«Wer mit den Frauen umgehen kann, kann auch mit einem Bistum umgehen»

Kurz nach dem Sexismus-Ausfall des deutschen FDP-Chefs Lindner geschieht ganz Ähnliches in der Kirche. Das sollte nicht unter den Teppich gekehrt werden, denn es zeigt etwas Wesentliches. Ein Zwischenruf von Daniel Bogner.

Wer meint, der Altherrenwitz sei dem Milieu der angestaubten Bürgerlichkeit vorbehalten, irrt. Auch in der Kirche wird er gepflegt, an unvermuteter Stelle, und er ist gerade deswegen von enthüllender Wirkung. Im Osnabrücker Dom vollzog der dortige Bischof jüngst die Stabsübergabe im Amt des Generalvikars. In seiner Ansprache fällt, als es persönlich werden soll, der Hinweis, sowohl der alte wie der neue Amtsinhaber hätten ja als Frauenseelsorger gearbeitet und, eben, «wer mit den Frauen umgehen kann, der kann auch mit einem Bistum umgehen». Und dann, nachgeschoben, mit verstohlenem Blick zur Seite: «Oh, da hab ich jetzt was gesagt».

Stille, Raunen, verhaltenes Lachen, eine vermeintlich klärende Verstehenshilfe des Sprechers – die Äußerung ist aufgebaut wie Lindners Anspielung aufs morgendliche Aufwachen neben seiner Generalsekretärin. Bereits der Form nach ein Altherrenwitz, mit allem, was dazugehört: Die Erwartung, mit der Aussage beim eigenen Publikum irgendwie Punkte zu machen, eine scheinbar naiv-unschuldige Rhetorik, die Kunstpause, dann die Bereitschaft, das verdruckst-höfliche Lachen als Bestätigung eines inneren Verständnisses zwischen Sender und Adressaten zu interpretieren.

Frauen – das andere Geschlecht

Vor allem aber die Formulierung ist es, über die man stolpert: «mit den Frauen umgehen». Aha, so muss man sich das vorstellen. Wenn ihr im Hochklerus unter euch über die Kirchenleitung nachdenkt, dann geht’s drum, bestimmte Gruppen zufrieden zu stellen. Leitbild ist nicht, wie wir irgendwie seit dem Konzil dachten, die Kirche als das gemeinschaftliche Volk Gottes, sondern halt doch immer noch die per Klerus garantierte Versorgerkirche. 

Kirche ist gar nicht Kirche von allen, sondern Kirche für einzelne Gruppen – hier: für die Frauen. Die müssen irgendwie «bedient» werden, abgespeist, und dafür gibt’s dann die mehr oder weniger geschickten Pastoraltechniker, allesamt männliche Priester, selbstredend. Und wer diese knifflige Aufgabe löst, der ist zu Höherem berufen…

Ja, da schwingt Zynismus mit, und der kommt nicht von ungefähr. Denn solche Aussagen aus dem Mund derer, die sich als Reformbischöfe verstehen, sind besonders aufschlussreich. An der Formulierung wird so vieles deutlich und an ihr ist so gut wie alles falsch: «Die» Frauen als zu versorgende Adressatinnen, eine männliche Klerikergruppe, die intern Überlegungen anstellt, wie man diese «anderen» irgendwie zufrieden stellt (ohne sie wirklich zu kennen), dahinter die Realfiktion einer leitenden Männer-Kirche, das Mannsein als der Regelfall vom Menschsein und die Frauen als Spezialfall, für die es eine Kategorialversorgung braucht. Und nicht zuletzt der monarchische Herrschaftstypus («wissen, wie man mit einem Bistum umgeht») – die ihm äußerliche und fremde Geschlechtergruppe und sein territoriales Dominium werden vom guten Monarchen ganz parallel ins Auge genommen …

