„Was wirst du jetzt tun, meine Liebe?

Daniela Feichtinger, Promovendin im Fach Altes Testament, berichtet, wie sie als erklärte Atheistin ohne kirchliche Sozialisierung zur Theologie kam, nach und nach lernte, deren Sprache zu sprechen – um sich ins Jenseits dieser Sprache vorzutasten.

Ich stelle mir vor, ich wäre der abtrünnige Sohn gewesen. Dann hätte ich voller Reue und voller Scham ohne Geld nach Hause zurückkehren müssen. Dann wäre mir mein barmherziger Vater entgegengelaufen und hätte ein Fest für mich gefeiert.

Aber ich schämte mich gar nicht. Ich war nicht auf dem Weg nach Hause. Gut, in meinen Taschen war nicht viel, mit dem es sich wirklich leben ließ. Aber ich hielt die Augen offen. Wäre mir ein alter Mann entgegengekommen und hätte mich umarmen und küssen wollen – ich hätte mich seinem Griff entwunden, ihn abgewehrt, ihn angezeigt. Ich wollte nicht gefunden, nicht ergriffen und bedrängt werden.

Die Welt war voller Irrer. Und ich war ein kritischer Geist.

Väter kennen ihre Kinder, vor allem die frechen. Der meine wusste, ich würde ihn nicht treffen wollen. Darum stellte er sich nicht vor das Haus und versteckte sich nicht in einem brennenden Dornbusch. Mose mag das beeindruckt haben. Ich hätte einem Gewächs, das sich als „Ich bin da“ vorstellt, aufs Äußerste misstraut. Die Welt war voller Irrer. Und ich war ein kritischer Geist.

Ich brannte für die Philosophie – nicht für eine Denkrichtung, sondern für das Denken an sich, das hemmungslose Zerdenken von allem, was einem Menschen Halt geben konnte. Selbstverständliches provozierte mich heftig. Das Zeitlose, Absolute, Wahre wurde von mir ziemlich respektlos seziert. Ich näherte mich einem denkerischen Nullpunkt – als ich maturierte, waren meine Taschen leer.

Erklärte Atheistin ohne kirchliche Sozialisierung, die beschließt, Theologie zu studieren

Einige Monate zuvor hatte ich beschlossen, Theologie zu studieren. Als erklärte Atheistin ohne kirchliche Sozialisierung, die seit Jahren nichts anderes als Psychologin werden wollte, war das für meine Verhältnisse ein auffallend irrationaler Entschluss. Gläubig werden, sagte ich mir damals, um mich zu beschwichtigen, muss ich deshalb aber noch lange nicht.

In der Theologie gab es noch Lehrgebirge, an denen ich mich abarbeiten, die ich untergraben konnte. Hier behauptete noch jemand konsequent, etwas sei richtig, etwas sei wahr. Das reizte mich aufs Blut. Fremde Sprachen, fremde Gedankengebäude, die auf ihren Einsturz warteten. Nein, an Selbstüberschätzung mangelte es nicht – und mit der Zeit ebenso wenig an Bescheidenheit. Je kräftiger sich nämlich mein Denken in die Theologie verbiss, desto deutlicher schwand mein innerer Widerstand. Ich begann, Ehrfurcht zu empfinden vor den Dingen, auf die ich meinen Verstand wie einen Bluthund hetzte.

Gott feierte kein Fest für mich, als ich bei ihm ankam, das heißt: in meiner denkerischen Lust plötzlich eine Tür zu viel aufriss und mitten in seinem Wohnzimmer stand. Erstens hatte ich ihn ja nicht treffen wollen und zweitens musste ihm klar sein, wie sehr ich Überraschungspartys hasste. Er wollte mich wohl nicht beschämen, als ich, ohnedies peinlich berührt, in dieser letzten aller Türen stand.

Wie Bob Dylan in „A Hard Rain’s Gonna Fall“ zählte ich einfach auf, was ich mit meinen knapp zwanzig Jahren beobachtet und erfahren hatte.

Ohne sich etwas anmerken zu lassen, fragte er mich also, wo ich all die Jahre gewesen sei. Obwohl er die Antwort längst kannte, lag in seiner Frage nicht die geringste Spur eines Vorwurfs: Er wollte die Welt und mich tatsächlich kennenlernen – und ich erzählte ihm ungeniert von beidem. Er zwang mich nicht, meine Vergangenheit gering zu achten, und ich empfand auch keine Reue über die nihilistischen Talfurchen, die ich mit Camus und seinesgleichen durchwandert war.

Wie Bob Dylan in „A Hard Rain’s Gonna Fall“ zählte ich einfach auf, was ich mit meinen knapp zwanzig Jahren beobachtet und erfahren hatte: Verzweiflung, Liebe, Unschuld, Banalitäten und Außergewöhnliches, Menschen in abertausenden Lebenslagen. Gott ließ es unkommentiert stehen. Bloß eines wollte er wissen: „Was wirst du jetzt tun, meine Liebe?“

Ich studierte mit unbändiger Freude Theologie; mein Herz hing daran. In meinem Feuereifer gab es kaum etwas, das mich nicht interessierte. Außerdem hatte ich meine Scheu vor dem kirchlichen Leben verloren. Wie eine Analphabetin, die erst spät das Lesen lernt – oft ungeschickt und auf die Hilfe anderer angewiesen – mischte ich mich unter das Volk Gottes.

Meine Sprache war erodiert unter den Sedimentmassen von tausenden Jahren.

Am Ende meines Studiums hatte ich viel gewonnen und viel verloren. Meine Sprache war erodiert unter den Sedimentmassen von tausenden Jahren. Die Lebhaftigkeit und Frische, mit der ich mich und die Welt in die Gegenwart Gottes gebracht hatte, war einer nüchternen, analytischen Sprache gewichen. Diese war sehr viel präziser als das symbolgeladene Geplapper der Achtzehnjährigen, doch ließ sich das, was mir die Welt bedeutete, durch sie nicht ausdrücken. Mir fehlte die urteilsfreie Sprache der Poesie. „Was wirst du jetzt tun, meine Liebe?“

Im Niemandsland zwischen Wissenschaft und Poesie.

Gott sah meine Not und ersparte mir auch diesmal die Überraschungsparty. In dieser Hinsicht ist er immer sehr bescheiden geblieben. Auf gewundenen Pfaden lotste er mich kurz vor Studienende zu den Schriften Madeleine Delbrêls, an denen sich mein Reden von Neuem entzündete. Mit ihrer eleganten, eigenwilligen Sprache rückte sie meine aus den Fugen geratene Ehrfurcht zurecht, denn ihr war der klobige Wortballast völlig fremd, den ich mir in jahrelanger Disziplin antrainiert hatte. Erleichtert warf ich ihn daher über Bord: Ich fasste Mut, mich meiner eigenen Sprache zu bedienen.

Die Sprache der Wissenschaft habe ich mir bewahrt – nicht als Souvenir meiner Studienzeit, sondern als großartiges Sezierbesteck, mit dem ich mir und anderen Teile der Welt erschließen kann, die der Lyrik entzogen bleiben. Ab und an wage ich auch einen Grenzgang im Niemandsland zwischen Wissenschaft und Poesie: Dort liegen fruchtbare Äcker brach. Gott hat schon gefragt, was ich mit ihnen anfangen will.

(Text: Daniela Feichtinger; Photo: Theologische Fakultät Graz)

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