„Wer die Erde nicht berührt…“ (Elisabeth Moltmann-Wendel)

Am 7. Juni 2016, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, starb Elisabeth Moltmann-Wendel in Tübingen. Die Alttestamentlerin und langjährige Weggefährtin Helen Schüngel-Straumann würdigt die Pionierin der Feministischen Theologie im deutschsprachigen Raum.

Mein Rückblick auf das Leben von Elisabeth Moltmann-Wendel[1] beruht auf persönlichen Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten, in denen wir eine segensreiche Zusammenarbeit und Freundschaft gepflegt haben. Sie hat übrigens auch eine Autobiografie geschrieben, die einen ausgezeichneten Einblick in die Anfänge Feministischer Theologie bietet.[2]

Elisabeth Wendel wurde 1926 geboren und wuchs in Potsdam auf. Ihre Herkunft aus dem Nordosten Deutschlands hat sie stark geprägt. Sie studierte in Berlin und Göttingen evangelische Theologie, promovierte 1951 und heiratete kurz danach Jürgen Moltmann. Beide waren durch die Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs stark geprägt. Da Theologinnen durch eine Heirat ihre Tätigkeit im öffentlichen Raum aufgeben mussten, erfüllte sie zunächst ihre Haushalts- und Mutterpflichten.[3]

 „Mutter“ der Feministischen Theologie in Deutschland

Vor rund 40 Jahren erlebten wir durch die große Not der Frauen in den herkömmlichen Männerkirchen einen neuen Aufbruch. Ich war schon vierzig Jahre alt, Elisabeth Moltmann-Wendel zwölf Jahre älter. Sie hatte ihre vier Töchter praktisch groß gezogen und fand nun überraschend ein neues, fruchtbares Betätigungsfeld. Durch Anstöße aus Amerika-Reisen erwachte sie sozusagen zur Feministin und wurde zur „Mutter“ der Feministischen Theologie in Deutschland. Ihr großes Talent war es, andere Frauen zu begeistern und überall neue Gruppen und Projekte zu organisieren, zuerst im evangelischen Bereich mit seinen zahlreichen Bildungshäusern und Kirchentagen, dann sehr bald auch ökumenisch mit katholischen Theologinnen. Sie wollte ausdrücklich eine christliche feministische Theologie, grenzte sich früh ab von der Mary Daly-Schule und war nicht begeistert von der Göttinnen-Bewegung. Auch das Gespräch mit den Männern sollte auf keinen Fall abgebrochen werden. Ihr ging es nicht um sagenhafte neue Entwürfe, vielmehr vertrat sie stets eine wissenschaftliche Ernsthaftigkeit.

Tübinger Kreis

Bereits Anfang der 80er Jahre gründete sie einen informellen Kreis in ihrem Haus in Tübingen, wo sich jährlich verschiedenste Theologinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz trafen. Darüber gibt es keine Dokumentation, aber aus diesem Kreis gingen immer wieder neue Projekte hervor. In diesem Kreis lernte ich 1984 auch die erste österreichische katholische Professorin, Herlinde Pissarek-Hudelist, kennen. Sie wurde 1988 die erste Dekanin der von den Jesuiten geprägten Theologischen Fakultät in Innsbruck. Von den katholischen Theologinnen, die fast noch mehr unter der androzentrischen Theologie ihrer Kirche litten als die evangelischen, gehörten auch die Holländerin Catharina Halkes und Elisabeth Gössmann (München/Tokyo) zu diesem Kreis. Elisabeth Moltmann-Wendel musste nicht wie viele andere um die eigene Karriere kämpfen. Diese große Freiheit gab ihr viel Spielraum für Neuentdeckungen. Ihre Reisen und die mit ihrem Mann Jürgen Moltmann brachten für sie immer wieder neue Impulse. Sie verstand es, überall Theologinnen an Land zu ziehen, die ihren Kreis bereichern konnten. Tübingen, wo sie in den letzten fünfzig Jahren wohnte, wurde zu einem Zentrum für Feministische Theologie, in dem sie wie ein „ruhiger Pol“ die Strippen zog, obwohl sie selbst auch viel unterwegs war. Als Alttestamentlerin war ich sehr willkommen, da Elisabeth Moltmann-Wendel stark an der Bibel interessiert war, und es damals keine andere feministisch-theologisch arbeitende Alttestamentlerin gab. Unser erster gemeinsamer Auftritt war auf einer sehr gut besuchten Tagung in Bad Boll zum Thema „…eure Töchter werden weissagen“, an der ich über rȗaḥ, die weibliche Form dessen, was später zum Heiligen Geist wurde, referieren durfte.