Nicht Augenhöhe und Teilhabe – sondern Einhegung und Versorgung

Geschwisterliche Kirche – war da irgendwas? Nein, Missverständnis, es geht nicht um Augenhöhe und Teilhabe, sondern um Einhegung und Versorgung. Die Vokabel «umgehen mit» wird verwendet, um auszudrücken, dass es einen Widerstand, vielleicht auch ein Problem gibt, das «gehandelt» werden muss. Bestätigt wird hier eine dichotomische Struktur, nicht Solidarität, wechselseitige Verwiesenheit und gemeinsame Verantwortung für die Sache des Glaubens. FDP-Chef Lindner und der Bischof, so weit liegen sie nicht auseinander. Der eine greift zum simplen, ganz unverstellten Sexismus («Frauen, das sind doch die, neben denen man morgens im Bett aufwachen kann»), beim anderen ist es etwas subtiler, eben der typisch katholische Sexismus: «Frauen, das sind die, für die man vom geweihten Amt aus sorgen muss». Der eine nicht besser als der andere. Und das alles mehr oder weniger unfreiwillig offenbart von einem derer, die sich die Reform der Kirche auf die Fahnen geschrieben haben. Es ist ein déjà-vu: Alles, was diese katholische Kirche für so viele zur Katastrophe macht, tritt in dieser kurzen Szene vor Augen.

Nun mag man fragen: Na, muss man denn derart streng sein? War der Amtsträger, der ja auch ein Mensch ist, hier nicht nur tollpatschig, der Sache nach aber doch wohlmeinend und halt wohl etwas naiv? Ja, das mag sein. Aber es spielt ebenso wenig eine Rolle wie bei Lindner. Naivität schützt nicht davor, für Fehler kritisiert zu werden. Das gilt umso mehr, wenn diese Fehler als Ausdruck fehlerhafter Strukturen und einer unheilvollen Grundhaltung gedeutet werden müssen.

Was will man als Frau in dieser Kirche noch erwarten?

Ja, man kann darüber hinweggehen. Aber was sollen junge, selbstbewusste, erfolgreiche Frauen von heute in dieser Kirche denn noch erwarten, wenn selbst der Vorsitzende der Frauenkommission der Deutschen Bischofskonferenz sich in Herrenwitzen ergeht? Keiner darf sich wundern, wenn noch mehr Frauen sich nicht ernst genommen fühlen, ausziehen, nicht zurückkommen. Und das ist beileibe nicht nur ein Thema der Frauen, es betrifft auch die Männer. Denn viele Männer sind es heute gewohnt und schätzen es, diese Welt mit anderen Männern und Frauen als wirklichen peers zu bewohnen und zu gestalten. Wie will man Männern eigentlich abverlangen, die Frauen, die sie lieben, die Töchter, die sie erziehen, die Kolleginnen, die sie anerkennen, in einer Kirche zu wissen, in denen weibliche Wesen als Sonderfall des Menschseins und als pastorale Betüddelungsobjekte betrachtet werden?! Als Männer, die Mitglieder dieser Kirche sind, werden sich viele fremdschämen vor so einem Gespensterbild der Geschlechterrollen. Und als Männer, die vielleicht einen Beruf in der Kirche ergreifen möchten, werden sie abgeschreckt sein, eine Institution gestalten zu müssen, die solche Geschlechterrelationen zum inneren Leitbild erhebt.

Herr Bischof, Ihr Satz ist nicht unschuldig!

Wie viele bessere Alternativen hätte es doch gegeben! Der Bischof von Osnabrück ist nicht irgendwer, er hat, wie man so sagt, Fallhöhe. Als einer der wortmächtigsten Verteidiger des Anliegens, den Frauen einen neuen Platz in der Kirche zu geben, tritt er für den Frauendiakonat ein und hat in Luzern jüngst ein theologisches Ehrendoktorat für dieses Engagement verliehen bekommen. Was wäre da angemessen gewesen? Er hätte die Szene im Dom nutzen können für sein Mandat! Dann hätte er beispielsweise sagen können: «Wenn jemand in der Frauenseelsorge war und Generalvikar wird, zeigt das, wie wichtig die Frage nach dem Geschlechterverhältnis in der Kirche heute ist.» Oder: «Es zeigt, wo gegenwärtig unsere grösste Baustelle liegt!» Oder: «Frauenseelsorge, das ist der Schmerzpunkt der Kirche, da brauchen wir die besten Köpfe – bring bitte die Sensibilitäten aus dieser Zeit in dein neues Amt mit und gestalte die ganze Kirche damit neu!» Aber was hat er gesagt? Nichts davon, stattdessen: ein Altherrenwitz biederster Sorte. Als «Frauenbischof» enttäuscht er gerade diejenigen massiv, für die er da ist.

