„Wie macht man das also – glauben?

Wenige Monate vor seinem Tod bin ich den „Entleerten Geheimnissen“ von Tiemo Rainer Peters begegnet. Seither erfüllen mich seine nachdenk:baren Worte im Immer-wieder-Lesen.

„Wie macht man das also – glauben? Angemessener gefragt: Was macht der Glaube mit uns? Auf keinen Fall ist er ein Machen, sondern das Gegenteil: ein Hören, ein Horchen und Gehorchen. Insofern ist Glauben zwar ein sehr intensives Tun, wie Hinhören und Aufmerksamsein etwas sehr Aktives und zeitweilig sogar recht Anstrengendes ist. Aber Glauben heißt vor allem: tun, was man nicht selber kann – zum Beispiel den Feind lieben. […]

Was macht der Glaube mit uns?

Man kann den Glauben nicht ‚machen‘. Das würde einer Welt des Organisierens und Optimierens so passen. Das Glauben bewirkt etwas am Menschen. Es lässt ihn frei in der Welt und vor einem Gott leben, der nicht von oben, sondern auf gleicher Höhe, aus dem niedrigen Dornbusch und nicht aus der mächtigen Zeder, mit ihm spricht. So hat er die Chance, in größter Leichtigkeit, aber auch in einem nicht mehr zu verschärfenden Ernst zu leben, mitten in der Welt und ihrer Gottlosigkeit – vor Gott. Was wäre wichtiger!

Glauben lässt frei werden.

Er braucht nichts zu leisten, nicht einmal den Glauben. Vor allem muss er keine Angst haben, allein zu sein oder zu sterben. Er ist ja mit einem Gott verbunden, der sich verpflichtet hat, ‚da‘ zu sein, ‚da‘, bis ans Ende der Welt, und dem er begegnen wird, wenn auch er noch da ist – als Glaubender, das heißt als einer, der sucht und sich finden lässt. […] Wie Abraham soll [der Apostel] Thomas nicht weniger, sondern mehr ’sehen‘, als er sehen, fühlen, erleben und unmittelbar erfahren, kurz: selber leisten kann. Er wird ermahnt, nicht an der Oberfläche der Dinge hängen zu bleiben, ob es Ereignisse, Texte oder Beziehungen sind. Jesus fordert ihn auf, die sich darbietende Wirklichkeit mit den ‚Augen‘ des Glaubenden zu sehen und sie als eine unerschöpfliche Möglichkeit seiner Hoffnung und seiner Kühnheit zu begreifen.“1

Gott, der sich verpflichtet hat, ‚da‘ zu sein.

Folglich beginnt Glaube „nicht als forsches Bekenntnis, sondern als Frage. Nicht also damit, ‚Gott‘ oder ‚Geheimnis, Geheimnis‘ dem konsternierten Zeitgenossen entgegen zu schleudern und das Denken Denken sein zu lassen. Es wäre derselbe Fehler, der in den neuzeitlichen Wissenssystemen und -gesellschaften gemacht wird. […] Jeder, ob er gläubig ist oder nicht, ob er es weiß, verdrängt oder es wirklich nicht weiß, ist heute methodisch gottlos und muss es sein. ‚Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott‘2 – das heißt, der nicht von uns verlangt, unsere säkularen Denkvoraussetzungen zu korrigieren – ‚ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.‘ […]

Glaube beginnt als Frage.

Dieses ‚Vor-und-mit-Gott-ohne-Gott‘ ist eine Gleichzeitigkeit, kein Nacheinander. […] ‚Wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns.‘3  Glaube ist Mehrdimensionalität und er ist mehr. […] der Glaube darf und soll singen, feiern und die Welt in vollen Zügen genießen. Aber er kann es nur, wenn er auch für die Armen, Marginalisierten und Bedrohten schreit, die in Not sind. Der Jubel des Glaubens darf den Schrei nicht ersticken.“4

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Textauswahl und Bild: Birgit Hoyer, Mitglied der Redaktion

 

Entleerte Geheimnisse

 

  1. Tiemo Rainer Peters, ENTLEERTE GEHEIMNISSE. Die Kostbarkeit des christlichen Glaubens, Ostfildern 2017, 103f.
  2. Dietrich Bonhoeffer in einem seiner letzten Briefe an seine Freund Eberhard Bethge. Vgl. Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, in: Werke (DBW) 8, Gütersloh 1998, 533f.
  3. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, 453.
  4. Peters, ENTLEERTE GEHEIMNISSE, 99-103.
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