 Wörterbuch der Feministischen Theologie

Das umfangsreichste feministisch-theologische Projekt der 1980er Jahre ging ebenfalls von Elisabeth Moltmann-Wendel aus: das Wörterbuch der Feministischen Theologie. Ihre guten Beziehungen zum Gütersloher Verlagshaus waren dabei eine große Hilfe, hatte sie doch in diesem Verlag ihre gut verkauften Bücher veröffentlicht.[4] Der Verlag stellte für das neue Projekt einen Lektor zur Verfügung, mit dem wir sechs Theologinnen – drei evangelische, drei katholische – uns immer wieder zusammenfanden, um zuerst die benötigten Stichworte zu diskutieren und dann die Verfasserinnen der Beiträge zusammenzutragen. Es war eine wunderbare und fruchtbare Zusammenarbeit von Theologinnen der drei deutschsprachigen Länder, und es wurde das erste Wörterbuch der Feministischen Theologie weltweit, erschienen 1991 (2. Aufl. 2002). Allein dieses Projekt zu schildern, würde ganze Seiten füllen. Es sollte auch zeigen, dass Frauen anders zusammenarbeiten als Männer, was der einzige Mann in der Runde, der Verlagslektor Raul Niemann, immer wieder lobend erwähnte.

„Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen“ (ESWTR)

Dies alles hielt Elisabeth Moltmann-Wendel aber nicht von anderen Projekten ab. Fast gleichzeitig prüften wir in Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf (ÖRK), wie eine internationale Vernetzung feministischer Theologinnen aussehen könnte. Wir stellten uns einen Verein vor, der ganz Europa umfassen sollte. Nicht zuletzt ging es auch darum, einen Gegenpol gegen die übermächtige Dominanz der USA zu setzen. Schließlich gründeten wir im Jahr 1986 den Verein „Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen“ (ESWTR) in der neutralen Schweiz, denn dies alles geschah noch vor dem Mauerfall 1989. In weiser Voraussicht waren die östlichen Länder Europas jedoch schon mit einbezogen. Der Sitz des Vereins war und ist Basel, und die beiden Schweizer Theologinnen Doris Strahm und Regula Strobel leisteten einen Großteil der Arbeit zur Vorbereitung der Vereinsgründung und für die Statuten. Weil das Boldernhaus bei Zürich gerade in Renovation war, mussten wir für die Vereinsgründung an einen relativ unbekannten Ort ins Tessin ausweichen. Dort fanden sich 80 Theologinnen aus ganz Europa ein. Den Festvortrag hielt Elisabeth Gössmann, die eigens dafür aus Japan hergeflogen kam. Heute hat die ESWTR mehr als 600 Mitglieder aus über 30 europäischen Ländern.

Feministische Theologie als kritische Theologie

Elisabeth  Moltmann-Wendel und Elisabeth Gössmann erhielten übrigens 1997 als erste Frauen den Herbert Haag-Preis in Luzern, wo ich selbst die Laudatio für Elisabeth Gössmann halten durfte.

