter wieder her. Ein älteres Ehepaar erzählt von den Momenten ihres Lebens, die ihnen jetzt im Alter Trost und Kraft schenken; ein Mann spricht von seiner Privilegierung, aber auch seiner Einsamkeit; Menschen berichten, wie der Aufenthalt in den Notunterkünften der Wohnungslosenhilfe sie verändert, aber auch, darüber, was sie lieben, was ihnen Freude macht und was ihre Begabungen sind; die unzähligen Menschen aller Hautfarben und Alter, die Flaschen sammeln, Menschen ohne Wohnung oder Menschen ohne Arbeit, die sich viele Stunden auf den Plätzen um die Kirche herum aufhalten, Mitarbeitende der security oder das Reinigungspersonal im benachbarten Einkaufszentrum … Fast immer steht am Ende der Gespräche der gegenseitige Dank.

Andere Geschichten erzählen

Präsenzpastoral verstehe ich als eine Möglichkeit, dass „andere“ Geschichten erzählt werden. Geschichten, die nicht in Typisierungen oder gängigen Vorstellungen von z.B. den „Hilfsbedürftigen“ oder den „Privilegierten“ aufgehen. Ich darf teilhaben an der „persönlichen diversity“ von Menschen. Ich frage mich, welche kirchliche Praxisform es begünstigt, Menschen noch mehr in ihrer Einzigartigkeit und zugleich als „Gottes-Träger*innen“ wahrzunehmen? Und wie können wir von dieser Wahrnehmung aus das Miteinander in einer Vielfaltsgesellschaft gestalten?

Von der Präsenz des Evangeliums im öffentlichen Raum

Durch den Freiraum, in Ruhe da sein zu können, verschiebt sich die Wahrnehmungsperspektive. Vieles, was sonst keine Bedeutung hat, bekommt Bedeutung. Es ist, als ob die Welt immer reicher und vielfältiger wird.

Auch die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes ändert sich – ich erlebe ihn viel stärker als „spirituellen Raum“. So erzählt mir z.B. ein Mann, was für ihn Vertrauen und Hingabe beim Sammeln von Flaschen bedeuten. Bei einer nächsten Begegnung kommen wir über die Bedeutung von Präsenz ins Gespräch. Er schlägt vor, den Platz vor der Kirche „Platz der Hoffnung“ zu nennen. Sein Blick auf diesen Platz wirkt in mir nach. Ich nehme auch seine Hoffnung mit in mein Tun. Ich messe ihr Wert zu. Seine Perspektive auf diesen Platz hätte sonst gefehlt. Ich verstehe diese Wahrnehmungen und Erzählungen als eine Form der entgrenzten Präsenz des Evangeliums, von guten Botschaften im öffentlichen Raum.  Ich selbst bin eher in der Rolle der interessierten und wertschätzenden Zeugenschaft.[2]

Geschichten von Ausbeutung und Praktiken des Widerstands

Ich erlebe jedoch auch etwas anderes: Ich begegne Menschen, die Ausgrenzung erleben und sich „überflüssig“ fühlen. Ich höre Geschichten von Ausbeutung, Verlassen-werden, sozialer Ungerechtigkeit, von mangelndem Respekt und auch von frustrierenden Erfahrungen mit den Institutionen. Und ich höre von Praktiken des Widerstandes, des Kämpfens und des Bestehens in schwierigsten Lebenssituationen. Hier wird sich noch zeigen, welche Handlungsmöglichkeiten im Netzwerk mit den anderen Akteur*innen auch aus den Präsenzerfahrungen entstehen können.

Vom Vertrauen in die Gratuität der Welt

Das Fehlen der klaren Rolle schafft so Frei-Raum für das tiefe Empfinden von (unverzweckter) Verbundenheit zu den Menschen im Quartier. Das Verhältnis der einzelnen zur Kirche wird völlig uninteressant. Es ist, als ob eine Art „Menschen-Gemeinde“ im öffentlichen Raum entsteht bzw. erst neu wahrgenommen wird. Das Verbindende ist kein Gemeindebezug, sondern das Da-sein im öffentlichen Raum.

Als ich einen Präsenzpastor in Holland einmal fragte, was sich für ihn am meisten durch seine Tätigkeit verändert hat, kommt er auf die Gratuität der Welt zu sprechen: Die Welt sei ihm immer mehr zur Gabe, zum Geschenk geworden. Dies kann ich jetzt besser verstehen. Ich frage mich: Was müsste passieren, dass diese Haltung bzw. diese Welterfahrung uns noch mehr prägt und in unser Handeln einfließt?

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Dr. Dorothee Steiof, Ärztin und Theologin, tätig als Referentin für Caritastheologie und Ethik im Kompetenzteam Verbandsentwicklung, Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart

Bildquelle: Pixabay

[1] Vgl. auch Knapp, Andreas, Lebensspuren im Sand, Spirituelles Tagebuch aus der Wüste, Freiburg 2018.

[2] Vgl. zur Haltung des Zeugnis-Gebens Salenson, Christian, Den Brunnen tiefer graben. Meditieren mit Christian de Chergé. Prior der Mönche von Tibhirine, Neue Stadt (4. Auflage), 2012, S.109: „Zeuge ist nicht derjenige, der etwas weiß und sagt, was er gelernt hat; Zeuge ist, wer sieht. Ein Zeuge ist jemand, der das Wirken Gottes in der Welt betrachtet. Er wiederholt nicht, was er eines Tages gesehen hat, sondern sagt, was er hier und jetzt sieht. Das Ziel des Zeugnis-Gebens ist nicht, der Kirche neue Mitglieder zuzuführen, sondern sich selbst und andere für Gottes Wirken zu öffnen.“

 

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