Wenn Religion schon überflüssig erscheint – dann wird der nicht notwendige Gott sichtbar

Die Kolumne für die kommenden Tage 35

Jan Loffeld: Der nicht notwendige Gott. Die Erlösungsdimension als Krise und Kairos des Christentums inmitten eines säkularen Relevanzverlustes,
Echter Verlag, Würzburg 2020, 403.

 

„Vielleicht ist (…) ein nicht-notwendiger Gott gar nicht so abwegig. Nur wenn Gott aus menschlicher Perspektive nicht notwendig, also lebensweltlich kontingent, nicht erweisbar und erzwingbar ist, bleiben göttliche wie menschliche Selbstständigkeit ebenso wie die beiderseitige Souveränität und Freiheit garantiert. Der Glaubensakt ist notwendig (!) nur so eine freier und wirklich authentischer. Denn was nützt es einem Gott, Menschen aufgrund welcher Mittel oder gar Strafandrohungen auch immer in seine Beziehung hinein zu zwingen? Oder welcher ist der Mehrwert einer Theologie und Spiritualität, die Gott zur Funktion und damit faktisch zum Götzen eigener theologischer Bilder, pastoraler Konzepte, noch so frommer Werke oder idealistisch motivierter Handlungen macht?
Die daraus freigelassene Erlösungsdimension wäre hingegen der alte und neue Mehrwert, das Besondere, die Identität des Christseins, vor allem aber: die genuine Perspektive eines christlichen Lebensentwurfs auf die Wirklichkeit.
Und wenn nur wirklich frei geschenkte, nicht notwendige Liebe echte Liebe ist, müsste Gott geradezu nicht notwendig sein wollen, um genau diese Liebe zu ermöglichen. Vielleicht wollte er um dieser Wahrheit willen ja tatsächlich nicht notwendig sein. Vielleicht ist gerade deshalb seine Nicht-Notwendigkeit notwendig.“

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Bild: Ryan Stone / Unsplash.com

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