Solidarität mit den Reformbischöfen? Nur weil sie der letzte Strohhalm sind

Und wir, die wir da potentiell (noch) in der Gemeinde sitzen und das alles hören? Warum schreit da keiner auf und verlässt die Kirche? Die mitfeiernden Bischöfe, der scheidende Sekretär der Bischofskonferenz in Reihe eins? Woher noch der Beifall? Da gibt es mehrere Spuren für die gleiche Reaktion: Bei den einen ist es das gequälte Mitlächeln. Man will irgendwie höflich sein und lässt es ihm durchgehen. Gespeist wird das aus tief sitzendem katholischen Ständebewusstsein im Schema von hörender und lehrender Kirche. Bei anderen wiederum öffnet der Spruch ein Ventil: Huch, ein Bischof, der doch qua Zölibat schon kein engeres Verhältnis zu den Frauen haben wird, spricht da über den priesterlichen Umgang mit dem fremden Geschlecht. Es ist die verdruckst-verklemmte Reaktion, ein «Hihi» und seinerseits trauriges Resultat einer lebenslangen Sozialisation im katholischen Genderghetto.

Und dann gibt es die dritten, die in paradoxer Intervention mit ihrem Lachen eine Brücke der Sympathie und vielleicht auch des Mitleids mit dem Oberhirten schlagen. Es ist vielleicht die katholische Variante des Phänomens, dass man aus der Not heraus eine Allianz mit jenen aufbaut, die für die eigene Notlage mitverantwortlich sind. Die sich reformbereit gebenden Oberen sind der letzte Strohhalm, an den man sich da klammert, um das Bleiben in der Kirche noch rechtfertigen zu können – in einem System, das strukturell keinerlei Wege zu seiner Überwindung oder Weiterentwicklung von innen heraus vorsieht, allenfalls semantische Platzhalter («Synodalität» etc.), die von den höchsten Autoritäten schnell entsprechend zurecht gestutzt werden. 

Der Lapsus: Ausdruck eines Systemmangels

Die Szene ist keine isolierte Kleinigkeit, denn in ihr zeigt sich eine problematische Verkettung, bei der es ums Ganze geht: Die Verfassung dieser Kirche gibt mit der Klerus-Laien-Zweiteilung, einer patriarchal ausschlagenden Geschlechterhierarchie und einem Begriff nicht-egalitärer Spezialwürde die Bahnen für Denken und Handeln vor. Das hat Haltung und Habitus der handelnden Akteure über Jahrhunderte geprägt. Alle theologisch errungenen und historisch erkämpften Verflüssigungen dieser Grundordnung sind kaum von Bestand, solange sie von keiner erneuerten Verfassungsordnung unterstützt werden. Die falsche Verfassung, das falsche Denken, die falsche Haltung – ein rhetorischer Lapsus wie der des Bischofs ist Ferment eines Systemmangels, und gerade die Worte eines «Reformers» zeigen das deutlicher als alles andere.

Woran können wir uns halten?

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. 

Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.  (Gal 3,26-29)

Was der Apostel Paulus gesagt hat, muss die Kirche noch lernen, so scheint es.

Prof. Daniel Bogner lehrt Moraltheologie und theologische Ethik an der Universität Freiburg/Schweiz. Er ist Mitglied der Feinschwarz-Redaktion.  Bild: Katrin Schindler – pixelio.de

 

Anmerkung der Redaktion am 30. September 2020:

Auf die durch den Beitrag ausgelöste Diskussion hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode in seinem Blog auf der Website des Bistums Osnabrück reagiert (Text hier, Bericht bei katholisch.de hier): „Das hätte ich nicht sagen sollen.“ Wir nehmen dies mit Respekt zur Kenntnis.

 

 

 

 

 

 

 

 

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