Wie funktioniert Spiritualität im 21. Jahrhundert?

Spiritualität im 21. Jahrhundert

An der St. Galler Corona-Bibel haben während des Lockdowns rund 1000 Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus mitgeschrieben. Ab dem 4. November wird das Gemeinschaftswerk online zugänglich sein. Uwe Habenicht, der Initiator des Projekts, ist überzeugt, dass es für solche Projekte mehr braucht als nur einen Geistesblitz.

Die Zeit drängte. Der Lockdown lag bereits in der Luft und ich überlegte an meinem Schreibtisch, welche Möglichkeiten es gibt, Menschen in den kommenden Wochen trotz Ausgangssperre und Versammlungsverbot die Möglichkeit zu geben, sich in eine grosse Gemeinschaft eingebunden zu fühlen. Dann kam mir die Idee: Wir schreiben die Bibel neu. Mit der Hand. Jeder und jede ein Kapitel. Zwei Stunden vor dem Lockdown in der Schweiz am 16. März, sass ich dann mit drei Kolleginnen und Kollegen der katholischen Cityseelsorge zusammen, um die Eckpfeiler der St. Galler Corona-Bibel zu besprechen. Wie gelingt es uns, 1189 Personen zu finden, die jeweils ein Kapitel der Bibel mit der Hand abschreiben, wenn gewünscht auch kommentieren und illustrieren, und an das Team schicken?

Wir schreiben die Bibel neu. Mit der Hand.

Handschrift
Handgeschriebene Kapitel der Corona-Bibel. Foto: Uwe Habenicht

Mit dem Leiter der Stiftsbibliothek war bereits besprochen, dass er diese neugeschriebene Bibel in den Bestand der weltberühmten St. Galler Stiftsbibliothek als einzigartiges Zeitzeugnis aufnehmen würde. Das war eigentlich schon alles. Nach einer Stunde waren die wichtigsten Aufgaben verteilt: Matthias würde die Pressearbeit übernehmen, Roman die Gestaltung der Website, Ann Katrin fertigt die ersten Musterseiten an und ich drehe einen kurzen Trailer, der die Idee vorstellt, und kümmere mich um einen Teil der Doodles, über die man ein Kapitel für sich auswählt. Beim anschließenden Besuch bei der Buchbinderin erfahre ich noch alles über die notwendigen Abstände und Ränder, damit beim Binden nichts verloren geht. Als Papier schlagen wir das weisse Kopierpapier vor, das die meisten ohnehin daheim haben. Das war`s. Mehr brauchte es nicht. Um 18 Uhr an diesem 16. März schlossen für mehrere Wochen die Läden und Kirchentüren, das soziale Leben kam zum Erliegen, die Grenzen waren bereits geschlossen.

Nach einer Stunde waren die wichtigsten Aufgaben verteilt.

So in etwa habe ich vom Entstehen der St. Galler Corona-Bibel für etliche Radio- und Zeitungsinterviews in die Mikros, Bildschirme und Telefonhörer erzählt. Blickt man auf die äußeren Umstände, ist an dieser Version auch nichts auszusetzen, denn die Geschichte dieser handgeschriebenen Bibel des 21. Jahrhunderts lässt sich durchaus so erzählen. Allerdings, und darum soll es im Folgenden gehen, birgt diese Version die Gefahr, das Wesentliche zu verdecken. Nichts gegen Geistesblitze, geniale Einfälle, die Küsse der Musen und das plötzliche Einfahren des Heiligen Geistes. Doch vor all diesen angeblichen Blitzmomenten liegt langes und intensives Nachdenken. Theologische Entdeckungen fallen sehr viel seltener vom Himmel als erhofft. So hat nicht nur die Lutherforschung zeigen können, wie lange der sogenannte reformatorische Durchbruch in Luther gegärt hat und gereift ist. Mit anderen Worten: Wenn wir unseren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen etwas Tragfähiges und Nährendes anbieten möchten, dann braucht es dazu vorherige theologische Arbeit, die Orientierung und Überblick bietet. Für den Bereich der Spiritualität, also der gelebten Religion, geht es nicht ohne den scharfen Blick auf die Abgründe und Risse der Gegenwart. Denn Spiritualität nach meinem Verständnis bezieht sich entweder auf das Leiden in und an der Gegenwart oder sie ist keine Spiritualität im Vollsinn.

Theologische Entdeckungen fallen sehr viel seltener vom Himmel als erhofft.