Bei den vielen Anregungen und Neuentwürfen darf nicht vergessen werden, dass die Feministische Theologie von Elisabeth Moltmann-Wendel immer eine kritische Theologie war. Daher hatte sie auch viele GegnerInnen. Manche ideologischen Entwürfe und solche, die ihr zu weit gingen oder Männer ganz ausschlossen, lehnte sie ab. Es gab auch Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Richtungen feministischer Theologie. Diese Kämpfe hier zu beschreiben, würde jedoch zu weit führen.[5]

„Wenn Gott und Körper sich begegnen“

Ein zentrales Thema war für Elisabeth Moltmann-Wendel die neue Deutung des Körpers in der Theologie. Körperlichkeit und Leiblichkeit wurden ja in den Kirchen sehr ambivalent gesehen – der „Geist“ stand haushoch über dem „Körper/Fleisch“. Vor allem der Frauenkörper wurde jahrhundertelang verachtet und verschmäht. Frauen wurden vor allem durch Körperlichkeit und Sexualität definiert – auch als Gefahr für den Mann, als Anlass zur Sünde – Männer dagegen durch Geist. Dabei heißt es doch in Joh 1,18: „Das Wort (logos) ist Fleisch (sarx) geworden“, und nicht etwa „Mensch“ oder „Mann“. Wie kann etwas verachtenswert sein, was vom Sohn Gottes selbst ausgesagt wurde? Die Beachtung des weiblichen Körpers fand Elisabeth Moltmann-Wendel in zahlreichen Heilungsgeschichten Jesu an Frauen, die an ihrer Leiblichkeit litten. Von ihrer Arbeit an diesem Thema zeugen die beiden Bücher „Wenn Gott und Körper sich begegnen“ (1989) und „Mein Körper bin ich“ (1994).

 Ganzheit und Erfahrung

Ein wichtiges Schlagwort Elisabeths war der Satz; „Ich bin gut, ich bin ganz, ich bin schön!“ Sie bearbeitete das Stichwort „Ganzheit auch für das Wörterbuch der Feministischen Theologie. Es wurde zu einem Grundbegriff für das erste Jahrzehnt der Feministischen Theologie und findet sich davor in keinem theologischen Wörterbuch. Ein zweiter Begriff vergleichbarer Art war „Erfahrung“. Die Erfahrung von Frauen, wie sie sie auch selbst erlebt hatte, war für sie eine Quelle der Theologie. Dass Frauen die Welt, das Leben, ihren Körper usw. anders erfahren als Männer, ist inzwischen in vielen Studien dokumentiert. So hat sie Jahrzehnte lang grundlegende Anstöße gegeben für weiterführende feministisch-theologische Arbeiten.

Gegen Ende ihres aktiven Lebens war Elisabeth Moltmann-Wendel sehr besorgt um den Weiterbestand der Feministischen Theologie. Unser letzter gemeinsamer Auftritt an der Evangelischen Akademie Bad Godesberg bei Bonn (2012) sollte eine Art Bilanz ziehen unter der Fragestellung „Ist Feministische Theologie am Ende?“. Unsere jahrzehntelangen Bemühungen, die kontextuellen Ansätze und Neuentdeckungen werden wohl auf verschiedene Weise aufgenommen und weiter entwickelt. Unsere Ansichten schwankten zwischen Skepsis und Hoffnung – wir hofften auf neue Generationen von Frauen und Männern, die sich nicht auf den Errungenschaften der Pionierinnen ausruhen!

Helen Schüngel-Straumann, Prof. Dr. theol., ist Bibelwissenschaftlerin, Feministische Theologin und Initiantin der Helen Straumann-Stiftung für Feministische Theologie

Bild: www.zvab.com

[1] Über sie wurden schon mehrere Nachrufe geschrieben, u.a. auf der Homepage der Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen Deutschschweiz / Liechtenstein; hier war sie „Frau des Monats Juli“, vgl. https://feministische-theologinnen.ch/elisabeth-moltmann-wendel-gestorben/.

[2] Elisabeth Moltmann-Wendel, Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht erreichen. Autobiografie, Zürich 1997, aktualisierte Neuauflage Hannover 2002.

[3] Solches war übrigens in der Schweiz noch länger als in Deutschland üblich: Frauen verloren automatisch ihre Stelle als Lehrerin, wenn sie heirateten.

[4] Z.B. Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus, 1980; Das Land, wo Milch und Honig fließt. Perspektiven einer feministischen Theologie, 1985.

[5] Vgl. dazu die Autobiografie von Elisabeth Moltmann-Wendel (Anm. 1).

Print Friendly, PDF & Email