Wenn Intellektuelle auf Politik treffen. Zur Europawahl.

Von Rainer Bucher.

Intellektualität ist die Fähigkeit zu zwei nicht-trivialen geistigen Operationen: zum einen, die Wirklichkeit aus mehr als einer einzigen Perspektive zu sehen und das gleichzeitig, zum anderen, Punktuelles und Generelles kontrolliert aufeinander beziehen zu können.

Ein Drittes kommt hinzu. Joseph Schumpeter hat es so beschrieben: Intellektuelle, das wären „Leute,  die die Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes handhaben, und eine Eigentümlichkeit, die sie von anderen Leuten, die das Gleiche tun, unterscheidet, ist ein Fehlen einer direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge.“

Wenn nun plötzlich in der Welt des Praktischen und Politischen unerwartete, potentiell grundstürzende Dinge geschehen, dann neigen Intellektuelle zu zwei Reaktionen: Ihre Fähigkeit zu Multiperspektivität verführt sie zu „Paralyse durch Analyse“, ihre Fähigkeit, Punktuelles und Generelles aufeinander zu beziehen, verführt sie zu Panik.

Nach der Wahl von Trump und überhaupt in Reaktion auf den Rechtspopulismus ist beides zu beobachten. Die Multiperspektivisten und -innen fanden viele gute Gründe, warum alles nicht so schlimm ist und man doch die verängstigten Globalisierungsverlierer verstehen müsse, die Generalisten und -innen fanden ebensoviele Gründe, warum die liberale Demokratie praktisch schon verloren sei.

Es könnte helfen, sich als Intellektuelle und Intellektueller vorzustellen, man hätte ausnahmsweise „direkte Verantwortlichkeit für praktische Dinge“. Wie wäre dann auf die populistischen Ressentiments zu reagieren? Was wäre zu tun? Das ist die Frage, die sich heute politisch Intellektuellen stellt.

Verantwortung im eigenen Bereich übernehmen, das wäre zu tun. Verhindern, dass Ressentiment und Unanständigkeit, postfaktische Diskurse und Abwertung des Fremden im eigenen Bereich aufkommen.

Es geht nicht so sehr darum, die Trumps, Salvinis und Le Pens (vom famosen Herrn Strache wollen wir gar nicht mehr reden) dieser Welt zu verstehen, sondern die katastrophale Veränderung der Welt, die sie bedeuten können, dort zu verhindern, wo man es kann. Zum Beispiel an diesem Wochenende bei der Europawahl. 


Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Graz und Mitglied der feinschwarz-Redaktion.


Photo: Christian Wiedinger (unsplash), Ausschnitt

Siehe auch:

Angst und Ausschluss

 

 

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