Handgeschriebens Kapitel der Corona-Bibel Hebräisch-Deutsch. Foto: Uwe Habenicht

Unter theologischer Arbeit im Blick auf Spiritualität verstehe ich somit die Wahrnehmung der Gegenwart und das Finden fundamentaler Strukturen der Religion. Wie und nach welchen Mechanismen „funktioniert“ unser Glaube? Was ist wirklich notwendig und was verstellt den Blick auf die tragenden Fundamente? Anhand dieser Fragen habe ich meine Landkarte der Spiritualität entworfen, die ich „Freestyle Religion“ nenne. Das vom italienischen Künstler Michelangelo Pistoletto entworfene Symbol eines erweiterten Unendlichkeitszeichens diente mir dabei als Modell. Dieses bekannte Zeichen wird um ein weiteres Feld ergänzt, so dass drei miteinander verbundene Bereiche entstehen, die die drei Bereiche des Religiösen umschliessen:

  • Das Mystisch-Kontemplative steht für die individuell-religiösen Erfahrungen, die jede und jeder in der stillen Kammer bei verschlossener Tür macht: Meditation und Bibelstudium, Gebet und Gebärde.
  • Auf der gegenüberliegenden Seite liegt das Feld des weltzugewandten Handelns, das öffentlich und politisch Welt mitgestaltet, die Hungrigen speist, für Klima und gerechtes Wirtschaften eintritt, Material formt und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit ermöglicht.
    Zurzeit werden viele Schweizer Kirchgemeinden öffentlich kritisiert, weil sie für die Abstimmungsinitiative zur „Konzernverantwortung“ deutlich und sichtbar (mit Bannern an den Kirchtürmen) eintreten. Über die Formen der Kommunikation kann man streiten. In der Sache würden sich die Kirchen langfristig selbst aushöhlen, würden sie in solchen Fragen schweigen. Denn das öffentliche Eintreten für Verantwortung Mensch, Tier und Klima gegenüber und das Einfordern gesellschaftlicher und globaler Gerechtigkeit lässt sich nicht vom christlichen Glauben trennen, ohne ihn seiner Alltagsrelevanz zu berauben.
  • Das mittlere Feld, welches das „Liturgisch-Kultische“ umfasst, also das gemeinschaftliche Feiern, speist sich wesentlich aus den beiden umliegenden Feldern. Wenn im Feiern des Gottesdienstes das engagierte Eintreten für etwas und für andere nicht spürbar ist, läuft der Gottesdienst leer. Dass viele Menschen trotz aller Bemühungen unseren Gottesdiensten fern bleiben, hat eben damit zu tun: Viele kommen nicht, weil sie spüren, dass man nur gregorianisch singen darf (der Satz Bonhoeffers klingt hier nach), wenn man auch im Alltag wenigstens ein Stück dessen lebt, was im Gottesdienst zwischen die betenden Hände eingeschlossen wurde. Die anderen bleiben inzwischen dem Gottesdienst fern, weil sie im Singen und Beten ihrer Gemeinde keinen Herzschlag für die Wunden der Gegenwart spüren und das Predigen, Singen und Beten als weltabgewandt erleben. Da helfen auch alle gottesdienstlichen Kompetenzzentren nichts. Das gemeinsame Feiern speist sich aus der mitgebrachten Spiritualität der einzelnen und diesem spürbaren Herzschlag für die Welt.

Drei Bereiche des Religiösen

Diese dreiteilige spirituellen Grundstruktur, die die menschlichen Grundbeziehungen widerspiegelt, war es, die mir geholfen hat, für die Zeit des Lockdowns die Initiative der St. Galler Corona-Bibel vorzuschlagen. Denn mir war bewusst, dass es für die Zeit der Isolation wichtig sein würde, das Individuelle des Mystisch-Meditativen mit der Perspektive des Gemeinschaftlichen und des Gestaltens zu verbinden. Die persönliche Spiritualität konnte sich durch das Abschreiben am biblischen Text reiben und abarbeiten. Eine Künstlerin, die die Gestaltung des Deckblattes für ein Prophetenbuch übernommen hatte, schrieb mir, dass sie mit dem Gottesbild dieses Propheten ganz und gar nicht übereinstimme und deshalb von der übernommenen Aufgabe wieder zurücktrete. Ich bat sie, eben dieses Ringen und diese Auseinandersetzung zum Thema ihres künstlerischen Entwurfs zu machen. Wenig später schickte sie mir ihr Deckblatt, dem die Tiefe der Auseinandersetzung anzusehen war.

Die persönliche Spiritualität konnte sich durch das Abschreiben am biblischen Text reiben und abarbeiten.

Das Mystisch-Kontemplative braucht ein Gegenüber, an dem es wachsen, ringen und sich reiben kann. Alles andere wäre blosses Selbstgespräch. Die St. Galler Corona-Bibel bot den Menschen, die Gelegenheit zu solch elementarer Auseinandersetzung, viele Kommentare und Illustrationen spiegeln dies wider. Wer durch die 3811 Seiten mit ihren so unglaublich verschiedenen Handschriften blättert, dem erschliesst sich bereits ein Teil davon. Die Kommentare und Illustrationen vertiefen diese Eindrücke. Erstaunliche Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart ergeben sich, wenn etwa zur Paradiesgeschichte oben eine Schlange gezeichnet wurde und sich unten eine Darstellung des Coronavirus findet. Schreiben war immer schon ein therapeutisches Heilmittel gegen die Verzweiflung. Das Abschreiben eines biblischen Kapitels befreit uns vom Druck der Gegenwart, verbindet uns mit anderen, die zu früheren Zeiten wie wir gehofft haben und verzweifelt waren und all dies in ihr Ringen mit Gott und vor Gott gebracht haben.

Schreiben war immer schon ein therapeutisches Heilmittel gegen die Verzweiflung.

Ein weiteres wichtiges Element zeigt das Schreiben, wenn es sichtbarer Teil einer Gemeinschaft wird. Wer mitgeschrieben hat, wusste, dass viele andere das Gleiche auch tun. Die Originalausgabe der St. Galler Corona-Bibel fügt in 7 Bänden das Handschriftenmeer zusammen. Wenn wir im Frühjahr 2021 die Übergabe an die Stiftsbibliothek mit allen Beteiligten feiern werden, dann wird diese Gemeinschaft nochmals sichtbar und spürbar. Aus unzähligen Emails und Gesprächen ist mir bewusst geworden, wie wichtig dieses Erleben von Gemeinschaft sein wird. Die bisher nur imaginierte Gemeinschaft wird nun tatsächlich und real. In der Zeit des Lockdowns waren viele von ihren Alltagsroutinen abgeschnitten. Das Schreiben, Kommentieren und Gestalten war deshalb eine wichtige Erfahrung der Selbstwirksamkeit. In dieser Zeit konnten wir vieles nicht mehr und doch gab es die Möglichkeit, sich gestaltend zu dieser Situation zu verhalten.

Corona-Bibel
Corona-Bibel mit Handschriften und Zeichnung. Foto: Uwe Habenicht

Innerhalb von rund 10 Wochen lagen uns alle 1189 Kapitel handschriftlich vor. Unsere Einladung, an einer geistlichen Übung allein und doch in Gemeinschaft teilzunehmen, war gelungen.

Dann wird diese Gemeinschaft nochmals sichtbar und spürbar.

Wenn wir als Verantwortliche der Kirchen Menschen spirituell begleiten wollen, dann braucht es einen klaren Blick dafür, was tragfähige Spiritualität ausmacht. Bei jedem Angebot sollten wir wissen, in welchem der drei Felder wir uns bewegen. Uns sollte bewusst sein, was genau wir stärken und anregen möchten, welche Bereiche miteinander verbunden werden sollen.

Freestyle Religion steht dabei für ein Modell der Spiritualität, das den Einzelnen bewusst grosse Spielräume der Gestaltung lässt und nicht-doktrinär auftritt. Als Kirchen können wir Menschen bei ihrer spirituellen Suche nur begleiten. Wir können ihnen nicht sagen, welche Formen und welche „moves“ sie brauchen. Wir können ihnen aber einen Rahmen anbieten, der bestimmte Erfahrungen ermöglicht und zuspielt.

In diesem Sinne „funktioniert“ Spiritualität im 21. Jahrhundert: Minimalistisch sich auf das Grundlegende konzentrierend, nicht-doktrinär und mit viel Raum für Individualität, die sich in ein Ganzes fügen kann, sowie Verbindung schaffend zu einer Gemeinschaft, die der einzelnen Person den Rücken stärkt.

Einen Rahmen anbieten, der bestimmte Erfahrungen ermöglicht.

Die St. Galler Corona-Bibel ist ab November online zugänglich: www.coronabibel.ch

Zum Jahrestag des Lockdowns im März 2021 wird es dort auch einen Gottesdienstentwurf für einen Erinnerungsgottesdienst mit Elementen aus der St. Galler Corona-Bibel geben.

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Text und Bilder:
Uwe Habenicht, verheiratet, 3 Kinder, Pfarrdienst in Deutschland und Italien; seit 2017 als Pfarrer in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit. Seine „Konturen des Neuen“ umfassen bisher zwei Bücher:

„Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistische Spiritualität, Echter Verlag, 2. Auflage 2020

„Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt – eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert, Echter Verlag, 2021.

Siehe auch:

Minimalistisch glauben. Eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert

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